Der Lebensweg im Bild des Pilgerwegs

1 – 2 – 1 (Die kürzeste Darstellung des Wegs)

Die Schrift, das Buch der Bücher, die Gebote, Jesus, Buddha, Gandhi,
Mutter Theresa, „der europäische Humanismus“, die kritische Theorie,
Adorno und Heidegger  – woran kann ich mich halten? Ausrichten?
Orientieren?

Die meisten Menschen frönen in ihren halbbewussten Plänen einem
krassen Entwick­lungs­denken, das den Tod und die anderen Menschen
als Mitmenschen ausblendet. An erster Stelle steht ihr Überleben; sie
sind Überlebensmaschinen. Das ist ehrlich nicht böse gemeint, als ob
ich ihnen das vorwerfen wollte. Sie haben einfach nicht das Glück gehabt,
jemanden kennen zu lernen, der sie „angestoßen“ hat, sie hatten einfach
nicht den inneren Antrieb, zu sehen, dass essen, trinken und Geld ver-
dienen (und am Ende abtreten) nicht der Sinn des Lebens sind, sie
hatten nicht den Mut (Todesmut), an den Menschen als Ebenbild
Gottes zu glauben.

Deshalb stellt es für die meisten Menschen eine Überforderung dar,
ihr Leben aufzu­schreiben. Erzählen ja, denn das ist ja dann nicht
„schwarz auf weiß“, sondern kann immer noch so und so gewendet
und schöngeredet werden. Dann kann man sich immer noch aus der
Schlinge ziehen. Aber aufgezeichnet im „Buch des Lebens“ müssten sie
einsehen, dass sie ihr Leben sozusagen (und in einer gewissen Weise)
vergeudet haben. Obwohl sie mehr oder weni­ger gute Staatsbürger,
brave Gemeindemitglieder, gute Nachbarn, fleißige Rentenbei­trags­zahler
waren und sich auch sonst an Recht und Gesetz hielten. Dennoch
bedrückt sie das Gefühl, vieles nicht getan zu haben, was man dann,
aber erst zum Ende hin, oft sehr bedauert.

Was aber ist dieses „vergeuden“? Du hast die Freude der Einswerdung
nicht erlebt. Du bist den Weg der Entwicklung gegangen, immer mehr
Wissen, immer schnellere Verbin­dungen, immer mehr Ahnungen, dass
es so nicht gut gehen wird – ohne die Umkehr zuzulassen. Ein Einsehen
haben, in mich gehen. „Als er aber zu sich selbst kam“ wird vom soge-
nannten verlorenen Sohn gesagt (Lukas 15,17), Luther übersetzt noch
viel dramatischer: Da schlug er in sich.

Das ist es, was wir heute brauchen, ich, du, wir: ich schlage in mich, an
jene Stellen meiner Erinnerung, wo ich immer noch weiter im alten Trott
gehe. Wo ich mich zurückhalte, die Hingabe steuern und kontrollieren will,
schlage ich mich an die Brust, schlage das harte Herz, das nicht hören will.
Ich denke, es geht ums Aufwachen. Die innere Stimme des „Schlagens“
hören. Den Glockenschlag etwa, der mich an „etwas“ erinnert. Von wegen
geringer Dinge / Verstimmt wie vom Schnee war / Die Glocke, womit /
Man läutet / Zum Abendessen.

In sich gehen, in sich schlagen, zu sich selbst kommen, umkehren und
bereuen, alles befreit von einer „besserwisserischen“ Gewalt – so geht
der Lebensweg drei Schritte vor und zwei Schritte zurück zum Heil, und
das heißt zum Ganzen.

Hier die sieben Prinzipien, die den Menschen (den Pilger) auf seinen
Schritten vor und zurück auf dem Lebensweg halten.

Prinzip eins: Der Pilger braucht eine Art “Bibel”, die ihm die
Richtung weist, und er muss bereit sein, diese “Bibel” durch
seine Erfahrungen zu relativieren und zu erneuern.
(Methodologie)

Wozu, glaube ich, bin ich auf der Welt. Wenn einer sagt, ich bin auf der Welt,
um meinen Beruf auszuüben, und ich bin mit meinem Beruf verheiratet, dann
beantwortet er die „Lebensfragen“ eben auf diese Weise. Es ist ja nicht so,
dass wirklich das Wort „Gott“ vorkommen müsste, um von Gott und das meint
jetzt „vom Wesentlichen“ oder vom „Dasein im Ganzen“ zu sprechen.

