Der grosse Weg

Das Buch der Bücher,
das Lied der Lieder,
der Ursprung der Ursprünge

Endlich der Lob- und Preis- und Dankgesang
für den Vater und die Mutter und für ALLES,
dem ich Leben verdanke
Louis Lau

Die Bibel, das Alte und das Neue Testament, und insbesondere die Thora, mit der alles anfängt,
sind entgegen der so weit verbreiteten Auffassung für den Autor keine im engeren Sinn religiösen
Schriften. Das heißt, sie sind seiner Meinung nach nicht zuerst für organi­sierte Religionen, Priester,
Schriftgelehrte, Benedik­tiner und Franzis­kaner, Katholiken oder Protestanten, Juden und Christen,
sondern für Menschen. Für den Menschen – auch wenn das sehr unzeitgemäß klingt. Deshalb
könnte man diese Schriften genauso gut human nennen oder auch Literatur und Poesie.
„Anrufung des Großen Bären“ zum Beispiel.

Es sind Schriften, in denen dem Menschen, der liest und hört, mitgeteilt wird, was es mit dieser
Welt und mit ihm selbst, mit seinem Dasein als Mensch, seinem Kommen und Gehen, auf sich hat.
Es sind Offen­barungen – in dem Sinne, in dem wir dieses schon kaum mehr verständliche Wort
heute viel­leicht doch noch verstehen können: wenn nämlich ein Mensch einem anderen sich
offenbart und ihm sagt, wie er im Innersten zu ihm steht und wie es um ihn selbst bestellt ist.

Diese Sicht auf die Bibel und die Heiligen Schriften ist nicht ganz vergessen, aber sie ist nicht
die herrschende Sicht – selbst dann nicht, wenn das Wort Offenbarung manchmal recht ge­läu­fig
ausgesprochen wird. Die herrschende Sicht ist die Sicht der herrschenden religi­ösen Führer und
Verwalter: Gott gehört dann nicht mehr zuerst zum Menschen, hat sich nicht zuerst dem Menschen
offenbart, sondern er gehört dem Priester, der Spezial­kenntnisse hat, wie man richtig opfert und
betet, der Gott und die Welt des Heiligen für den Menschen zusammen mit den Schriftgelehrten
verwaltet.

Dass sogar der Priester und der Schriftgelehrte zuerst und im Wesentlichen Aspekte des Menschen
sind, kann in einer organisierten Religion nur schwer erkannt werden.

Diese Sicht auf die Bibel als Offenbarung für den Menschen, unvergleichlich eindring­lich, auch
unvergleichlich im Verhältnis zu aller wissenschaftlichen und technischen Erkenntnis, ist für
mich das Große, das mir in meinem Leben begegnete. Was mich auch in gewisser Weise aus-
­schließt und herausstellt. Mir ist sozusagen der Schlüssel zu einem wirklich und wahrhaftig
lebendigen Leben geschenkt worden, und ich habe ihn erkannt und angenommen. Für mich
ist es im Grunde genommen immer noch völlig unfassbar, dass dieser Schlüssel von so vielen
meiner Mit­menschen gar nicht gesehen wird. Er liegt offen da und wird nicht erkannt.

* * *

Wer so spricht, wird heute leicht als Fundamentalist verdächtigt. Ich selber kenne als einzige
Gruppe, der ich ein wört­liches Verständnis der Bibel unterstellen würde, die Zeugen Jehovas.
Herr Szamalovitsch, der mich vor 25 Jahren alle zwei Wochen regelmäßig am Samstagvor­mittag
besuchte. So ungefähr ein Jahr lang. Ein äußerst lieber Mensch, der halt mit seiner Familie in
dieser kleinen Kirche integriert war… Schön, dass überhaupt jemand die Bibel liest, dachte ich
damals. Dass er manches ganz anders verstanden hat, war eigentlich gerade gut. Nur ein einziges
Mal habe ich erlebt, dass er einen Vers der Bibel nicht anerkennen wollte, den Jesajavers, in dem
Gott das Gute und das Böse erschafft, das war damals im Moment zu viel für ihn.

Was ist der Lackmustest für einen Fundamentalisten? Wenn das lebendige Gegenüber, der
Mensch und sein Leben, seine Freuden und Nöte, von der sogenannten Heiligkeit und Größe
des Texts zermah­len werden, wenn also der tote Buchstabe Gewalt über den Menschen
bekommt und der dann im Namen des Toten Gewalt über andere Menschen ausübt. Da gibt
es natür­lich riesige Unter­schie­de zwischen den Religionen; in der katho­lischen Kirche mit
dem Papst an der Spit­ze, der ein Lehrverbot für diesen und jenen aus­sprechen kann, ist das
anders organisiert als im jüdischen Leben, wo die Lesarten und Kommentare des einen immer
auf gegen­teilige Lesarten stoßen, und beide überlie­fert werden. Aber ob ein lebendiger Mensch,
sei er noch so herausfordernd für mich, „von mir“ als Mitmensch geach­tet wird, und ob „ich“
mit ihm wah­ren Frieden halten kann, entscheidet sich sozusagen in einer innersten Schicht
der Begegnung. Haben die Bibel und die Schriften mein Herz geöffnet und dem Geist Gottes
Einlass gewährt? Oder benütze ich die Bibel, um mein hartes Herz mit Argumen­ten ohne
Ende noch härter zu machen? So sieht er aus, der Test, ob dieser Louis mit seiner Behauptung,
dass die Bibel eine Offenbarung für den Menschen sei, ein Rechthaber oder ein Liebhaber ist.

