Salva nos ex ore leonis

Dies ist unsere Freiheit
die richtigen Namen nennend
furchtlos
mit der kleinen Stimme

einander rufend
mit der kleinen Stimme
das Verschlingende beim Namen nennen
mit nichts als unserem Atem

salva nos ex ore leonis
den Rachen offen halten
in dem zu wohnen
nicht unsere Wahl ist.

Hilde Domin

 

Unsere Freiheit – sie redet nicht um den heißen Brei herum! Nenn einen Mord Mord,
und sag Schurke zu einem Schurken. Und wenn einer den Tod und die Ermordung
seiner Mitmenschen hinnimmt mit abgewandten Augen und verschlossenem Herzen,
dann dürfen wir auch hier den richtigen Namen nennen. Aber pass auf mein Herz,
dass du nicht selber hart wirst beim Hindeuten aufs Herz des Anderen, halte dich an
die kleine Stimme, den Brustton der Überzeugung lege beiseite, rufe mich mit kleiner
Stimme, so dass ich dir antworten und dich rufen kann mit meiner kleinen Stimme.

Den Verlust des Mitgefühls rufen wir beim Namen, die Großmannssucht rufen wir beim
Namen, die deutsche Sehnsucht, der Welt Recht und Ordnung zu bringen. Aber wir rufen
mit unserer kleinen Stimme, die weiß, dass Recht und Gerechtigkeit nicht erzwungen werden
können.

Furchtlos rufen wir, mit kleiner Stimme, aber nicht kleinlaut, unsere Freiheit mit großen
Augen sehend. Ja, oh Wunder, ich kann die Wahrheit sagen, ich kann das richtige Wort
sagen, zu jemandem, der korrupt ist, sage ich, du bist nicht ehrlich. Aber immer mit der
leisen Stimme, die sich selbst bis ins Innerste geprüft hat. Und die leise Stimme ist froh,
und leicht bereit zu vergeben und offen für die Umkehr und Transformation des Schurken.

Salva nos – da fällt die Dichterin wie von selbst in die alte Sprache, ein „Aufsteigelied“,
das mit den Worten beginnt „mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen.“ Rette
uns, rette mich – aber nicht, damit ich dann ein sicheres und gemütliches Leben führe,
sondern um den Rachen offen zu halten, mit nichts als unserem Atem, mit unserer kleinen
Stimme.

Natürlich will kein Mensch an diesem Ort wohnen, im Maul des Löwen, doch diese Dichterin
ist furchtlos und zittert nicht um ihr Leben. Mit ihrer kleinen Stimme nennt sie den Löwen
verschlingendes Untier, und der, als fühlte er sich erkannt, kann es auf einmal nicht mehr sein.

Wollen wir uns ein Beispiel nehmen an dieser kleinen Stimme, wenn wir unsere eigene
Geschichte erzählen?

Louis Lau, 15. April 2016