Die Frage nach dem Ursprung…

(…des Lebens, der Kunst, des Glücks, des Friedens…)

Die Frage nach dem Ursprung fragt nicht nach einem räumlichen oder zeitlichen ersten Anfang.
Sie fragt nicht in derselben Art, wie man nach der Quelle der Isar oder den Quellen des Nils fragt.
Die Frage nach dem Ursprung glaubt zu wissen: Der Ur­sprung ist nicht zu finden, wenn man die
mehr oder weniger bekannten Wege weiter verfolgt. Ein Sprung ist nötig. Sie fragt deshalb auch
nicht nach etwas, was weit weg ist. Weder nah noch fern, wenn wir den Ursprung im Raum oder
in der Zeit suchen.

Die Frage sehnt sich – und das ist er schon, der Sprung –, dem Ursprung des Lebens, der Lebens-
freude, der Lebenskraft näher zu kommen, so nahe es eben geht. Und sie fragt aus der Erfah­rung
eines Ver­lusts heraus. Das Lebendigsein, verstanden als Lust am spontanen Tun, auch am spon­ta-
nen Nichtstun, als Lust an überfließender Freude, als Mitgefühl (mit anderen und sich selbst), als
schöpferische und Frie­den schaffende Kraft, erscheint heute sehr gefährdet. Wohin der Blick fällt,
beherr­schen starre Re­geln und ängstliche Sorgen das Leben, vor allem um das, was man sich durch
die soge­nannte eige­ne Leistung „ver­dient“ zu haben glaubt. Ein altes Bild für diese Ängste ist das
Bett des Prokrus­tes vor den Toren Athens, auf dem alle Besucher »gleichge­schal­tet« werden,
ge­streckt oder ge­staucht, je nach dem.

Die Frage nach dem Ursprung  fragt nach dem Ort und dem Moment, in dem das Leben als
ursprüngliche Kraft, als ursprüng­­liches Feuer, als Quelle aus dem Innersten, in den Geist und
in den Leib des Menschen einschießt. Einspringt. Am Gespräch, das sich an dieser Frage entzün-
det, kann jeder Mensch teilnehmen. Jeder mit seiner Erfah­rung, jeder, der spürt, dass die
Sehnsucht nach dem Ursprung auch in ihm lebt.

Die Frage nach dem Ursprung des Lebens ist Ausdruck des Wissens, ans Ende gekom­men
zu sein. Am Ende angekommen hat sich die innige Verbindung der Worte Leben und Tod,
Geburt und Tod, leben und sterben, da sein und dort sein,  Ende und An­fang, Zeit und
Ewigkeit, eingestellt. Die innige Verbindung lebt im Wort »Ur­sprung«, dem sowohl die
Geburt als auch der Tod zugehören, beide gleich ursprünglich. Mehr oder weniger ist die
natürliche Angst vor dem Nicht­sein (und: vor dem nichts sein) dem Stau­nen gewi­chen,
dass (meine) Zeit tatsäch­lich bemessen ist. Bei so manchen Dingen, die ich tue, sage ich
mir: »Dies ist nun vielleicht das letzte Mal«. Und es macht einen Unter­schied. Ich denke
gewiss auch mit einer Schwere an das Abschied­nehmen von meinen Lieben, aber es ändert
nichts an der Gewissheit, dass die Stunde nah ist. Nah, so wie mir zum Beispiel Lina und
Jakob nah sind, meine zwei Enkel, und sie stehen stellvertretend für alle die in meinem
Herzen leben. Für unser nor­males Lebensgefühl klingt es unverständlich, aber so wie ich
mich darauf freue, Lina und Jakob zu sehen, so freue ich mich darauf, auch jene mir
zugemes­sene Stun­­de zu leben. »In einer von diesen wirst du sterben«, steht in lateini-
scher Spra­che auf der Sonnen­uhr am Kirch­turm des Klosters Andechs; wie sollte ich mein
Leben lebendig leben, wenn ich Angst und Starrheit bekäme vor dieser Stunde – die ich
nicht weiß?

Leben – wann denn, wenn nicht jetzt! Und ebenso verhält es sich mit dem Ster­ben: nicht
irgendwann, sondern jetzt. Jean Paul, der schon lange „tot“ ist und dennoch im  Herzen
man­cher Menschen sehr munter lebt, hat zweihundert Worte gesam­melt, die alle „sterben“
bedeuten. Ich nehme an, dass auch loslassen, vergeben, ver­zeihen darunter sind, denn um
ver­zeihen zu können, muss eben das­je­nige in mir sterben und untergehen, das (sich) daran
festhält, nicht ver­zeihen zu können. Und zwar jetzt – wann denn, wenn nicht jetzt! Wenn
du sagst, morgen, sage ich zu mir, ja, dann bist und bleibst du eben tot, gekreuzigt und tot
und begraben an eben der Stelle, wo du dich festhältst am Nein und das Leben und Sterben
am Fließen hinderst.

