Sieben Verwandlungen beim Erzählen der Lebensgeschichte

„Probleme können nicht mit Hilfe jenes Bewusstseins gelöst werden, das für die
Entstehung der Probleme verantwortlich war.“ Albert Einstein

 

Die sieben Verwandlungen bauen auf einem Text auf, den Thor­wald Dethlefsen unter
dem Titel Kawana veröffentlicht hat. Sie sind offensichtlich mit dem Ennea­gramm und
seiner Tradition verwandt. Es geht in Wirklichkeit also nicht um Sünden (Gier usw.),
auch nicht um Todsünden, sondern um den Weg des Menschen – wie in allen „spiritu­ellen“
oder „mysti­schen“ Schriften und Praktiken. Seinen Lebensweg. Das Wort kawana weist auf
die chas­si­dische Tradition und bedeutet zielen, beabsichtigen. Die Absicht ist, über den
Schatten und die Verstellung in der Welt hinweg zu schauen. Die Thora ist die reine
Quelle des Lebens, für jeden Menschen, nicht nur für die, die sich als Juden bezeichnen.

Der Mensch „fällt“, aber das ist nicht sein endgültiges Schicksal. Er hat einen Weg
„vor sich“, der ihn wieder mit der Einheit verbindet.

Joseph Campbell hat diesen Weg „die Reise des Helden“ genannt. Mir ist erst in diesem
Sommer 2014 bewusst geworden, dass die „Heldenreise“ mit dem „Weg des Menschen“
zusammenfällt, wie er von Friedrich Weinreb in seinem Werk als Offenbarung der Thora
beschrieben wird: aus der Einheit herausfallend, in der Zweiheit und in der äußersten
Vielfalt bis hin zur Verzweiflung suchend, um das Tor zur erneuerten Einheit zu finden.

Weder bei Campbell noch bei Weinreb geht es um das sogenannte Erreichen eines Ziels,
nicht darum, etwas zu tun und zu erledigen, nicht darum, Regeln und Gesetze zu befolgen,
auch nicht darum, den Frosch an die Wand zu werfen oder treuherzig zu warten, bis die
Dornenhecke sich von selbst öffnet. [Obwohl all dies in jedem einzelnen Fall notwendig sein
kann.] Sondern es geht darum, wirklich lebendig zu sein, den Atem und den Fluss und das
Feuer des Lebens ein- und zuzulas­sen, von außen und von innen. Der Mythos (Campbell)
und die göttliche Offenbarung durch die Thora (Weinreb) sind dazu da, den Menschen
lebendig zu halten, nicht nur wie ein Hund oder ein Affe oder ein Adler lebendig sind,
sondern wie einer, der selber die Kraft des Schöpfers in sich spürt. Ob ein Werk entsteht
und was für eins, ist zweitrangig gegenüber dem Lebendig­sein selbst: Jesus von Nazareth
hat kein Werk im üblichen Sinn hinterlassen und doch ist er über die Zeiten hinweg ein
Bild der Lebendigkeit.

Die Idee von „Mein Leben“ ist es, diese Heldenreise durch eine wahrhaftige und zum
Kern vordringende Erzählung des eigenen Lebens zu vollziehen. Gleichgültig wie „heldenhaft“
das tatsächliche Leben war. Gleichgültig, denn wie immer das Leben war, es kann wahrhaft
heldenhaft werden, wenn es wirklich angeschaut wird, ohne die Augen und das Herz zu
verschließen. Dann geschehen auch die sieben Verwandlungen. Aus Gnade, umsonst also.
Und mit Freude.

Hier die Bilder der Heldenreise von Campbell und Weinreb, beide zuerst in den 40er Jahren
des 20. Jahrhunderts „gesehen“ und entdeckt.

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Eins – Wandle Gier in Lebensfreude
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Die Gier nach Neuem oder Altem wandle in Lebensfreude an Neuem und Altem

Die Gier nach mehr oder weniger wandle in Lebensfreude mit mehr und mit weniger

Die Gier nach Genuss oder Askese wandle in Lebensfreude am Genießen und Verzichten

Die Gier nach Energie und Rohstoffen wandle in ursprüngliche Energie und Schaffens­freude

Die Gier nach Leben und Über- und Weiterleben wandle in Freude am Übergang
und am absolut Neuen (gemeinhin Tod genannt)

Die Gier nach dem Nein sagen und Besserwissen und Rechthaben (die Gier nach dem
Tod und nach dem Töten) wandle in Freude am Spiel: einer muss ja den Neinsager,
Besserwisser und Rechthaber spielen.

 

 

 

Zwei – Wandle Angst in Rhythmus

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Die Angst vor dem Untergehen in den Rhythmus von Tag und Nacht und Tag

Die Angst vor dem Verlust der Kontrolle in den Rhythmus von Leben und Tod und Leben

Die Angst vor der Nacht und Umnachtung in den Rhythmus von hell und dunkel und hell

Die Angst vor dem Zusammenbruch in den Rhythmus von aufstehen und einbrechen
und wieder aufstehen

„Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sein könnten.“
Wandle sie in den Tanz des Universums.