„Weltanschauung“ braucht so etwas wie eine Bibel, etwas Festes und Unbezwei-
felbares also. Mao oder Marx sind Beispiele für andere Bibeln; Adam Smith oder
Keynes sind Bibeln der Marktwirt­schaft. – Man glaubt an seine jeweilige Bibel,
solange das eigene Leben, aber auch der Blick auf andere Bibeln das zu lassen.
Die Bibeln bleiben (mehr oder weniger), die Erfahrun­gen aber wechseln. Beides
muss unter einen Hut gebracht werden, gerade dann, wenn Erfahrungen und
der Lauf der Geschichte der jeweiligen Bibel widersprechen.

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Der Pilger unter dem Dach der Arche

Prinzip zwei: Der Pilger braucht den Glauben an ein wohlwollendes
Universum. Weder Gott noch die Geschichte noch die Evolution
(oder was immer die Stelle der höchsten Macht einnimmt) ist zum
Fürchten, sondern sie sind das Fundament, auf dem er sicher stehen
kann. (Fundament)

Es geht um die Frage beziehungsweise um die Überzeugung, ob die Welt ein guter
Platz ist. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Und wenn halb voll, woher nehme ich
die Zuversicht, dass es so bleibt? Selbst dann, wenn heute die Apokalypse angedroht wird?

Gibt es einen Grund, auf den ich mich fallen lassen kann, ohne verloren zu gehen?
Ein Fundament, auf dem ich mein Dasein bauen kann?

Da sind, als erstes, die Eltern. Vater und Mutter. Das Kind baut auf die Eltern. Sind
die Eltern hin­reichend gut, ist auch die Welt ein guter Platz. Ist die Welt auch dann
ein guter Platz, wenn die Eltern versagen? Der Vater die Tochter begehrt? Die Stief-
mutter die Kinder hungern lässt? Die Kinder in der Schule geschlagen werden und
die Eltern die Achseln zucken? Die Kinder nicht mehr alleine auf der Straße spielen
können?

So schlimm es auch kommt, so schrecklich die Gewalt war, immer wieder tauchen
Menschen aus dem Chaos auf und schütteln das Elend und die Verzweiflung ab.
Das Widrige macht ihnen nichts aus, im Gegenteil. Sie brechen zu neuen, verbor-
genen Quellen hindurch, zu bisher unerschlossenen Wasseradern. Wer das Wort
versteht, wird vielleicht das Wort Gott für einen solchen Durchbruch verwenden.
[Es ist Gott, auch wenn das Wort beim Erzählen nicht gebraucht wird.]

Und wer den Durchbruch nicht erlebt? Ihn nicht schafft? Dem ergeht es so, wie
es die abendländi­sche Kunst tausend Mal von der Gottesmutter Maria gezeigt hat:
Er sitzt da, den toten Jesus (Symbol des Lebens als Ganzes) auf den Knien.
„So trägt der Mensch sich selbst durchs Leben.“

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Prinzip drei: Es gibt nur eine Realität. Die Unterscheidung zwischen
einer irdischen und einer himmlischen Welt, zwischen einer natürlichen
und einer metaphysischen Realität, zwischen einer heiligen und einer
profanen Wirklichkeit, ist fauler Zauber. (Rahmen)

Unterscheiden wir denn überhaupt noch? Macht das noch Sinn für Menschen,
die ganz und gar im Diesseits aufgehen, in den Sorgen, die hier entstehen und
hier vorüber gehen, und für die das Wort „jenseits“ ganz und gar unverständlich
ist. Die Seele? Leben nach dem Tod? (Oder gar vor dem Tod?) Nun, das wäre ja
vielleicht nicht schlimm, denn wer braucht salbungsvolles Gerede? Die Seele
wäre pragmatisch jener Teil des Menschen, in dem sein Mitgefühl wohnt und
stark werden kann. – Wenn aber stimmt, was einige Zeitdiagnostiker sagen,
dann sind wir dabei, das Mitgefühl zu verlieren, jedenfalls mit denen, die es
wirklich brauchen. „Ihr sollt auch eure Feinde lieben“ sagt Jesus zu seinen
erschrockenen An­hängern, die sich so etwas einfach nicht vorstellen können.
Aber selbst wenn ihr es tut, so könnten wir seine Worte zu Ende sprechen,
selbst wenn ihr so etwas im Grunde ganz Selbstverständliches tut, seid ihr
keine besseren Menschen, sondern tut einfach den Willen des Vaters.
– Auch er unterscheidet nicht in gut in böse.

