Im Regen

Der Tag ist blaß vom Regen.
Man geht und kommt nicht weit.
Ich trage deinetwegen
Viel Traurigkeit.

Ich gehe mit hängenden Händen
Den Rändern nach zum See.
Dort unten muß alles enden.

Leid und Allee.

Wie reiten tief die Vögel!
Sie lassen vom Winde sich drehn.
Der Regen zerschlägt die Segel.

Mich läßt er stehn.

Silja Walter

Wir stellen uns den grauen Tagen. Wir stellen uns vor sie hin. Wir stellen die grauen
Tage genau dorthin, drei Meter von uns weg, in Richtung Norden, und schauen sie uns
genau an. Warum sollte ein Gedicht uns nicht dabei helfen? Wir haben viele Namen
für diese „grauen Tage“. November zum Beispiel oder wenn einen die Liebste verlässt.
Das Leben schmeckt auf einmal nach Sterben, feucht, kalt und modrig. Und wie geht
es euch, ihr traurigen, grauen Tage?

Uns zieht es weg von hier, hinunter an den See. Ein See von Traurig­keit, dort können
wir unsere Traurigkeit hinein­gießen, Regen zu Regen, Wasser zu Wasser, hellgraublau
zu dunkelgraublau, das vermischt sich so schön. Alles wird enden, also auch das Grau
und der Nebel und die kalte Feuchte. Alles wird eingehen in ein Etwas, das wir Nichts
taufen. Nachts ist das Nichts am dunkelgraublausten.

Der Regen ist heftig, er zerschlägt meine letzte Hoffnung als eitle und das heißt nichtige
Hoffnung. Hawel hawelim ruft der Versammler, als vanitas vanitatum hat es die Kirche
überlie­fert, alles ist eitel,  über­setzt Luther. Kein Entkommen, die Segel meines
Hoff­nungsboots liegen zerfetzt am Grund. Ein Vogel müsste man sein, denen macht
der Regen nichts aus, sie werden vom Wind gedreht, wie der Regen auch. Nur gegen
etwas Festes peitscht der Regen, der Vogel lässt sich drehen und wenden wie es dem
Sturm gefällt.

Mich aber lässt er stehen! Die grauen Tage entpuppen sich zu guter Letzt als Sturm.
Was war los mit mir? Wollte ich wie Jona nach Tarschisch (Nehmen Sie Zürich zum
Beispiel… ) fliehen und erleide nun die Niedergeschlagenheit dessen, der vor seinem
eigenen Leben davonläuft? Deshalb also der Sturm!

Und wie komm ich da hindurch?

Lass dich ins Meer werfen, Meer der Zeit, dunkelgraublaues und unergründliches Meer!

Und wenn er nicht kommt, dieser Fisch, der schon den Jona aufnahm?

Wie sollte er nicht kommen – er wartet doch seit Anbeginn der Schöpfung auf dich,
um dir die Tiefe zu schenken. In der letzten Tiefe und unmittelbaren Todesangst
öffnet sich ein Weg durch den dunkel­grau­blauen unergründlichen Regen.

Louis Lau, 21. Februar 2015