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Worum handelt es sich hier?

Wer zuerst die beiden Tabellen wahrnimmt, wird sagen: Es han­delt sich offensichtlich um
einige, beliebig vermehrbare, Gegens­ätze des Lebens. Um Gegensatzpaare.

Nicht jedes Gegensatzpaar ist für jede/n bedeutsam, aber jede/r wird sich an der einen
oder einen Stelle „erkannt“ fühlen und sofort die je eigene Reaktion spüren. Den Druck,
die Span­nung, die Frage.

Es scheint sich um Alternativen zu handeln: Um ein entweder – oder.
Entweder Reduktion oder Fülle.
Entweder trennen oder zusammenfügen.
Entweder Angst oder Zuversicht.

Eine Windung weitergedacht handelt es sich um die Alternative
entweder oder             oder                sowohl als auch.
entweder oder             und                  sowohl als auch.

Je nach dem. Je nach Alter, je nach Hintergrund, je nach Situation, je nach menschlichem
Gegenüber variiert die Antwort.

Zwischen den zwei Seiten kann Rivalität und Kampf herr­schen, (und vielleicht ist der
Kampf nötig und klärend). Es kann Kooperation und Spiel herrschen, und dann sind
eben diese bei­den an der Macht. Aber nicht zur selben Zeit wie der Kampf.

Die zwei Seiten können als spannungsreich und widersprüch­lich erlebt werden. Als
Gegensätze, die ihre Einheit suchen, aber nicht finden. Als Quelle großen Leids also.
Sie können aber auch als befruchtend erlebt werden, als rhythmischer Tanz eines
um­fas­sen­den Hin und Her. Sie drücken also nicht nur einen Gegen­satz aus, sondern
sind womöglich auch selbst einer.

Der human und pragmatisch gewordene Mensch ( welch hüb­sches Selbstideal!! )
wünscht sich und seinen Mit­men­schen das Glück und die Freude des beschwingten
Gangs, zu dem ein rech­tes und ein linkes Bein nötig sind, um den Weg zu gehen.
Er wünscht sich und allen das ge­las­sene Hin­nehmen von Tag und Nacht, Licht und
Schatten, essen und fasten, Leben und Tod, wissend, dass der Tod kein Ende,
sondern ein Übergang ist.

Woher hat er dieses Wissen? Diese Frage kann nur in einem Bild beantwortet
werden. Für mich – dem verehrten und gelieb­ten Lehrer sei Dank – ist es das
Bild der zwei Bäume im Garten, ein Bild, in dem sich die Seele gleich wieder
erkennt. Die eine Seele – mit ihren zwei Seiten, himmelhoch-jauchzend und
zu Tode betrübt. Him­mel­­­­hochjauchzend oder zu Tode betrübt.

Der Baum des Wissens von gut und böse löst aus allem den für ihn sicht-
bar werdenden Teil des Guten und den für ihn sichtbar werdenden Teil des
Bösen heraus, so dass sich alles in einem von ihm berechneten Verhältnis
befindet – von den Römern ratio genannt. Das rationale Weltreich, groß und
gewaltig, geht unter. Anders jedoch als von ihm selbst befürchtet. Der Baum
des Wis­sens ist ewig, das genau ist es ja, was der Mensch, der von ihm gegessen
hat, nicht weiß – vielleicht nicht wissen will. Die Au­gen werden ge­öff­net für gut
und böse, für schwarz und weiß, für männlich und weiblich, doch das Wissen
ums Ganze geht verlo­ren. Und der Mensch stirbt, siebzig oder hundertzwanzig
Jahre alt, aber er stirbt. Durch die angstvoll aufgerissenen Augen des Baums
des Wissens hin­durch sieht er nur den Abgrund des Endes.

Der Baum des Lebens… nun, er macht kein Drama aus dem Gan­zen. Drängt
sich nicht vor. Seine Früchte sind da, aber be­gehrt werden die ver­füh­rerischen
und „verbotenen“ Früchte des rationa­len Weltreichs. Weil sie eine Abkürzung
des Wegs ver­sprechen. Dann aber auf einmal ins Nichts führen. Auch der Baum
des Lebens vermag zu unterschei­den, doch er vermag nicht, dabei stehen zu
bleiben. Der Weg geht weiter, leben, sterben und leben. Leben, sterben, und
leben. Am Ende steht die Zeit still.

