«Meine Lebensgeschichte: Von was und von wem der Erzähler erzählt»

Vortrag auf der Tagung der Friedrich Weinreb Stiftung
vom 13. – 15. 11. 2014 auf der Insel Reichenau
(Tagungsthema: Erzählen, wer ich bin)

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Meine Damen und Herren,

in den letzten zehn Jahren habe ich ungefähr fünfzig Menschen beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte zugehört.
Das dauerte jeweils drei bis vier Tage. Manchmal kam noch ein fünfter Tag dazu. Ausnahmsweise habe ich mich
auch darauf eingelassen, dass jemand über einen längeren Zeitraum hinweg stundenweise erzählte. Zwischen
fünfzehn und 45 Stunden hat es gedauert, bis ein Erzähler oder eine Erzählerin dann das Gefühl hatte, „so, jetzt
bin ich mit dem Erzählen wirklich ganz fertig“. Anschließend saßen meine Mitarbeiter und ich zwei, drei oder vier
Monate über dem abgeschriebenen Manuskript, um die mündliche Erzählung in einen lesbaren Text zu verwandeln.

Mit Hilfe dieser Erfahrungen möchte ich zum Thema unserer Tagung beitragen. Was geschieht eigentlich, wenn
jemand sein Leben in Worten noch einmal vor sich und den Zuhörer hinstellt. Ganz selbstverständlich sagen wir ja:
er oder sie erzählt sein/ihr Leben. Er berichtet ja auch manches, beschreibt auch mal eine vertrackte Lage, in die er
gekommen ist, malt sich aus, wie es gewesen wäre wenn…, besinnt sich, wie er eine Entscheidung von damals heute
treffen würde, doch insgesamt und aufs Ganze bezogen sagen wir „er erzählt“. Das deutsche Wort erzählen lautet im
Althochdeutschen irzellen und es steht zunächst für zählen, das „der Reihe nach hersagen und verkünden“ bedeutet.
Etwas mündlich mitteilen und berichten. Zählen und erzählen sind in ihren unterschiedlichen Bedeutungen erst seit
dem 17. Jahrhundert getrennt, das eine ist das Rechnen mit Zahlen geworden, das Andere ist das, was in der englischen
Sprache noch bis heute besteht, nämlich to tell (a story).

Bleiben wir noch beim Wort selbst und bei dem was im Wörterbuch steht. „Der Reihe nach hersagen“ steht da als
Umschreibung für das Erzählen. – Was für eine Reihe ist da gemeint? Denken wir jetzt mal an unsere Lebensgeschichte,
jeder an seine eigene Geschichte – was könnte dann „diese Reihe“ sein, die wir da aufzählen. Ich nehme an, dass auch
unter Weinreblesern als Erstes die Reihe der Jahre in den Blick kommt. Der Erzähler erzählt in aller Regel die Reihe der
Stunden, Tage und Jahre.

Hier stellt sich eine kurze Zwischenfrage: (Was für eine Alternative zu dieser Reihe von Stunden, Tagen oder Jahren
gibt es? Gibt es überhaupt eine Alternative beim Erzählen? Ich hoffe, am Ende auf diese Frage zurückzukommen.)

Inwiefern aber bilden die Stunden, Tage, Jahre tatsächlich eine Reihe? Wir sehen dann, dass es eigentlich nicht
die Tage selbst sind, die eine Reihe bilden, sondern die Aufzeichnungen der Tage. Da dürfen wir an Robinson denken,
der auf seiner Insel die Tage in einen Balken einritzt, und damit sie ihm nicht zu einer unendlichen Reihe von Einker-
bungen werden, gliedert er sie in die sechs Tage und den einen siebten Tag und hat so eine Woche, die Woche gliedert
er in Monde und dem Lauf der Jahreszeiten Winter und Sommer folgend die Monde zu einem Jahr. So in den Kreis
der Zeiten eingeführt nehmen wir auch die sogenannten Lebensphasen wahr. Auch sie kommen so einher, dass wir
sie in eine Reihe stellen können: der Säugling, das kleine Kind, das große Kind, der Jugendliche (mit seiner Pubertät),
der junge Erwachsene, der Mann und die Frau – das Paar also, Vater und Mutter, Großelternschaft, und im Alter
dann die herausfordernde Alternative zwischen Pflegebedürftigkeit und Weisheit und zuletzt dann der Übergang
in die andere Welt.