Den Skandal des Todes zu sehen, mahnte Abel Weinreb vor mehr als 20 Jahren bei mir an,
„wir dürfen und sollen uns gegen den Skandal des Todes empö­ren“. Ich habe damals mit den
Ach­seln gezuckt, habe einfach nicht verstehen wollen.  Was will er denn, dachte ich, wir gehen
doch alle dahin. Und insofern hat er voll ins Schwar­ze getroffen bei  mir: „Nimm das doch
nicht einfach so hin! Wenn du das hin­nimmst, dann kannst du jedes Unrecht und jede Untat
hinnehmen!“

Heute denke ich, dass der Skandal unseres überall verbreiteten, weltlichen Den­kens darin besteht,
das Leben mit dem „Tod“ enden zu lassen. Es klingt bestimmt schräg (oder sogar verrückt), aber
ich sage, wir töten das ursprüngliche und lebendige Leben, wie es jetzt erscheint und ist, wenn wir
in jenem Brustton der Überzeugung sagen: Mit dem Tod ist alles aus. Leben ohne Tod, leben ohne
zu sterben – ist überhaupt kein Leben.
Das ist keine logische Spielerei. Kein gelehrtes Para­doxon.
Nicht im Geringsten. Es bedeutet einfach, dass Leben etwas ganz anderes ist, als das, was wir uns,
gefangen in Hamster­rad und Tretmühle, zurecht legen. Der Hamster­blick: irgendwann werde ich
es genießen können, was ich mir erarbeitet habe. So ein Blick ist immer verengt: Dass am Ende
das Vergehen kommt, will das Ich nicht wahr­haben. So wird das Leben von seinem anderen
Ursprung abgeschnitten. Seit einiger Zeit schon, in der Folge des Malens der drei Bilder von den
beiden Bäumen, scheint dieser andere Ursprung als vierfacher Ursprung auf.

* Leben als hinunter gehen (also auch ein Sterben) [von oben rechts her]

* Leben als aufsteigen (bis es nicht mehr weiter geht – bis also auf dem Gipfel
die Umkehr geschieht, die als Höhepunkt, aber eben auch als Tod erlebt wird) [von unten links her]

* Leben als zurück- und heim- und umkehren (zu den Müttern, in die Heimat) [von oben links her]

* Leben als loslassen (verzichten, verzeihen) [von unten rechts her]

In der Mitte aber der Ort und der Augenblick der Begeg­nung im Ereignis des Lebens
als Kontakt von oben und unten, rechts und links: der eine Ursprung, mit den vier Ursprüngen
verbunden in der Form des Kreuzes.

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Quintessenz – Leben oben und unten
Acryl auf Plakatkarton 68 x 48 cm, Februar 2013

 

 

Und hier das zugrunde liegende Schema:

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♦ ♦ ♦

Wenn ein Mensch sagt, „mit dem Tod ist alles aus“, schneidet er sich von
Ursprung I und III ab und macht somit, ohne es gleich zu merken, aus dem
Ursprung II „die Ge­burt“ (oder einen Anfang) und aus Ursprung IV „den Tod“.
Er sagt: Das war’s dann. Das andere Leben ist ihm grau, der Him­mel sagt ihm
nichts, die Freude ist getrübt, die Tränen vertrocknet. Es ist ein Grauen, denn
nun wird wörtlich wahr, was von der Zeit gesagt wurde: meine Mörde­rin Zeit.
Wen oder was mordet die Zeit? Das ganze Leben mor­det sie; das Leben unten
und oben, in und bei jedem Menschen. Denn wenn nur noch Zeit ist, nur noch
das Anrollen und Vergehen der Wellen der Zeit, kein Bleiben nirgends, keine
Ruhe, kein Verweilen – dann oh Graus… bin ich ja schon tot. Aber noch nicht
einmal richtig tot! Das Bild eines kopflos auf der Straße herum rennenden Huhns
zeigt, was heute in der west­lichen Welt geschieht. („Westlich“ nicht geogra­phisch
verstan­den, son­dern symbolisch: in der Welt, die an ihr Ende kommt und es
partout nicht wahrhaben will und kann.) Eine verstreute Heerschar von Halb­toten,
unstet und flüchtig nach dem nächsten und allerletzten Hype und Kick lechzend…

Nun gut. Das mag ja alles so sein. Und doch muss ich noch einmal zurück zu jener
Frage, die der Frage nach dem Ursprung des Lebens ihre Schärfe und ihre Unbedingt­-
heit gibt. Wozu das Leben, meinetwegen auch in seiner ganzen Fülle, sicht­bar und
unsicht­bar, mit Geist oder geistlos, wenn es dann doch endet? Wozu der Tod, wozu
das Sterben, wozu das Ende der Liebe. das Ende der Freundschaft, das Ende der
Hoffnungen auf königlichen Reichtum und das Ende der Hoff­nungen auf Frei­heit,
Gleichheit, Brüderlichkeit, auf all die schönen Dinge, die als Versprechungen in der
Luft sind? Wozu das Leben noch wichtig nehmen, wenn es doch endet? Und zwar
nicht irgend­wann, sondern jetzt. Nicht buchstäblich und wortwörtlich jetzt, denn
noch sitzt er ja hier und tippt diese Buchstaben, aber als jemand, in den das Wissen
des Todes hineingefahren ist wie ein Dolchstoß, ist er geschockt und im Inneren
steif und starr. Auch wenn er es nicht wahrhaben will!