 

 

 

Drei – Wandle Ent-Zweiungstrieb in Liebe

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Das Verlangen, alles „Unangenehme“ abzuspalten…

Das Verlangen, alles in gut und schlecht, gut und böse, nützlich und unbrauchbar,
wert und unwert zu unterteilen…

Das Verlangen, die Bindung zu den Wurzeln zu kappen…

Das Verlangen, die Gegensätze der Welt für unwandelbar zu erklären…

… wandle in Vertrauen in Vater und Mutter – denn da bist du ja.

Vier – Wandle Hybris in Demut

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Die Idee, Erde, Welt und Himmel beherrschen zu können…

Die Idee, zu werden wie Gott…

Die Vorstellung, Leben zu schaffen…

Den Wunsch, die Welt nach den Maßstäben des Menschen zu ordnen…

wandle in den Mut zu dienen: all denen, von denen du das Leben just in diesem Moment hast
und bekommst. Es gibt einen, der die Erde und die Himmel erschafft, der das Leben und den
Menschen erschafft und Maßstäbe setzt – finde seinen Namen.
Deinen Namen für diesen Einen, diese Einheit.

 

 

Wandle Irrwissenswahn in Weisheit

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Die Jagd nach dem Geheimnis wandle um in die „grundlegende“ Weisheit, dass ER das
Geheimnis ist, sod, 60-6-4, Geheimnis, jesod, 10-60-6-4, Grundlage.

Die Pfeile, die die Menschen zur Zeit Nimrods von Turm aus in den Himmel schießen,
und die blutgetränkt wieder herunter fallen, wandle in den Stab, mit dem du in den Sand zeichnest.

Karlfried von Dürckheim und Elisabeth Kübler-Ross, beide von mir verehrt, sind beide lange
und schwer gestorben. Die irre Ahnung, dass sie also doch nicht so „weit“ waren, wie ich dachte,
wandle um in die Weisheit, dass jedem seine Stunde schlägt.

Das irr- und wahnsinnige Wissen, dass die Sonne in drei Milliarden Jahren aufhören wird,
die Erde zu wärmen, wandle um in die Weisheit, dass sie am Morgen erscheint und am
Abend hinter dem Horizont verschwindet.

 

 

 

Sechs – Wandle Welt in Kirche

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Welt, von lateinisch vir, die vom Menschen erzeugte Welt, das Zeug, die Dinge (die platonische Höhle)

Kirche, von griechisch kyrios, also „Ort, an dem wir dem Herrn begegnen, und Ort, an dem der Herr
uns begegnet“. Wo ist dieser Ort?

Wie wandelt „man“ Welt in Kirche? Indem der Ursprung des Adam (vir) gesehen wird, d.h. indem
der Überlieferung vertraut wird – und nicht dem erzeugten weltlichen Wissen, in dem sich der
Ursprung des Menschen und der Dinge im Dunkel oder im Ungewissen und Vagen verliert.

 

 

Sieben – Wandle im Angesicht des Höchsten!

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Es ist nichts zu tun, – ja, nun tu doch endlich.

Nur Gott kann die Welt retten, – und was denkst du denn, er braucht dich doch dazu.

Sprich doch zu mir, du Gott, du Mensch.

 

Das versteht sich nicht von selbst.

Zu den sieben Verwandlungen könnte man sagen, alles schön und gut, aber dazu müsste ich
wahrscheinlich mich selbst und sehr viele Gewohnheiten ändern, und das ist doch sehr die Frage,
ob mir das gelingt. Selbst wenn ich es wollte.

Und manches daraus klingt einfach schräg: Zum Beispiel klingt die Aufforderung Welt in Kirche
zu verwan­deln so, als ob da noch ein wirklicher Unterschied bestünde. Als ob zum Beispiel die
katholische Kirche keine Verbindungen zur Maffia habe.

Aber das ist nur eine Nebensache im Verhältnis zu dem Versprechen, dass diese Verwandlungen
beim Erzählen der Lebensgeschichte in Gang kommen könnten. Die Angst zum Beispiel, als Todes-
oder Lebensangst, hat einen doch am Schlafittchen und lässt einen nicht so leicht los. Bloß weil da
jemand verspricht, die Angst könne sich in ein Gefühl der Lebendigkeit, des Tanzens und Singens,
verwandeln, in etwas also, was vom Rhythmus getragen wird, verschwindet sie ja noch nicht.
Auch nicht, wenn ich von meiner Angst und meinen Ängsten erzähle.

Beim Sprechen und beim Klagen und Ärgern wird mir doch eins klar: es geht zentral um die siebte
Verwandlung, die gar nicht explizit Verwandlung genannt wird. Ich muss sagen, dass ich nicht weiß,
was das heißen soll, im Angesicht des Höchsten zu wandeln. Es klingt schön, das schon, aber ich weiß
nicht, was es bedeuten soll. Und ich bezweifle, dass es jemand anderer weiß.

Insofern sprechen mich die beiden Zeichnungen vom Anfang an, in denen „der Lebensweg“ des
Menschen als „Kreis“ dargestellt ist, der an einer Stelle „offen“ ist. Mir scheint, dass hier ein Sprung
nötig ist, denn ich aber nicht tun kann. Ein Sprung ins Ungewisse. Jetzt.

Wie ein Dichter es ausdrückte: Ein Sprung im Schweigen.