Anfang und Orientierung
für den Grossen Weg (1 – 2 – 1)

Das Buch der Bücher,
das Lied der Lieder,
der Ursprung der Ursprünge

Die Bibel, das Alte und das Neue Testament, sind entgegen dem Anschein
eigentlich keine im engeren Sinn religiösen Schriften. Das heißt, sie sind
nicht zuerst für organi­sierte Religionen, Prie­ster, Schriftgelehrte, Benedik-
­tiner und Franziskaner, Katho­liken oder Protestanten, nicht für Theologen,
sondern für Menschen. Für den Menschen – auch wenn das sehr unzeit-
gemäß klingt. Deshalb könnte man sie genauso gut human nennen oder
auch Literatur und Poesie. „Wort Gottes“ trifft es schon, aber die Menschen
haben sich das von den Verwaltern der Religion wegnehmen lassen, und die
haben darauf solange herumgeknetet, bis die Kraft aus dem Wort verschwand
wie Sauerstoff aus einem alten Luftballon.

Es sind Schriften, in denen dem Menschen, der zu hören und zu lesen vermag,
mitgeteilt wird, was es mit dieser Welt und mit ihm selbst, mit seinem Dasein
als Mensch, auf sich hat. Es sind Offen­barungen – in dem Sinne, in dem wir
heute dieses veraltende Wort viel­leicht doch noch verstehen können: wenn ein
Mensch einem anderen sich offenbart und ihm sagt, wie er im Innersten zu
ihm steht.

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Diese Sicht auf die Bibel und die Heiligen Schriften ist nicht völlig vergessen,
aber sie ist bestimmt nicht die herrschende Sicht. Die herrschen­de Sicht ist
die Sicht der herrschenden religi­ösen Führer und Ver­wal­ter: Gott gehört dann
nicht mehr zuerst zum Menschen, hat sich nicht zuerst dem Menschen offenbart,
sondern er gehört dem Priester, der zu opfern, zu beten und zu predigen versteht.
Der Gott und die Welt des Heiligen für den Menschen verwaltet.

Dass sogar der Priester und der Schriftgelehrte zuerst und im Wesent­lichen
Aspekte des Menschen sind, kann in einer organisierten Religion nur schwer
erkannt werden.

Diese Sicht auf die Bibel als Offenbarung für den Menschen, unvergleichlich
eindring­lich, auch unvergleichlich im Verhältnis zu aller wissenschaftlichen
und technischen Erkenntnis, ist für mich das Große, das mir in meinem Leben
begegnet ist. Was mich auch in gewisser Weise aus­schließt und herausstellt.
Mir ist sozu­sagen der Schlüssel zu einem sinnvollen und glücklichen Leben
geschenkt worden, und ich habe ihn erkannt und angenommen. Für mich
ist es im Grunde genommen immer noch völlig unfass­bar, dass dieser Schlüssel
von meinen Mit­menschen gar nicht gesehen wird. (Da ist also schon wieder
das Leiden an der Zweiheit des siebten Tages, mizraim.)

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Im Zusammenhang mit der Bibel und den Heiligen Schriften hat man heute
oft den Ver­dacht eines fundamentalistischen Welt­bilds. Ich selbst kenne als
einzige Gruppe, der ich ein wört­liches Verständnis der Bibel unterstellen
würde, die Zeugen Jehovas. Herr Szamalovitsch, der mich vor drei Jahrzehn-
ten alle zwei Wochen regelmäßig am Samstagvor­mittag besuchte. Ein äußerst
lieber Mensch, der halt mit seiner Familie in dieser kleinen Kirche integriert war…
Schön, dass überhaupt jemand die Bibel liest, dachte ich damals. Dass er man-
ches anders verstanden hat, war eigentlich gerade gut.

Was ist der Lackmustest für einen Fundamentalisten? Wenn das lebendige
Gegenüber, sein Leben, seine Freuden und Leiden von der Heiligkeit und
Größe des Texts zermah­len werden, wenn also der tote Buchstabe Gewalt
über den Menschen bekommt und der dann im Namen des Toten Gewalt
über andere Menschen ausübt. Da gibt es natür­lich riesige Unter­schie­de
zwischen den Religio­nen; in der katholischen Kirche mit dem Papst an
der Spit­ze, der ein Lehrverbot für diesen und jenen aussprechen kann, ist
das anders organisiert als im jüdischen Leben, wo die Lesarten und Kom-
mentare des einen immer auf gegen­teilige Lesarten stoßen, und beide
überliefert werden. Aber ob der lebendige Mensch, der mir gerade gegen-
übersitzt – und sei er ein leidenschaftlicher Atheist – von mir als Mitmensch
geachtet wird, mit dem ich Frieden halten kann, entscheidet sich in einer
innersten Schicht der Begegnung. Haben die Bibel und die Schriften mein
Herz geöff­net und dem Geist Gottes Einlass gewährt, oder benütze ich die
Bibel, um mein hartes Herz mit Argumenten ohne Ende noch härter zu
machen? – so sieht er aus, der Test, ob Louis mit seiner Behauptung, dass
die Bibel eine Offenbarung für den Menschen ist, zum Rechthaber oder
zum Liebhaber wird.