Wenn wir das so „aufzählen“, wenn wir also am Ende dieser Reihe nicht Tod sagen, sondern Übergang, wird der Blick
gleich wieder auf den Anfang gewendet: denn wenn die Reihe nicht mit dem Verschwinden des Leichnams zu Ende ist,
sondern da noch ein anderer Ort und eine andere Zeit warten (was man natürlich nicht wissen, aber eben doch erzählen
kann), dann beginnt sie womöglich auch nicht mit dem Erscheinen des Neugeborenen. Die Reihe der Stunden, Tage und
Jahre, die wir aufzählen, wenn wir unser Leben erzählen, beginnt mit der Geburt, aber sie fängt nicht damit an. Und sie
endet mit dem Tod, hört aber nicht damit auf.

Als Weinrebleser werden Sie an dieser Stelle, die zwischen Beginn und Anfang unterscheidet (und zwischen Ende und
Übergang), das Zeichen beth wieder erkennen: die Grundsignatur unseres Lebens auf dieser Erde.

bereschit bara elohim et haschamaim we et haarez.
bereschit, im Anfang, nicht „zu Beginn“.

Jeder hier Anwesende ist an einem bestimmten Tag eines Monats eines Jahres im 20. Jahrhundert (des christlichen
Kalenders) geboren. Aber wahrscheinlich niemand weiß etwas davon. Weiß in dem Sinne, dass er oder sie es selbst
„erlebt“ hätte; man weiß es vom Hörensagen. Man nimmt es als gegeben an. Wie sonst soll man auf die Erde und auf
die Welt gekommen sein? Manche Menschen haben so etwas wie eine „zweite Geburt“ erlebt, in der sie zum Beispiel
aus einer Todesgefahr gerettet wurden. Wie weit reicht ein Ich zurück? Und auch wegen dieser Fragen, die sich ja
jedem Menschen stellen, ob er sich das klar macht oder nicht, ob er sich diesen Fragen gerne stellt oder nicht, fängt
„die Lebensgeschichte“ nicht mit der Geburt an, sondern beginnt nur damit.

Wovon erzählt der Mensch? Von seinem Beginn (also seiner Geburt) oder von seinem Anfang? Fragen Sie sich kurz
selbst. Womit würden Sie beginnen? Und wenn Sie, wie die große Mehrheit der Erzähler, mit der Geburt beginnen,
was wird dann aus dem Anfang? Bleibt er in Erinnerung? Oder wird er vergessen, um dann, vielleicht nach vielen
Jahren wieder in den Blick zu kommen? Oder ist er, in einer Art kindlicher Unschuld noch eine Weile präsent, um
dann abzufallen für den Rest des Lebens?

So möchte ich also nun als eine Art „Zwischenergebnis“ festhalten, dass das Erzählen der Lebensgeschichte eben
fast immer mit der Geburt beginnt. Und damit in das Gefühl hinunter geht, „ich bin jetzt auf der Welt“, bin auf der
Erde angekommen, und die überlieferten Geschichten vom Anfang stören ihn irgendwie in seinem Willen, ein
starkes Ich zu werden. Denn „ich“ bin doch geboren und aus „mir“ soll doch etwas werden – wozu soll ich mich
da mit dem Anderem befassen, mit dem ich doch nichts zu tun habe und nicht sehen kann, wie es mir nützt.

