Der Kornkreis in Raisting

30.Juli 2014

Wohin das führen wird, weiß ich nicht. Kein Plan, keine Absicht, nur ein
plötzlicher Wunsch, oder sogar nur eine Idee: „Das wär’ doch was, darüber
zu schreiben.“ Im Schreiben das Viele und Unübersichtliche, das uns
mittlerweile begegnet ist, ordnen.

Ich weiß auch nicht, ob ich für mich überhaupt hingefahren wäre. Eher nicht.
Aber die Süße war so neugierig, so interessiert, und da bin ich eben mitgeradelt.
Auch durch den Regen. Warmer Regen – ist ja schon ein gutes Zeichen. Weil
in den Gesprächen zwischen der Süßen und mir manchmal von einem Zeichen
die Rede war: Das ist ein Zeichen (der Kreis im Korn).

Gut durchnässt finden wir also den Ort. Die Süße hat den richtigen Riecher,
ich wäre noch ein wenig im Kreis herumgefahren. Aber sie schaut nach Leuten
auf einem Feld, nach einem Tischchen am Feldrand, und siehe da, da ist es schon.
Mitten in dieser futuristischen Bebauung mit den riesigen Satellitenschüsseln.
Die zu einer argentini­schen Firma gehören und von den USA aus gesteuert werden.
Klingt schon fast „außerirdisch“, jedenfalls hier auf dem Feld in Raisting.

Wir gehen hinein ins Feld. Wir gehen im Kreis, die Süße macht ein paar Fotos.
Eine Frau hat Kopien von den Luftaufnahmen mit sich und zeigt sie uns, „wir
befinden uns jetzt hier.“ Christiane fragt sie: Und was glauben Sie, wie das zu
Stande kommt? Die Frau ist überzeugt, dass eine außerirdische Intelligenz am
Werk ist. Ich spüre die Überzeugung als „Mauer“, keine aus Ziegeln, sondern
aus Worten. Sie deutet auf die Halme und wie sie gelegt sind – alles ist ihr
Beweis. Ich kann nicht anders und muss ein paar Scherze machen, zum
Beispiel als sie sagt, dass die drei Kreise von jemandem mit den drei Ländern
Deutschland, Österreich und Schweiz in Verbindung gebracht wurden, dass
diese drei Länder nun zusammen wirken müssten, da sage ich, oh je, ausge-
rechnet mit den Schweizern! Ihre Tochter, eine Enddreißigerin, lacht. Gott
sei Dank! Auch Menschen, die an Außerirdische glauben, können lachen.

Es kommt ein Mädchen, circa zehn Jahre alt, mit einem schwarzweiß
gemusterten T-Shirt, das wir schon vorher gesehen hatten, als es langsam
und fast andächtig den äußeren Kreis entlang schritt. Sie habe gehört, dass
jemand Bilder habe. Die Frau zeigt sie ihm. Das Mädchen schaut, die Frau
erklärt wieder, wo auf dem Bild wir uns jetzt befänden, das Mädchen schaut
hin und her, vom Feld auf die Karte und wieder zurück und nickt dann. Es
bedankt sich mit einem kleinen Knicks. Wie lange habe ich das schon nicht
mehr gesehen!

Ein Ehepaar, in unserem Alter, kommt diskutierend vorbei. Sie glaubt, dass
es von Menschen­hand gemacht sei, er weist immer wieder auf Kleinigkeiten
und Besonderheiten hin, die das seiner Meinung nach unwahrscheinlich
machen. Der exakte Rand, die Wirbel, in denen die Halme gelegt sind, und
vor allem: wozu? Wozu soll das sein, ruft er aus. Weil doch Menschenwerk
immer einen Zweck haben muss, klingt aus seiner Äußerung hindurch.

Wie kommt dieses Ding, das so wichtigtuerisch Kornkreis genannt wird,
hierher?

Was macht es mit den Menschen, die seit einer Woche in Scharen und angeblich
aus ganz Deutschland anreisen und sich auf dem Feld niederlassen? Esoteriker
seien das, steht in manchen Gazetten, die sich offenbar eher exoterischen Zielen
verschrieben haben.

Und jetzt auch noch wir beide, die Süße und ich, mit dem Rad eine Stunde durch
den warmen Regen, was treibt uns?