Ich muss damit leben, dass der mir geschenkte Schlüssel für die meisten anderen Men­schen
nichts bedeutet. Zum Beispiel diese Geschichte mit der Hand: Dass der Mensch seine Hand
gebraucht, zu welchem Zweck auch immer, und er von der Thora dieselbe Struktur für sein
Handeln erzählt bekommt; er hat doch die fünf Finger jeder Hand in der Struktur des einen
Daumens, den vier Fingern gegenüber. Der Mensch namens Adam und die Erde namens
adama haben beide die Zeichen aleph und daleth am Beginn, die das Wort ed bilden, den
Dunst, der aufsteigt um die Erde zu befeuchten. In Zahlen gesprochen ist das die Struktur
1 – 4, die wir auch als Verhältnis der Quintessenz kennen. Unsere Hand zeigt uns also, dass
es eine solche alles belebende Quintessenz gibt und dass die Weltzahl vier nicht ohne ihr
Gegenüber bleibt. Der Mensch namens Adam, 1 – 4 – 40, könnte auch als diese Quintessenz
gesehen werden, die in den Fluss der Zeit, die biblische Zahl 40, hinein gestellt ist. Der
Mensch ist dafür da, dass die Quint­essenz in der Zeit nicht untergeht. Ein Atemzug, einmal
ein- und ausatmen, steht vier Herzschlägen gegenüber. Der Baum des Lebens, ez ha chajim,
zählt 233, der Baum des Wissens von gut und böse, ez ha daath tow wera zählt 932, auch hier
das Verhältnis eins zu vier. Und nicht zu vergessen jene Stelle, an der die Thora das
eins-vier-Prinzip fast ohne Bedeckung zeigt: „Ein Fluss geht aus von Eden … und teilt sich
in vier Haupt­wasser“ (Gen 2,10). Immer wieder dieselbe Botschaft, so als wüsste der Text
schon, wie sehr wir Leser dazu neigen, ihn zu veräußern (in diesem besonde­ren Vers: an
die Geo­­graphie zu veräußern), wo dann das Einmalige der Botschaft ver­loren geht: Die
Quintessenz bleibt aber bewahrt, solange sich ein Mensch ihrer erinnert.

Neben dieser Offenbarung der Quintessenz steht eine andere Mitteilung der Bibel, die
aller­dings auch nicht direkt gesagt wird. Sonst bräuchte man ja keinen Schlüssel. Es ist
der Weg von der schlicht vollkommenen Einheit in die Welt der Erscheinung, in der alles
als Zwei­heit und Gegen­sätzlichkeit auftaucht, so dass die Einheit in der Erschei­nung als
verloren erscheinen muss. Der Weg des Menschen in dieser Welt geht aber am Ende
wieder in die Ein­heit von Anfang und Ende, Raum und Zeit, Himmel und Erde zurück
(oder auch ein). In Zahlen ausgedrückt: 1 – 2 – 1, wobei die eins jeweils unsichtbar ist,
oder genauer gesagt, in der Welt der Erscheinung unsichtbar ist und die Einheit nur auf
dem Weg der Offenbarung erlebt werden kann: Der grosse Weg des auf die Welt Kom­mens,
des auf der Welt Seins und des die Welt wieder Verlassens.

Sagen zu können, ja, so ist es, ohne wenn, ohne aber, aber mit großer Freude und im Gefühl,
der Welt nun gewachsen zu sein, ist eine unge­heure Erleichterung für den Menschen namens
Louis. (Auch wenn das im Äußeren immer wieder zu Krisen und Untergängen führt – wie bei
jedem Menschen.)

Wir leben in der scharfen, zweischneidigen Welt des siebten Tages, auf des Messers Schneide. –
Das wird so gesagt, indem wir dem Hinweis der Überlieferung folgen, dass der siebte Schöp­-
fungstag in der Bibel nicht „abgeschlossen“ wird. Von allen anderen Tagen wird gesagt „Und es
war Abend und es war Morgen Tag eins“ bis hin zu „Und es war Abend und es war Morgen Tag
sechs“, aber vom siebten Tag wird dies nicht gesagt. Wie sollen wir das verstehen? Die Überliefe-
rung antwortet so klar: Der siebte Tag ist unsere Gegen­wart. – Jeder Moment eine Entscheidung.
Die sechs Tage sind allesamt abge­schlos­sen; sie liegen dieser Welt der Zweiheit als Ursprung
zugrunde. Insbesondere der sechste Tag, an dem gegen den Aufschrei der Heerscharen der Mensch
erschaffen wurde, ist abgeschlossen: er wurde sogar eine Stunde vor Sonnenuntergang beendet,
mit einem Machtwort des Schöpfers, der „genug“ (schad) ruft und so den aufstrebenden Dämonen
(sche­dim) den Zutritt verwehrt. Er heißt in diesem Tun deshalb El Schaddai. (Und immer, wenn
einer von uns „genug“ ruft, zu sich selbst zuerst und zu seinen eige­nen Dämonen, genug mit der
Untergangsstimmung, genug mit dem „nach mir die Sint­flut“, steht er im Bild und Gleichnis.)
Der Ursprung, ein Gesche­­hen voller Vielfalt und Dramatik, aber eins. Und im Jetzt des siebten
Tages lebend, im Bilde Gottes und also „in Ruhe“, auch wenn wir „tun“ und sogar arbeiten, und
dann die Ruhe verlierend und in Verzweiflung stürzend, ersehnen wir eine andere, eine voll­-
kommene Welt, die uns dieselben Freuden schenkt wie diese, aber ohne das Leid, oder doch
wenigstens ohne das blinde Leid. Die Einheit des kommenden achten Tages. Die Tage des
Messias. Auch hier in der 1 – 2 – 1 Struktur des sechsten, siebten und achten Tags sehen wir
den großen Weg.