Wozu also? Wozu all die Anforderungen noch wichtig nehmen, das Leben ver­dienen,
den Unter­halt verdienen, für die Familie sorgen, mit der Gemeinschaft leben, ein
braver und vorbildlicher Mann sein, wenn das Vorbild dann doch das Zeitliche segnet?
Wozu das ganze Streben, wozu sitze ich hier noch herum, warum lasse ich nicht end­lich
den lieben Gott einen guten Mann sein und gehe hinaus aufs freie Feld und in den tiefen
Wald, um den Fuchs und den Bären und vielleicht auch den Wolf zu begrüßen? Es bleibt
ja nichts von dem, was ich hier tue, über diesen Moment hinaus; es leibt und lebt nur jetzt
– wenn und soweit es denn lebt! In den Fluss der Zeit gelegt, lebt es nur weiter, wenn
jemand es heraus­zieht… Wenn jemand das Kästchen öffnet, „und siehe das Kind es weint.“
Dann auf einmal verbindet uns etwas, Mitge­fühl, Mitleidenschaft (com­passion), Brüder-
lichkeit verbin­det uns – natür­lich auch über mein Verschwinden hinaus. Die Worte sind
ja lediglich das Kästchen, in das ein Autor sein Innerstes, seine Ahnungen und Hoff­nun­gen
hinein legt, alles, was er mit dem Wort Bär und Wolf und mit dem Wort­paar Leben und
Tod verbindet, doch heraus­neh­men kann es nur das Mitgefühl des Lesers.

Was bedeutet es, wenn der Mensch sagt „ich bin sterblich“?

Der unstete Geist wandert sofort fort von diesem Ort, der durch diesen Satz (wie eine
Lichtung im Wald) geöffnet wird. Sofort hinweggerissen von der Zeit. „Irgendwann“,
ruft er voller Angst und Panik, „ja, irgend­wann, ich weiß es schon, doch lass uns jetzt
bitte von etwas Anderem reden.“

Nachgeborener Zwilling: Na gut, aber wovon sollen wir stattdessen reden? Welches
Andere meinst du?

Erstgeborener Zwilling: Etwas Schönes. Etwas Beruhigendes. Etwas, was mir die
Angst nimmt.

Nachgeborener Zwilling: (Singt)
Und da Heidschi-Bumbeidschi is kumma
und hat ma mei Büaberl mitg’numma.
Er hat ma‘s mitg’numma und hat‘s nimma bracht,
drum wünsch i meim’ Büaberl a recht guate Nacht.
Aber Heidschi-Bumbeidschi bum bum!
Aber Heidschi-Bumbeidschi bum bum.

Erstgeborener Zwilling: Oh schön, das erinnert mich so schön an die Stimmen
der Tanten und der Mutter, an die große Küche, in der manchmal alle zusammen
saßen und sangen. Auch wenn die erste Strophe a bisserl unheimlich war (singt auch):
Aber Heidschi-Bumbeidschi, schlaf lange / es is ja dein Muater ausganga / sie is ja
ausganga und kimmt nimma hoam / und lasst dös kloa Büabale ganz alloa. / Aber
Heidschi-Bumbeidschi bum bum! / Aber Heidschi-Bumbeidschi bum bum.

Nachgeborener Zwilling: Als Kinder „wussten“ wir doch, dass es der kleine Tod war,
der das Büberl mitnimmt und nicht mehr zurück bringt; der Bub soll ja jetzt Ruhe
geben und nicht in zehn Minuten noch einmal aufwachen und quengeln. Ja, das
Wort trifft es glaube ich ins Herz: wir wussten es, so wie wir auch wussten, dass
Leben und Tod zusammen gehören, ich erinnere mich nicht, jemals Angst gehabt
zu haben, nicht mehr aufzu­wachen.

Erstgeborener Zwilling: Gut, mein Freund, ich sehe, was geschehen ist: Du hast
meiner Angst ein Wiegenlied gesungen und sie beruhigt. Du hast sie an den Zu­stand
zuvor erinnert, wo es noch etwas gab (etwas Schönes, etwas Beruhigendes), was
dennoch die Welt nicht zerschnitt.  Den Himmel nicht von der Erde trennte, denn
das ist ja wohl der Hintergrund der Angst – so wie du es siehst.