Die Süße ist ja auch ein bisschen esoterisch, ich glaube, es wäre ihr lieber,
wenn dieses geometrische Gebilde „übernatürliche“ Ursachen hätte. „Energien“,
wie sie sich zum Beispiel auch in Familienaufstellungen äußern, dass ein
Stellvertreter für den Vater sich plötzlich das rechte Knie hält, weil es ihm
weh tut, und der richtige Vater im Alter von 50 eine Lähmung im rechten
Knie bekam. Gänsehaut. Aber so richtig „übernatürlich“ ist das auch nicht,
das Knie ist ein Knie, der Schmerz ist ein Schmerz und die Übereinstimmung
zwischen dem Stellvertreter und dem Vater ist eine Übereinstimmung. Nur
die Gänsehaut hat keine Ahnung, woher sie kommt. Es kann natürlich auch
ein kleiner Schrecken sein. Aber wovor?

Der Kreis ist ja einfach da und spricht nicht. Mit mir jedenfalls nicht.

Die Süße meint auch, es gäbe eine große Sehnsucht nach Kontakt mit dem
„Außerirdischen“, das sei ja ein Wort, mit dem man auch den Himmel und
sogar auch Gott bezeichnen könne. Oder, wie es Besucher auf einigen Videos
sagen, die jetzt im Netz stehen, sie spürten eine große Ruhe, einen Frieden,
es sei geschehen, um uns Liebe zu schenken. Ein Mann, der aussieht wie
eine Postkarte von Methusalem, ein aufgeregter, junger Mann, eine Frau,
von ihren Gefühlen überzeugt. Der Bauer sagt „i schpür selba jetz nix, aba
de Leit scho“, und das ist eine schöne Mischung aus Eso- und Exoterik. Er
lässt etwas gelten, auch wenn er selbst es nicht an sich erfährt. Bei soviel
bayrischer Freiherzigkeit spüren wir selbst auch etwas Esoterisches,
nämlich Hochachtung.

In diese Richtung gehen auch meine eigenen Gedanken: Er ist da, dieser
Kreis, und lenkt nicht alles Reden über das „Woher?“ und „Von wem?“
von dieser einfachen Gegebenheit ab? Er ist da, und es ist schön, wenn
Menschen dorthin gehen und Ruhe und Frieden empfinden. Hoffentlich
können sie eine solche Ruhe und die Liebe, von der sie im Weizenfeld
erfüllt werden, auch nach Hause tragen, sozusagen als Samenkorn, um
es dann im eigenen Leben mit der eigenen Frau und den eigenen Kindern
auszusäen. Dass das nicht so einfach ist, wie es sich hier hinschreibt, weiß
jeder, Methusalem und junger Adept, der Bauer und die UFO-Frau, und
auch die Süße und ich wissen es, in diesem Wissen, dass den wahren
Frieden zu schaffen und zu erhalten das große Geheimnis ist, sind wir
alle vereint. Frieden, zuerst im Kleinen und dann hoffentlich auch im Großen.

So möchte ich dann auch das Zeichen deuten: Drei Kreise, die sich begegnen;
in der Mitte ein Raum, in dem die Begegnung stattfinden kann: eine Art
„Dreifachaxt“ – aber wie dieser mittlere Raum bezeichnet werden möchte,
wird jedes Augenpaar anders sehen. Ein Blatt mit drei Flügeln? Ein Dreifuß?
Ein Hinweis auf das dritte Auge? Eine neue Form der Darstellung göttlicher
und weltlicher Trinität? Eine neues Dreieck von Vater, Mutter, Kind?
Pythagoras im 21. Jahrhundert?

Stop. Fullstop.

kornkreis-raisting

Die Süße hat noch etwas anderes gesehen. Der Kreis ist eine Kugel, die
Projektion einer Kugel auf eine Fläche. Man sieht es an den äußeren Flächen.
Wer es ebenfalls sieht, wird sich fragen, um was für eine Kugel es sich handelt,
und da fällt die Antwort einem doch wie Schuppen von den Augen. Unsere
alte im Zeichen der Zwei stehende Erde an der Schwelle zu einer neuen Erde,
deren Grundsignatur die Drei ist. Unterwegs durch die Wüste auf dem Kamel
des Zeichens gimel. – Nun ja, alle Zeichen sind Teil der einen Grundsignatur.
„Ich kann euch nur ein Zeichen geben, sagt Jesus zu den Leuten, die immerzu
Zeichen von ihm verlangen, das Zeichen des Jona.

Was ist das Zeichen des Jona?

Dass Ninive umkehrt!

(Und Jona es nicht fassen kann?)