Auch in der Dreiheit von Ägypten (mizraim), Wüste (midbar) und Gelobtem Land (kanaan),
auch in der Dreiheit von Kreuz, Grab und Auferstehung, sogar in der Dreiheit von Vater,
Sohn und Heiligem Geist – immer diese Struktur, dieser Rhythmus, dieser Sound von
einsundzweiundeins, einsundzweiundeins, einsundzweiundeins.

Die I: Die Geburt, der Schritt von der I zur II,  ist der Tod jener Welt, aus der wir
kommen, aber wir können es mit den Augen dieser Welt nicht sehen!

Die II: Gegensatz / Auseinanderfallen von Geburt und Tod (Dasein in der II);
Leben als Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Das sichtbare Spektrum.
Wir wissen nicht woher und nicht wohin. Zerstreuung und Umkehr als
menschliche Möglichkeiten …; wenn es gut geht: Hochzeit von
Mann und Frau, Himmel und Erde.

Und wieder die I: der Tod, der Schritt von der II zur I, ist die Geburt in die
kommende Welt hinein, aber wieder können wir es mit den Augen dieser
Welt nicht sehen!

Die zwei Schritte von der eins zur zwei und von der zwei zur eins gelingen uns
unter­schiedlich. Von der Seele her ist der erste Schritt ein Hinuntergehen in die
Welt der Mate­­rie, in der das Licht gebrochen ist. Die erste Lebenshälfte, in der,
angetrieben von einem dunklen, erdhaften Willen, ein erstaun­licher, ja verwegener
Fortschrittsoptimismus herrscht, ist für die Seele ein Weg ins immer tiefere Dun­kel.
Alles ist umstritten, die Liebe wird nicht erkannt. Statt­dessen immer mehr Verlan-
­gen und Begierde nach immer mehr vom selben. Dann die Umkehr, der kleine Tod
in tausend Gestalten. Die Seele spürt, es geht nach Hause. Da­zu gehört, dass das
hebrä­ische Wort für Vater mit den beiden Zeichen aleph und beth geschrieben
und wie „aw“ ausgesprochen wird; in Zahlen geschrieben 1 – 2. Der Schritt hinunter
in die Welt der Zweiheit, den die Seele als so angst­ein­flößend erlebt, wird vom
„Vater“ begleitet. Er mutet uns den Schritt zu. Der Vater selbst ist dieser Schritt,
könnte man in poetischer Zuspitzung sagen. Die Umkehr jedoch, der Schritt von
der Zweiheit zurück, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Flucht vor der
Verantwortung in die Einsicht, dieser Schritt geht über den Vater hinaus, sie ist
ein Geschehen im Men­schen, der seine Freiheit realisiert: nicht den alltäglichen
Versuchungen nachzugeben, in der Zweiheit für immer hängen zu bleiben (Fort-
schritt und Vergnügen ohne Ende), sondern ohne Garantie und nur im Glau­ben
und in der Hoffnung, leer und befreit also, zurück­zukehren zur Einheit der Her-
kunft. Dieser Schritt geht über den Vater hinaus – in Liebe zum Vater.

