Animationen der Erinnerung

Animationen der Erinnerung

Animationen der Erinnerung

Animationen der Erinnerung

Animationen der Erinnerung

 

I

Zum Beispiel? Nun zum Beispiel, was es heißt, ein Mann zu sein. In einer Stadt.
In einem Jahrhundert. Im Über­gang. In einer Masse. Von der Wissenschaft
umgemodelt. Unter organisierter Macht. Gewaltigen Kontrollen unter­worfen.
In einem durch die Mechanisierung verursachten Zustand. Nach der jüngsten
Enttäuschung radikaler Hoff­nungen. In einer Gesellschaft, die keine Gemein-
schaft war und die Persönlich­keit entwertete. Auf Grund der multipli­zierten
Kraft von Zahlen, die das Ich zur Unerheblichkeit verurteilte. Die Rüstungs-
milliarden gegen auswärtige Feinde ausgab, aber für die Ordnung im Lande
nicht bezahlen wollte. Was der Brutalität und Barbarei in den eigenen großen
Städten Tür und Tor öffnete. Zur gleichen Zeit der Druck von Millionen Men-
schen, die entdeckt haben, was gemeinsame Anstren­gungen und Gedanken
erreichen können. Wie Megatonnen von Wasser auf dem Grund des Ozeans
die Organismen gestalten. Wie die Gezeiten Steine glätten. Wie die Winde
Klippen höhlen. Die schöne Supermaschinerie öffnet ein neues Leben für
unzählige Menschen. Möchtest du ihnen das Recht zum Leben absprechen?
Möchtest du sie auffordern, zu arbeiten und zu hungern, während du köst-
liche altmodische Werte genießt? Du ‑ du selbst bist ein Kind dieser Masse
und ein Bruder aller anderen. Oder aber ein Undankbarer, ein Dilettant,
ein Idiot. Da, Herzog, dachte Herzog, weil du nach dem Beispiel fragst, da
siehst du, wie die Dinge laufen.

Saul Bellow: Herzog
Motto von Ian McEwans Saturday

II

Erinnerung ist Leben … Sie bleibt in permanenter Entwicklung, offen gegenüber
der Dialektik des Erinnerns und Vergessens, … anfällig gegen Manipulation und
Anpassung und empfindlich dagegen, lange zu ruhen und periodisch wieder ge-
weckt zu werden … Geschichte [das heißt die Geschichtswissenschaft] ist Erinne-
rung gegenüber ewig mißtrauisch und ihre wahre Mission ist es, sie zu unter-
drücken und zu vernichten.

Pierre Nora

III

Aus: Dan Bar-On, Konrad Brendler, A. Paul Hare, Da ist etwas kaputtgegangen
an den Wurzeln, Frankfurt 1997

Konrad Brendler, Vorwort

Das Aufsehen, das Daniel Goldhagens Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“
im Sommer 1996 erregte, und die aggressive Polemik, mit der man den Autor
und sein Werk in Deutschland attackierte, brachten wieder einmal zutage, wie
emotional belastet die Thematik hier noch ist. Sie lassen aber auch die Distan-
zierungsstrategien und Aufklärungstabus erkennen, durch die ein zentraler
Aspekt der Erinnerung scheinbar unter rationaler Kontrolle, letztlich aber so
auch weiter im Zustand beunruhigender Schatten gehalten wird.

Abweichend von den in Deutschland dominierenden struktur­wissenschaft-
lichen Erklärungsansätzen der Geschichte, in deren Perspektive die Täter
als handelnde Individuen verschwinden, hat Goldhagen die Massenbeteili-
gung und persönliche Verantwortung der Helfer im Mordsystem thematisiert.
Damit rückte er die Tabuzone der Forschung in den Vordergrund des Inter-
esses und hat das defen­sive Arrangement mit der historischen Schuld im
Lande der Täter gestört. Was profilierte Historiker als „provo­zierend“ em-
pfinden und als „Rückfall hinter den Forschungs­stand“ deklassieren
(H. Mommsen in: Die Zeit Nr. 36, vom 30.8.96. S. 14 f.), weil es durch
den Aufweis der Motive und Entscheidungsspielräume der Vollstrecker
die Schlüssigkeit kausallogischer Verkettungen „handlungsleitender Fak-
toren“ in ihren Erklärungen des „Zustandekommens des Vernichtungs­-
prozesses“ unterläuft (ebd.), stellt in der Sicht der Autoren dieses Bandes
einen vielversprechenden Paradigmenwechsel der Forschung dar, da
die Thematisierung der Helfer als Subjekte ihrer Taten endlich Antwor-
ten auf existentiell beunruhigende Fragen der Nachgeborenen verspricht.