Das Rationale ist Teil des Wegs, keine Angst. Der Baum des Lebens ent­hält alles
Wissen von gut und böse, aber als Frucht des Lebens. Langsamer, nicht hoppla di
hopp, aber zwischen Ver­nunft und Unvernunft zu unterschei­den, ist Teil des Lebens.
Nicht „fehlerfrei“, sondern evolutionär. In Kontakt.

Die Schlange heute, sie spricht: Nimm von die­sem herr­lichen Baum der Relationen,
nimm von der Intuition, von der Sinn­lichkeit und von der Zuver­sicht, und lass das
dumme Rati­onale. — Dann aber wird alles, was da in der linken Spalte ange­sam­melt
ist, zur Frucht bloßen Wissens. Abgetrennt und abgespalten.

Der Baum des Lebens ist zweimal da. Rechts als Bezogensein  und in der Mitte als
Ereignis. Und in den Wurzeln verbunden mit dem anderen, dem geheimnisvollen,
dem verbotenen Baum.

Unterscheidung kommt von Gott. Ist immer schon da. Es gibt nicht das eine ohne
das andere, nicht Licht ohne Finster­nis, nicht Erde ohne Himmel. Ratio ohne
Lie­be ist ein Unding. Und elohim (Gott) ohne adonai (Herr) ist nicht Gott. Wie
miss­ver­ständ­lich die Worte doch sind! Bedeckt vom Staub der Geschich­te. Ambi­-
valenz heißt die Losung der Schlange: Beides kannst du bewerten, gut und böse.
So wird alles in das „teils – teils“ hinein­getaucht.

Ja… und kommt bunt wieder heraus!!

Worum also handelt es sich also hier?

Es handelt sich um ein mächtiges Selbsttherapieprogramm, das jeden zu jeder
Zeit an seiner schwachen Stelle abholt und in die Bewegung hineintreibt. Wir
haben hier eine Frau, kurz nach dem Abitur (das sie sehr gut gemacht hat, mit 1,4),
die klagt, weil sie keinen Auftrieb fühlt. „Ich spüre das nicht: Ich will …“ Dies aber
sagt sie entschlossen, sie hat es satt, mit Vor­schlägen über­häuft zu werden. Zu­gleich
ist sie voller Ungeduld, will eine Reise machen, braucht dazu aber Geld, das sie nicht
hat und erst verdienen muss, aber nicht in den Jobs, die sie bis jetzt gefunden hat.
Hin- und her­geworfen wie in einer großen Waschtrommel, kommt sie meist gerädert,
manchmal aber auch frisch gewaschen heraus. Bis zum nächsten Waschgang, nach
dem sie wieder wie ein begossener Pudel erscheint.

Worum handelt es sich also bei diesem Bild?

Um den Lebensbaum in anderer Gestalt?

Versteht man noch, was „der Baum des Lebens“ ist? Sind wir nicht in der Gefahr,
diese Frage sofort mit einem neuen Bild, einer neuen Theorie zuzuschütten?

baum-des-lebens

Aus der Perspektive eines Erzählers von Lebensgeschichten enthält das Bild ein
sehr feines und grundlegendes Muster der menschlichen Entwicklung. Schauen
wir zum Bei­spiel auf das Gegensatzpaar von Technik und Haltung. Stellen wir uns
vor, die oben erwähnte junge Frau liege tagelang in ihrem Zimmer, habe kaum
Kontakt zu anderen Menschen. „Sie ver­kriecht sich in der Höhle wie der Fuchs
im Winterschlaf“, könnte der Erzähler sagen, und nähme mit diesen Worten die
Haltung eines mit der Zeit mitfließenden Flusses ein. Zwischen den Zeilen steht:
Das nächste Frühjahr steht schon vor der Tür. Er könnte auch erzäh­len, dass sie
zu einem Chi gong Kurs oder zur Skigym­nastik im Mehrzweckraum des Feuer-
wehrhauses eingeladen wird, und so eine Technik der Animation ins Spiel bringen. –
Wer fühlt sich aufgerufen zur Entscheidung entweder dies oder jenes? – Jeder
Mensch, mehr oder weniger. Denn die Haltung des Flusses verträgt keine Technik –
sie erleidet sie nur. Und wenn Technik notwendig ist, dann lieber eine der Haltung
des Fließens ver­wandte Technik. Aber umgeben von allen möglichen Techniken
fällt es sehr schwer, der ursprünglichen Haltung treu zu bleiben. Der Erzähler
könnte sagen: Jetzt hoffen ihre Eltern, dass sie einen verständnisvollen Thera-
peuten findet. Sie wünschen ihr die Aus­dauer, eine solche Seelenanalyse durch-
zuhal­ten. – Von dieser Haltung (hoffen, gönnen) ist es kein weiter Schritt mehr,
einen technischen Hinweis zu geben, wie man den geeigneten Thera­peuten findet. –
Und dann könnte der Erzähler eine Großmutter ins Spiel bringen, die sich der
Haltung verschrieben hat, „da muss man etwas machen, im Bett bleiben ist keines-
falls eine Lösung, sondern in jedem Fall ein Problem“. Aus einer solchen, „technik­-
begeisterten“ Haltung heraus, würde sie die junge Frau zu Aktivi­täten antreiben,
einen Job zu erledigen, sei auf jeden Fall besser als sich als Versager zu fühlen. –
Es muss dann abgewartet werden, ob das funktioniert.