Ich muss damit leben, dass der mir geschenkte Schlüssel für die meisten
anderen Men­schen nichts bedeutet. Zum Beispiel die Geschichte mit der
Hand: Dass der Mensch seine Hand ge­braucht, zu welchem Zweck auch
immer, und er von der Thora dieselbe Struktur für sein Handeln erzählt
bekommt; er hat doch die fünf Finger jeder Hand in der Struktur des einen
Daumens den vier Fingern gegenüber. Der Mensch namens Adam und die
Erde namens adama haben beide die Zeichen aleph und daleth am Beginn,
die das Wort ed bilden, den Dunst, der aufsteigt um die Erde zu befeuchten.
In Zahlen gesprochen ist das die Struktur 1 – 4, die wir auch als Verhältnis
der Quintessenz kennen. Unsere Hand zeigt uns also, dass es eine solche
alles belebende Quint­essenz gibt und dass die Weltzahl vier nicht ohne
Gegenüber bleibt. (Der Mensch namens Adam könnte auch als diese
Quint­essenz gesehen werden, die in den Fluss der Zeit, die biblische Zahl
40, hinein gestellt ist. Der Mensch ist also dafür da, dass die Quint­essenz
in der Zeit nicht untergeht.) Ein Atemzug, einmal ein- und ausatmen, steht
vier Herzschlägen gegenüber. Der Baum des Lebens, ez ha chajim, zählt 233,
der Baum des Wissens von gut und böse, ez ha daath tow wera zählt 932, auch
hier das Verhältnis eins zu vier. Und nicht zu vergessen jene Stelle, an der die
Thora das Eins-Vier-Prinzip fast ohne Bedeckung zeigt: „Ein Fluss geht aus von
Eden … und teilt sich in vier Haupt­wasser“ (Gen 2,10). Immer wieder dieselbe
Botschaft, so als wüsste der Text schon, wie sehr wir Menschen dazu neigen,
ihn zu veräußern, in diesem besonderen Vers: an die Geo­­graphie zu veräußern.
Im Äußeren geht das Einmalige der Botschaft leicht verloren. Das Einmalige ist:
Die Quintessenz im Leben bleibt bewahrt – solange ein Mensch sich ihrer
erinnert.

Neben dieser Offenbarung der Quintessenz steht eine andere Mit­teilung der
Bibel, die aller­dings auch nicht direkt gesagt wird. Sonst bräuchte man ja keinen
Schlüssel. Es ist der Weg von einer einfachen Einheit (jenseits des Diesseits) in
die Erscheinungswelt, in der alles als Zwei­heit und Gegen­sätzlichkeit auftaucht,
so dass die Einheit in der Erschei­nung als verloren er­scheint. Der Weg des Men-
schen in dieser Welt geht aber am Ende wieder in die Ein­heit von Anfang und
Ende zurück (oder auch voran). In Zahlen ausgedrückt

1 – 2 – 1

wobei die eins jeweils unsichtbar bleibt bzw. eben nicht zur Welt der Erschei-
nung gehört: Der grosse Weg des auf die Welt Kom­mens, des auf der Welt
Seins und die Welt wieder Verlassens.

1                  –                 2                 –              1

(vor der Konzeption)      (das Erscheinende)      (Staub zu Staub)

Jasagen zu können, ja, so ist es, ist eine unge­heure Erleichterung für den
Menschen namens Louis. Es bleibt erleichternd auch dann, wenn ich der
Einzige wäre, der darin eine Offenbarung erkennt.