[Und erst wenn wir die Helfer (und Opfer) als Subjekte wahr-
nehmen, können wir all jene Dinge tun, die heute notwendig sind:
mitfühlen, verzeihen, uns versöhnen.]

Die Beiträge dieses Bandes decken auf, mit welchem Gefühlsballast das
Wissen heutiger Jugendlicher über die Verbrechen der Nazi‑Zeit befrachtet
ist. Die Rekonstruktionen ihrer Sozialisationserfahrungen in Familie und
Schule lassen aber auch erkennen, daß der Fokus ihrer Abwehr der Geschichte
die unzureichende Abgrenzung von der Schuld der Täter­generation ist. Die
meisten Jugendlichen konnten die Ereigniskette bis zur industriellen Men-
schenvernichtung durch­aus rekonstruieren, blieben aber in diffusen
Ahnungen über konkrete Schuldverstrickungen ihrer Vorfahren
befangen.
Sie leiden noch unter der Erblast irrationaler Schuldgefühle
und haben das Stigma ihrer kollektiven Identität nicht akzeptiert.

Die Zeitzeugen haben sich dem Rechenschaftsdialog mit ihren Nach-
­kommen meist entzogen. Da sich der Geschichtsunterricht an der Sicht-
weise der Historiker orientierte, wurde die bedrängende Frage der
Heranwachsenden, wie Menschen so etwas tun oder zulassen konnten,
mit Erklärungen im passivischen Verdinglichungsjargon wie der folgen-
den abgespeist: „Nachdem sich die verschiedenen Reservatslösungen
infolge des unerwarteten Kriegsverlaufs zer­schlagen hatten“, gaben
„selbsterzeugte materielle und psycho‑lo­gische Zwangslagen … den
Ausschlag dafür“, daß „eine Interaktion zwischen lokalen und zentra-
len Akteuren dazu führte, daß sich schließlich ein Konsens aller Betei-
ligten darüber herausbildete, die … Juden zu liquidieren.“ Zudem „trieb“
die „Struktur des Regimes … einen kumulativen Radikalisierungs­prozeß
in eine Richtung voran, an deren Ende zwangsläufig die Liquidierung der
Juden stand“ (ebd.; Hervorh. von mir, K. B).

Für die existentiellen Fragen junger Menschen [aber auch all derer,
die kurz nach dem Krieg geboren wurden]
sind solche deterministi-
­schen Erklärungen, in denen die verbrecherischen Tatsachen nur als Resultat
situationsbedingter Faktoren erscheinen und die Täter willenlose Objekte
struktureller Zwänge sind, günstigstenfalls irrelevant. Wenn sie trotzdem
weiterfragen, meldet sich darin der Wille Heranwachsender an, sich in den
Bedingungs­kontexten ihrer Existenz als moralische Subjekte zu behaupten.
Beunruhigt über das menschenmögliche ‚Böse‘, dem sie sich selbst auch als
potentielle Täter ausgeliefert fühlen, wollen sie verstehen, wie und warum
Menschen gegenüber den moralischen Herausfor­de­run­gen versag-
ten, um gegen eigenes Versagen in vergleichbaren Situationen
gewappnet zu sein
.

(Hervorhebungen und Kommentare L.L.)

IV

Wo ist das Kind, das ich gewesen,
ist es noch in mir oder fort?

Weiß es, daß ich es niemals mochte
und es mich auch nicht leiden konnte?

Warum sind wir so lange Zeit gewachsen,
um uns dann zu trennen?

Warum starben wir denn nicht beide,
damals, als meine Kindheit starb?

Und wenn die Seele mir verging,
warum bleibt mein Skelett mir treu?

Wann liest der Falter,
was auf seinen Flügeln im Flug geschrieben steht?

