Seine Lebensgeschichte aufzuschreiben …

ist für den, der es tut, ein Vorgang (oder auch: Angang)
ähnlich wie für ein Volk
das Aufschreiben seiner mündlich überlieferten Mythen, Sagen und Märchen.

 

Es ist der Weg von der Erzählung zur Schrift.
Von der mündlichen zur schriftlichen Überlieferung.

(Und doch gibt es auch so etwas wie die Unantastbarkeit DER SCHRIFT,
eine Ursprünglichkeit der Zeichen. Unergründliches Geheimnis.)

 

Sobald das Buch erschienen ist,
beginnt der Weg des Lesens. Des Vorlesens zunächst.

Dann des Verstehens und Deutens.
Der hermetische Weg der Interpretation.
Verwandte und Familie lesen anders als Freunde und Gegner.

 

Es entsteht die Beziehung zwischen dem einen
und den vielen Büchern.

Zwischen der ursprünglichen Erzählung
und den vielen Geschichten.

Diese Beziehung ist DIE Geschichte.

 

Einige Völker haben sehr lange gezögert,
bis sie sich hingaben
und aus der eigenen Mitte einen Sänger erwachsen ließen,
der die alten Erzählungen aufschrieb.

 

Vielleicht jedes Volk.
Denkt nur an die Märchen der Brüder Grimm.
Kaum zweihundert Jahre ist es her,
dass diese Märchen aufgeschrieben wurden.

 

O Homer,
du Vater der Dichter,
schriebst uns schon vor fast dreitausend Jahren
die Lebensgeschichte eines Mannes,
den die Götter hassten. So war sein Name.

Odysseus, der von den Göttern Gehasste.

Eine Geschichte, die viele hundert Jahre vor dir erzählt wurde
und dennoch (vielleicht) verloren gegangen wäre,
hättest du sie nicht vor dem Vergessen gerettet.

Ewiger Ruhm Dir, Unsterblicher.

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Odysseus und Penelope

 

Dies alles – erschiene es ihm zunächst auch fremd und bedrängend –
müsste im Innersten der Mensch verstehen,
der mit dem Gedanken spielt, sein Leben aufzuschreiben.
Damit es ein Buch wird, das eine gute Wirkung hat.
Damit es ein Buch wird, das man aus der Hand gibt, um zu wirken.