Kontur

Die geheimen Tragödien, die wir durchleben,
Von denen kein anderer jemals erfährt,
Sie sind es, die uns Konturen geben:
Was nicht geschieht, wird niemals verjährt –

Hat einer uns die Treue gebrochen,
Mit dem wir durch nichts verbunden waren
Als durch drei Worte, die er uns gesprochen,
Und keiner wird es jemals erfahren,

Das kann uns zermalmen wie zwischen Steinen.
Es ist nichts geschehn. Es wird nichts geschehn.
Wir dürfen nicht schreien, wir dürfen nicht weinen.
Wir fangen nur an, anders auszusehn.

Eva Strittmatter

 

Die kleinen, bitteren Tragödien des Lebens. Da war jemand, in jedem Leben ein
anderer, der uns ein Leid angetan, „die Treue gebrochen“, uns eine Zuneigung
vorgespielt, uns wie ein Ding ohne Seele behandelt hat. So erfahren wir überhaupt
erst, dass mitten in uns eine Seele ist.

Aber die große und vielleicht gar nicht zu beantwortende Frage stellt sich nun: Finde
ich einen Menschen, mit dem ich davon sprechen, dem ich die Zumutungen gestehen,
und dem ich zutraue, dass mir sein Zuhören helfen kann, den Schmerz zu überwinden.
Oder vergrabe ich diese Zumutung des Lebens an einem tiefen Ort, in einem Zwischen-
­lager für „strahlende Ereignisse“?

Das Gedicht stellt sich dem Umstand, dass wir (manchmal) niemanden fin­den.
„Keiner wird es jemals erfahren“, „nicht schreien“, „nicht weinen“. So geht der
Mensch durchs Leben und trägt sich selbst als Toten durch die Welt. Als Gebrochenen,
als Zermalmten gar.

Doch ganz stimmt das nicht! Denn da haben wir doch dieses Gedicht vor uns, das in
stimmigen Reimen beschreibt, dass sol­che Tragödien geheim bleiben, und auch wenn
wir keine Details erfahren (Wer war der Kerl? Und was hat er getan?) so wissen wir doch
nun von der Not und der Kränkung und dem Schmerz eines Menschen namens Eva.
Indem sie davon reimte, dass es niemand erfahren könne, hat sie es also doch erzählt –
zwischen den Zeilen, die immer betonen, wie geheim und unaussprech­lich es sei,
hat sie es doch geschehen lassen.

Ganz und gar hat sie nicht geschwiegen von ihrem Leid. Aber indem sie erkannte, dass
das „getragene Leid“ das Antlitz des  Menschen adelt – und dazwischen auch einmal
entstellt, gelingt ihr eine gültige Mittei­lung. Wie viele Jahre hat das gebraucht? Zehn,
fünfzehn, zwanzig? Und wie sehen wir dann aus, wenn „wir anfangen anders auszusehen“?
Die Konturen werden schär­fer. Aber vielleicht auch milder. Wahr­scheinlich beides.

Also, tu’s der Dichterin nach. Erzähl dein Leben – und zwischen den Zeilen auch von
den geheimen Tragödien. tragoudi ist im heutigen Griechisch das Wort für Lied.
y tragoudi mou einai orea heißt einfach: „Mein Lied ist schön“.

Louis Lau, 13. Februar 2015