Erinnern und vergessen gehören zusammen,
so verschieden sie auch sein mögen

 

Es geht hier nicht um jenes Vergessen, vor dem alle so große Angst haben,
um das Vergessen von Schulwissen oder Namen und Daten, und das uns
doch alle irgendwann überfällt. Diese Schande für uns alle, wie Ärzte heute
heraus­finden wollen, ob jemand „dement“ ist. Voll­kommen ohne Bindung
zum menschlichen Gegenüber; der ist zur bloßen Sache verkommen.

Es geht um die „Unfähigkeit“ zur Bindung, also auch meine – oder will ich
mich etwa über meine Mitmenschen und die dummen Ärzte erhe­ben? Ja,
im ersten Moment der Empörung ja, aber dann erinnere ich mich, dass ich
genauso meine „Lücken“ mit mir herumtrage, die sozi­ale Kälte, der fatale
Wettbewerb, so dass die einfache Menschlich­keit fast überall verloren geht
… yeah immer noch spüre ich gleich die Ver­­suchung, auf all diese Mängel
und Fehler mit dem Zeigefinger hin­zuweisen, ich spüre die Neigung und
das Gefälle, die Verlockung, diesen scheinbar einfachen Weg zu gehen: auf
die anderen zeigen. Aber ich gehe ihn nun immer öfter nicht, sondern
erinnere mich daran, dass ich selbst dieser Arzt bin, über den ich so erschrak
und mich aufregte, als Horst erzählte, wie der Arzt seine Frau gequält habe.
(Horst hat es gar nicht so empfunden, sondern hatte Mitgefühl mit seiner Frau,
die drei und vier nicht mehr zusammenzählen konnte.) Was soll das heißen,
dass ich selbst dieser Arzt bin? Es soll heißen, dass ich diese typische Angst
vor dem Mitgefühl in mir selber spüre, den typischen Ausweg in die technische
Lösung in mir selber gehe, die typische Selbstgerechtigkeit über die gelungene
Diagnose (!!! weder dia noch gnosis) in mir selber aufschießt.

 

Sobald ich mich daran erinnere, kann ich den Ärger auf den Arzt und das
Entsetzen über die soziale Kälte vergessen.

 

***

Erinnerung sei der Weg zur Quelle des Seins, hab’ ich unlängst be­haup­tet,
und „wie von selbst“ kommt dann die Erinnerung an das Ver­­gessen. Zum
Beispiel
habe ich aus meiner Schul­zeit im Gymna­sium sehr vieles vergessen
und natürlich ist die Grundlage des Vergessens die für mich durchweg
bedrückende Atmosphäre. Es gab Ausnahmen, der Deutsch­lehrer Günther
Schweigert sei hier mit seinem Namen genannt, aber weithin empfand ich
die Anstalt als ausgeliefert an das krasse Leistungsdenken und die Angst,
aufzufallen. Nur keine Experi­mente, der Adenauerslogan der 50er und frühen
60er Jahre mag für die Politik richtig gewesen sein, wo sich die vielen Altnazis
tummel­ten, aber für die Schule war diese ganze Konventiona­lität tödlich. Es
war ja auch keine echte Tradition – die war ja zer­stört, und wer weiß schon,
welche der altbackenen Lehrer in der Wolle gefärbte Nazis waren. Darüber
wurde aber nie ein Wort ver­loren, was der Sache eine unheimliche Aura
verschaffte. Unwahr ist vielleicht das entscheidende Wort zur Beschreibung
dieser hochwohl­angesehenen Anstalt.

Man merkt schon, wie mir der Geruch immer noch in den Kleidern hängt:
ich habe nicht viele Details dieser Tortur parat, aber von „vergessen“ kann
keine Rede sein. Auch wenn ich mir jetzt eine Kur des Vergessens verordnen
würde, weiß ich doch, dass dies eher das Gegenteil bewirkte. Es ist ein Phäno-
men, dass der Mensch offenbar nicht absichtlich vergessen kann. Ich kann
mir die Ohren zuhalten sobald ich Dinge höre, die ich nicht hören will, aber
ich kann kein Organ meines Leibes beauftragen: vergiss es! Ich kann so tun,
als sei das alles nicht mehr so wichtig, und als sei es nicht notwendig, das
anzuschauen. Vielleicht ist es ja auch zu schwer, sich an einen im Grunde
genom­men verhassten Komplex wie die Schule (Ausnahmen nicht zu ver-
gessen!) alleine zu erinnern, in der Hoffnung, etwas von der dumpfen
Bedrängnis los zu werden, die er ausstrahlt. (Ein radio­aktiver Kühlturm,
gewissermaßen.)

