Woran erkennen wir das Lebendige?

Wer fragt da? Einer, der überall (zuerst aber bei sich selbst) das Starre und Tote sieht.
Einer, der glaubt zu sehen, dass das Leben nicht recht fließt, bei ihm nicht, bei den
Mitmenschen nicht, in Deutschland und Europa nicht.
Einer, der den Fluss des Lebens fast überall unterbrochen und aufgestaut sieht.
Zukunfts­angst beherrscht uns.

angekommen

Woran erkennen wir das Lebendige?

Es schiebt den Tod (die Bedrückung, die Verzweiflung, die Angst) nicht zur Seite,
nicht unter den Teppich, nicht weg von sich. Das Wegschieben des Todes ist die
Reaktion des automatischen Menschen. Das ist der, der vom Baum des Wissens
genom­men hat und stirbt – auch wenn er noch herum­rennt als ob er schwer am
Leben sei.


Woran erkennen wir das Lebendige?

Es kann noch sterben – im Unterschied zum Unlebendigen, das nicht mehr sterben
kann. Aber auch nicht wirklich leben.


Woran erkennen wir das Lebendige?

Es kann sterben – jetzt im Sinne von: es kann sich hingeben. Das Lebendige gibt sich
hin. Es scheint etwas zu wissen, was die (lebenden) Toten und die Erstarrten nicht wissen.
Dieses Wissen ist der Grund, aus dem der Mut entspringt.

in-anderem-licht

Woran erkennen wir das Lebendige?

Das Lebendige ist das Verwandelte, die verwandelte Gier, die verwandelte Angst, der
verwandelte Hass, der verwandelte Hochmut, der verwandelte Wahnsinn (der nach
Wissen und immer mehr Wissen verlangt).


Woran erkennen wir das Lebendige?

Es ist die Freude. Freude, die grundlos geworden ist. Freude, weil die Verwandlung
gelungen ist. Weder Spaß noch Vergnügen gehören per se zum Lebendigen. Oder doch
– auch Spaß und Vergnügen, wenn sie von der Freude begleitet sind.


Woran erkennen wir das Lebendige?

Es freut sich über das Geschenk der Freude. Für die Freude gibt es nichts zu leisten,
nichts herzustellen, nichts zu befolgen. Gratis ist die Freude, denn wenn wir „gratis“
sagen, rufen wir ohne es zu wissen die gratia, also die Gnade. Ein Geschenk.
Und das heißt: es ist umsonst. Das Beste ist immer umsonst.


Woran erkennen wir das Lebendige?

Umsonst darf ich hier meine Gedanken sammeln, dem Leben und der Freude
auf die Spur kommen. Und wenn ich, warum nicht auch du?

Louis Lau, April 2013