Mit der Geburt und mit den Eltern und mit den Geschwistern beginnt dann tatsächlich so etwas wie eine Reihe.
Manchmal spielen die Großeltern eine große Rolle, überhaupt die Tradition. Das deutsche Wort „in einer Reihe
aufreihen“ (was erzählen bedeutet) hat die Ausgangsbedeutung „durchstechen“ und dann auf einen Faden ziehen.
Wir sprechen im biographischen Interview manchmal davon, dass sich der rote Faden schon noch zeigen wird.
Und wenn der Faden sich schon gezeigt hat, tut sich der Erzähler leichter, auch einmal die eine oder andere
Episode wegzulassen. Er spürt, dass „noch eine Episode“ nichts Wesentliches mehr hinzufügt. Das erzählte
Leben ist also wie ein Faden oder eine Schnur, die quer durch den Garten gespannt ist und auf der die
Erinnerungsstücke, Szenen, Anekdoten wie Wäschestücke aufgereiht sind.

Jetzt haben wir also ein Bild. Das aufgeschriebene Leben findet sich im Bild der Wäscheleine. (hierzu gehören
die oben gezeigten Bilder.)

Unser Nachdenken über das Erzählen hat uns zu einer Reihe von Bildern geführt, auf denen jedes Mal eine
Wäscheleine zu sehen ist. Die Leine ist das Symbol des roten Fadens, an dem die Episoden, Anekdoten und
Dramen aufgereiht sind.

Wenden wir uns nun dem roten Faden selbst zu. Hat ein Leben überhaupt einen solchen Faden? Etwas,
was den Menschen von Anfang bis Ende begleitet? Oder ist der Faden eine Zutat des Erzählers? Etwas,
was er im Moment des Erzählens selbst findet und erfindet? Und sehr froh darüber ist? – Vielleicht erinnern
Sie sich an die Geschichte von der Geburt der Zwillinge Esau und Jakob. Es gibt dazu eine mündliche
Überlieferung, die Rebekkas Geburt der Zwillinge Esau und Jakob mit der Geschichte von Tamar verbindet.
Auch Tamar bekommt Zwillinge, der eine streckt die Hand heraus und die Hebamme bindet einen roten
Faden um seine Hand, die Hand geht aber wieder zurück und heraus kommt der Andere. Was hast du für
dich einen Riss gerissen?, sagt die Hebamme. Perez. Und danach kam dann der andere, der mit dem roten
Faden um die Hand. Serach. Parallel zu dieser Geschichte gibt es eine Überlieferung, die den Jakob als den
sieht, der zuerst geboren werden sollte, der aber dann dem Esau den Vortritt lässt. Für unsere Frage nach
dem Roten Faden der Lebensgeschichte nehmen wir aus der Esau-Jakob-Episode ein lehrreiches Bild: der
rote Faden erscheint, aber verschwindet dann wieder, weil etwas anderes sich vordrängt. Im Fall des Esau
ist es der Macher, der sich in den Vordergrund drängt … wie auch in den von mir gehörten und dann
aufgeschriebenen Lebensgeschichten das Tun und Machen sich sehr in den Vordergrund drängt. Nur
wenn einer viel gemacht und geleistet hat, wenn er also „Vorzeigbares“ vollbracht hat, tritt er aus dem
Verborgenen hervor. Der rote Faden aber ist beim Anderen, Jakob. (Gen. 25, 25 f.) Der eine macht den
Durchbruch (Perez), der andere strahlt wie die aufgehende Sonne (Serach); der eine ist der Macher, der
Jäger mit dem Mund (Esau), der andere ist der Hirte, von Gott geschützt, der nur herauskommt, indem
er sich an der Ferse des Machers festhält. Die unscheinbaren Ereignisse, die Träume, die tieferen Wünsche,
die dem Wahren Selbst entstammen, erfahre ich als Zuhörer eher nebenbei, in den Pausen, wenn das Band
ausgeschaltet ist oder durch Zufall. Esau sieht das natürlich anders: Für ihn als Jäger sind natürlich die
„Jagderfolge“ das Mitteilenswerte. Es ist jedes Mal ein ganz besonderer Augenblick im biographischen
Gespräch, wenn diese Leistungen mehr oder weniger zu Ende erzählt sind und der Erzähler aber dennoch
noch nicht aufhören kann. Was ist da noch? Ist da noch etwas? Das ist der Moment, in dem der rote Faden
auftaucht, der Zwilling, der bisher mehr oder weniger im Verborgenen geblieben war.

