Risiko

Es gibt zwei verschiedene Haltungen
Gegenüber dem Leben
Die eine: Streben nach Sicherheit.
Die andre: Sich über Schicksal und Zeit
Und alles das erheben.

Das Risiko muß man bejahn:
Man arbeitet ohne Seil.
Es macht nichts, wenn man sich außen verletzt:
Innen bleibt man heil.

Das ist die Haltung der Sucher und Finder:
Nicht auf Sicherheit, auf Sinn eingestellt,

Können sie auf fast alles verzichten,
Nur nicht auf ihren Entwurf von der Welt.

Eva Strittmatter

 

Schön an diesem Gedicht finde ich, dass die doch ziemlich scharfe Gegenüberstellung
von „Streben nach Sicherheit“ und „sich erheben über all das“ nicht zu einem Krieg führt.
Die Dichterin bleibt einfach bei ihrem Empfinden, geht Schritt für Schritt, und ge­langt am
Ende zu einem „Sinn“ dieser Haltung des Suchens und Findens: einen Entwurf der Welt zu
ent­wer­fen und diesen Entwurf der Welt zu schenken.

Sie sagt nichts Schlechtes über die andere Haltung, lediglich, dass sie selbst nicht auf diesen
Entwurf der Welt verzichten könne. „Auf fast alles“ kann sie ver­zichten… und das bleibt wieder
in der Schwebe, es wird nicht konkretisiert, es wird nicht in Beton gegossen, was das genau ist,
worauf sie verzichtet. Nun, es wer­den allerlei Vorstellungen davon sein, wie das Leben zu sein
habe, wie der Mann und wie die Kinder zu sein haben, wie der Arbeitsplatz, wie die Wohnung,
wie der Ver­dienst, wie und wo der Urlaub … und wie und wo der Ort, an dem all diese
Vor­stellungen am Ende begraben werden.

Sie wagt sich stattdessen aufs Trapez, „arbeitet ohne Seil“ und ohne Netz und doppelten
Boden. Ohne Lebens­ver­sicherung. Warum? Um „innen heil zu bleiben“. Und – so möchte
ich doch ergänzen – heil zu werden.

Auf die eigene Lebensgeschichte bezogen spricht das Gedicht Klartext. Jeder Mensch kann
es deutlich sehen, wann und wo er dem Streben nach Sicherheit folgte und wann und wo er
sich „traute“.

Ich wünsche es jedem, der sich vor der Wahl sieht, ob er „das Risiko“ eingehen soll, dass er
tief in sich selber schaut, wo der Mensch noch ganz und heil ist, und von dort ihm der Mut
kommt, es zu wagen.

Der Welt seinen eigenen Entwurf von der Welt zu zeigen. Was eignet sich besser dafür,
als das Erzählen und Schreiben der eigenen Lebensgeschichte…

Louis Lau, 10. Februar 2015