Wie viele Schichten hat das Wort „Vater“? Da ist auf der einen Seite mein Vater Karl,
mein Großvater Alois, dann meine geistigen Väter (zu denen auch Frauen gehören),
dann auch unser Vater Abra­ham und wenn er, dann auch seine Söhne Jizchak (Isaak)
und Jaakov (Jakob), die alle drei Erzväter heißen. „Patriarchen“, von Vater und Ursprung.
Patriarch ist also jener Vater, der uns an den Ursprung erinnert. Was für ein langer, ja
unendlicher Irrweg, bis daraus das willkürlich herrschende und nur sich selbst genügende
Familien- oder Clanoberhaupt wurde. Vater im Anfang ist auch der, der mit Abraham
spricht, der ihm so Großes verheißt, der ihn aber auch in die schreck­liche Versuchung
führt, ihm seinen geliebten Sohn zu opfern. Auf der anderen Seite bin ich selbst ein
Vater für Magdalena, Elias und Lukas, und ein Groß­vater für Lina und Jakob. Welche
Erwartungen sind damit verbunden? Habe ich dem entspro­chen, wie ich vom Vater her
gemeint war? Und meine Kinder? Die fernen Urenkel? Geburt und Tod sind Orte, an
denen es eng und weit wird, an denen die Seele ver­zweifelt und jubelt. Hat auch Gott
selbst Angst, als er am sechsten Tag den Menschen erschafft? In weichem Gedenken
an meinen Vater Karl und an sein Leiden in dieser Welt möchte ich sagen: Ja. Und
im Mitgefühl und Vertrauen auf den Vater kann ich die Enge passieren. Dazu gehört
aber genauso das Vertrauen auf den Sohn (ben), das ist der, auf den ein Mensch bauen
(bone) kann. Und worauf ich bauen kann, kann als Tochter und Sohn (also auch als
Freund und Kollege, als Schüler und Ratsuchender) erscheinen.

Das Wort Vater, das Wort Sohn – sie bezeichnen sowohl Wirklichkeiten in der Welt
der Eins, die nur vom Wort erreicht wird, als auch Ereignisse in der sichtbaren Welt
der Zwei. Das ist exakt der Punkt, an dem der Schlüssel ins Schloss geht, der aber von
der „Wissenschaft“ nicht erkannt wird. Es ist die Sprache, die hebräische Sprache,
mit ihrer vollständig gebliebenen Struktur von Zahl, Zeichen, Wort, in der die Zeichen
nicht auf bloße Zeichen zurückgeschnitten wurden, sondern bedeutungsvolle Worte
und voll­ständige Symbole geblieben sind. So dass Leser und Hörer „ins Wort hineingehen“
kö­n­nen … Ein Wort, wie zum Beispiel das Wort Vater, aw ausgesprochen, gilt sowohl
dort wie hier. Es ist dasselbe Wort, auch wenn es dort – in der Welt der Einheit – im
Licht des ersten Tages leuchtet, anders als hier in der Welt der sieben Farben. Der
Vater dort hat die Struktur 1 – 2, der Vater hier erscheint in tausend Gestalten. Der
Vater (und ebenso jedes andere Wort der hebräi­schen Spra­che, wie es in der Thora
geschrieben steht und in der Überlieferung ohne Unterlass ge­deu­tet wird) ist eine
Offenbarung, aber nur dann, wenn das Wort nicht herüber- oder herunter­gezogen
wird in diese Welt, in der alles offensichtlich und (para­dox) eben deshalb auch
um­stritten ist. In der man doch meint, schon zu wissen, was ein Vater ist, von der
Erscheinung her eben, aus der Erfah­rung eben, vom Verglei­chen eben, und in der
man meint, dafür keine Offenbarung zu brauchen. Heraus kommt der Patriarch,
ein Erzeugnis dieser Welt.

Warum aber ist das so, dass ich diesen Schlüssel zum Ganzen dankbar angenommen
habe und andere nicht? Vielleicht ist es ja so, dass die anderen, Amos Oz und seine
Tochter Fania in ihrem Buch Juden und Worte zum Beispiel, einen anderen Schlüssel
kennen, dass sie die europäische humanistische Philo­sophie beginnend mit Spinoza
und Leibniz als einen Schlüssel für sich entdeckt haben, einfach weil sie „in einer
anderen Geschichte“ stecken? Könnte es sein, dass in diesen Zeiten jeder Mensch
(männlich­weiblich erschuf er sie) seinen eigenen, nur zu ihm passenden  Schlüssel
sucht und braucht, um das zu finden, was für ihn die Antwort ist? Und wenn in diesen
Zeiten, dann in allen Zeiten. Viele suchen ja auch gar keine Antworten auf die Fragen
der Erinne­rung, sondern Ant­wort auf die Frage „How to make a million dollars a year“,
eine Antwort, die gar nicht mit Worten zu geben ist. So wird es auch für jeden Men­schen
verschieden sein, was er mit Einssein oder Einheit (von Leben und Tod, Sein und Nichts,
Licht und Dunkelheit) meint. Dieses großartige Geschenk der Überlieferung, neu gesehen
und in der Sprache unserer Zeit für unsere Zeit aufbereitet – es wird verloren gehen
müssen, um neu entdeckt zu werden. Wie es doch bei allem ist, was wir geschenkt
bekommen:  ver­loren gehen muss der Glaube, dass man es sich doch verdient hat,
weil man ein anstän­diger und freundlicher Mensch sei, oder so ähnlich. Wenn das
Geschenk oder die erfüllte Verheißung zurückgefor­dert werden, in anderer Form
vielleicht, als Opfer zum Beispiel, dann entsteht große Empörung. Alles ist in der
Hand der Himmlischen, außer die Wertschätzung des Himmels. Und wenn sogar
ein Mensch, der einmal überzeugter Zyniker und (angstvoller) Rechthaber war, zu
einem dankbaren Leser der Bibel und Hörer vom Wort Gottes werden kann, dann
kann es irgendwann auch anderen so geschehen. Meinen „Söhnen“ (männlichweiblich)
etwa, meinen Enkeln und Urenkeln zum Beispiel. Die „Söhne“ sind das, worauf der
Mensch bauen kann. Denn auf den Messias wartet jeder Mensch, jeder mit einem
anderen Wort.

