Wer ist Sisyphus?
Und wer schreibt seine Memoiren – nicht?

„Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock,
einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den
Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das
Über­ge­wicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber
stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern,
und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“

– Homer, Odyssee, 11. Gesang, 593–600. Übersetzung Wolfgang Schadewaldt

 

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Zu Sisyphus sprechen, das geht nur, wenn alles Wissen und Besserwissen aufhört und das Mitgefühl
anfängt zu sprechen. Ein Mensch in seinem „gewaltigen Schmerz“. Der Felsblock ist da, mehr nicht.
Von Strafe und Göttern, von Schuld und Sühne, von Übermut und List brauche ich nichts zu wissen.
Ich weiß es schon, aber seine Schmerzen sehend, will ich nichts davon hören. „Du armes Schwein“,
denk ich, „du reißt dir bald die Arme ab, wenn du so weiter machst.“ Doch eins kann ich erkennen:
Aufhören kann er nicht. Der Schmerz bringt ihn fast um, aber er bringt ihn nicht dazu einzuhalten.
Keine Ahnung warum. Aber muss ich es wirklich wissen? Ich sehe ja, dass er nicht inne hält. Wenn
ich mir vorstelle, an seiner Stelle zu sein, aber bitte, längst hätte ich aufgehört. Aufgehört mit dieser
Obsession. Aber er tut es nicht.

Das macht mich aufmerksam auf ihn. Jenseits der Schmerzen, an denen er offensichtlich nicht krepiert.
Es schmerzt ihn, aber ich höre ihn gar nicht klagen. Etwas anderes scheint Vorrang zu haben.

Aber ja, da ist er, der ungeheure Felsblock. Wie schwer kann er sein? Hundert Kilo, hundertzwanzig,
der Weltrekord im Gewichtheben liegt bei weit über zweihundert Kilogramm, und zwar im beidarmigen
Stoßen, die Hantelstange biegt sich durch wenn das Gewicht hoch über dem Kopf schwebt. Und dann zu
Boden fällt. Was macht so ein Gewichtheber anderes als Sisyphus. Und wie viel die essen müssen! Von
all dem anderen Zeug zu schweigen. Auch hier „gewaltige Schmerzen“.

Wenn er einigermaßen athletisch ist, aber noch nicht so wie ein russischer oder iranischer Gewichtheber,
dann wird Sisyphus wohl hundert Kilo wuchten können. Aber er muss ihn ja nicht nur hinauf wuchten,
den Block mit seinen Kanten und Ecken, sondern auch halten, wenn er Atem holt und verschnauft.
Und wichtig ist natürlich auch die Neigung des Hügels, ich würde sagen bei 30 Prozent ist das absolute
Limit erreicht, eher schon bei 25. Wie groß ist ein Felsblock der hundert Kilo wiegt? Hängt natürlich
vom Material und seinem spezifischen Gewicht ab, aber wenn wir mal Kalkstein nehmen, wie er hier
im Wetterstein und Karwendel herumliegt, dann ist klar, größer als allerhöchstens fünfzig Zentimeter
im Durch­messer kann so ein Felsblock nicht sein. Sonst könnte Sisyphus ihn gar nicht mehr bewegen,
einen Zentimeter vielleicht, aber nicht mehr. Der Stein reicht ihm bis ans Knie.

Die Bilder, die sich die Maler von Sisyphus und seinem Fels gemacht haben, wollen also auf etwas
anderes hinaus. Keinen Menschen, der einen wirklichen Stein bewegt, zeigen sie, sondern seinen
Kampf mit einem widrigen Schicksal. Als solches darf der Stein mannsgroß sein, oder sogar noch größer.

 

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Hier können wir nicht mehr ins Detail gehen: Wenn der Stein kein Stein ist, sondern für etwas
anderes steht, eine Krankheit zum Beispiel, eine Erfahrung von Gewalt, den Verlust eines geliebten
Menschen, etwas Schweres also, dann gibt es keine Übersicht über die Chancen sich zu lösen.
Deshalb bleiben wir beim Stein und seiner Konkretheit, wissend, dass er für etwas anderes steht.

Soll ich nun sagen, wofür er bei mir steht? Warum ich mich für den „listigsten der Menschen“ interessiere?

Gott bewahre! Der Stein ist doch konkret genug, auch wenn er für jeden eine andere Gestalt annimmt.

 

Sisyphus wälzt den Stein den Hügel hinauf, unter gewaltigen Schmerzen, aber doch mit dem Ziel,
ihn los zu werden. „Über die Kuppe“ will er ihn werfen, doch genau in dem Moment „dreht ihn das
Übergewicht zurück“. Wir bleiben bei Homer und seinem Bild, auch wenn andere sich andere
Vorstellungen machen. Wir verstehen diesen Satz – wie gesagt – als Absicht des Menschen
Sisyphus, sich von seinem widrigen Schicksal zu befreien, verstehen ihn als seine Hoffnung
und seinen Glauben: Wenn er über die Kuppe hinüber ist, dann bin ich ihn los. (Soll sich dann
mit ihm befassen, wer will, nicht ich.) Immer noch ist er dem Stein fremd, fasst er ihn als
„Aufgabe“ auf, die es zu bewältigen gilt. Er ist, auch im Mythos, ein gewalttätiger Mensch.
Die Hoffnung erweist sich als eitel und nichtig, der Glaube als leer. Wir verstehen nun schon
besser die „gewaltigen Schmerzen“, das Aufwogen der Hoffnungen, die Zusammen­brüche der
Ideen­gebäude, in immer neuen Kreisläufen. Kirke lässt grüßen. Sisyphos ist in ein Leistungsschwein
verwandelt.

