… die Seinsverlassenheit …

(was wir sein lassen müssen bzw. dürfen, wenn wir unser Leben erzählen)

1. Die völlige Unempfindlichkeit gegen das Vieldeutige in dem, was für wesenhaft
gehalten wird; Vieldeutigkeit bewirkt die Unkraft und den Unwillen zur wirklichen
Entscheidung. Z.B. was alles »Volk« heißt: das Gemeinschaftliche, das Rassische,
das Niedere und Untere, das Nationale, das Bleibende; z.B. was alles »göttlich«
genannt wird.

2. Das Nichtmehrwissen, was Bedingung ist und was Bedingtes und Unbeding-
bares. Vergötzung der Bedingungen geschichtlichen Seyns, des Völkischen z. B.
mit all seiner Vieldeutigkeit, zum Unbedingten.

3. Das Steckenbleiben im Denken und Ansetzen von »Werten« und »Ideen«;
darin wird ohne jede ernstliche Frage wie in einem Unabänderlichen die Gefüge-
form des geschicht­lichen Daseins gesehen; und dem entspricht das Denken in
»Weltanschauungen«. (vgl. Das Zuspiel, 110. Die idea, der Platonismus und der
Idealismus)

4. Demzufolge wird alles eingebaut in einen »Kultur«‑betrieb, die großen Entschei-
dungen, Christentum, werden nicht aus der Wurzel aufgestellt, sondern umgangen.

5. Die Kunst wird einer Kulturnutzung unterworfen und im Wesen verkannt; die
Blindheit gegen ihren Wesenskern, die Art der Gründung von Wahrheit.

6. Überhaupt kennzeichnend ist das Sichverschätzen mit Bezug auf das Widrige
und Verneinende; es wird als das »Böse« einfach weggeschoben, mißdeutet und
damit verkleinert und in seiner Gefahr so erst recht vergrößert.

7. Darin zeigt sich ‑ ganz aus der Ferne ‑ das Nichtwissen um die Zugehörigkeit
des Nicht, der Nichtung zum Seyn selbst, die Ahnungslosigkeit gegenüber der
Endlichkeit und Einzigkeit des Seyns.

8. Damit geht zusammen das Nichtwissen des Wesens der Wahrheit; daß vor
allem Wahren die Wahrheit und ihre Gründung entschieden sein muß; die blinde
Sucht nach dem »Wahren« im Anschein des ernsten Wollens (vgl. Überlegungen IV, 85).

9. Daher die Ablehnung des echten Wissens und die Angst vor dem Fragen; das
Ausweichen vor der Besinnung: die Flucht in die Begebenheiten und die Machenschaften.

10. Alle Ruhe und Verhaltenheit erscheint als Untätigkeit und Gehenlassen und
Verzicht und ist vielleicht der weiteste Überschwung zurück in das Seinlassen des
Seins als Ereignis.

11. Die Selbstsicherheit des Sichnichtmehrrufenlassens: die Verhärtung gegen alle
Winke; die Unkraft des Erwartens; nur noch errechnen.

12. All dieses sind nur Ausstrahlungen einer verwickelten und verhärteten
Verstellung des Wesens des Seyns, zumal seiner Zerklüftung: daß Einzigkeit,
Seltenheit, Augenblicklichkeit, Zufall und Anfall, Verhaltenheit und Freiheit,
Verwahrung und Notwendigkeit zum Seyn gehören; daß dieses nicht das Leerste
und Gemeinste, sondern das Reichste und Höchste ist und nur west in der
Er‑eignung, kraft deren das Da‑sein zur Gründung der Wahrheit des Seins
in der Bergung durch das Seiende kommt.

13. Die besondere Verdeutlichung der Seinsverlassenheit als Zerfall des Abend-
landes; die Flucht der Götter; der Tod des moralisch christlichen Gottes; seine
Umdeutung (vgl. die Hinweise Nietzsches). Die Verschleierung dieser Entwurzelung
durch das grundlose, aber vermeintlich neu anfangende Sichselbstfinden des Men-
schen (Neuzeit); diese Ver­schleierung überglänzt und gesteigert durch den Fortschritt:
Entdeckungen, Erfindungen, Industrie, die Maschine; zu­gleich die Vermassung.
Verwahrlosung, Verelendung, alles als Ablösung von dem Grunde und den Ordnungen,
Ent­‑wurzelung aber zutiefst Verschleierung der Not, Unkraft zur Besinnung, Ohn-
macht der Wahrheit; der Fort‑schritt ins Unseiende als wachsende Verlassenheit vom
Seyn.

14. Die Seinsverlassenheit ist der innerste Grund für die Not der Notlosigkeit.
Wie kann diese Not als Not erwirkt wer­den? Muß nicht einer die Wahrheit des
Seyns aufleuchten lassen ‑ aber wozu? Wer von den Notlosen vermag zu se­hen?
Gibt es aus einer solchen Not, die sich als Not ständig verleugnet, je einen Ausweg?
Es fehlt das Hinauswollen. Kann hier die Erinnerung an gewesene Möglichkeiten
des Da‑seins zur Besinnung führen? Oder muß hier ein Un­‑gewöhnliches,
Nicht‑ersinnbares in diese Not hinein stoßen?

15. Die Seinsverlassenheit, näher gebracht durch eine Besin­nung auf die Welt-
verdüsterung und Erdzerstörung im Sinne der Schnelligkeit, der Berechnung,
des Anspruchs des Massen­haften (vgl. Der Anklang, 57. Die Geschichte des
Seyns und die Seinsverlassenheit).

16. Die gleichzeitige »Herrschaft« der Machtlosigkeit der blo­ßen Gesinnung
und der Gewalttätigkeit der Einrichtung.

aus: Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), GA 65,
Frankfurt 1989,    S. 117 – 119 (entstanden ab 1934)

seinsverlassenheit
Ein Bild – für unsere Seinsverlassenheit
aus: philopraxis-feigenblaetter blogspot.com

Wir verbinden diese sechzehn Anzeichen eines „grundlosen“ oder „entwurzelten“
Daseins (also: Lebens – und also auch einer grundlosen Lebensgeschichte) mit
dem Bild der Berg- und Talfahrt.

Gleichzeitig nehmen wir wahr, wie zärtlich die Hoffnung auf ein „Gründen“ und
ein „Wurzel schlagen“ inmitten der Verzweiflung gehegt wird. Wir sehen es als
Aufscheinen der anderen Welt, die wir im Bild der Tal- und Bergfahrt dankbar
erkennen.

seinsverlassen