Das Wort

 

Ein Versuch (ein Essay also),
mit Geschichten verknüpft,
und so auch eine Erzählung

Teil II

Louis Lau
Dezember 2013 / Januar 2014

 

Das Wort wartet aufs Wort. Das Wort, das in der Zeitung steht, das Wort,
mit wir unsere Kinder erziehen, das Wort, mit dem wir die Toten beerdigen
(und hoffen, sie wieder zu sehen, wenn wir es denn noch tun) – sie alle warten.
Die vielen Worte warten aufs eine Wort. Weil die Ver­bin­dung zwischen den
Worten und dem Wort geris­sen ist. Reden wir aber nicht lange davon, son­dern
bauen wir, im zweiten Teil dieses Versuchs eine neue Verbindung (bone, bauen,
vom Wort ben, Sohn). Der Sohn baut etwas, in ihm beginnt etwas zu entste­hen,
was der Vater allein nicht erschaffen kann. In einem Wort ausgedrückt durch
das Woret ewen, Stein, das den Vater (aw) und den Sohn zusammenfügt. Der
Stein, auf dem die Welten ruhen.

Wir nehmen die Worte Krieg und Frieden, warum sollten wir uns weniger
vornehmen, wenn wir uns schon „von dorther“ geschützt wissen. Weil die
hebräischen Worte (das Wort also) nicht in der Luft herumfliegen wie die
Federn im Sturm, fragen wir, wo die Worte Krieg und Frieden in der Tora
zum ersten Mal zusammen geschrieben stehen. Und wir nehmen dann als
Grundlage für unse­re Suche nach dem Wort den Text aus dem Buch Kohelet,
Kapitel 3 Vers 8, beruhend auf dem Vers 1, der sagt, dass es für alles einen
Zeitpunkt und für alles eine Zeit gibt:

Zeit fürs Lieben und Zeit fürs Hassen, Zeit für Krieg und Zeit für Frieden.

milchama lautet das Wort für Krieg, betont auf der letzten oder auf der vor-
letzten Silbe, aber nicht auf der ersten. Warum nicht auf der ersten? Behalten
wir die Frage im Sinn; halten wir es aus, nicht sofort eine Antwort zu kriegen.
Warten wir auf Antwort vom Baum des Lebens, die nicht im selben Tempo
kommt, wie die Antwort vom Baum des Wissens. Sie kommt nicht im Takt
einer Maschine, sondern manchmal blitzartig und manchmal erst nach langer
Zeit. milchama, geschrieben mit den Zeichen mem, lamed, cheth, mem und
der Endung he. In Zahlen geschrieben: 40 – 30 – 8 – 40 – 5. Als Wurzel
können wir das Wort lechem ansehen, das Brot bedeutet. Ebenso aber das
Wort locham, vollkommen gleich geschrieben wie lechem, nämlich 30 – 8 – 40,
und es bedeu­tet kämpfen, bekriegen.

Wir gehen „ins Wort hinein“, indem wir die Wurzel mit den drei Zeichen
lamed, cheth und mem als Weg betrachten, als eine nicht zufällige, sondern
sinnvolle Abfolge von Begriffen, weil ja die Zei­chen eben nicht bloße Zeichen
sind, sondern selbst Worte. Jedes Zeichen ist gewissermaßen ein Satz aus zwei
oder drei Worten. lamed, das erste Zeichen der Wurzel von milchama, Krieg,
kennt man als Wort für das „Lernen“. Wieder stehen wir gleich am Abgrund
und meinen, gleich und immer schon zu wissen was „lernen“ ist, haben wir uns
doch lange genug damit gequält oder sind so rasch wie möglich davor geflüchtet.

Wer hat die Geduld? Wer hat die Kraft (chasak we emaz)? Oder die andere Kraft
mit dem Namen os, die Kraft, in der Gegenwart des siebten Tags zu bleiben und
nicht „zurück“ und nicht nach „vorn“ zu preschen? Amos und Fania sind mit ihrem
Namen Oz dafür prädestiniert. Aber wir? Ertragen wir die Spannung, die entsteht,
wenn wir nicht gleich ein „Ergebnis“ vor uns sehen? Wenn wir nicht gleich verstehen? –
Hier ein Text – zur Probe aufs Exempel.