***

Das Wort „Bibel“ zum Beispiel. Das Wort, nicht gleich an das Ding „denken“.
Bleib aufmerksam beim Wort. Was sagt es? Sagt es dir etwas? Bleib beim Wort,
das hier ist kein Quiz, wo ein Wort für das andere eingesetzt und das Ganze dann
als Wissen ausgegeben wird. – Na gut, ich fange an, und immerhin weiß ich,
dass es ein griechisches Wort gibt, das ähnlich klingt, biblos. Nicht so hart „b“
ausgesprochen wie im Deutschen oder Englischen, sondern weicher, zwischen
„b“ und „w“. Lass uns sehen was die Wörterbücher selbst zum Wort Bibel sagen.

Bible (n.) early 14c., from Anglo-Latin biblia, Old French bible (13c.)
„the Bible,“ also any large book generally, from Medieval and Late Latin
biblia (neuter plural interpreted as feminine singular), in phrase biblia
sacra „holy books,“ a translation of Greek ta biblia to hagia „the holy books,“
from Greek biblion „paper, scroll,“ the ordinary word for „book,“ originally
a diminutive of byblos „Egyptian papyrus,“ possibly so called from Byblos
(modern Jebeil, Lebanon), the name of the Phoenician port from which
Egyptian papyrus was exported to Greece (cf. parchment). Or the place
name might be from the Greek word, which then would be probably of
Egyptian origin. The Christian scripture was referred to in Greek as
Ta Biblia as early as c.223. Bible replaced Old English biblioðece (see
bibliothek) as the ordinary word for „the Scriptures.“ Figurative sense
of „any authoritative book“ is from 1804.

( Online Etymology Dictionary)

Bibel f. Gesamtheit der Bücher des Alten und Neuen Testaments,
Heilige Schrift. Mhd. biblie, bibel ‘Buch, Bibel’ geht über kirchenlat. (mlat.)
biblia zurück auf griech. bíblos (βίβλος), älter býblos (βύβλος), den Namen
für die ägyptische Papyrusstaude, die nach der phönikischen Hafenstadt
Byblos, dem Exporthafen für den Papyrusbast, benannt ist. Griech. býblos m.
bedeutet daher ‘Papyrusbast, -rolle, Schreibmaterial’, später auch ‘Buch,
Schrift, Brief’. Die Ableitung griech. byblíon (βυβλίον) n., assimiliert zu biblíon
(βιβλίον) n., ‘beschriebenes Blatt, Buch’, wird in der Pluralform biblía (βιβλία)
‘Bücher’ ins Kirchenlat. entlehnt und hier (auch als fem. Singular) Bezeichnung
der Heiligen Schrift des Christentums.
(Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache)

Papyrus also, d.h. der Stoff, auf dem ein „Buch“ geschrieben sein kann. Aber Papyrus
ist ein anderes Wort. Die Verbindung kommt durch den Namen einer Hafenstadt am
Mit­tel­meer, aus der die Papyrusstaude verschifft wurde. Das Wort Bibel führt uns also
zum Namen einer (ähnlich lautenden) alten Stadt, deren Name selbst uns aber nichts
mehr sagt. Stattdessen wurde das in dieser Stadt seit dem 3. Jahrtausend umgeschlagene
Papy­rus sozusagen als pars pro toto genommen, um dann als Name für „beschriebene
Blät­ter“ bzw. Bücher und dann, als es soweit war, auch als Name für das Buch der Bücher
zu dienen. – Was sich durch diese klitzekleine Untersuchung herausstellt: Wir laufen
zwischen dem Wort „Bibel“ (dem Buch der Bücher) und dem Wort „Byblos“ (der Stadt)
und dem zwischen beiden vermittelnden Wort Papyros im Kreis. Das heißt: Nir­gendwo
finden wir aus diesem Kreislauf heraus zu einem Ursprung, zu einer Her­kunft oder zu
einem Ziel und einer Zukunft. Bei diesem Befund, der dem normalen Sprecher intuitiv
längst klar war, ja, denn schon von Anfang an hat er uns gewarnt, hier jedes Wort auf
die Goldwaage zu legen, bei diesem Befund also ist es kein Wunder, dass der Alltags­-
verstand sofort vom Wort zur bezeichneten Sache springt. Aber, muss ich hier ein-
flech­ten, er springt ja nur zu dem, was er selber mit der bezeichneten Sache meint,
in Wirk­lich­keit ist die Bezie­hung zum Wort abgerissen.

Nun, der Alltagsverstand (ein Name, der mir hier beim Schreiben einfach zuflog) wird
sagen, dass das so schlimm nicht sei, weil wir ja sowieso wüssten, was die Bibel ist,
jedenfalls für unsere alltagspraktischen Zwecke hinreichend genau. – Angesichts
dieses Übermuts bleibt mir allerdings die Spucke weg, und fast auch die Luft, so
dass ich jetzt wirklich erst einmal tief durchatmen muss.