Was ist das „Übergewicht“, das ihn zurückdreht? Eben dies, dass er den Stein als Äußeres auffasst,
als Äußeres begreift und anstößt, als etwas, was es loszu­werden gilt. Was also an ihm anhaftet.
Was er nicht los wird. Vielleicht gilt ein Gesetz: Je stärker er das Gewicht loswerden will, umso
schwerer wird es. Und Odysseus, der ihn sieht, im Hades seiner eigenen Vorstellungswelt, vergeht
fast vor Mitgefühl mit seinem Vater Sisyphus. Der Stein wird „schamlos“ in seinen Augen: ja hat
denn dieser Stein gar kein Mitgefühl mit dem geplagten Mann?

 

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Doch eben indem der Stein menschlich wird, schamlos, passiert in einer Kipp­bewegung auch das
Andere: Der Vater wird unmenschlich, hat sich ja als „sophos“ (einer der sich auskennt) betätigt,
der sich messen wollte und konnte mit den Unsterblichen, „überlegen“ war er ihnen sogar, der
Vater also wird unmenschlich nach oben hin, wird göttlich – und das heißt zum Stein. Zum Stein,
der sich bewegt. Zum lebendigen Widerspruch im Unterschied zur erstarrten Vorstellung.

Von neuem beginnt die vergebliche Anstrengung. Der Schweiß rinnt – im Schweiße deines Angesichts
sollst du dein Brot verdienen – und der Staub erhebt sich hoch hinaus – denn aus Staub bist du gemacht
und wirst wieder zu Staub werden. Homer widersteht der Versuchung, den Sisyphus zu erlösen, nein,
er lässt den Odysseus erleben, wie sein Vater in der Wiederholung verharrt. Er hat keine Wahl, so scheint
er uns demokratischen Menschen, zuzurufen, er ist in Ewigkeit dazu bestimmt, den Stein zu wälzen.

Wer wird mir den Stein wegwälzen?,
fragt Maria Magdalena am Morgen danach.

Das ist eine neue Geschichte. Ein Durchbruch.
Wie der Donaudurchbruch bei Weltenburg.
Und wie das Bild des Malers C(hristoph) P(eter) Seibt.

Ein Durchbruch. Ohne Worte.

 

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Auch auf den sich leidvoll plagenden, neunmalklugen Sisyphos konnte ich noch einen Blick werfen;
er wälzte, schwer ächzend, mit beiden Armen einen gewaltigen Fels­block. Mit aller Kraft, mit
Händen und Füßen stemmte er sich gegen den Stein, um ihn den Berg hinaufzuschieben.
Hatte er ihn oben und war kurz davor, die Last über den Gipfel zu stoßen, holte ihn das Gewicht
des Steins ein, und die Schwer­kraft ließ den gnadenlosen Brocken wieder hinunter in die Felder
rollen. Sofort begann Sisyphos erneut zu wälzen; sein Körper triefte nur so von Schweiß, und
seinen Kopf verbarg eine dichte Staubwolke.

– Übersetzung Christoph Martin, Frankfurt 1996

 

Ein anderes Lebensgefühl tritt dem Leser in dieser neuen, „erzählenden“ Übersetzung entgegen.
Zweifelhaft, ob dieser Odysseus noch wahrhaben möchte, dass er seinen Vater sieht, der, wenn
auch nur mit Gewalt, eben doch sein leiblicher Vater wurde (wahrscheinlich, vielleicht). Er ist
auch gleich neunmalklug, der Betrachter weiß also schon vorweg Bescheid, und er sieht ihn auch
nicht, sondern wirft einen Blick auf ihn. Oben holt ihn nicht das Übergewicht, sondern das Gewicht
des Steines ein, und nicht das „Über­ge­wicht“, sondern die „Schwerkraft“ veranlasst den gnadenlosen
(und nicht schamlosen) Stein, wieder hinunter zu rollen. Indem sich diese Übersetzung von einigen
metaphorischen und metaphysischen Begleitern löst, macht sie die Verstricktheit des Sisyphos
– nicht in ein von außen zustürzendes Schicksal sondern – in seinen eigenen Wahn umso deutlicher.
„Sofort begann Sisyphos erneut zu wälzen“, so als ob ihm ohne das dauernde Wälzen des Steines
der Tod auf den Fersen sei.

 

Und wenn er dann selber „zum Stein wird“?

Wenn er also das ganze Gewicht nun selbst ist?

Übergewicht und Schwerkraft in einem?

Die Wucht seines bisherigen „sinnlosen“ Wälzens sich verdichtet hat?

 

Haben wir von Sisyphos noch etwas zu erwarten?

Oder ist er nun zu Stein erstarrt?

Was vorher Erstarrung in der wahnhaften Aktivität,

ist nun Erstarrung im Wahn des Einsseins mit dem Stein?

Die kleine Nase, welchen Odem nimmt sie auf?

Der geöffnete Mund, wird er sprechen?

Und der riesige Kopf, in ihm ein riesiges Gehirn,

was brütet er aus?

 

Louis Lau, 12. September 2009