Ja, so ist das wohl: was sterben will (und natürlich auch nicht will), ist die Idee,
oder das Verlangen…, alles selber machen zu müssen. Zuerst und so lange es geht
alles sel­ber machen wollen, Kontrolle, Kontrolle, und dann die Erfahrung „ich schaff
es nicht“, aber da ist zu spät, noch umzudenken, da sind wir dann bereits auf dem
ab­steigenden Ast. Wir verlieren die Kon­trolle … über alle möglichen Körperöffnungen;
zum Beispiel können wir nicht mehr weghören, wenn irgendwo jemand vom Tod und
vom Sterben spricht. Also, lass die Idee zu Grunde gehen, dass du alles selber machen
musst und kannst. Es ist gut, wie es ist.

Was endet, ist gar nicht das Leben. Wer sagt „mit dem Tod ist alles aus“, es sogar
mit einem angriffslustigen Unterton sagt, der sagt vielleicht „zwi­schen den Zeilen“:
„Ich traue mich gar nicht, voll ins Leben einzu­tau­chen“. Mit dem Tod endet nicht
das Leben, sondern die Zeit
, die Erden­zeit des Erdenwurms, um es ein wenig poetisch
zu sagen, aber das Leben als Ganzes, zum Beispiel als die Frage nach seinem Woher
und Wo und Wohin, endet offensichtlich nicht. Auch für dich nicht, Vater. Sonst
kämst du ja hier in und zwischen diesen Zeichen gar nicht vor.

paul-klee-engel

Paul Klee, (Engel) woher? wo? wohin?

 

Für Eltern und Großeltern und für alle weitere Ahnen, für Tanten und Cousins,
die gestorben und begraben sind – das Einzige, was mit Gewiss­heit gesagt werden
kann, ist, dass ihre Zeit hier in dieser Welt und auf dieser Erde zu Ende ging. Ihre
Erdenzeit eben. Aber ihr Leben? Ist das denn kein Leben, wenn ich zum Beispiel
an meinen Vater „denke“, mich an den Brustton erinnere, mit dem er sagte „das
eine glaube ich, dass mit dem Tod alles aus ist“, und wenn ich diese Aussage immer
wieder und bestimmt so lan­ge meine Zeit hier dauert, mit den anderen Ereignissen
in seinem Leben verbinde? Mit ihm in mir spreche? Wir denken gering vom Leben,
wenn wir es auf den schma­len Grat zwischen Geburt und Tod beschränken.

Ich weiß ich sterbe ganz /
daher rührt der schwache Trost /
der mir die Kraft verleiht /
außerhalb der Poesie fortzudauern.

Um ehrlich zu sein: ich verstehe diese Verse nicht. Aber sie gefallen mir. Und man
braucht ja diese Kraft, „außerhalb der Poesie“ zu existieren, d.h. im Leben mit
seinem brutalen Anspruch, den Unterhalt verdienen zu müssen, zu über­leben.
Sonst verhun­gert man. Aber wie und warum hilft dabei „ganz“ zu sterben? – Ich
sterbe aber nicht nur ganz, sondern auch jetzt, es vergeht diese und jene Erinne­rung
und mit ihr diese und jene Zelle im großen Hirn. Noch ganz ohne Alzheimer. Meine
Vorstellung von Leben und Tod als einem Ereignis kommt und vergeht, lebt und
stirbt, schwillt an und ab. Der Stachel des Todes – wozu? Ich weiß ich lebe ganz,
noch das Vergan­gene und Abge­storbene, alles, was im Dunkeln stecken geblieben
ist und alles Unge­löste lebt und stirbt, kommt und geht mit jedem Atemzug, bis
dann endlich das ganze Hin und Her von leben und untergehen aufhört zu erscheinen.
Aber dass leben und sterben, indem sie aufhören zu erscheinen, auch auf­hören zu
sein, das zu sagen, Vater, schießt über das hinaus, was wir wissen können.
Was du wissen konntest.

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* * *

Im alten Wissen sieht das Sterben im Zusammenhang mit dem Essen der
Frucht des Baums der Erkenntnis von gut und böse. Von Anfang an ist der
Begriff des Sterbens umstritten zwischen Gott und Schlange. Gott gebietet
dem Menschen: „Vom Baum des Wissens gut und böse iss nicht, denn an
dem Tag, an dem du davon isst, stirbst du den Tod.“ (Gen. 2.17) Die Schlange
sagt zu Eva: „Du wirst nicht den Tod sterben… sondern an dem Tag, an dem
ihr davon esst, öffnen sich eure Augen und ihr werdet sein wie Gott, wissend
gut und böse.“ (Gen. 3.4 und 3.5)