***

Ich versuche einen neuen Anlauf. Man (also der Alltagsverstand) nennt die
Bibel auch manchmal Wort Gottes. Wer in die Kirche geht, kennt sogar die
Redewendung Wort des lebendigen Gottes. Aber man hört ja soviel und kann
sich nicht über alles Gedanken machen. Nun, darum geht es ja wohl, den
Verstand, zumal den Alltagsverstand, der immer schon weiß „wie etwas ist“
und „wie man etwas macht“ anzustoßen und aufzu­wecken. Hey, du Schnarcher!
Wach auf! Das Wort Gottes ruft dich! – Was? Das Wort Gottes? Nie gehört. –
Na dann hör mal zu.

Das Wort, nicht die vielen Worte. Verstehst du das? Was ist das Wort? Wenn
man auf ein Wort wartet, auf eine Nachricht vom verschollenen Sohn, auf ein
Wort der Versöh­nung vom geschiedenen Ehepartner, auf das Ja der Frau, um
die man wirbt, auf eine  Antwort der Firma, bei der man sich beworben hat,
als Selbständiger auf einen neuen Auftrag – dann versteht man gleich, was das
Wort ist. Erlösung aus der Ungewissheit, Freude, überfließende Freude, Ent-
täuschung und Bestätigung. Jeder Mensch kann die Gefühle nachvollziehen,
auch wenn der Sohn nicht verschollen ist. Eigentlich wartet man immer auf
ein Ja, auf das Ja des Lebens zu einem selbst und seinen Bemühungen.

Nun, das sind hübsche Umschreibungen, wie sie eben „ein armer Poet“ so vor-
nimmt, dann und wann. Jeder Poet anders und wahrhaftig auf seine Weise.
Und dann? Tja, dann verliert man sich eben in den Worten der Dichter, selbst
wenn aus ihnen dann und wann der Funke und das Feuer und der Blitz des Worts
selbst aufspringt. – Hab ich jetzt lange genug von der Vagheit der Worte und von
ihrem Vagabundieren schwadroniert? So dass ihr Lust und Unglauben gebündelt
habt, wenn ich euch jetzt davon erzähle, wie genau die hebräische Sprache sagen
kann, was das Wort ist.

Es fängt damit an, dass es nicht nur das Wort, sondern auch die Sache ist. (Wie
ja im Grunde auch im Deutschen, wenn es dazu auch der eigentümlichen Suche
des Dichter­philosophen Heidegger bedurfte, der die Verwandtschaft der Sache
mit der Sage so tief fühlte.) dawar, lautet das Wort im Hebräischen, assereth ha
dewarim sind die zehn Worte, bei uns zu den Zehn Geboten geworden. Drei
„Buchstaben“ (Zeichen) bilden das Wort, im Hebräischen werden nur die „Mitlaute“
geschrieben, die Vokale werden nicht geschrieben, sondern nur durch Punkte und
Striche angedeutet. In der Thora gibt es keine darartige Vokalisierung. Die Zeichen
haben im Hebräischen Namen, auf den ersten Blick ähnlich wie im Griechischen,
sie heißen in dem Fall daleth, beth und resch. Und jetzt der Schock! Diese Namen
sind nicht wie im Griechischen „bloßer Klang“ (alpha, beta, gamma, delta, epsilon…)
ohne Bedeutung, oder jedenfalls ohne eine uns überlieferte Bedeutung, sondern
sie sind Worte wie Türe, Haus und Kopf auch. Das Wort besteht also im Grunde
genommen nicht aus nichtssagenden, bloßen Zeichen, sondern aus sprechenden
Worten.

Durch die Türe ins Haus (gehen) und dort nach oben ins Zentrum der Steuerung.
In den Kontrollraum. Das Haus sind wir selbst, der Mensch in all seinen Facetten,
mit seinen zwei Seelen in der Brust, seinen 248 Knochen (Anm. das ist die exakte
Auskunft aus der Welt der Eins, wie sie die Überlieferung mitteilt, während in
unserer Welt zwischen 206 und über 300 Knochen gezählt werden und die Anzahl
als individuell verschieden erscheint), mit seinen Ahnen und Nachkommen – und
im Kopf sein, als eine heute seltene Metapher für „bei sich sein“, von wo aus das
alles gut regiert wird, das ist eine große Sache.

Das ist eben nicht nur eine Definition, keine bloße Bestimmung der Grenzen des
Worts, sondern eine kleine Geschichte, wie sie mir soeben „eingefallen“ ist mit
Hilfe des Zufalls, des Einfalls, dem Gott Apoll. Wie eine Aufgabe für 10jährige,
denen man Bilder zeigt, damit sie eine Geschichte dazu erzählen. Ein Spiel.

Spiel des Zufalls. Gott ist dieser Zufall, Gott würfelt doch, er spielt doch so gern,
wie jeder Mensch, solange man ihn lässt, gerne spielt und keinen Unterschied
macht zwischen mein und dein, fremd und verwandt.