Ein Hin und Her also zwischen den Polen.

Unsere Zeit: voller Angst, voller Klagen, voller Probleme.
Wer ist noch zuversichtlich und schaut voll Vertrauen auf die Welt?

Zehn Prozent.

Wer sich im Magnetfeld der beiden Kräfte rational |relational fühlt und sich dort
den Anziehungs- und Fliehkräften der beiden Bäume aussetzt, der wird gebürstet,
geschleudert und gestoßen, bis er auf den Grund sieht. Was aber sieht er dort?
Vertrauen, Hoff­nung, Liebe. Mitsamt dem Schatten, den derart starke Lichter
nun einmal werfen.

Die Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis, zwi­schen dem Baum des
Lebens und dem Baum des Wis­sens von gut und böse ist da. Die Unter­scheidung
zwischen öffnen und schließen ist da. Sie kommt von Gott. Logisch und lebendig
wirkt sie über­dies: das Licht lässt uns als leuchtendes Subjekt er­scheinen, die
Finsternis als vom Licht beleuchtetes Objekt. Wir kennen beides. Als Objekte
sind wir Objekte von Lust und machen andere zu Objek­ten der Lust. Unglaub-
liche Dinge geschehen, Dinge, die kaum ausge­sprochen werden kön­nen. So
schlimm auch immer, das Ganze zeigt, auch das Schlimmste gehört doch dazu.
Die gequälte Kreatur ist zu wahnsinni­ger Grausamkeit fähig. Wer wissen will,
ob der Grausame verant­wortlich ist, der lese den ganzen Satz. Und werfe dann
den ersten Stein.

Die Unterscheidung, die Teilung in zwei, ist dazu da, alles einzu­sammeln und in
eine neue Eins zu vereinigen. Jede/r auf seine Weise, jede/r in seinen Bereichen
und soweit wie möglich. Der zu solchen Grausamkeiten fähige Mensch kann auch
lieben, dass die Erde bebt. Sich hingeben, dass Natur nur so staunt. An ein gutes
Ende glauben, dass dem Verzweifelten die Augen über­gehen. Das ist das Ereignis
(vom althochdeutschen Wort irougen, das man mit „eräugen“ wiedergeben kann).
Das Ereignis ist, wenn mir die Augen aufgehen, wenn zwischen dem Leben und
der Logik, dem Verstand und der Intuition, die Farben des Regen­bogens hin- und
herblitzen, zwischen dem im Körper gefange­nen Verstand und der im Körper gefan-
genen Seele die Mauern stürzen, die Mauern von Jericho, und Verstand und Seele
im tanzenden Leib sich umfan­gen und gegenseitig als von Gott kommend erkennen.
Mit einem Wort: Als Eins.

Das Bild ist der Zeuge.

Warum nun so viel Mühe und Arbeit mit diesen zwei Tabellen und den ganzen
Begriffen, ob nun Gegensätze oder Widersprüche oder eben nicht?

Oh Mann, wie ahnungslos bist du denn, wenn du so fragst! Dein Lebensglück
ist hier „im Abgrund“ zwischen den beiden Bäumen verborgen. In Wahrheit
sind die beiden Bäume riesige Gebirge,  und in das tiefe Tal zwischen beiden
wagt sich kaum ein Mensch.

