ALLE VERANTWORTUNG LOSZUWERDEN
Und ohne allzu viele Beschwerden
Die Tage des Alters hinzubringen,
Umgeben von den gealterten Dingen,
Die jung unserer jüngeres Leben umgaben,
Nicht die Vergangenheit umzugraben
Und nichts zu hoffen, das wäre weise.
Einfach nur leben, verborgen und leise.
Mit der Gewißheit, es wird nichts geschehen,
Ich werde auf Erden nichts Neues mehr sehen.
Glaube und Hoffnung sind hingeschwunden,
Und ist die Liebe noch überwunden,
Werde ich ganz in mir genesen…

Sie aber ist das Größte gewesen.

Eva Strittmatter

 

 

Das ist kein einfaches Gedicht, meine ich. Es kommt „einfach“ und volksnah daher,
nennt aber schon im Titel einen Wunsch oder eine Sehnsucht, die man als unangemessen
empfinden kann: als nicht „korrekt“, politisch nicht korrekt. Denn wenn schon wir
Älte­ren uns dazu hinreißen lassen, in Gedichten – und über­haupt in Worten –  der
Verantwortung abzuschwö­ren, bricht dann nicht das Chaos aus? Können wir ohne
Verantwortung leben?

Was für eine Verantwortung meint die Dichterin? Sie spricht vom Alter, vom alten
Menschen, der „einfach nur leben“ möchte. Ohne den Firlefanz, ohne den Tanz ums
Goldene Kalb, ohne Coaching und Burnout, und ohne dass mir noch ein junger Kritiker
meiner Lebens­weise die Leviten liest. Lass die Toten ihre Toten begraben, „einfach nur
leben“ wäre mein Wunsch. „Ganz in mir genesen“ ist das Bild, gesund essen, ein bisschen
Wein, ab und zu ein gutes Gedicht … so ungefähr sähe die Genesung aus.

Doch da fehlt noch etwas. Man müsste erst noch die Liebe überwinden! Die Liebe, die
sich dieser biederen und grünen Version von Genesung nicht fügt. Weil die Liebe brennt
und weil sie sich nicht zufrieden gibt mit dem behaglichen und einfachen Leben. Ist das so?
Ja, es ist so ‑ denn sonst wäre sie nicht das Größte gewesen. Und warum steht das Größte
kursiv? Weil es nicht zu überwinden ist  – es ist das, was uns überwindet. Damit wir uns
endlich hingeben.

So kann die Quintessenz des Lebens in Worte gefasst werden. Der Wunsch nach einem
„schönen“ oder „einfachen“ und „altersgemäßen“ Leben wird als Wunsch gefühlt und als
be­rech­tigt empfunden. Aber die Liebe ist größer. Die Liebe hat auch keine Angst, etwas
zu zerstören, was doch nur eine Vorstellung ist: „dass ich nichts Neues mehr sehen werde“
zum Beispiel. Doch – du kannst in deinem Leben lesen wie in einem Buch, wenn du dich
hingibst und dein Leben erzählst.

Deine Reise durch die Welt der VERANTWORTUNG, wie du begonnen hast, und dir
nichts zu schwer war, wie es weiterging mit allerlei Reibungen und Wärmeverlusten,
Enttäuschungen und Abkühlungen. Bis hin zum Wunsch „einfach nur leben“ zu wollen…
und wie DIR dann klar wurde, dass du dann auf die Liebe verzichten müsstest.

Und was hast du dann getan?

Louis Lau, 10. Februar 2015