נֵר-לְרַגְלִי דְבָרֶךָ וְאוֹר לִנְתִיבָתִי

Das ist der Vers 105 von Psalm 119, heute Morgen als „Verse of the Day from
Bible Gateway“ an 580 Tausend Empfänger in der Welt versandt. Von rechts nach
links gelesen und ausgesprochen ner leraglí diwarécha wiór lintiwatí (die Akzent-
zeichen deuten eine Betonung an). Man sieht mit einem Blick, dass nur die „Kon-
sonanten“ geschrieben sind; die Vokale werden für den Anfänger mit Punkten und
Strichen markiert, werden aber in der Thora selbst nicht geschrieben. Die Vokale
entsprechen dem Geist und sind frei. –

Und hier meine Übersetzung: Orientierung für mein Gehen, Licht für mein
Nachhausekommen – dein Wort.

„Dein Wort“ – warum sollte ich sofort ins Unsichtbare und Unsinnliche fliehen?
Mit „dein Wort“ ist das Wort dessen gemeint, an den ich mich wende, wenn ich
etwas zu sagen, zu fragen, loszuwerden, zu wünschen und zu sehnen habe. Meine
Mitmenschen, angefangen bei Jakob, 11 Monate alt. Meine Lieben, die mit mir in
meiner Seele woh­nen, die mir nah sind im Geist und im Herzen. Eingeschlossen
sind all jene, mit denen das Gemeinsame zerbrach, und nur noch in Bruchstücken
da ist. „Dein Wort“ kann mich aufbauen und es kann mich zerstören – so ist es
eingerichtet seitdem „du“ das erste Wort gesprochen hast. Ob ich mich empöre
oder ob ich mich füge – dein Wort behält seine Kraft. Das liegt daran, dass es
meinem Wort entspricht, meiner Sehnsucht nach dem mir „entsprechenden“
Gegenüber. Als Gegner und als Unterstützer. Als Feind sogar, auch wenn das
dann vielleicht bis in die vierte Generation dauert, bis mich dein Wort erreicht.

Das Wort, hebräisch dawar, mit den Zeichen daleth, beth und resch geschrieben,
ent­hält – mit den Augen der Überlieferung betrachtet – zwei Worte, die mit jeweils
zwei Zeichen geschrieben werden.

Das erste ist dow, daleth beth, der Bär. Der so kraftvoll auftritt, der so kompakte
und entschlossene Bewegungen ausführt, hin und her suchend und immer weiter
suchend, und der diese besondere Beziehung zur Biene und ihrem Honig hat: Biene,
hebräisch debora, gleich geschrieben wie dawar nur mit der weiblichen Endung.

Das zweite Wort, das in dawar enthalten ist, ist bar, das aramäische Wort für Sohn.
[Aram, ein Sohn Schems, Gen. 10:22, geschrieben mit den Zeichen aleph, resch, mem].
Wir kennen z.B. das Bar Mizwa, als Ausdruck für die Aufnahme eines 13jährigen
Jungen als erwachsenes Mitglied der Gemeinde. Bar Mizwa wird wörtlich als Sohn
der Gebote übersetzt. bar bedeutet außerdem Getreide, rein, freies Feld, das Äußere,
und außer (die Präposition, zum Beispiel: ich reise gern nach Griechenland außer
nach Athen). Ein bemerkenswert vielseitiges Wort. Es scheint, als ob etwas sichtbar
würde mit diesem Stamm beth – resch. Das Wort schaut durch die Tür nicht nur nach
innen, sondern auch nach außen, ins Freie, sieht das Äußere auf dem freien Feld, das
Getreide fürs Brot. Es verliert sich nicht im Äußeren, schmeckt wie der Bär das Süße
des von innen erwärmten Hauses, weiß um die Geheim­nisse, die das Haus im Funda-
ment ent­hält. Der Sohn, der die Gebote hoch hält, steht dem anderen Sohn gegenüber,
der das Haus des Vaters verlässt. Der das Wort veräußert und die Verbindung zum
Inneren ab­reißen lässt. Der Gott und sein Wort geographisch und historisch am Sinai
sucht, am Jordan und in Bethlehem. Und der dann doch umkehrt, wie es das Gleich-
nis vom verlo­re­nen Sohn erzählt, heimkehrt zum Vater, zum Wort, das schon alles
enthält.

Getragen vom Wort – das ist doch die Umschreibung dessen, was auf den letzten
Seiten geschah. dawar verweist mit seiner Komposition medaber, Gespräch, auf
das Wort mid­bar, Wüste. Unser Gespräch ist wie der Weg durch die Wüste, 42
Stationen, so viele wie das Wort kochab, Stern, (er)zählt. Grenze zum siebten Tag
und der „Ruhe“ inmitten von allem. Das Auge des Taifun, die Gelassenheit des
Weisen. dawar meint das gespro­chene, mündliche Wort. Es gibt ein anderes
hebräisches Wort, das sich auf das geschrie­bene Wort bezieht, und das selt-
samerweise von vielen Hebräischsprechen­den – sogar von meiner Lehrerin gar
nicht als solches erkannt wird. tewa, vom Verbum kataw, das schreiben bedeu­tet.
tewa wird gewöhnlich als „die Arche“ übersetzt und als Mythos von Noah und
der Sintflut gewöhnlich ins dreizehnte Zimmer verbannt. Die Maße der Arche,
30 Ellen hoch, 300 Ellen lang, 50 Ellen breit, verweisen auf die Sprache. laschon,
das hebräische Wort für Sprache, wird mit den Zeichen 30 – 300 – 50 geschrieben.
Das Wort hat die Maße der Sprache. Das ist eine tiefsinnig klingende Behauptung;
der Philosoph hat seine Freude daran. Doch verstehen wir sie auch? Was kann das
heißen, und zwar jenseits der hebräischen Sprache und ihren besonderen Möglich-
kei­ten, wie können wir das auf Deutsch sagen und nachvollziehen?