Wir lesen die Geschichte – und wissen einfach nicht, was und wem wir glauben
sollen. Denn tatsächlich „leben“ Eva und Adam ja „weiter“, sie fallen nicht „tot“
um, nachdem sie vom Baum des Wissens gegessen haben. Gott hatte doch gesagt,
an dem Tag, an dem du davon isst, stirbst du. Wort­wörtlich wahr ist das offenbar
nicht: sofort stirbt er nicht, der Mensch. Die Schlange aber sagt, an dem Tag, an
dem ihr davon esst, werdet ihr sein wie Gott. Das scheint schon eher einzutreffen,
wenn wir anschauen, was möglich geworden ist an technischen Eingriffen zur
sogenannten Verlängerung des Lebens. Und doch, selbst wenn der Mensch
gewor­den ist wie Gott, kommt dennoch der Tod in die Welt mit diesem Geschehen:
der Stachel des Todes, der Skandal des Kreuzes, das Rätsel des Leidens und der
Abgrund des Verzweifelns. In eine Schöpfung, die ursprüng­lich auf der Hingabe
(des Schöpfers) beruht, kehrt der Tod ein. Das Geschöpf, das schon vom Ursprung
her im Bild und Gleichnis des Schöpfers steht, wird an den Ort der Freiheit gestellt.
Hier bist du nun, also wähle. Und er wählt das Versprechen der Gottähnlichkeit.
Um von nun an mit beiden „Bedingun­gen“ zu leben: sowohl die Prophezeiung
„du wirst sterben“ als auch die andere,„die Augen werden sich euch öffnen“, sind
wahr geworden.

Aber: Haben sich unsere Augen auch geöffnet in Bezug auf das Sterben? Ist der
Tod und das Sterben gut? Oder ist er böse? Fucking good or fucking bad? Man
hört heute in Zeiten der künstlichen Lebens­ver­längerung manchmal, dass der
Tod als Erlösung kommt. Gut also. Und bestimmt kommt er manchmal auch
als Schock und Schrecken, ein Kind zum Beispiel, unheilbar krank, was für ein
Skandal. Böse also. Gut, dass wir unter­scheiden können. Aber „helfen“ kann
uns so ein Wissen nicht, wenn wir vom Tod gepackt werden, und er uns unge-
legen kommt. Und warum kommt er so oft ungelegen? Weil wir am Leben hängen.
Und warum wollen wir alle neunzig oder hundert Jahre alt werden? Weil wir
hoffen, dann sagen zu können, jetzt ist es gut. Weil wir hoffen, dann lange genug
gelebt zu haben, um loslassen zu können.

Lange leben… ist das unser Ersatz für ein ursprüngliches Leben?

So dass lange leben in Wirklichkeit (d.h. im Ursprung) lange sterben bedeutet?

Lang leben ist gut, meint der Mensch, kurz leben sei nicht gut. Von der
natur­wissen­schaftlichen Vorgehensweise verwirrt denkt er sogar, es sei
eine gute Nachricht, dass unsere Sonne erst in einer Milliarde Jahren erkaltet.
Wieso erst? Der Samen dieser Untergangsberechnung hat sich schon jetzt in
unserem Geist eingenistet. Ja klar, so denkt er gewöhnlich, der Mensch: erst
in einer Milliarde Jahren – dann geht es mich ja jetzt noch nichts an. Oh, oh,
oh „werch ein Illtum“ möchte ich mit Ernst Jandl sagen! Vater! Denn er stirbt
dann doch, auch wenn er lange lebt, ja er ist sich sogar sicher, dass nach dem
mehr oder weniger langen Leben „alles aus ist“. Vorbei, aus Äpfel amen.
Warum ist er so sicher? Weil er ja schon sein ganzes Leben lang gestor­ben ist.
Den Tod als „alles aus“ schon kennt. Ach, Vater, im Großen und Ganzen
stimmst du mir doch zu, jetzt, nachdem du schon vierzig Jahre lang nicht
mehr in der Zeit lebst.

Wir haben noch nicht gesagt, was dieses Sterben, von dem sowohl Gott als
auch die Schlange so unver­mittelt sprechen, eigentlich ist. Beide verwenden
das Wort in einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass wir uns nur wundern
können. Denn wenn wir uns nur einige von den Wörtern anschauen, die in
der deutschen Sprache eine ver­gleichbare Bedeutung wie „sterben“ haben,
erleben wir das volle Spektrum – und da ist dann keine selbstverständliche
(schein­bare?) Eindeutigkeit mehr.

Synonyme der deutschen Sprache für das Wort sterben:

scheiden – schlafen – fahren – gehen – fallen – schließen – aufhören – schwinden;

zugrunde gehen – eingehen – heimgehen;

ins Gras beißen – verrecken – krepieren – den Löffel abgeben – den Arsch zukneifen
– abkratzen – abfahren;

sein Haus bestellen – (mit dem Tode) kämpfen;

vollenden – erreichen – besiegeln – krönen – zum Abschluss bringen;

innehalten – die Tafel aufheben;

durchs Ziel gehen – der letzte Ton verhallt – der Vorhang fällt;

zum Stillstand kommen – ausbleiben – verhallen – verklingen – ausklingen – austönen.

Von „sein Haus bestellen“ und „krönen“ bis hin zu „verrecken“ und „abkratzen“
reicht das Spektrum. Innehalten und ausklingen tönen noch „gut“, während
zugrunde gehen und schwinden nicht gut erschei­nen. In der Vielfalt der Nuancen
von gut und nicht gut wissen wir nicht mehr ein und aus … Ist es das, was
„eine Etage weiter oben“ (von Gott und von der Schlange) mit sterben gemeint
ist? Dass wir – schon lange – nicht mehr ein noch aus wissen?

♦ ♦ ♦

♦ ♦ ♦

Pause! Besinnung! Was hat sich bis jetzt gezeigt? Es hat sich gezeigt, dass wir
eben nicht wissen, was sterben bedeutet, trotz der klaren Wor­te Gottes und
der Schlange, die beide offen­bar keinerlei  Schwierigkeit haben zu verstehen.
Wir wissen auch nicht, wann es anfängt und ob es je aufhört. Und zuletzt
wissen wir nicht einmal ob wir es gutheißen oder hassen sollen, so als ob die
Früchte des todbringenden Baums plötz­lich nach gar nichts schmeckten.

Gehen wir hinüber zur Sprache des Jenseitigen: Hebräisch, vom Wort eber,
bedeutet „auf der anderen Seite“. „Hier“ – auf der Seite der Memoirenwerkstatt,
„dort“ – auf einer hier nicht existie­ren­den Webseite des Autors. Sterben heißt
im Hebräischen (ohne uns jetzt viel um Gram­matik zu kümmern) met,
geschrieben mit den beiden Zeichen mem und taw. Tod heißt im Hebräischen
mawet, geschrieben ebenfalls mit mem und taw, aber in der Mitte noch das
Zeichen waw, das „und“ bedeutet. Die Zeichen (Buchstaben) sind im Hebräischen
zugleich Zahlen, eben „jen­seitige Zahlen“, also eigentlich Qualitäten. So gesehen
ist sterben vom Jensei­tigen her das Sein im Bereich der Zeit. Die Zeit wird nämlich
mit der Zahl und Qualität 40 verbunden (dem Zeichen mem), und die Zahl 400
(das Zeichen taw) weist auf das Ende der Zeit selbst hin. Die äußerste Grenze
dessen, was überhaupt noch erscheinen kann. Das Sterben dürfen wir also als
unser Dasein wieder­er­kennen, wie wir es hier im „Wasser und Fluss der Zeit“
erleben, ohne Ausblick auf etwas anderes als Zeit. Zeit, und immer nur Zeit
rings um­her, und dann noch das Ende der Zeit – das ist sterben und tot sein.

Es ist also durchaus dasjenige, was „viele“ Menschen als Leben verstehen.
„Mein Leben“ ist mein Sterben, sobald es nur den Fluss der Zeit sieht und
auf dessen Ende „starrt“.

Der letzte Abschnitt wäre ohne das Werk Friedrich Weinrebs und ohne den
Durch­bruch, den er für alle Menschen geöffnet hat, undenkbar. Ob die Zeit
schon reif dafür ist, dass die Menschen heute Weinrebs Durch­bruch annehmen?
Das Prinzip verstehen? Das Prinzip ist, dass das Wort nicht in der Zeit verschwin-
det, sondern auf den Wassern treibt, bis es gefunden wird und sich jemand
seiner annimmt. Das Wort Tod zum Beispiel, im Hebräischen gebildet aus
dem Bild des Wassers verbunden mit dem Bild des letzten Zeichens, dem
Zeichen des Endes. In der Zeit hast du ange­fan­gen, Vater, gefangen von den
Verlockungen deiner Zeit, hast du dein Sterben in der Zeit beendet, ohne je
zu einem Jen­seits der Zeit durchzubrechen. Du hast an die Berechenbarkeit
der Zeit (und also auch der Welt) geglaubt – ein starker Glaube. Und dann
wurden doch alle deine Berechnungen über den Haufen geworfen – du weißt
was ich meine. Dein Herz! Sterben bedeutet – vom Hebrä­ischen her gesehen –
in der Zeit ver­bleiben. Und das liegt ja nun hinter dir. Man könnte sagen:
Anstatt das Zeit­liche zu segnen, wie es die vergessene Redensart nahe legt,
wird das Zeitliche fest­ge­halten und als „alles was der Fall ist“ missverstanden.
Segnen bedeutet nämlich, wiederum vom Hebräischen her gelesen, dass der
Sache, die gesegnet wird, das ihr entsprechende Gegenüber gegönnt wird.
barach, segnen, mit den Zeichen beth resch kaf geschrie­ben, in Zahlen
2 – 200 – 20. Zweiheit in allen drei Zeiten, Vergangen­heit, Zukunft, Gegen-
­wart. Der Vergan­genheit Zwei­heit schenken, bedeutet, sich nicht auf das
Böse zu fixieren, das war, sondern dem, was geschehen ist, neues Leben zu
gönnen: ver­geben, ver­zeihen, anderen, mir. Und der Zukunft Zwei­heit schen-
ken bedeutet, sich nicht einfangen zu lassen von der Untergangs­stimmung,
sondern allen, sogar den Feinden, Tage der Freude zu  gönne. Und der Gegen-
wart Zweiheit zu geben bedeutet, seine täglichen Träume nicht zu ver­ges­sen,
für die die Herren der Welt nur das verächtliche Wort Schäume bereit halten.