Lamed. Handeln ist jetzt möglich mit der Wirkung in beiden Seiten des
Paradoxons. Verborgenes Tun, Tun in der Absicht nur ‑ und es wirkt in
der Welt, Handeln im Erscheinenden ‑ und es hat seine Folgen im Verbor-
genen. Am Anfang des siebten Monats wird der Mensch als Mann und Frau
erschaffen, der Mensch in doppelter Art. Zwei Tage ist Neujahr, kein ein-
­deutiger Tag. Zwei Schalen hat die Waage, zwei Kaf ‑»Hand« und »Waag-
schale« sind in der Ur­spra­che das gleiche Wort ‑, immer ein Spiel zwischen
den Zwei. Mann und Frau treffen sich in diesem Zeichen und haben ihre
Möglichkeit, staunend das Wunder der Frucht zu erleben. Im Körper des
Menschen erscheint die Leber ‑ Entsprechung zum Geheimnis des Beischlafs.

Die Hand stachelt den Stier des Anfangs zum Fortschreiten an, die Bewe-
gung entsteht, die bald das Fließen der Zeit zeigen wird. An der Hälfte
des Monats, am vollen Mond ‑ im Gegen­über des Pas­sah im ersten Monat ‑,
verläßt der Mensch sein Haus mit dem festen Dach und zieht in die Wohnung
mit dem Dach, das den Himmel einläßt, dem Dach aus Laub. Laub von den
Bäumen des Gartens Eden. In der neuen Wohnung wird der Leviathan
verzehrt, auf dem die Welt der ersten Hälfte ruht. Köstliche Speise, dieses
Aufnehmen vom Fundament der Zeit! Unter großer Freude wird die Zeit,
die unser Dasein ver­hüllte, ausgegossen. Nicht die Zeit bestimmt unser
Leben, sondern wir bestimmen das Geschehen der Zeit. Die »sukka«, die
neue Wohnung, ist die Wohnung des Königs David. Acht Tage dauert das
Fest, und die Freude durchbricht alle Grenzen.

Wer jetzt sagt „ich verstehe nur Bahnhof“ – dem hilft vielleicht das Bild weiter.

Bildschirmfoto 2016-08-01 um 17.13.03

 

Die drei hebräischen Zeichen oben (von rechts nach links zu lesen) inmit­ten des
Laubs der Bäume aus dem Garten Eden. In der Mit­te die Hand mit dem Stock
und dem Stachel, mit dem der Stier angestoßen wird. Die Welt wird erschaffen
im Zeichen Stier – eine märchen­hafte Aussage, nur symbolisch zu verstehen.
Was heißt überhaupt: eine Welt erschaffen? Warum projiziert unsere Zeit das
sofort „nach außen“, zeitlich-räumlich unendlich weit entfernt? Warum muss
der Stier angetrieben werden? Es könnte sein, er will stehen bleiben und „sich
ausruhen“ und beim vorher­gehenden Zeichen verweilen? Das ist das Zeichen
kaf, die Hand, die handelt. Die planende, rechnende Vernunft. „Die Welt wurde
irgendwann erschaf­fen, besser wir sagen, sie entstand  irgend­wann“, sagt diese
Art der Vernunft, „davon wissen wir aber kaum etwas.“ Auch Amos und Fania
könnten so sprechen, tapfer behaup­­ten sie ja, Atheisten zu sein. Ach, und jetzt?
Ist vielleicht keine neue Welt notwendig? Damit sie weitergeht, muss sie ange-
­trieben werden! Offenbar auch unsanft! Der Stier geht dann los, und hinter ihm
sieht man die Zeit als Wasser aus dem Schöpf­eimer fließen. Endlich – Zeit! Im
Strom der Zeit der Planet Erde, von weit draußen gesehen (das Bild wurde von
Dieter Franck 1969 „erschaffen“, da kannte man solche Bilder der Erde aus
dem Welt­raum gerade ein paar Jahre lang), und darunter liegt der Levi­athan,
„unseres Herrgotts Lieblingsfisch“ wie unser aller Heinrich Heine ihn zu rufen
verstand. Sieht es nicht so aus, als tränke er das ganze Wasser, so dass keine
Zeit mehr übrig bleibt? So dass endlich niemand mehr sagt, was man in unserer
Zeit so oft hört: Ich habe leider keine Zeit (für Hebräisch; für Swetlana Alexi­je-
­witsch; für die Flüchtlinge in Riace), ich muss hier das Hamsterrad drehen.
Aber bevor wir den Leviathan (mitsamt der von ihm ausgetrunkenen Zeit)
essen dürfen, müssen wir erst in die Sukka, die Laubhütte ziehen, müssen
den Himmel selbst unser Dach sein lassen. Wie unprak­tisch, sagt da gleich
die Welt.