der-autor-als-tier-unter-dem-dach-der-arche
der Autor in der Tiermaske unter dem Dach der Arche

Also gut! Wenn die Arche des Noah eigentlich das (geschriebene) Wort ist, dann
geht es hier um ein Wort, das uns vor dem Untergang rettet, vor der Sintflut, die
ursprünglich noch nichts mit „Sünde“ zu tun hat, sondern eine „immer währende“
und eine „samt und sonders“ Flut meint. Es geht also um die fließende Zeit, die
nicht mehr aufhört zu fließen, und uns überflutet, weil wir nichts anderes mehr
als die Zeit kennen. Keinen Ausgang. Keine Lücke. Keine Ekstase. Und der Kasten
namens Arche nimmt den auf, der von seinem Namen her die „Ruhe“ in sich hat.
Im Wort, das uns über die überflutende Zeit und die überhand nehmenden Ereig-
nisse hinweg trägt, weilt also die Ruhe, die Ruhe mitten im Sturm der Widersprüche
des 7. Tages [das 7. Zeichen sajin bedeutet Schwert und verweist darauf, dass die
Ruhe mit einer großen Wachsamkeit verbunden ist. Die Ruhe des Kriegers, der
eben dadurch den Frieden am Leben erhält.] Das Wort, das uns in der Thora als
Arche offenbart ist, rettet. Das Muster taw – beth, oder in Zahlen 400 – 2  erinnert
an das „umgekehrte“ Muster beth – taw, in Zahlen 2 – 400, das Tochter bedeutet
(ausgesprochen bat). Das hebräische Wort für Haus ist sehr ähnlich wie bat, enthält
jedoch in der Mitte noch das Zeichen jod. Es wird bait ausgesprochen, in Zahlen
2 – 10 – 400. Beide Worte reichen vom ersten hörbaren Zeichen beth, dem ersten
Zeichen der Thora, bis zum letzten Zeichen taw. Das Haus, in dem der Mensch wohnt,
und das als erscheinendes Haus nahe verwandt ist mit der Tochter, enthält alles bis
auf den nicht hörbaren Anfang, das Zeichen aleph. So auch das Wort, es ist wie ein
Haus, nur von der anderen Richtung her. Es beginnt mit dem letzten Zeichen taw,
geht die Reihe der Zeichen „zurück“ bis zum letzten hörbaren Zeichen beth. Es ent-
hält alles, außer dem aleph. So können wir erkennen, dass das Wort, das uns als
Arche überliefert ist, und das Haus, das für jeden Menschen den Ort anzeigt, in
dem er der sein kann, der er ist, ein umfassendes Bild für die in der Welt erschei-
nende Zweiheit ist. Alles, was als Zweiheit erscheint, Freude und Leid, männlich
und weiblich, innen und außen, ist im Wort enthalten. Und wird im Wort gerettet.

Es ist die Zweiheit, wie sie von dort her gesehen wird. Wie uns das Hebräische,
schon von seinem Namen her, alles von dort her zeigt. Wir können es so nicht
sehen, wir können die Zweiheit nicht als eingebunden in die Eins „vor“ der Zwei,
in die aleph „vor“ der beth, in das Universum vor dem Big Bang sehen, und auch
nicht eingebunden in die 500 „nach“ der 400, in das 23. Zeichen „nach“ den
existierenden zweiundzwan­zig Zeichen, in die auferstandene Welt „nach“ dem
Tod. tewa, die Arche, das Wort, das uns über die Zeit und ihre Fluten hinwegträgt,
beginnt ja mit dem Zeichen taw, das an der Grenze steht. Jenseits der Grenze –
das weiße Licht, die Einheit des achten Tages, alles, was auferstanden ist von
den Toten durch jene Kraft, die den Tod nicht fürchtet.

Einheit                                                   Zweiheit                                                 Einheit
Welt des 8.Tages                                  tewa, taw – beth                                    Vorwelt (aleph)
500 (als Ausdruck der 1)                    400 – 2                                                    1

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                                                                 beth, Haus
                                                                 2 – (10) – 400

 

Im Haus, im beth, läuft der Weg „umgekehrt“, nämlich von rechts nach links.
Das Wort, die tewa, kommt so gesehen zu uns zurück.

Kein Wunder, dass wir so gerne lesen und schreiben. Und doch ein Wunder.
nekadma panav betoda, lasst uns also anfangen, indem wir in diesen Spiegel
schauen, sein Angesicht. Was können wir anderes empfinden als Dank?