Die Leine, auf der der Erzähler seine Geschichten aneinander reiht, ist also noch gar nicht der rote Faden.
Die Leine ist ein anderer Faden: es ist der aus den Mythen der Völker bekannte Schicksalsfaden. Noch der
Göttervater Zeus selbst muss sich dem Schicksal beugen, das die drei Moiren spinnen, Göttern und Menschen
gleichermaßen. Wer beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen, der drängt sich zuerst einmal vor, verschafft
dem eigenen Tun und Machen einen Durchbruch. Das Schicksal des homo faber, könnte man sagen. Eine Welt,
die aus „Fakten, Fakten, Fakten“ besteht. Das Andere, Israel, Jehuda, der Hebräer, der Moschiach… das kommt
nur, weil es sich „an der Ferse“ des Machers festhält.

Im März habe ich ein Interview mit einer sehr erstaunlichen 93jährigen Dame geführt, die von ihrer Hochzeit
im Jahr 1950 erzählte. Der Bräutigam war kriegsversehrt mit einer offenen Tuberkulose. Die Heirat fand in einer
kleinen Kapelle auf dem Berg statt, wo sie den Bräutigam treffen wollte. Den Weg hinauf ging sie begleitet von
einer Familie, bei der sie seit Kriegsende lebte, die drei bleiben aber auf dem Weg hinauf immer wieder zurück.
So ging sie einen Teil des Weges allein, in der Hand eine Sonnenblume. Und da habe sie plötzlich gefühlt,
dass sie in ihrem weiteren Leben noch viel Schweres auf sich nehmen werde. – Beim Hören hatte ich gleich
das Gefühl, dass sie mir mit diesen Worten etwas ganz Außergewöhnliches mitteilt. Im Moment wusste ich
aber nicht was. Sie war auch gar nicht beschwert und hat sich nicht beklagt. Man kann daran denken, dass
sie mit diesen Worten gewissermaßen ihr Kreuz auf sich nimmt. Maria, so nenne ich sie nun mit ihrem zweiten
Namen, spricht selbst nicht so von sich, aber wenn ich ihr so einen Kommentar mitteile, dann schaut sie mich
aufmerksam an. Manchmal nickt sie. Das ist dann wie das Erscheinen des roten Fadens um die Hand des als
Zweiten Geborenen. Die Geschichte Jakobs, der Alternative zu Esau, dem Macher, enthält Szenen, in denen
der Leser nicht gleich weiß, wem er glauben und folgen soll. Der Weg des roten Fadens ist kein gerader Weg,
wie er in einem Lebenslauf heute meist fingiert wird. Aber so ein lückenloser und makelloser Lebenslauf, wie
man ihn heute anscheinend für die Karriere braucht, ist ja selbst ein Schelmenstück, da steckt ja vielleicht
auch ein Jakob drin und er hält einem nur die „behaarte Hand“ des Machers Esau hin, damit wir glauben,
es sei alles in Ordnung. Doch innen drinnen steckt ein Jakob.

Die Hände Esaus, aber die Stimme Jakobs, sagt Isaak. Ist es nicht immer so? Wenn wir uns einander vorstellen,
d.h. also einen möglichst guten Eindruck machen wollen, dann verstellen wir uns, nicht bewusst, Gott bewahre,
sondern weil es gar nicht anders geht, weil eben das Zweite, der rote Faden des Zweiten, nicht als Erstes erscheinen
kann. Als Erstes erscheint die dicke Wäscheleine voll behängt mit weiß gewaschener Wäsche, mit beruflichen
Erfolgen, interessanten Begegnungen, Felswänden, die wir erklettert haben. Erst wenn das erzählt ist, kann die
Frage erscheinen, wozu das alles ist. Und, so erstaunlich es auch ist, dieses Zweite wird in der Geschichte von
Jakob und Esau gesegnet und so sehr Esau auch aufschreit und klagt und jammert. Und das Zweite, in der Gestalt
Jakobs, bleibt auch gesegnet.

