Die Geschichte vom Wald und dem Ort und dem Feuer
und den Worten an Gott

(Die Geschichte vom Baal Schem und vom Maggid Dow Baer und
vom Rabbi Moshe Loew und vom Rabbi Israel von Ruzhin)

Mir kommt dabei eine chassidische Geschichte in den Sinn. Sie wird dem Rabbi von Ruzhin
zugeschrieben, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte. Israel von Ruzhin,
Stammvater der Czortkower Chassidim, erzählt darin von dem bestürzenden Rückgang
der Ein­sicht, die zu seiner Zeit offenbar wurde. Aufklärung, industrielle Revolution und
französische Revolution hatten stattgefunden. Es hatte sich fürwahr einiges verändert.

Die Geschichte erzählt: „Als der Baal Schem (der erste in der Reihe der chassidischen Rabbis,
er lebte zwischen 1700 und 1760) eine heilige Handlung zu verrichten hatte, ging er in einen
Wald. In diesem Wald suchte er eine bestimmte Stelle auf. An diesem Ort entzündete er ein
Feuer. Als dieses Feuer leuchtete, vermochte er an Gott Worte zu richten, die Gott vernahm.
Und Gott antwortete ihm. Nun begab es sich, daß der Maggid Dow Baer, Großvater des Ruzhiner
und Schüler des Baal Schem, eine heilige Handlung zu verrichten hatte. Auch er ging in jenen
Wald und begab sich an die bestimmte Stelle. Allein, er wußte nicht mehr, wie man das Feuer
entzündete. Da sprach er zu Gott die Worte ohne das Feuer — und Gott antwortete ihm.

Auch der Große, der Rabbi Moshe Loew von Sassow, aus dem fol­genden Geschlecht, ging in
jenen Wald, um eine heilige Handlung zu verrichten. Zwar kannte er noch die bestimmte Stelle,
doch wußte er nicht mehr, wie das Feuer zu entzünden wäre und wußte auch die Worte nicht mehr,
mit denen er zu Gott sprechen sollte. Und so sprach er zu Gott an der Stelle, in jenem Wald, ohne
das Feuer, ohne die Worte — und Gott antwortete ihm.

Als dann in dem darauf folgenden Geschlecht der Rabbi Israel von Ruzhin, der Große, eine heilige
Handlung verrichten mußte, da sprach er: „Wir sind ein armes Geschlecht! Was wissen wir noch?
Wir wissen nicht mehr, welches die Stelle im Wald ist, weniger noch, wir kennen die Worte, die
wir zu Gott sprechen sollen, nicht mehr, und wie das Feuer zu entzünden wäre, wissen wir schon
lange nicht mehr. Nur daß dieje­nigen vor uns es wußten und vollbrachten, wissen wir. So erzählen
wir die Geschichte. Gott helfe uns”. Und Gott antwortete ihm.

Und was wissen wir? Wissen wir denn, was mit dem „Wald” gemeint ist, mit jener bestimmten
Stelle im Wald, mit dem Feuer, das entzündet werden soll? Was wissen wir von den Worten, die
an dieser Stelle, an diesem Feuer gesagt werden konnten? Was ist nicht alles geschehen seit der
Zeit des Rabbi Israel von Ruzhin! Zwei Weltkriege, die russische Revolution, die Vertilgung der
Stätten des Chassidismus. Liegen nicht schon Welten zwischen dem Ruzhiner und dem Baal Schem,
der den Ort noch kannte, der das Feuer zu entzünden wußte und die Worte zu sprechen vermochte?
Und liegen nicht Welten zwischen dem Baal Schem und jenen Großen, die den Traktat Erubin
niederschrieben? Und sie erachteten ihre eigene Einsicht gering und verglichen sie mit einem
Nadelöhr, gemessen an der Einsicht der Alten, die wie eine große Pforte, wie ein hohes Hallentor war!

(Friedrich Weinreb, Leben im Diesseits und Jenseits, S. 12/13, Zürich 1974)

Und was wissen wir…