tropfen

Wir leben in der scharfen, zweischneidigen Welt des siebten Tages, auf
des Messers Schneide. Jeder Moment eine Entschei­dung. Die sechs Tage
der Schöpfung sind abge­schlossen; sie liegen dieser Welt der Zweiheit als
Ursprung zugrunde. Insbesondere der sechste Tag, an dem gegen den
Protest der Heerscharen der Mensch erschaffen wird, ist abgeschlossen:
er wurde sogar eine Stunde vor Sonnen­unter­gang beendet, mit einem
Machtwort des Schöpfers, der „genug“ ruft und so den aufstrebenden
Dämonen (sche­dim) den Zutritt verwehrt. Elohim heißt in diesem Tun
El schaddai. Der Ursprung, ein Gesche­­­hen voller Vielfalt und Dramatik,
aber eins. Und im jetzt des siebten Tages lebend, im Bilde Gottes und
also „in Ruhe“, auch wenn wir „tun“ und sogar arbeiten, und dann die
Ruhe verlierend und in Verzweiflung stürzend, ersehnen wir eine andere,
voll­kommene Welt, die uns dieselbe Freude schenkt wie diese, aber ohne
das Leid, und vor allem ohne das blinde Leid. Die Einheit des achten Tages.
Auch hier in der 1–2–1 Struktur des sechsten, siebten und achten Tags
sehen wir den Großen Weg.

Auch in der Dreiheit von Ägypten (mizraim), Wüste (midbar) und Gelobtem
Land (kanaan), auch in der Dreiheit von Kreuz, Grab und Auferstehung, sogar
in der Dreiheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist – immer diese Struktur,
dieser Rhythmus, dieser Sound von einsundzweiundeins, einsundzweiundeins,
einsund­zwei­undeins. Die Dreiheit ist eigentlich eine „Einszweieinsheit“, es gibt
in einem gewissen Sinn gar keine Drei, kein gimel. Aber weil der Mensch ja aus
der Einszweieinsheit herausfällt, und das Paradies verlassen muss, geht er den
Weg über die 26 oder 61 Generationen, zahlreich wie die Sterne, hoffend auf
den Messias, in dem das ganze Universum wieder in seinen Einklang kommt.

Die 1: Die Geburt ist der (beginnende) Tod jener Welt, aus wir
kommen, aber wir sehen es nicht!

Die 2: Gegensatz / Auseinanderfallen von Geburt und Tod;
Leben als Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Das sichtbare
Spektrum. Wir wissen nicht woher und nicht wohin.
Zerstreuung und  Umkehr als menschliche Möglichkeiten…

Und wieder die 1: der Tod ist die (beginnende) Geburt in
die kommende Welt hinein.

Der Schritt von der eins zur zwei und von der zwei zur eins ge­lingt unterschiedlich.
Von der Seele her gesehen ist der erste Schritt ein Hinuntergehen in die Welt der
Mate­rie, in der das Licht gebrochen ist. Die erste Lebenshälfte, in der, angetrieben
vom Willen, ein erstaunlicher Fortschrittsoptimismus herrscht, ist für die Seele
ein Weg ins immer tiefere Dunkel. Alles ist umstrit­ten, die Liebe wird nicht erkannt.
Stattdessen immer mehr Ver­lan­gen und Begierde nach immer mehr vom selben.
Dann die Um­kehr, der kleine Tod in tausend Gestalten. Die Seele spürt, jetzt geht
es nach Hause. Viel wurde schon dazu gesagt, dass das he­brä­ische Wort für Vater
mit den beiden Zeichen aleph und beth geschrieben und wie „aw“ ausgesprochen
wird; in Zahlen geschrie­ben 1 – 2. Der Schritt, den die Seele als so angstein­flößend
erlebt, hinunter in die Welt der Zweiheit, wird vom „Vater“ begleitet. Er mutet uns
den Schritt zu. Der Vater selbst ist dieser Schritt, könnte man in poetischer Zuspit-
zung sagen. Die Umkehr jedoch geht über den Vater hinaus, sie ist ein Geschehen
im Menschen, der seine Freiheit realisiert: nicht den alltäglichen Versuchungen
nachzugeben, in der Zweiheit für immer hängen zu bleiben (Fortschritt und Genuss
ohne Ende), sondern ohne Gewähr und nur im Glau­ben und in der Hoffnung, leer
also, zurückzukehren zur Einheit. – Wie viele Schichten hat das Wort „Vater“?
Da ist auf der einen Seite mein Vater Karl, mein Groß­vater Alois, meine soge­nann-
ten geistigen Väter (zu denen auch Frauen gehören), dann auch unser Vater Abra­ham
und wenn er, dann auch seine Söhne Jizchak und Jaakov, die zusammen die drei
Erzväter heißen. (Und wie könnte ich Esau vergessen, Jakobs Zwillingsbruder,
mit dem ich ringe in der Nacht?) Und dann, gewiss, auch der, der mit Abraham
spricht, ihm Großes verheißt, ihn aber auch in eine schreck­liche Versuchung führt.
Auf der anderen Seite bin ich ja selbst ein Vater für Magdalena, Elias und Lukas,
und ein Großvater für Lina und Jakob. Welche Erwartun­gen sind damit verbunden?
Habe ich dem entsprochen, wie ich vom Vater her gemeint war? Und meine Kinder?
Die fernen Urenkel? Geburt und Tod sind Orte, an denen es eng wird, an denen die
Seele ver­zweifelt. Hat auch Gott Angst, als er am sechsten Tag den Menschen erschafft?
In weichem Gedenken an meinen Vater Karl und an sein Leiden in dieser Welt möchte
ich sagen: Ja. Im Vertrauen auf den Vater kann ich die Enge passie­ren. Dazu gehört
aber auch das Vertrauen auf den Sohn (ben), der in dieser Zweiheitswelt sowohl als
Tochter als auch als Sohn erscheinen kann. Der Sohn ist im Wesentlichen das, worauf
ich bauen kann (ben, Sohn, boneh, bauen)…