Im Vers 33 von Gen. 27, als dann auf einmal Esau zu Jizchak kommt und der blinde Vater in einem plötzlichen
Moment offenbar alles durchschaut, heißt es: wajechered jizchak chorada gedola ed meod, und es zitterte Isaak
ein großes Zittern, ein Ereignis, das später im Text in der Rede Jakobs an Laban auch als pachod jizchak (31.42),
als Schrecken Isaaks bezeichnet wird. Was war dieser Schrecken? Mir ist es als sehr große Überraschung in
Erinnerung, als Weinreb zu dieser Frage die Überlieferung erzählte: Es war der Schrecken, um ein Haar den
Falschen gesegnet zu haben.

***

Ich muss nun eine Sache bekennen: manchmal langweile ich mich als Zuhörer, wenn ich den Eindruck
bekomme, dass ein Erzähler beim Erzählen seiner Lebensgeschichte bei der Wäscheleine hängen bleibt.
Das heißt: die aufkommende Frage, wozu das alles ist, wird auch in der Manier des Machers behandelt.
Man glaubt schon irgendwie, man ist auch in der Kirche, man liest auch mal diesen oder jenen Philosophen.
Man beschäftigt sich auch irgendwie mit den Fragen des Menschseins… aber jetzt lass mich bitte in Ruhe.
Als Zuhörer sehe ich sozusagen den roten Faden aufblitzen, das Zweite erscheint und will geboren werden,
und es wird auch davon dies und jenes davon erzählt, aber es gewinnt kein Leben, keine Selbständigkeit im
Verhältnis zu dem ganzen Tun und Machen. Da werde ich als Zuhörer bedrückt. Und immer wieder hilft mir
dann etwas, was man wirklich nur hören kann: die Stimme. Die Stimme des Erzählers. Was ich dann höre,
hat vielleicht mit der„eigenen inneren Gestimmtheit“ zu tun. Ich höre dann eine Sehnsucht nach Ruhe und
Frieden in aller Hektik, ein tiefes Verlangen nach Mitteilung und nach Kontakt in aller Abgesondertheit,
den Wunsch, stolz sein zu können auf sich selbst, d.h. so wie man wirklich ist, ohne sich mit all den Erfolgen
aufplustern zu müssen. Es schwingt in solchen von mir „herausgehörten“ sehnsuchtsvollen Worten die
Einsicht mit, dass solche Wünsche in dieser Welt nicht so einfach in Erfüllung gehen. Wir tragen Masken,
wir sind Personen: persona, wörtlich übersetzt „es tönt hindurch“, bedeutet ja auch Maske. Was tönt
hindurch? Die Stimme. Diese Welt ist in gewisser Weise die Welt von Esau, alles muss getan und gemacht
werden. Edom, der Beiname Esaus, das Rote. Das Rote dominiert, es ist das römische Exil für die Seele,
und ohne Witz und Schlauheit und ohne eine Rebekka kommt unser Jakob gar nicht an gegen den Römer
in sich selbst.