Pablo Neruda Buch der Fragen
Das Gedicht steht am Beginn von Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster

seinsverlassenheit

V

Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt.

Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit?

Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht ‑ und vergeht ‑
ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher
mikroskopischen Zeit‑Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht
ertappen kann. Es entwischt dem beobachtenden Auge, auch der fleißig notieren-
den Hand und hat sich am Ende ‑ auch am Ende eines Lebensabschnitts ‑ hinter
unserem Rücken nach unserem geheimen Bedürfnis zusammengefügt: gehalt-
voller, bedeutender, spannungsreicher, sinnvoller, geschichtenträchtiger. Es
gibt zu erkennen, daß es mehr ist als die Summe der Augenblicke. Mehr auch
als die Summe aller Tage. Irgendwann, unbemerkt von uns, verwandeln diese
Alltage sich in gelebte Zeit. In Schicksal, im besten oder schlimmsten Fall.
Jedenfalls in einen Lebenslauf.

Christa Wolf, Ein Jahr und ein Tag, Vorwort


VI

Eine Art Mit‑Schrift wäre mein Schreibideal: Ein Griffel folgte möglichst
genau der Lebensspur, die Hand, die ihn führte, wäre meine Hand und
auch nicht meine Hand, viele und vieles schriebe mit, das Subjektivste
und das Objektivste verschränkten sich unauflösbar, »wie im Leben«,
die Person würde sich unverstellt zeigen, ohne sich zu entblößen, der
Blick betroffen, jedoch nicht vom. Bodensatz ungeklärter Ressentiments
getrübt, nicht kalt, anteilnehmend, so unsen­timental wie möglich, verdiente
sich so vorurteilsfreie Auf­merksamkeit.

Wovon rede ich da? Heute, hier? Wo es unmöglich ist, mit ruhiger Hand
zu schreiben, Lust auf Skandale in der Öffent­lichkeit die kritische Teil-
nahme zu verdrängen droht?

Christa Wolf, Auf dem Weg nach Tabou, Köln 1994, S.9

VII

Alona Kimhi, Die weinende Susannah, S. 409/410

[Das Gefühl kurz vor der Versöhnung, noch im Schmerz des Abschieds,
in der Wehmut um die verlorene Kindheit.]

Wie fängt man an, die Ruinen marmorner Tempel wieder instand zu setzen,
nachdem die Streitkräfte der Eroberer durch die Stadt gezogen sind und alles,
was ihnen in den Weg kam, zerstört und niedergebrannt haben, die ganze
Pracht, die aufzubauen es jahrelanger harter Arbeit bedurft hatte?

Wer bestattet die Toten, pflegt die Verwundeten?

Wer lehrt die Kin­­der in zartem Alter die vergessene Mutter­spra­che?

Die Bräuche ihrer Väter?

Wer gibt ihnen den Glauben an das Heile, das Gu­te, das ewig Währende zurück?

Wer kittet den bleibenden Riss infolge des Scheiterns, des Verrats, der versehrten Ganzheit?

Und wozu?

 

VIII

Roter Faden

Der Duden „Zitate und Aussprüche“ sagt zur Redewendung „der rote Faden“:

»Die Redewendung im Sinne von „leitender, verbindender Grund­ge­dan­ke; Grundmotiv“
geht auf Goethes Roman „Die Wahlverwandt­schaften“ … zurück, wo die alles verbindende
Hauptidee im Tagebuch Ottiliens mit dem durchlaufenden roten Faden im Tauwerk der
eng­lischen Marine verglichen wird: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte … sind
dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht
herauswinden kann, ohne alles aufzulösen … Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch
ein Faden der Neigung und Anhänglich­keit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet …
Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein.“«

IX

Lebensfaden, Schicksalsfaden, seidener Faden

[nicht unbedingt rot, eher farblos]

Moira ist zunächst einmal das Schicksal jedes einzelnen Menschen.
Moiren oder Moirai sind die griech. Schicksalsgöttinnen (nach Hesiod die 3 Töchter des
Zeus und der Themis):

Klotho = Spinnerin des Lebensfadens,
Lachesis = die Los-Zuteilerin,
Atropos = diejenige, die den Lebensfaden abschneidet

X

Jemand nimmt sich vor, die Welt zu zeichnen. Im Lauf der Jahre bevölkert er einen Raum
mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen,
Zimmern, Instrumenten, Gestirnen, Pferden und Menschen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt
er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.

