Schritt für Schritt zur Entscheidung
für das Ereignis der Biographie

Vorbemerkung: Warum in der folgenden Darstellung das persönliche Fürwort „Du“
verwendet wird und nicht die erwartbare Höflichkeitsform „Sie“.

Es handelt sich ja im Grunde um ein Gespräch mit sich selbst. Das Ich wendet sich
an sich selbst, an sein zum ihm selbst gehörendes Du. Das Ich – verstanden als ich
selbst – steht dem Ereignis der Biographie offen gegenüber. Grenzen­los offen. Als
ich selbst kann ich gar nicht anders, als mich leidenschaftlich für alles, was mich
betrifft, zu interessieren. Und es gibt nichts auf der Welt, was mich nicht betrifft,
noch der Flügelschlag des Schmetterlings auf der anderen Seite der Erdkugel kann
zu einem Sturm werden, der mir nah kommt, der mich bedroht und dem ich mich
stellen kann oder muss. Und der mir dann endlich den Wind so stark ins Gesicht
bläst, dass ich keine Ausflüchte mehr vorbringe. – Aber es gibt dieses andere Wesen
in mir, das skeptisch und ein wenig träge ist und sich so sehr um den Bestand sorgt.
Status quo. Und dieses Wesen will alles wegschieben, was es nicht kennt. Ich spreche
es natürlich mit Du an, denn es ist mein alter ego in anderer Gestalt. Und diesem Du
gegen­über darf ich auch mal deutlich werden und Klartext sprechen.

business-talk-blick-auf-frankfurtmain

 

◊ ◊ ◊

Verschaffe dir zu allererst Klarheit, ob du offen bist für die “ewigen“ Fragen: Wer bist
du? Woher kommst du? Wohin gehst du? Wozu bist du auf der Welt? Die fünfte Frage,
die der bayrische Kabarettist Bruno Jonas immer noch dranhängte (Wo krieg‘ ich jetzt
die nächste Halbe her?), lassen wir hier außer Acht. Und halten fest, dass es nicht darum
geht, wohlfeile Antworten bereit zu halten und wie ein Zauberer aus dem Hut zu ziehen,
sondern um eine grundspringende Offenheit. Ja, grundspringend! Höre in dich hinein.
Spüre die Angst vor dem Ab-Grund und den Mut, Stand zu halten. Schmecke das Wort
„Aben­­teuer“ auf deiner Zunge, erinnere dich an Hektor und Achill, an Odysseus und
Äneas, an Parzival, Papageno und Tamino und an die Märchen und Sagen der Völker
der Welt. Und natürlich auch an Winnetou und Intschou Tschuna! An Frodo und Gan-
dalf, an Luke Skywalker und Han Solo, an Joseph und seine Brüder, an Adrian Lever-
kühn. Und – je nachdem – an deinen Vater und deinen Bruder, an deine Mutter und
deine Schwester.

Kannst du spüren und glauben, dass du gemeint bist? Dass die ganzen Geschichten
in dem Augenblick, in dem du sie (wieder)liest und dich an sie erinnerst, nur für dich
da sind? Dass du mit Fug und Recht mitfieberst und mitleidest und mitlebst und mit-
stirbst mit deinen Freunden, wer immer sie sind. Dass in all den Geschichten aus der
schwarzen Tiefe des Raums zwischen den Zeilen hervor du dir selbst begegnest?

teufel

three-moments

Ob du für das Ereignis der Biographie bereit bist, kannst du ablesen, wenn du die
folgenden Fragen
– die so etwas wie die Quintessenz jeder Biographie ansprechen
– aus vollem Herzen mit JA beantworten kannst.

Fühlst du dich „aufgerufen“, an einem radikalen Wandel zum Guten in der
Welt – und sei es auch nur in deiner eigenen kleinen Welt – mitzuarbeiten?
Spürst du zutiefst, dass solch ein Wandel nur von dir selbst ausgehen und
nur bei dir selbst enden kann, bei deiner eigenen persönlichen Wahrheit,
deinem Weg und deinen Hindernissen? Ganz und gar und vollkommen du?
Dass du an dieser Stelle absolut unersetzlich bist und dass der Riss, der
durch dich in die Welt kam, auch nur durch dich und durch deine Wahrheit,
wie sie auch sei, zu halten ist?