Die Thora, erlebt als Verbindung aus der unsichtbaren Welt bei Gott in diese Welt hinein, erzählt die
Geschichte des Zweiten. Er ist die Alternative zum Tun und Machen – obwohl Jakob ja in Labans
Diensten auch alles Mögliche zu tun hat. Aber sie erzählt auch von der Wiederbegegnung der zwei
Brüder am Jabbok. Der Streit zwischen ihnen wird dort beigelegt. Sie kennen das, Weinreb hat immer
wieder davon gesprochen. Es findet tatsächlich eine Versöhnung statt, nun nicht mehr zwischen Jakob
und Esau, sondern zwischen Israel und Esau, denn in der Nacht vor der Begegnung mit dem Bruder
hat Jakob die Begegnung mit „dem Mann“, der die Phantasie der Menschen seither so stark beschäftigt
hat. Immer wieder hat Weinreb vom „kleinen Krüglein“ erzählt, das Jakob noch holen wollte. Bist du
wirklich einer, der sich auch noch um die letzte Kleinigkeit kümmert, so lautet die Frage, die einem
dann gegenübertritt. Das ist dann schon etwas Anderes, als die Frage: Was hast du im Leben geleistet
und geschafft? Sie haben sicher alle Bilder von diesem Kampf am Jabbok vor Augen, von Rembrandt,
von Gaugain, Chagall und anderen.

Dieser Kampf endet ohne Sieger, Jakob jedenfalls ist dieses Mal kein Sieger, sondern an der Hüfte
gelähmt. Er will gesegnet werden von seinem Gegner, und der gibt ihm den Namen Israel. Nicht
gerade das, was wir in unserer Alltagssprache als einen Segen bezeichnen würden, denn egal ob als
Israel oder als Jehuda, der Mensch, der in diesem Namen erscheint, wird in der Weltgeschichte
verfolgt. In dem Bereich, den wir gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnen, kann man Jakob, den
Zweiten, den mit dem Roten Faden um die Hand, nicht brauchen. In welcher Gestalt er auch
auftritt. Aber die Thora steht „auf einem anderen Blatt“ als die Weltgeschichte, dort findet
tatsächlich eine Versöhnung statt: Esau, die Welt des Tuns und Machens, in der das Deine
deins ist und das Meine meins, strikt und politisch korrekt getrennt, lässt sich ein auf die Welt
der Sehnsucht, des Verborgenen, des Geheimnisvollen. „Lässt sich ein“ ist vielleicht zuviel gesagt,
aber wenigstens hört Esau auf, den Jakob zu verfolgen.

Als sich die Brüder dann nach Jakobs nächtlichem Ringen begegnen (33.4), sind sie überwältigt,
umarmen sich und weinen. Hören Sie eine Geschichte aus dem Midrasch zu dieser Stelle:

Der Messias Sohn Davids kommt nicht, ehe die Tränen Esaus versiegt sind. – Aber es flehen doch
die Kinder Israel, Gottes Kinder, Tag und Nacht um Erbarmen ‑ sollen also ihre Tränen umsonst
geweint sein, solange auch die Kinder Esaus weinen? – Aber die Tränen Esaus, damit sind nicht
die Tränen gemeint, die die Völker weinen, und die ihr nicht weint, sondern das sind die Tränen,
die ihr allesamt, ihr Menschen, weint, wenn ihr etwas für euch begehrt und darum bittet. Und
wahrlich, der Messias Sohn Davids kommt nicht, ehe diese Tränen versiegt sind und bis ihr aus
dem Grund weint, weil die Schechina verbannt ist und damit ihre Erlösung geschehe.

Wenn ein Mensch sein Leben erzählt, dann fließen fast immer auch Tränen. Manchmal weint nur
der Erzähler, manchmal weint der Zuhörer gleich mit.

Im Sohar (II 12b) heißt es: Jene Tränen, die Esau weinte. brachten Israel ins Exil. Wenn jene
Tränen versiegen, durch Israels Weinen, wird es aus dem Exil erlöst werden.

Am Ende sind es also Freudentränen, Freude und Trauer stehen miteinander vor der ganzen
Geschichte, so wie Esau und Israel miteinander vor ihrer ganzen Geschichte stehen.

