Lichtvariation

Niemals gelingt mir das Gleichgewicht
Zwischen Fühlen und Sagen.
Und es gelingt mir niemals, das Licht
In Worte zu übertragen.
Manchmal ist außer mir so ein Schein
Von Verheißung und Bläue:
Wie eine Seidenschleife am Sein,
Die uns von uns befreit.
Verliehn für Lebenstreue.
Und heute war an den trüben Tag
Eine Spur von Rot gewendet,
Die auf drei kleinen Wolken lag,
Wie etwas, das nicht endet.
Als es endete, sah man den Abendstern,
Und der Abendstern lichterte rötlich
In der Einsamkeit des Hunds ohne Herrn
Und dem Menschen um und um tödlich.

Eva Strittmatter

 

 

„Ein Schein von Verheißung und Bläue“ – das wäre auch ein schöner Titel für
dieses Gedicht gewesen. Und was wäre dann die Verheißung? Dass Fühlen und
Sagen in Einklang kommen, lieber in einen Einklang als in ein Gleichgewicht.
So dass ich sagen könnte, was mir „vorschwebt“, meine Ahnungen, worauf es
in meinem Leben noch hinaus will und eben immer schon hinaus wollte – ohne
dass ich es sagen konnte. Nur ein blasses Fühlen und Hoffen und Bangen war
schon da, aber die Worte noch versteckt oder sogar noch gar nicht erfunden.

Das Licht von dem in diesem Gedicht gesprochen wird, die verheißene Bläue
mit der Spur von Rot, endet im Abendstern, der ebenfalls rot aufscheint. Ein
Hund ohne Herr taucht da auf, man kann sich nichts Elenderes vorstellen. Der
ersehnte Einklang von Fühlen und Sagen – er endet also mit einem herrenlosen,
einsamen Hund? Mit dem trostlosen Tod?

Ein überraschendes Ende für ein so schwungvoll beginnendes Lied. Was geht da
unterwegs verloren? „Eine Seidenschleife am Sein / Die uns von uns befreit“ –
wir selbst gehen also verloren. Man verleiht uns eine Art „Anerkennung“,
keinen Orden pour le Merite, aber eine Schleife für „Lebenstreue“. Harrte da
jemand aus „in Disteln und Dornen“, ein Arbeiter des Worts, der seine Pflicht
tat, aber nicht mit Freude?

Das Gedicht hat einen Zug hinab ins Bodenlose. Und heißt doch „Lichtvariation“?
Ja, denn die Finsternis ist eine Variation des Lichts, wenn noch der „rote“ Abend-
stern lichtert. Wir gehen in den Tod, von uns befreit, aber die Finsternis und die
Weltraum­kälte umgibt uns nur. Eine Spur von Rot, Überrest der roten Sonne und
ihrer verzehrenden Glut. Wie kann es sein, dass Einklang aufkommt zwischen der
Kälte des Alls und der Hitze im Inneren der Sonne? Es kann nur sein, weil das
Wort zu beidem hingeht und kostet, wie beides ist, vor Kälte erstarrt und vor Hitze
flirrt und doch immer weiter klingt.

Das Wort, dem wir das Leben verdanken.

Louis Lau, 26. Februar 2015