Worauf kommt es also an? Es kommt darauf an, dass du von den zwei Seiten
nicht eingefangen wirst, nicht atemlos hin- und her rennst, um es beiden recht
zu machen. Es kommt darauf an, dass du aus dem Grund, der von beiden gebil-
det wird, herauswächst, in eine dritte Dimension hinein, also in diesem Sinn
stofflich real wirst. Und dass du von diesem Ort aus deinen eigenen lebendigen
Blick auf die beiden Seiten wirfst, das Hin und Her als „Alltags­leben“ verstehst,
das normalerweise im Rad gefangen ist. Oder auch unterm Rad. Wenn du aber
mit dem Licht der Vision einer glücklich-sinnvollen Existenz auf die beiden
Bäume und ihre jeweiligen Früchte schaust, dann verschwinden die harten und
scharfen Kanten zwischen dem Relatio­nalen und dem Rationalen. Es kommt in
den Blick, dass beide auf ihre je eigene Weise sich um „die Verhältnisse“ und um
„die Be­zie­­hungen“ kümmern. Der Schein­werfer der Ratio war „ein wenig grell“ –
dies aber nicht kritisch, aus der Posi­tion des „ein wenig matten“ Schein­wer­fers
der Intuition gesagt, sondern mit Mit­ge­fühl, wie es erst erwächst, wenn das Ich
in die dritte Dimension hinaus­wächst.

baum-der-erkenntnis-christa-purschke
Baum des Wissens von gut und böse (Christa Purschke)
http://chr-purschke-art.de

Ich verzichte nun auf die Früchte des Baums des Wissens von gut und böse.
Ich verzichte auf das Definieren, Festlegen, Abgrenzen, auf das Betrachten
und Erjagen aus der Ferne, ich verzichte auf das Trennen, Teilen und Abspal-
ten, verzichte auf den ängstlichen Selbst­bezug in allem und jedem. Und wie
gelingt mir das? Indem das Definieren von innen heraus gewürdigt wird, das
Festlegen von innen heraus bewegt, das Abgrenzen von innen heraus mit dazu
genommen wird.

Ich könnte jetzt genauso gut DU sagen. Denn sobald du diesen Abstand voller
Mitgefühl gewonnen hast, das Auge, das gut sieht und deshalb mild auf den
Bösewicht schaut (das Ereignis!), kannst du genauso auf das Trennen und
Teilen und Abspalten verzich­ten, indem du es von innen heraus mit allem
anderen ver­bindest, das Teilen mit dem  Zusammenfügen und das Ab­spalten
mit dem Einbeziehen. Das Teilen und Spalten bleibt, es ist Fun­dament der
Schöpfung – nur jenes überscharfe Licht und jener abgezirkelte Geschmack,
der vom anderen Baum herkommt, verliert sich.

(Besser)Wissen und Recht(haben) ist und bleibt eine der beiden Säulen der
Welt, ursprünglich als Wissen und Recht zwar anders gewollt, aber mit dem
Erscheinen der Liebe wird das Wissen und das Recht gekränkt und schwan­kend,
so dass manchmal nur das Besser­wissen und das Rechthaben bleiben. Die Ratio
fühlt sich plötzlich unterlegen und strebt aus dieser Posi­tion heraus nach Über-
legenheit. Das ist zugleich die Prüfung für die andere Seite, den Baum des Lebens:
wie können wir (du und ich) dem Hass wider­stehen, der aus dem Gefühl der
Unterlegenheit herausschießt. Einzig und allein, indem wir das Wissen um die
Ebenbürtigkeit nehmen und in die dritte Dimension wachsen lassen, und von
hier aus dem Hass und der Angriffslust wirk­lich mit Mitgefühl begegnen. Wenn
das Mitgefühl nicht geschützt wird, wenn es sich dem Angriff nicht in der dritten
Dimension entzieht, bleibt es ver­druckst und verstrickt. Es bleibt ein Tun von
oben herab. Ein unerlöster Kampf.