***

Wenn wir nun auf das Gesagte zurückblicken, können wir fragen, wer denn eigentlich erzählt,
wenn so eine Lebensgeschichte vorgestellt wird. Und ich würde aus meiner Erfahrung heraus
und mit all den Beschränkungen meines Blicks sagen: es ist Esau, der erzählt. Das Ich erzählt
von seinen Taten und dazu gehören auch seine Erlebnisse, seine Entscheidungen, sein Unterlassen
– schlicht alles, was mit diesen Augen und diesen Ohren wahrgenommen werden kann. Jakob
kommt einfach mit – da ist das Bild dessen, der sich an der Ferse des ersten festhält, sehr hilfreich.
Esau, der Mensch mit seinen irdischen Zielen, merkt es nicht einmal. Er merkt es erst – und auch
nur vielleicht – wenn ein Einbruch in seine festgeplanten Bahnen erfolgt. Der Krieg war solch ein
Einbruch, Väter starben früh, Familien wurden vertrieben, man musste wochen- und monatelang zu
Fuß laufen, hungern und frieren. Die Wahrheit kam auf – man hatte sich auf ein vielversprechendes,
aber verbrecherisches Regime eingelassen. Und man hatte so getan, als ob man nichts geahnt hätte.
Man hatte Israel verfolgt. Es war ungeheuerlich. Der Segen war weg, da nützte alles Schweigen und
Verstocktsein nicht. Und dann gab es noch einen Einbruch, der auch ganz schlimm war: er erschien
als antiautoritäre Revolte, man nennt immer die Jahreszahl 1968 dazu, die Jungen fielen total aus der
Rolle, hatten keinen Anstand mehr und wollten alles, aber auch alles besser wissen.

Und es hört auch nicht auf, so oft auch gesagt wird, einmal müsse doch Schluss sein mit dem Schuld
zuweisen und mit dem Erinnern an die Gräueltaten und an das Wegschauen. Im Gegenteil, es erscheint
mir so klar, dass die Schmach Esaus genau dadurch verlängert wird. Aber es gab immer auch andere
Stimmen: ich erinnere an Richard von Weizsäcker mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation,
ein Meilenstein des Bekennens, ein Durchbruch ins Offene.

Wer erzählt all diese Dinge? Aus der Sicht Esaus sind es die vielen Ichs, wir alle tragen durch unser
Tun und Handeln und Unterlassen zu dieser Geschichte bei. Aus der Sicht Jakobs ist es das im
Erscheinenden Verborgene, das entscheidend ist. Plötzlich passiert etwas Überraschendes, plötzlich
fallen die Mauern. Dann ist das Verborgene doch da, es erscheint. Für eine Weile. Vorher aber wirkte
lange Zeit etwas im Verborgenen, was wir mit der Thora „Israel“ nennen dürfen. Israel im Menschen,
ich erlaube mir zu sagen: Israel in jedem Menschen und in jedem Volk und in jeder Zeit.

Schließen möchte ich mit einer persönlichen Erinnerung. Die vage ist, was die Fakten angeht, wie das
eben bei Erinnerungen so ist. Vielleicht las ich davon in der Zeitung, vielleicht auch bei Recherchen für
ein Buch. Avi Primor, der von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in der Bundesrepublik war, hatte
dem deutschen Volk gedankt, für seinen besonderen Mut, sich dem Fluch und der Schuld aus der
Vergangenheit zu stellen. Das sind jetzt meine Worte, ich kann das Dokument nicht finden, aus dem
ich wörtlich zitieren könnte. Der Sinn war jedenfalls, dass er die Bemühungen, sich den Schatten der
Vergangenheit zu stellen und Licht hinein zu bringen, sah und guthieß und anerkannte. Und als ich das
las, musste ich plötzlich weinen.

Und ich hoffe, es ist ein schönes Ende dieser Erzählung über das Erzählen. Wenn wir von solchen,
plötzlich hervorkommenden Tränen hören, können wir uns an die Tränen Esaus und Jakobs erinnern,
die sie bei ihrem Wiedersehen nach 22 Jahren der Entfremdung und Feindschaft vergießen. Es sind,
so hoffe ich, Freudentränen der Versöhnung. Damit hätte das Erzählen einen guten Sinn.

Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben.