Die Erinnerung ist jetzt

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Manche Menschen sagen: Wozu soll ich mich erinnern, ich lebe jetzt.
Das Alte habe ich über Bord geworfen. Meine Cousine Jenny war so
jemand, auch ihre Mutter, meine Tante Erika, hat das einmal zu mir
gesagt.

Wozu soll ich mich erinnern? Wegwerfend und herausfordernd erscheint
mir diese Frage, als wüsste sie schon, dass sie keine Antwort bekommen
wird. Ich habe lange keinen Halt angesichts eines solchen Sturms gefunden,
habe mit den Achseln gezuckt und bin in eine innerliche Besserwisserei
geflüchtet. Dass es wichtig ist, sich zu erinnern, stand für mich fest. Aber
ich fand keine Worte, um mit dieser anderen Haltung, die das Erinnern
ablehnt, ins Gespräch zu kommen.

Bei meiner Tante ahnte ich, dass es „schlimme Erinnerungen“ waren, etwas,
was sie als Kind oder Jugendliche erlitten hatte. Vielleicht hatte sie Angst,
das alles noch einmal zu erleben? Vielleicht war sie froh, es irgendwo weit
weg verräumt zu haben, wo es sie nicht weiter störte?

Wenn ich nun darüber nachdenke, dann scheint mir, dass man immer nur
zu sich selbst sagen kann: Erinnere dich doch. Schau hin, wie es war und
schau an, wie alles kam. Und wenn es gut ist, wie es jetzt ist, dann weckt
die Erinnerung das Gefühl der Dank­bar­keit. Wenn es nicht gut ist, dann
weckt die Erinnerung die Kräfte, die es anpacken, damit es doch noch gut
werden kann.

Das alles kann man nicht von außen beurteilen, ich muss es selber „sehen“.
Einsehen, sagt man, „etwas einsehen“, damit das Gesehene in einen hinein geht.

Die Erinnerung ist kein Zurückschauen, als ob das Leben der Vergangenheit
in ein paar Schubladen verräumt werden könnte. Erinnerung bedeutet nicht,
etwas zu wiederholen. Als ob ich wüsste, was und wie es gewesen ist und jetzt
gebe ich es eben noch einmal wieder. Das ist keine Erinnerung, sondern ein
„goldenes Kalb“, selbst gemacht und schlüssig. Der Erzähler „weiß“ es nicht,
aber er kann es erzählen. Erinnern, so wie ich es sehe, ist damit verbunden,
immer wieder von sich selbst und seiner Perspektive abzusehen und damit
auch von den eigenen Ängsten und Hoffnungen. Ich kann sagen, „es war
schrecklich“ oder auch „es war verwirrend und ich war total durcheinander“
– aber jetzt schaue ich darauf und jetzt befinde ich mich in einem anderen
Raum und jetzt kann ich klar sehen und bin nicht mehr verwirrt.

Sobald ich aus den „Wiederholungsschleifen“ meiner „Pseudoerinnerungen“
heraustrete und hinschaue, wirklich hinschaue, fängt die Erinnerung an und
das Leben beginnt. Ich spüre, wie Munterkeit, Trauer, Schmerz, Sehnsucht,
Freude in mich einziehen und dann wird mir auch bewusst, dass es keine
„Vergangenheit“ gibt. Nichts ist vorbei, alles lebt, und was tot war und in die
Ecke gestellt, reckt und streckt sich.

Wenn es keine Vergangenheit in diesem Sinn gibt, d.h. wenn es einleuchtend
erscheint, dass die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, sondern weiter lebt,
dann gilt dasselbe womöglich auch für die Zukunft. Mir Sorgen und Gedanken
um die Zukunft zu machen, ist derselbe Mechanismus: Wiederholungsschleifen
meiner „Pseudo­erinnerungen“, diesmal auf das Morgen projiziert. Nirgendwo
ein verlässlicher Halt, nirgendwo ein ehrliches Wort zu dem, was am Ende stehen
wird.

Erinnere dich! Hattest du jemals eine Zukunft? Oder war es nicht so, dass du
unbe­schwert von irgendeinem Morgen in deinem Jetzt lebtest – wenn du an
jene Augen­blicke denkst, die dein Leben ausmachen? Dass weder die Vergan-
genheit noch die Zukunft eine Rolle spielten?

Es kommt darauf an, das Leben zu gewinnen und sich vom sicheren Tod nicht
unterkriegen zu lassen.

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Was für ein buntes Treiben: Nervenzellen beim Erinnern.