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Das Zeitliche segnen: das Kreuz von Zeit und Ewigkeit tragen

 

Das Zeitliche segnen bedeutet so gesehen eben gerade nicht sterben,
sondern wirklich leben. In und mit und durch die Zweiheit leben.
Sterben bedeutet vielmehr: an der Zeit hängen und die Zeit als ein Gut
wahr­neh­men, von dem man nicht genug haben kann. Als das einzige Gut.
Den neuen Gott. (Time is money…)

Aber er lebt doch, sagt man dann, und deutet seit fünfzig Jahren auf den
hektisch durchs Büro und über den Hof rennenden Manager und seine
Managerkrankheit. Der immer auf die Uhr schaut. Bei Michael Ende,
in seinem inspirierten Märchen von Momo, sind aus den Managern
„graue Her­ren“ gewor­den, die den Menschen die (lebendi­ge) Zeit stehlen.
Ja natür­lich lebt er, der in der Zeit zu Grunde gegan­gene Mensch, du Vater,
hast ja auch gelebt, aber du bist eben auch [schon während deines Lebens]
gestorben in deinem Verhaftetsein in der Zeit. So viel tote Zeit, sagt Momo
am Ende. Weißt du, womit man die Managerkrank­heit heute assoziiert?
Mit Gefühls­blindheit… das hat mich doch sehr verblüfft. So zu sprechen
wäre zu deiner Zeit noch nicht möglich gewesen! Du weißt ja, dass der Sohn
so etwas gerne auf den Vater projiziert. Lieber dir das Kleid der Gefühlsblindheit
überwirft, als es an sich selbst wahrzu­neh­men. Doch die Zeit wird kommen,
dass er die Gefühlsblindheit auf sich, und auf sein Leben, und auf seinen
jetzigen Zustand bezieht. Das Sterben, mit seiner Ausgangs­be­deutung „starr
werden“ bringt dann als tot sein in der Zeit doch etwas Neues hervor. Voll-
kommen unerklärlich: Die Zeit ist also doch nicht steril, doch nicht unfrucht-
bar, doch nicht nur tot. Doch nicht nur Zeit!

Es verhält sich offensichtlich mit dem Sterben dann doch ganz anders,
als wir immer vermuten.

Was ist das für ein Ort, von dem aus wir die Zeit und das Zeitliche seg­nen
(können)? Wo findet er sich? Eins ist klar: hier ist er nicht, denn hier bin ich
doch tief einge­taucht in Sein und Zeit und die Grund­stim­mung des Besorgt-
seins. Dort also? Dort ist dieser Ort? Was für ein sagen­haftes dort ist gemeint?
Befragen wir die Sinne, also zum Beispiel die Augen, dann ist dort  alles, was
sich außer­halb des Blickfelds befindet. Der Seher ist seit alters her blind –
kein Philosoph, kein Gelehrter kann sich das heute leisten. Alle wetteifern
um den schärfsten Blick. Unsere Zeit starrt mit weit aufgerisse­nen Augen
auf das Weltge­schehen, mit düsteren Ahnungen und einem schlechtem
Vor­­geschmack, kommt aber über den Horizont des Befürchteten nicht
hinaus. Sie kennt nur die Verlängerung oder Verschlimmerung des bereits
Dagewesenen, der Blick ist auf Sensationen und Katastrophen fixiert. Um
das Kom­men des Guten und Schönen wahrzunehmen, mitten in den Heim-
­suchun­gen, die jeden Tag in der Zeitung zu bestaunen sind, müssen die
Sinne für das Hier und Jetzt, wie es diesen Sinnen er­scheint, blind und
taub und unempfindlich werden. Das Blickfeld ist starr, der Be­reich des
Hörens und Fühlens ist fest – nur, was immer schon und von allen gehört
und gefühlt wurde, hat darin Platz. Starr und steif ist der Apparat, mit
einem Wort: abgestor­ben. Er  funktioniert, ist aber tot.