Wie kann ich das Gefängnis der Schule vergessen? Dazu müsste ich wissen,
was das ist: vergessen. Und zwar geht es ebenso wie beim Erinnern nicht
(nur) um die Tatsachen, sondern um das, was sich irgendwie in mir ein-
genistet hat, was ich aber loswerden will. Ich gehe davon aus, dass es für
das Vergessen – ebenso wie für das Erinnern – Geduld und Gelassenheit
braucht.

Also: Was ist vergessen? Das Herkunftswörterbuch verweist auf das eng-
lische to get und auf das lautlich verwandte althochdeutsche gezzan mit der
Bedeutung erlangen oder bekommen. You can’t always get what you want…
also vergiss es. Delete, löschen oder entfernen nennt es die digitale Sprache.
Doch da Mensch is koa Maschin’, singt der Münch­ner Bänkelsän­ger Maxl
Graf dazu. Es ist nicht so einfach!

Also: Ich habe „etwas“ bekommen. Im Leben zum Beispiel die Eltern, den
Ort der Geburt und die Orte des Aufwachsens, damit verbunden der Güter
gefährlichstes, die Sprache, und die Zeit, in meinem Fall die Nachkriegszeit.
Der Krieg war der sogenannte Zweite Weltkrieg, währenddessen die Deut-
schen sechs Millionen europäische Juden ermordeten. Dann habe ich noch
die Herkunftsfamilie bekommen – das sind ja eigentlich zwei Familien, die
vom Vater und die von der Mutter. Insgesamt vierzehn Onkel und Tanten,
siebzehn Cousins und Cousinen (da musste ich mehrmals zählen, um nie-
mand zu verges­sen), keinen Bruder, keine Schwester. Dafür einen Bruder,
der als Säugling mit drei Monaten starb (Nach­kriegszeit!), drei Jahre bevor
ich zur Welt kam. Dann bekam ich auch noch seinen Namen, den ich aber
fünfzig Jahre später ablegte. Wenn also „gezzen“ bedeutet, dass ich den
Namen bekommen habe, dann würde ver-gessen bedeutet, dass ich das
Bekommene zurückgebe. Dass es nicht mehr zu meinem Eigen­­­tum gehört,
sondern Gemeineigentum geworden ist, sprich Geschichte. I got a lot,
möchte ich es in eins zusammen nehmen, und das obwohl ich noch gar
nicht von den Männern und Frauen gespro­chen habe, mit denen ich eine
Begegnung erlangt habe. Und unter all den Begegnungen, die ich bekom-
men
habe, war eben auch die Schule, eine der Begegnungen, die ich nun
loswerden, d.h. vergessen will (mit Ausnahmen).

Sie aus meinem Eigentum herausgeben. If you don’t get what you want
– you for-get it. Das englische for- und das deutsche ver- sind hier Vor-
silben die „nein“ bedeuten: etwas nicht bekommen, nicht erhalten, nicht
erlangen. Ich habe keine Schule bekommen, in der ich mich wohlgefühlt
hätte, keine Schule, in der Schüler wie das Wert­vollste behandelt worden
seien, was ein Volk hat, keine Schule, in der ich meinerseits hätte lernen
kön­nen, was Liebe und Anerken­nung ist – und auf dieser Grundlage auch
Ordnung und all die ande­ren Dinge, auf die Deutsche so versessen sind.
(Pflicht, Pflicht, Pflicht, Diszi­plin, Ordentlichkeit, sauberer Haarschnitt…
und „unten rum“ einen eige­nen Wasch­lappen.)

ursus-wehrli
Ordentlichkeit – auf die Schippe genommen von Urs Wehrli

Vergessen, worauf die Schule so versessen war.

Das auf etwas Versessensein vergessen. Egal, worauf man versessen ist und
war. Denn wenn man auf etwas versessen war und nicht daran „arbeitete“,
es zu vergessen, ist man es immer noch, vielleicht nur im Untergrund, wie
ein im Moment ruhender Vulkan.

Das, was man „gessen“ hat (ein bayrisches Perfekt: indem ich es esse, erlange
ich es – und natürlich hab ich die Schule in einem „über­tra­genen“ Sinn gegessen,
in jedem Sinn „hab ich sie gegessen“) – muss man entweder wieder ausspeien oder
aber verdauen. Ist das echte Ver­gessen also ein Verdauen? Ausscheiden, was ich
nicht bei mir halten kann; behalten, was mir Not tut?