Das Wort Vater, das Wort Sohn – sie bezeichnen sowohl Wirklich­keiten in der Welt
der Eins als auch Ereignisse in der sichtbaren Welt der Zwei. Das ist exakt der Punkt,
an dem der Schlüssel ins Schloss geht, der aber von der „Wissenschaft“ nicht erkannt
wird. Es ist die Sprache, insbesondere die hebräische Sprache, mit ihrer vollständig
gebliebenen Struktur von Zahl, Zeichen, Wort, in der die Zeichen von dorther nicht
auf bloße Zeichen zugeschnitten wurden, sondern bedeutungsvolle Worte und voll-
ständige Symbole geblieben sind. So dass Leser und Hörer „ins Wort hineingehen“
können … Ein Wort, wie zum Beispiel das Wort Vater, aw ausgesprochen, gilt sowohl
dort wie hier. Es ist dasselbe Wort, auch wenn es dort – in der Welt der Einheit –
im Licht des ersten Tages leuchtet, anders als hier in der Welt der sieben Farben.
Es ist eine Offenbarung, aber nur dann, wenn sie nicht herüber- oder herunterge-
zogen wird in diese Welt, in der alles offensichtlich und (paradox) eben deshalb
auch um­stritten ist. In der man doch immer schon weiß, was ein Vater ist, vom
Ansehen eben, aus der Erfahrung eben, vom Studieren eben, und in der man
keine Offenbarung braucht. Whatever it is, revelation, it feels like loosing control.

Warum aber ist das so, dass ich diesen Schlüssel dankbar ange­nommen habe
und andere nicht? Vielleicht ist es so, dass die anderen, Amos Oz und seine
Tochter Fania zum Beispiel in ihrem Buch „Juden und Worte“, einen anderen
Schlüssel kennen, dass sie die europäische humanistische Philo­sophie beginnend
mit Spinoza und Leibniz als einen Schlüssel für sich entdeckt haben, einfach weil
sie „in einer anderen Geschichte“ stecken? Könnte es sein, dass in diesen Zeiten
jeder Mensch (männlichweiblich) sei­nen eigenen, nur zu ihm passenden  Schlüssel
sucht und braucht, um das zu finden, was für ihn die Antwort ist? Viele suchen ja
auch gar nicht die Antworten auf die Fragen der Erinnerung, sondern Ant­wort auf
die Frage how to make a million dollars a year (or a month??), eine Antwort, die
gar nicht mit Worten zu geben ist. So wird es auch für jeden Menschen verschieden
sein, was er mit Einssein oder Einheit (von Leben und Tod, Sein und Nichts) meint.
Dieses großartige Geschenk der Überlieferung, neu gesehen und in der Sprache
unserer Zeit für unsere Zeit aufbe­rei­tet – es wird verlo­ren gehen müssen, um neu
entdeckt zu werden. Alles ist in der Hand der Himmlischen, außer die Wertschätzung
des Himmels. Und wenn sogar ein Mensch, der einmal überzeug­ter Zyniker und
Rechthaber war, zu einem dankbaren Leser der Bibel und Hörer vom Wort Gottes
werden kann, dann kann es irgendwann auch anderen so ge­sche­hen. Meinen „Söhnen“
(männlichweiblich), meinen Enkeln und Urenkeln zum Beispiel. Denn auf den Messias
wartet jeder Mensch – auch wenn er seiner Sehnsucht einen je eigenen Namen gibt.

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der Autor in der Tiermaske unter dem Dach der Arche

Oktober 2013 / Dezember 2015