Neun spontane Antworten auf das Angebot,
die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben

 

  1. Ich habe mein (bisheriges) Leben gelebt, und was ich erlebt habe, ist
    vorbei und nicht mehr zu ändern.

    Es war wie es war, und es kann eigentlich nur zu Verunsicherung führen, sich
    daran noch tiefer zu erinnern und es aufzuschreiben; auf solche Abenteuer lasse
    ich mich gar nicht erst ein. Ich nicht!

 

  1. Ich glaube nicht, dass das, was ich erlebt habe, für ein solches Buch
    ausreicht.

    Mein Leben war irgendwie normal. Und ich möchte auch weiterhin als ordent-
    licher Bürger gelten, der seine Pflicht erfüllt. Was mir zum Nachteil gereichen
    könnte, werde ich auch weiterhin vor den anderen verbergen; in diesem Verhalten
    bin ich so geübt, dass ich die Wahrheit im Grunde genommen sogar vor mir
    selbst geheim halte.

 

  1. Ich meine schon, dass ich – teilweise wenigstens – ein interessantes
    Leben geführt habe. Die eine
    oder andere Erfahrung ist bestimmt
    Wert, mitgeteilt zu werden.

    Ich habe mich bemüht, ein anstän­diger Mensch zu bleiben, was in diesen
    turbulenten Zeiten nicht ganz einfach war. Mit Intelligenz und Ausdauer
    habe ich meine Ziele erreicht, und bin auch heute noch daran interessiert,
    mich ständig weiterzuentwickeln. Manchmal begeg­nen mir jedoch Menschen,
    die sagen, sie fänden mich „ungreifbar“ und „unverbind­lich“. Auch die
    Bezeichnung „oberflächlich“ fällt gelegentlich. Aber ich verstehe nicht recht,
    was sie damit meinen.

 

  1. Ich hatte tiefgreifende Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge, durch-
    lebte Höhen und Tiefen.
    Dabei habe ich gelernt, einer inneren Stimme
    zu folgen, von der ich nicht weiß woher sie stammt.

    Ob sich dies alles allerdings mitteilen und in der richtigen Weise aufs Papier bringen
    lässt, weiß ich nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob ich diese eigenen Erfahrungen wirk-
    lich anderen Menschen mitteilen will, die sich vielleicht nur darüber lustig machen.

 

  1. Ich bin mein Schatten.
    Bin in der dunklen Nacht. Kein Licht, nirgends. Meine Schwachheit überwältigt mich,
    meine Blindheit macht mich wahnsinnig, mein Herz aus Stein verzweifelt. Ich erlebe,
    wie ich mich deshalb selbst verachte, mir selbst grob und gemein begegne. Das alles
    will ich ganz sicher nicht aufgeschrieben haben… Oder täusche ich mich? Könnte das
    vielleicht sogar ein Weg sein, um wieder heraus zu finden? Ein Ausweg? Eine Begleitung?
    Das Bauen einer Tür ins neue Leben? Oder sogar – überhaupt ins Leben?

 

  1. Ich bin leer und machtlos.
    Ja, es mag schon sein, dass dieser Zustand auch von anderen erfahren wurde und sogar
    einen Namen bekam: „Gottes Wartezimmer“. Es fühlt sich manchmal einsam und schmerz-
    lich an, doch dann auf einmal wie ein Blitz aus heiterem Himmel klar und stark. Hoch-
    gebirgsluft. Was werde ich nun unternehmen? Kann ich noch daran glauben, mich durch
    besseres Benehmen, bewährte Techniken, Moral, positives Rollenverhalten oder religiöse
    Betätigung zu retten? Oder warte ich auf die Initiation? Und die Angst… öffnet sich nun…
    Wie im Märchen vom treuen Hein­rich, dem die Ringe um die Brust gespannt waren und
    dann aufbrachen. Und: Lässt sich das sagen und aufschreiben, ohne meine Nächsten und
    meine Lieben zu schockie­ren? Oh je, da bin ich schon wieder beim Versuch, mich gut zu
    benehmen…

 

  1. Ich bin viel mehr, als ich so lange Zeit dachte.
    Noch gestern dachte ich, wie großartig und wie nichtsnutzig ich bin. Vielleicht denke ich
    es morgen schon wieder. Weder fromm noch frei. Mutig und tapfer. Ja, ja, ich bin das alles,
    wie auch nicht, wenn ich schon die Worte im Munde führe. Aber ich bin auch Abraham,
    der seinen Sohn zum Berg Moira führt, ich bin Isaak, der es staunend erlebt, ich bin das
    Messer, das ihm aus der Hand geschlagen wird und der Widder, an Isaaks Stelle geopfert.
    Wie im Kino. Doch dann reißt plötzlich der Film. Eine Stimme sagt: Hör auf zu phantasie-
    ren, das bringt nichts. Und doch würde ich gerne davon erzählen, von all den Welten, die
    auch noch in mir leben… Ob sich dafür jemand interessiert? Egal – mir gefällt es.

 

  1. „Ich und der Vater sind eins“. (Johannes 10,30).
    Jetzt leben sie auf, all die Gestalten und Masken und Träume. Abraham, ein bärtiger
    Mann vor dreitausend Jahren? Ja, aber was für einer, einer, der durchs Feuer ging,
    der die Holzgötter seines Vaters demolierte, der auf die Stimme hörte, ohne den
    Sprecher zu sehen. Seine „innere“ Stimme. Der auf­brach in ein neues Land und mir
    zur Seite steht, wenn ich es tue. Unsichtbar. Der mir vertraut, und das kommt bei mir
    an als Selbstvertrauen. Der mich liebevoll anschaut, und das kommt bei mir an als:
    „du bist in Ordnung“. Der auf mich hofft, und das kommt bei mir an als genau die
    Herausforderung, der ich gewachsen sein werde. Jetzt muss ich nichts mehr schützen,
    anpreisen oder beweisen ‑ niemandem mehr! Ja, davon will ich gerne erzählen.

 

  1. Ich bin, der ich bin ‑ „einfach ich“.
    Mit all meinen Macken und Schlacken, mit den Träumen und Empfindlichkeiten.
    Mensch sein genügt. Es ist keine Schaufenster­gestal­tung mehr nötig. Nichts mehr
    zu verkaufen! Es gibt keinen Grund mehr, als ein anderer zu erscheinen. (Bis zur
    nächsten Herausforderung…) Ich habe aufgehört, mir ein Bild von mir zu machen
    und bin nun frei für ein Leben im Bild, das Gott von mir hat. Das schließt liebevoll
    das „Gute“ und das „Schlechte“ ein. Heiterkeit umringt mich wie sich Wolken und
    Licht umringen. Ein Spiel? Ja! Was für ein Schau­spiel! Noch dazu gratis. Wollt Ihr
    davon hören? (Und wenn nicht, ist es auch gut und eure Sache.)

 

Louis Lau, Juni 2012
(angeregt durch Richard Rohr und seine „Übung: Pure Präsenz üben“ aus dem gleich-
namigen Buch „Pure Präsenz – Sehen lernen wie die Mystiker“, München 2010)