Ist dir schon bewusst, dass dieser Ruf, sobald du ihm folgst, von dir verlangt,
ein Anderer zu werden, jeden Tag von neuem ein Anderer? Und dass es dich
sehr hart ankommen wird?  Dass es also wirklich keinen Sinn macht, die
Ereignisse deines Lebens einfach zu wiederholen, sondern es darauf ankommt,
überall nach dem kleinen Überrest Ausschau zu halten. Wo du von etwas
Unerklärlichem berührt wurdest. Wo du etwas Unerhörtes getan hast, oder
jedenfalls nahe daran warst, es zu tun und im letzten Augenblick zurück
zucktest. Wo du also quasi ein Zeuge warst (und wenn du es warst, dann
bist du es auch) dafür, dass es mehr gibt als unsere Schulweisheit sich
träumen lässt. (Und unsere Universitätsweisheit erst recht.) Du wirst also
dein Leben gewissermaßen gegen den Strich bürsten…

eine-unerwartete-begegnung

Sei dir klar, dass du ernsthaft mit allem konfrontiert wirst, was du getan und
auch was du nicht getan hast. So viel ist geschehen, während du gelebt hast,
so viele Menschen haben die Geschicke der Welt in der Hand gehabt und sie
in die eine oder andere Richtung gelenkt – und wo warst du? Was hast du ge-
dacht? Was hast du gefühlt? Wo warst du versucht, dich einzumischen? Wem
bist du begegnet, der Einfluss auf dich hatte, und wie hast du dich dieser Macht
gestellt oder entzogen? Jeder Mensch hat eine Idee davon, wie die Welt erlöst
werden kann – meist hat er sie von jemandem übernommen: Was ist deine
Idee und wie bist du für sie eingetreten?

Verstehst du, dass es bei der Erinnerung an die Ereignisse deines Lebens nur
darum geht, „wach zu werden“? Augenblicke des Wachwerdens sind Geschenke
(Gnadengaben), die wir erhalten und nicht verdienen. Deshalb brauchst du für
das Ereignis der Biographie einen offenen Verstand und ein offenes Herz.

Bist du in der Lage, deine Aufmerksamkeit von solchen Dingen anziehen zu
las­sen, die du unter anderen Umständen links liegen lassen würdest? Bist du
in der Lage, alles beiseite zu lassen, was dich auf dem Weg zu deinem wahren
Selbst hindert?

Erkennst du, welche bedeutende Rolle jedwede Form der Kontemplation für
ein waches Bewusstsein spielt? Bist du in irgendeiner Form in einer kontem-
plativen Praxis engagiert (Gebet, lectio divina, Meditation, Yoga, Morgen-
seiten, …)? Vielleicht in einer ganz selbstbestimmten, alltäglichen Form?

Spürst du etwas von der Einheit mit der Göttlichen Realität und mit allem,
was ist? So dass du von dir und den anderen Menschen nicht nur mit Hilfe
der herkömm­liche Konzepte des Getrenntseins sprichst? So dass du weißt,
dass wir auch die anderen sind und die Anderen wir.

Hast du durch persönliche Erfahrung gelernt, dass Dunkelheit, Misserfolg,
Rückschläge, Tod und Verwundung unsere ersten Lehrer sind, viel mehr
als Ideen und Lehrsätze?

Bist du in irgendeiner Form der Beziehung mit wenigstens einer Person
oder Gemeinschaft, die dich in ein Lebensgespräch einbindet? So dass
diese Bezie­hung auch Streit und Auseinandersetzung mit einbezieht,
derart dass deine Bedürf­nisse und die Bedürfnisse des/der anderen
ausbalanciert werden müssen.

Wesentlicher aber als ein Ja auf diese Fragen ist jedoch, ob du dich von ihnen
angesprochen fühlst. Und auch, wenn du dich abgestoßen oder angegriffen und
gereizt fühlst, kann es ein Zeichen einer sich entwickelnden Bereitschaft sein,
sich dem Abenteuer der eigenen Biographie zu stellen.

masken-sprechen-mich-an

Viele Gesichter, viele Rollen – und doch ist immer einer hinter der Maske