Was ist die dritte Dimension? Wie gelangen wir als Verstrickte und Unge­schützte
dorthin? Es wächst heran, wie das Samenkorn in der Erde, das haben wir schon
klar gesagt. Alles, was wir noch sagen können, ist mit den drei Worten „zwischen“
der Seite der Relation und der Seite der Ratio angedeutet. Das dritte, das wir nicht
mit einem Namen belegen können, ist aktiv sowohl in der Unterscheidung zwischen
der rechten Intuition und der linken Logik, als auch in ihrer Vereinigung. Das Drama
der Liebe zwischen Mann und Frau, unterschieden bis ins Mark, und doch sich ver-
einigend. Das ist dann das Ereignis, wenn unterscheiden und eins sein eins werden.

Wichtig ist (mir) die Begegnung zwischen Gott (der zur Relation gehört) und
Nicht-Gott (der zur Ratio gehört). Schon immer gab es diese aufgeklärten Men-
schen, die mit (dem Wort) Gott und den dazugehörigen Geschichten aus dem
Buch der Bücher nichts anfangen konnten. Die sich also, bildlich gesprochen,
ganz auf die linke Seite schla­gen, mehr oder weniger tolerant, mehr oder weni-
ger aggressiv gegenüber denen, die glauben, Gott doch im Mund führen zu dürfen. –
Ich würde den Gottlosen gerne fragen: Was spürst du, wenn Du in deinem Leben
in das Dritte zwischen rechts und links hinein wächst? Aber – ehrlich gesagt –
möchte ich das oft auch jene fragen, die Gott so selbstverständlich im Munde führen.

 

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Die vier Spaltungen, in die der moderne Mensch geraten ist:

Das Ich und die Anderen – sie können nie ganz voneinander  abgeschnitten sein.
(Was für ein Glück, wenn sie verbunden sind.)

Das Leben (das man sich erwerben muss) und der Tod (eben dieses rastlosen
und unsteten Lebens) – sie sind sich näher als wir meinen. (Welche Freude,
zu sehen, dass das Leben nicht endet.)

Der Geist und der Körper – keiner von beiden kann ohne den anderen sein.
(Und wenn sie zusammenwirken, geht die Post ab.)

Das Idealselbst kann sich nicht völlig vom Schatten lösen. (Und wenn doch,
wird es ganz überschattet.)

Es gibt eine (unsichtbare) Brücke über den Abgrund hinweg.

Die Brücke schwingt sich auf, sie reicht aus der bloßen Gegen­überstellung
von Worten hinauf und hinunter in die dritte Wirklichkeit, das wirkliche
Leben. Die beiden Seiten sind ein Entwurf der beiden Augen (den durch
das Essen der Frucht vom verbotenen Baum geöffneten Augen), die hier
als Gestalter und Projektoren aktiv sind.

(Oktober 2012)

Das Erzählen ist diese Brücke. Und die Erinnerung. Das Erzählen der
Ereignisse, das Erzählen der Erinnerungen an die Ereignisse.

Das Hin und Her, der Streit zwischen Recht und Gnade, die politische
Polemik zwischen „wir laden die Flüchtlinge ein“ und „wir lassen sie
draußen vor den Grenzen“ (usw.) kann im Bild des Tanzes gesehen
werden: Drei Schritte vor und zwei Schritte zurück.

Life itself is always three steps forward and two steps backward. We
get the point and then we lose or doubt it. In that, the biblical text
mirrors our own human consciousness and journey. Our job is to see
where the three steps forward texts are heading (invariably toward
mercy, simplicity, inclusion, nonviolence, and trust) and to spot the
two steps backward texts (which are usually about vengeance, exclusion,
a rather petty and insecure god, law over grace, incidentals over substance,
and technique over actual relationship). [Beide Schrittfolgen gehören zum
Leben; zum Tanz des Lebens.]

So wie die beiden Fragen des Hl. Franziskus (Wer bin ich, Gott, und wer
bist du?) eine sind, so bilden auch die Tanzschritte nach vor und zurück
in Wirklichkeit eine Drehung. Einatmen und ausatmen – so vollkommen
verschieden die beiden Bewegungen sind, ist es doch ein Atemzug.

Das Einatmen ist die Frage „Wer bist du Gott?“, das Bewusstsein der
Relation zu diesem Einmaligen (der aber doch auch ein Gegenüber ist),
das Ausatmen ist die Frage „Wer bin ich?“, die Einsicht von Begrenzt-
heit und Enge. Beides in einem ist der Atem des Lebens, den Gott dem
Menschen in die Nase bläst und so das Lebendige in ihm entfacht.

[Ergänzung Februar 2016)