 

„Ein schwieriger Schüler“ sei ich gewesen, hat Günther Schweigert beim Abschied
von der Schule zu mir gesagt, und er fände es schön, wenn auch so ein schwieriger
Schüler den Beruf des Lehrers ergriffe. Das war also nun eine solche Anerkennung,
und ich errötete, glaube ich, und schnappte nach Luft. „Schwierig“ an mir war, dass
ich diese Ahnung, dass mit der ganzen Schule etwas nicht stimmte, und dass das
ganze Getue von höherer Bildung und Elite nur ein Potemkin­sches Dorf war, oder
wie man heute so schön kurz sagt: ein Fake, sozusagen vor mir hertrug und in meinem
arroganten und zynischen Gehabe den anderen aufs Butter­brot schmierte. Schwierig
an mir war, dass ich mit dieser Ahnung Recht haben wollte, anstatt sie als Ahnung
bei mir zu behalten. Die Ahnung sozusagen zu hegen, um zu sehen, was daraus werden
will. Mein Ego hat sich stattdessen groß gemacht, ob­wohl es doch klein und dürftig war.
Und der Zusam­menstoß mit man­­­chen Lehrern war deshalb so heftig, weil sie meine
Arroganz und Ignoranz traumwandlerisch sicher als ihre eigene, abgewehrte Un­sicher­heit
wieder erkannten. Deshalb also war Günt­her Schweigert eine Ausnahme: weil er sich
von meiner Unsicherheit und Ver­zweif­lung nicht anstecken ließ.

So komme ich zum Schluss, dass die Schule mir meine eigene Dumm­heit und mein
eigenes fettes Ego- und Großseinwollen wie durch einen lupenreinen Spiegel gezeigt hat
– ich aber habe im­mer nur die Lehrer Tümpner und Ebert, die Lehrer Graf und Patschky
gesehen, alle mit ihren mehr oder weniger deutlichen Macken und Beschrän­kungen.
Kann ich nun, angestoßen durch die Suche nach einem tiefen Verständnis des Vergessens
(und Erin­nerns), mich selbst im Spiegel sehen? Den Lehrer Tümpner, in dem Moment,
in dem er mich fertig macht, als mein Spiegelbild sehen? Wie er zu mir sagt, „der Lau,
mit seiner Brille sieht er ja aus wie ein Intellektueller“ und der Satz klang ohne Worte
aus „er ist es aber nicht, sondern er reißt eine Seite aus dem Lesebuch heraus, um ein
Gedicht nicht lernen zu müssen.“ Sehen, dass dieser Ärger und dieser Verdruss, der mir
da aus dem Spiegel namens „Tümpner“ entgegen kommt, aus der Tiefe meines Egos
stammt? Was die Seite aus dem Deutschbuch angeht: Ja, das hab ich gemacht. Und
warum? Weil ich über­fordert war, weil es keine Hilfe mir gegenüber in dieser Schule
gab, alles nur auf Leistung und Noten und Ver­gleich basierte und keiner realisierte,
dass das ganze Vergleichen nur immer tiefer ins Unglück führt. Dass man nur Leichen
ver­gleichen kann, nur Totes messbar ist.

Weil ich nicht mehr konnte in dem Moment, aber niemand da war, an den ich mich
wenden konnte. Niemand da war, um die Not zu wenden.

So ein Satz geht auch heutigen Machos noch gegen den Strich; habe ich dann heute
Mitgefühl mit ihnen, den heutigen Rechthabern und Besserwissern? Nicht mit Worten
wie „du Armer“, laut und besserwisserisch, sondern im Verborgenen, und umsonst?
Ach je, sage ich manchmal halblaut, weiß aber nicht, ob mich einer versteht. Ich habe
ja auch nicht verstanden, jetzt aber hat mich die Erinne­rung an ein paar Schulszenen
zur Klar­heit geführt: Den ich so hasste, und der da so auf Leistung und Noten und
Vergleiche aus war (und es nur nicht schaffte, ganz oben mitzuschwimmen) – das war
ich selbst.