Jorge Luis Borges

XI

»Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, daß er Materialien
zu seiner Bio­graphie liefere. Hat er keine geistigen Entdeckun­gen gemacht und keine fremde
Länder erobert, so hat er doch gewiß auf mannigfache Weise geirrt und seine Irrtümer sind
der Menschheit ebenso wichtig, wie des größten Mannes Wahrheiten

Friedrich Hebbel, Tagebücher, 5. Januar 1836

XII

Lebensbilanz ziehen – befreiter leben

„Wer den Tod begreift und als Teil seines Lebens akzeptiert, für den gibt es kein Tabu mehr“.
Ein Wort von Odilo Lechner, dem Altabt der Münch­ner Abtei St. Bonifaz. Viele Menschen
schieben das Thema weg, verdrängen den Tod, wehren die Tatsache der Sterblichkeit ab.
„Solange es einen nicht unmittelbar betrifft, ist diese Verdrängung vielleicht eine Zeit lang
möglich. Aber sicherlich muss sich jeder früher oder später mit diesen Gedanken ausein­ander-
setzen! Wer dies tut, kann unverkrampfter und fröhlicher leben“, so der bekannte Benediktiner.

XIII

Vergeh dich ruhig, vergeh dich an dir selbst und tu dir Gewalt an, meine Seele; doch später
wirst du nicht mehr Zeit haben, dich zu achten und zu respektieren. Denn ein Leben nur, ein
einziges, hat jeder. Es ist aber für dich fast abgelaufen, und du hast in ihm keine Rücksicht auf
dich selbst genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um die anderen Seelen …
Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangs-
läufig unglücklich.

(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen)

XIV

Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist –
was geschieht dann mit dem Rest?

(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, S.58)


XV

Eine Petitesse, die auf den ersten Blick nicht mit Erinnerung, sondern mit
Ernährung zu tun hat.

John R. Searles, englischer Sprachphilosoph, der sich auch mit der Frage
befasst, ob Tiere Bewusstsein oder Geist haben, erzählt, dass er früher Jäger
gewesen sei, es ihm heute aber schwer fiele, ein Reh zu erschießen. Überhaupt
sei es schwieriger, Tiere zu essen, wenn man länger über sie nachdenke.

Er wird von der Journalistin Christine Brinck (SZ-Wochenende,
10./11. Dezember 2005) gefragt, ob dies auch für Truthahn gelte, und gibt
folgende Antwort.

„Truthähne, nun, ja. Während des Krieges [da war er zwischen sieben und
dreizehn] gab es bei uns immer Truthahn an Thanksgiving und Weihnachten.
Sie wurden vorher gemästet, und damit wir Kinder das Schlachten dieser
Haustiere besser verkrafteten, hat mein Vater sie immer Hitler und
Mussolini genannt. Das half. Vielleicht bis heute.“

Der Truthahn, der Hitler heißt, hat aber doch wieder sehr viel mit Vergangen-
heit und Erinnerung zu tun. Die Geschichte zeigt aus unserer Sicht sehr schön,
welche Kraft den Worten – hier sollte man wahrscheinlich doch besser die Ein-
zahl verwenden, obwohl sie theologisch besetzt scheint, also: welche Kraft dem
Wort innewohnt. Es erzeugt Gefühle, es unterdrückt andere, es lässt Menschen
nach dem Gebot rufen und kann sie aufrühren, im nächsten Augenblick dasselbe
Gebot über den Haufen zu werfen.

Nichts davon ist unbekannt oder neu; und doch schlägt das Herz höher, sobald
sich der Geist der Macht des Worts bewusst wird.

beuys-das-ende-des-20

XVI

Sich zu erinnern bedeutet für die Autoren der Memoirenwerkstatt in erster Linie,
das Erlebte nach innen zu nehmen. Es zu verinnerlichen.

Das Erinnerte taugt so nicht mehr für die Beschwörung einer goldenen Vergangenheit,
sondern lässt die tatsächliche Kraft der Vergangenheit in der Gegenwart real werden.