„Es gibt nur eine Realität“, das sagt auch der sogenannte Realist. Er denkt nicht
an Feindesliebe, sondern wie er die Feinde besiegen kann. Im Wirtschaftsleben,
in der Politik, im Krieg gegen die Feinde. Gegen die Flüchtlinge. Und falls Gott
in diesem Denken noch vorkommt, „ist er sowieso auf unserer Seite“; ein wirklicher
Götze also. Wozu dann diese abgrundtiefe Verfallenheit an eine Realität, die
keinen Himmel mehr kennt? Oder eben weil sie keinen mehr kennt?

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Gefangen in den Schatten der Matrix / Höhle

Prinzip vier: Alles gehört dazu, und keiner muss zum Sündenbock
werden und ausgeschlossen sein. Das Böse und die Illusion brauchen
nur sorgfältig benannt zu werden, und sie gehen im Licht der Wahrheit
zugrunde. (Inklusion)

Es ist die Angst, die den Pilger verführt (zwingt), auf den Anderen als Quelle des
eigenen Leids zu deuten. Wer wirklich unterwegs ist, der kann keinen „Besitz“
anhäufen und hat deshalb auch keine Angst, etwas zu verlieren. Und wer „aufs Sach“
schaut (vor allem auf das, was einem scheinbaren Halt gibt, Sprache, Bräuche,
„Wir-Gefühl“ – als etwas, das man besitzen möchte), fühlt sich bedroht, wenn sich
die Dinge verändern. Dagegen hilft nur – so paradox es auch klingt – die eigene
Transformation. Konkret: Mitgefühl mit „diesen Fremdenhassern“. „Bruder
Hitler“ schrieb Thomas Mann schon 1939, und Max Picard nannte  es 1945
„Hitler in uns selbst.

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Prinzip fünf: Das getrennte Selbst, in den meisten Religionen und
von den meisten Menschen Schatten genannt, ist das Problem. Es
führt zu Verleugnung, Rationalisierung und Projektion anstatt zu
einer wirklichen Transformation in Gott. (Transformation)

Der von sich selbst getrennte Mensch, der nur noch sein Ich kennt und sagt, bei
all meinen Operationen habe ich noch nie eine Seele gesehen (Virchow). Und der
dieses Ich als „sein Sach“ erkennt und behalten will – mehr hat er nicht, an was
er sich halten kann. Ein funktionierender Automat, ein toller Chirurg, ein mit-
reißender Redner – und doch getrennt von sich selbst. Er wartet auf den Moment,
der die (gar nicht erkannte) Not wendet, in dem er „in sich schlägt“, wie es vom
„verlorenen Sohn“ erzählt wird – der gar nicht verloren ist, sondern heimkehrt
zum Vater.

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Prinzip sechs: Der Pfad hinunter ist der Pfad der Transformation.
Dunkelheit, Finsternis, Misserfolg, Zusammenbruch, Tod und
Verwundung sind unsere wichtigsten Lehrer, wichtiger als Ideen
und Dogmatiken. (Prozess)

Der Pilger “weiß” es von Anfang an, aber nur als Ahnung und Sehnsucht, noch
nicht als Erfahrung. Jede Situation bietet eine Gelegenheit, hinein und hinunter
zu gehen, in der Hoffnung, die Tiefe der Nacht und Ohnmacht als verwandelnd
zu erleben und aufzutauchen, wie der Phönix aus der Asche. Und so lang du das
nicht hast, / Dieses: Stirb und Werde! / Bist du nur ein trüber Gast / Auf der
dunklen Erde.

Ein trüber Gast – das ist der, er auf „sein Sach“ schaut, anstatt auf den Nachbarn
in Not.

Prinzip sieben: Wirklichkeit ist paradox und komplementär.
Les extrèmes se touchent. Nicht-duales Denken ist die höchste
Stufe des Bewusstseins. Einssein mit Gott, kein Ichtrip, der
auf Perfektion zielt. (Ziel)

Tanz auf des Messers Schneide. Höchste Aufmerksamkeit. Der Erfolg kann schädlich
sein, der Misserfolg sehr gut. Und der Hass? Größte Herausforderung für die Liebe –
jene Liebe, die nur aus dem Innersten kommen kann, nicht aus schönen Gedanken.
Von selbst ist das Zauberwort – wenn es von selbst kommt, ist es sehr gut. (Oh, große
Gefahr, dies zu verwechseln mit Nichtstun – obwohl es eben auch ein Nichtstun ist.
Paradox eben; und deshalb schweige ich jetzt.

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