***

Das Erinnern ist im Traum mit dem Männlichen verwandt, dieselben drei Zeichen
sajin, kaf, resch, aber anders ausgesprochen: sachar, männlich; secher, erinnern.
Das Männ­liche aber ist – Mitteilung aus dem Jenseitig-Hebräischen – mit dem
großen Gimel identisch. „Die Schlange war so groß wie ein Kamel und Samael ritt
darauf.“ Eine Zeile aus einem Märchen? Eine Rätselzeile? Dankbar lassen wir uns
helfen: Das Kamel ist der Buchstabe gimel, das große gimel meint den vollen Wert,
d.h. wenn die Buchstaben gimel mem und lamed nicht bloß als Zeichen, sondern als
Worte genommen werden, die sie ja auch sind. Der volle Wert des gimel, also das
große Kamel, zählt 227, derselbe Wert wie sachar, männlich. Auch wie secher, erinnern.
Wenn Samael (samech, mem, aleph, lamed, in Zahlen 60-40-1-30) sich auf die 227
draufsetzt, erhalten wir den Wert 358, den Zahlenwert von nachasch, Schlange. Die
Schlange (358) war genau so groß wie das große Kamel (227) und Samael (131) oben
drauf. Sieht aus wie einfaches Zusammenzählen. Was hat es mit dem Männlichen und
mit dem Erinnern zu tun?

 

Die Frage ist, von wem sich das Männliche leiten lässt. Das Männ­liche ist vom Wort
(in der Traumsprache) her das Innere, die Seele also mit ihrem leidenschaftlichen
Verlangen und ihren Sehnsüchten, (bei Männern und Frauen gleichermaßen: wer
sich auf sein Inneres besinnt und so zu sich selbst kommt, der ist im jenseitigen
Sprach­gebrauch „männlich“ – auch wenn das heute in der Welt insgesamt gesehen
vielleicht eher die Frauen sind, die sich besinnen). Von wem lässt sich das Männliche
leiten? Von Samael? Wer, was, ist Samael? Die besonne­nen Leser der jüdischen
Tradition, unsere Weisen, sagen uns, dass es die Kräfte zur Linken sind, die mit dem
Wort Samael angetriggert werden. Also Vorsicht! Links lautet im Hebräischen smol,
sehr ähnlich geschrieben wie Samael: der Unterschied ist das erste Zeichen, aus dem
samech ist ein sin geworden, das linke schin. Und da sind wir auf einmal wieder bei
meiner Erinnerung an die Schule. Denn das, worauf die Schule so versessen war,
Leistung, Disziplin, Grammatik, Eindeutigkeit bis zur Boshaftigkeit, war letztlich
die Angst Samaels abgeworfen zu werden. Dass das Männ­liche sich nun nicht mehr
vom entweder oder leiten lässt, sondern von der Barmherzigkeit und Gnade. „Du
Einserschüler bist in Ordnung und du mit all deinen Lernhemmungen auch.“ Doch
wenn wir nun einen solchen Satz ohne weiteres hinschreiben können, der doch vor
allem das Männliche in einigen heutigen Frauen und – als Ausnahmen – auch bei
einigen Männern ins Licht stellt, dann sehen wir, wie Samael selbst erlöst ist. War
es nicht genau das, wofür er sich hergab, was er als seine schwere Aufgabe ansah:
indem er uns zur linken Seite verführte, zum Zynismus und zur Kälte, brach sich
das Mitgefühl seine Bahn.

Damals war's

Geht so das Vergessen? Zynismus und Besserwisserei gehörte zu meinem seelischen
Handwerkszeug von Jugend an; ich habe es aber bereut und tue es nicht mehr. Und
wer bereut hat, den soll man nicht an seine Fehler erinnern. So ergibt vergessen und
erinnern als Ganzes dann ein helles Licht, und das Licht scheint in der Finsternis, und
damit wir es als hell und rettend und uns zur Heimkehr leuchtend erleben, braucht es
die Finsternis als Körper vor dem sich das Licht der Erinnerung als leuchtend erweist.
Plötzlich wird es deutlich: Ohne Finsternis kein Licht. Das Licht und die Finsternis,
or we choschech; erinnern und vergessen, secher we schochach, für einen Moment
des Leuchtens inmitten der tiefen Nacht sind sie eins.

vergessen-theater

 

Vergessen ist Seelenarbeit. Warum konnte ich so lange Zeit dieses eine Ereignis
an der Kellertreppe nicht vergessen? Weil ich die Arbeit scheute, weil ich Angst
hatte, in die Finsternis hinein zu gehen, die ja nie mit Leere und Entschiedenheit,
sondern immer mit unheimlichen Berührungen und Vermischungen verbunden ist,
Spinnenfäden vielleicht, etwas was um einen herum krabbelt, etwas was sich wie
ein Ring um die Brust legt. Damit ich meine Angst vergessen kann, muss ich sie
zuerst erinnern, inwendig fühlen und zwar innig. (Damit ich leben kann, muss ich
zuerst sterben – ein linkisch formu­liertes Gesetz, und zwar wegen des „muss“, das
ja dem „ich will nicht“ der linken Seite entgegentritt – und so möglicherweise selbst
auf die linke Seite gezogen wird. Mein Onkel Siegfried und ich.)