Der Ort, von dem aus wir die Zeit und das Zeitliche segnen können, ist
der Ort, an dem auch die Liebe entspringt. Der Ort, an dem die Zeit still
steht. Der Ort, an dem die sogenannten Gegensätze, mit denen uns der
Wis­sens­baum bombardiert, „auf­ge­hoben“ werden, so wie wir die Gläser
auf­he­ben werden, wenn wir auf dein Wohl trinken. Bald feiern wir doch
dei­nen 100. Geburtstag. Deinen Durchbruch. Kein funk­tionierender,
daheim­ge­bliebener Sohn mehr, sondern einer, der durchs Nadel­öhr
gegan­gen ist. Alle Selbstgewissheit ist endlich weg, und zurück bleibt
nicht der  nagen­de Zweifel, ob „ich“ auch gut genug bin für diese Welt,
sondern das ein­fache Nicht­wissen: Es [was immer es sei] gefällt mir und
es gefällt mir nicht, kannst du dann sagen, oder: ich schmelze hin vor
Begeisterung und  ich bin starr vor Ent­setzen, oder: ich hasse ihn und
wenn ich ihn nicht liebe wer dann? Steuererklärung machen und dabei
sterben und  Steuererklä­rung machen und am Leben bleiben. Die Frucht
des Wissens „es ist aber so und nicht anders“ ist ausgeschieden, der sie
gegessen hat, ist gestor­ben: übrig bleibt der, der auf einer neuen Stufe
nicht weiß – und lebt.

Das ist ein Traum, mein Lieber.

Ja, ein schöner Traum.

♦ ♦ ♦

♦ ♦ ♦

 

Und nun, die Herausforderung annehmen, der Überforderung nicht ausweichen.
Zum väterlichen Freund, zum Lehrer, zur gefürchteten Autorität selbst hingehen
und zu ihr sprechen. Mit Angst in der Kehle. Ihm erzäh­len, was ich da eigentlich
mache, was das eigentlich für ein Denken ist, das Geburt und Tod zum Ereignis
bindet, leben und sterben als eine Bewegung erkennen will. Dieses Gespräch in
der Welt der Vorstellungs­­kraft erschaffen und herausfinden, wie er rea­giert. Ich
setze dem jüdischen Weisen noch den deutschen Denker hinzu, den Meister aus
Deutschland, stelle mir vor, wie die beiden da in Sigmaringen ihr Gespräch haben
und ich stelle mir weiter vor, dass ich an die Tür klopfe, auf ihr „herein!“ warte und
mit meinen vier Bildern hineingehe und sie bitte, ihnen etwas zeigen zu dürfen. Sie
schauen sich gegen­seitig an. „Werden wir jetzt durch den jungen Mann gestört…
oder bringt er etwas, was sich in unser Gespräch fügt?“ „Er könnte doch sogar der
sein, auf den wir warten…?“

Der nachgeborene Zwilling: Ich habe drei Bilder gemalt, Leben, Tod und Leben.
Und nun hoffe ich,  Worte zu finden, die das Bild beschreiben und das Leben
öffnen. Die es durchsichtig machen, so dass es dann auch gelebt wird und der
Mensch nicht nur existiert. Die den umlaufenden Raum des Lebens ebenso
auf­schließen, wie seine Höhe und Tiefe. Die das Ende des Lebens nicht mit
seiner Totenstarre verwech­seln. Denn warum sollten wir auf den Tod starren?
Doch nur, damit wir mitten im Starren verwandelt werden. Damit uns der
verlorene Baum des Lebens neu erscheint. Damit wir wieder in Fluss kommen,
wieder in Schwingung geraten, wieder Teil vom Ganzen werden.

Hier begegnen sich das Leben als Wort / Seele / Geist, das von oben kommt,
und das Leben als Form / Stoff / Materie im Ereignis.

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Leben, dominiert von Wissen und Wachstum, Leben als Berg- und Talfahrt,
als Wille zur Macht – hat Kontakt zum Leben, das uns geschenkt ist.
Ein Geschenk, an dem wir uns freuen wie Kinder.

Der Meister aus Deutschland: „Das war eine dichte Rede, junger Mann,
Sie haben da alles reinge­packt, was ich mit anderen Worten und viele Jahre
lang versucht habe, vom Ereignis zu sagen.“

Der Lehrer: „Und wo ist die Liebe?“ – (Die leise Stimme, nicht im Sturm,
nicht im Feuer, eine Stimme leise verschwebenden Schweigens.)

Der nachgeborene Zwilling: Die Liebe ist da, wo die vorweg  genomme­nen
Wege von der Bahn ab­wei­chen. Die weiße Bahn weicht ab und geht ganz mit
nach unten; die dunkle Bahn weicht ab und sucht den Weg ganz nach oben,
ins völlig Unerklärliche.  Ich glaube, was ich eigentlich sagen will ist dies:
Sterben, Tod, Trauer, Verzweiflung, mit einem Wort: am Ende sein, werden
doch von der Liebe gehalten. Die Liebe geht mit bis in den letzten Abgrund,
und der von der Liebe getra­gene Leib geht mit bis in die letzte Speku­lation.
Trotz der Abge­schnit­ten­heit, die überall vorherrscht, kann doch der Glaube
an die Einheit leben.

Der Lehrer: Glauben ist ja auch leben. Das Rätsel des Menschen, der Welt
und der Erde, das Geheimnis Gottes werden nicht zerstört. Sondern über-
liefert. Da ist auch das Ausgeliefertsein enthalten. Sich ausliefern ans
Ausgeliefertsein. Gegen alle Erwartung…

♥ ♥ ♥

Louis Lau, März 2013 / September 2013 / September 2014