Die Erinnerung an die Ereignisse des Lebens

Sich erinnern und die entscheidenden Ereignisse des Lebens – wie immer sie
waren und sind – noch einmal zu sich herholen, führt zur Quelle, von der aus
alles neu und verwandelt und ge­löst erlebt werden kann. Das ist der Sinn des
Wortes Aufer­ste­hung – wenn man es aus dem theolo­gischen Gefängnis befreit
(worauf es schon lange wartet): nicht irgendwann, sondern in diesem Leben ist
das ganze Leben noch einmal neu zu erleben. Es kann erlebt werden, man
braucht an nichts zu glauben, was un­heimlich und fremd ist. So wie ich von
Gott gewollt bin, ganz und heil also, er­lebe ich es. Oder, wenn ich das Wort
Gott nicht mehr kenne: So wie ich es mir selbst in meinen kühnsten Träu­men
vorstelle, so erlebe ich es: einfach so wie ich bin. Ohne mich verstellen zu müssen,
endlich. – Das ist die schönste Über­raschung und nicht weniger als ein Wunder,
dass ich es noch erleben kann. Ohne den Umweg über irgend­eine Religion oder
Wissen­schaft, ganz aus meinem Inneren heraus. Indem ich mir selber zuhöre.

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Die Erinnerung – wo beginnt sie? Bei den Tatsachen! Die sind aber oft umstritten!
Bewegende Tatsachen, die entscheidenden Ereignisse, sind eigentlich immer um-
stritten. Wie ja auch die sogenannten historischen Fakten zwischen verschiedenen
Völ­kern umstritten sind und die Familiengeschichten zwischen Geschwistern um-
kämpft, und oft nur der eine dem anderen seine Sicht aufdrängt, während er steif
und fest behauptet, nur die Tatsachen wieder zu geben. Es gibt keinen Punkt außer-
­halb, von dem aus ein lebendiges Geschehen (und schließ­lich ist alles Gesche­hen
lebendig) erkannt und be­schrieben wer­den könnte. Die sogenannten Tatsachen
sind nur die herr­schende Beschrei­bung. Gut, es gibt Zeu­gen: Zeitzeugen, Zeugen
eines Gesche­hens, Zeugen der Verän­derung, aber auch ein Zeuge steht „an seinem
Ort“, und hat „seine beson­dere Perspektive“ – keinen Überblick. Selbst wenn er
auf dem Feldherrnhügel stünde und den Überblick in gewisser Weise bewahrte,
fehlte ihm dann doch die Erfahrung „inmitten des Getümmels“, wo sich an einem
vielleicht unscheinbaren Ort die Schlacht entscheidet.

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Der Versuch unserer Tage, immerzu den Überblick bewahren zu wollen, hat
mit unserer Lebensangst zu tun. Wir wollen uns lie­ber draußen halten –
vielleicht auch deshalb, weil wir alle (als Kriegs- und Nachkriegskinder,
als Wirtschafts(wunder)kinder, als Gewinner und Opfer der Globalisierung…)
schon zu früh und zu stark gewaltsam in etwas Unverständliches und Dunkles
hinein gezogen wurden.

Das sind dann die sogenannten verdrängten Ereignisse. Mit denen die Seele
nicht umgehen konnte. Und natürlich immer noch nicht kann. An die das
Gedächtnis, das sich auf die Fakten stürzt, gar nicht herankommt. Die aber
entscheidend sind dafür, zum Leben zu kommen. Entschei­dend dafür, dass
der Knoten aufgeht. Die Verstrickung sich löst. Die Anhaftung Abstand erhält.
Dass zwischen die Seele und das Ereignis ein Abstands­halter hinein kommt.

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Dazu  braucht es die Erinnerung. Im Wesentlichen ist es immer die Erinnerung
daran, wer und wozu ich auf der Welt bin. Wie bin ich gemeint? Das ist die Quelle,
von der am Anfang gespro­chen wird.