Die Frage kann sein: Wie geht das überhaupt, etwas was in einen hineingefahren ist
wie ein schrecklicher Sturm, wieder zu vergessen? Die Angst vor dem autoritären
Onkel, das Gepolter und die Dro­hun­gen, die Angst der Mutter, die Abwesenheit
des Vaters (auch wenn er körperlich anwesend war), all das scheint unvergesslich,
obwohl (oder weil??) ich es doch loswerden will als etwas Dunkles. Die Angst und
das bedrohlich Beengende will ich loswerden – und es geht doch nicht. Und warum
geht es nicht? Weil ich mich nicht erinnere, weil ich mich nicht ermutige, weil ich
das eigentlich Männliche, dieses #Wer bin ich denn in Gottes Hand# vernachlässige,
anstatt es zu pflegen. Anstatt die Seele, das Innere zu pflegen, schaue ich auf mein
Aussehen. Bloß um zu erschrecken, wie alt und erschöpft ich aussehe, wieder der
Schrecken, wieder die Angst, wieder die Enge, wieder der starre Blick aufs Äußere,
immer so weiter im Kreis und Hamsterrad.

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So ist also die verwirrend klingende Antwort: Vergessen geht so, dass ich mich
erinnere, wer ich bin und wozu ich jetzt fähig bin. Das Schlimme, das Schlechte
(auch das von mir selbst verübte Schlechte), das Grausame, das Qualvolle, das
chronisch Schmerz­hafte, die Schup­penflechte, das Rheuma, die Gicht, die Blasen-
entzündung, die körper­lichen Züchtigungen durch eine verzweifelte Mutter, die
nieder­schmet­ternden Worte in der Schule im Namen einer „dunklen“ Päda­gogik,
die Todesangst und Verlassenheit, alles also, was wir in unse­rem außengeleiteten,
egomanischen Wohlstandsleben verdrängen – ver­ges­sen können wir es erst dann,
wenn wir uns seiner erinnern, es innig zu uns nehmen, es zu unserem geistigen
Eigentum werden lassen. All das, woran ich mich nicht erinnere und deshalb auch
nicht ganz und gar vergessen kann, führt ein Schatten- oder Zwischen­­dasein: nicht
wirklich lebendig und Kraft spendend, nicht wirklich tot und der Erde und dem
Himmel übergeben.

 

Das Ziel sowohl des Erinnerns als auch des Vergessens ist es ganz zu werden.

Ganz? Sind wir denn halb? Oder viertel? Oder siebzigstel? Oder wie ein Puzzle,
wenn man es im Laden kauft, tausend Einzelteile, die erst zum Ganzen gefügt
werden? Und das Erzählen ist das Zusammen­fügen? Das Erzählen, innerhalb
dessen sich das Erinnern und Ver­gessen abspielt?

Es ist der große Weg. Eins in der Quelle, hineingebrochen (wie das Brot, wie der
Urfunken) in diese Welt der Gegensätze, in der ein jeder „im Schweiße des Ange-
sichts“ sein Brot verdienen muss, in die Welt der Zweiheit, umkehrend und sich
erinnernd ans Ganze, indem das Linke in seiner Neigung, sich abzutrennen,
gebunden wird, und so die neue und klare Einheit gewinnend.

 

In Zahlen: eins – zwei – eins

In Ziffern: 1 – 2 – 1

Die Grundformel. Ha, die Weltformel! (Nur nicht verrückt werden!
Niemanden missio­nie­ren! Gehet hin und lehret alle Völker – das bedeutet:
erzähle es all deinen Ereignissen, all deinen Erinnerungen: dir selbst also
in allen Ebenen des Seins.)

***

sechor we schochach, erinnern und vergessen, von der jenseitigen Sprache her
erzählen sie 7 – 20 – 200   (6)   300 – 20 – 8, zusammen also 555.

Diese Zahl erzählt die Summe des Menschen Adam, d.h. seines einfachen Werts
45 (1 – 4 – 40) und seines Kehrwerts, wenn also die Zeichen „umgekehrt“ gezählt
werden, für die Eins die Vierhundert. für die Vier die Hundert und für die 40 die
Zehn. Man kommt dann auf 510 als Kehrwert für den Adam.

Einfacher Wert und Kehrwert ergeben zusammen 555, die Zahl fünf in allen drei
Dimensionen, die Quintessenz bis hin zum noch gar nicht erschienenen Zeichen
mit den Wert 500 – ein wunderbares Bild für das wirklich unerschöpfliche
Potential des Menschen.