Aber das ist ja die Frage, um die es beim Lernen geht! Gebe ich mich mit dem
Praktischen zufrieden? Sind die praktischen Fragen alles, was mich interessiert?
Kann ich mit 65 Jahren noch lernen, eine eigene Website zu programmieren?
Und bin dann recht stolz darauf? Alles schön und gut, sagt aber das Zei­chen lamed,
und was ist mit deiner unsterblichen Seele? Diese Frage auszuhalten, und sie sogar
einzulassen – ins Erleben, ins Sprechen, ins Denken, das wäre das Lernen, von dem
die Über­lieferung uns erzählt. Und wenn in der Welt ein Krieg ausbricht, ein realer
Krieg mit realen Waffen und realen Soldaten und Toten? Hältst du es aus, trotz
Chaos weiterhin nach der unsterb­lichen Seele zu fragen? Nein, ich muss zugeben,
ich halte es nicht aus, ich verfalle sogar bei den „kleinen“ realen Kriegen zu Hause
oder in der Nachbarschaft in Panik, fange an zu schreien, um den Druck los zu wer-
den. Und hinterher tut es mir wieder schrecklich leid. Ich müsste es aber einmal
bereuen, müsste einmal einsehen, was Reue ist, dass be­reuen ganz einfach bedeutet,
es nicht mehr zu tun. Müsste lernen, dass das Sichtbare noch nicht alles ist. Dass
man deshalb nie aus­lernt, und nicht wegen des vielen Wissens, das sich im Grunde
doch nur wiederholt.

Das Wort lamad, lernen, ebenso wie malmad, der Ochsen­sta­chel, haben noch
mem, Wasser, und daleth, Tür, als zweites und drittes Zeichen. Das Lernen geht
in die Zeit, kann nicht heraus­ge­hoben bleiben. Das was nicht aus der Geschichte
ist, will sich in der Geschichte zeigen – will sich, muss sich, darf sich, kann sich
zeigen, alles stimmt. Und dann führt das Lernen hin zur Tür an der Grenze des
Sichtbaren, führt an den Horizont der Erfahrung, an die Schwelle des Übergangs.

Warum fängt das Wurzelwort für den Krieg mit dem Zeichen lamed an? Was gibt
es im Krieg, für den Krieg, für nach dem Krieg zu lernen? Was für ein Unsichtbares
soll dann doch gesehen werden? Von denen, die ihre Augen nicht verschlie­ßen? Zu
sehen ist als nächstes das Zeichen cheth, Zaun. Die Zahl 8, die heilige Zahl 8, die
einzige, die es in einer liegenden und in einer stehen­den Variante gibt. Die liegende
Acht verweist auf „Unendlich­keit“, in der Mathematik etwas, womit man nicht mehr
rechnen kann. cheth am Ende eines Worts, etwa am Ende der Begriffe noach oder
ruach oder koach zeigt die aufrechte Acht, die auf­gerichtete Schlange, jene nachasch,
die denselben Zahlenwert wie der moschiach hat. cheth in der Mitte zeigt die waag-
rechte Acht, die sich entzieht, die verlockt, aber dann unerreichbar ist, mit einem
Wort den Charakter als Zaun und Grenze. Es geht aber dann doch, sagen die einen,
wir überwinden den Zaun, schleifen die Mauern, reißen den „eisernen Vorhang“
nieder. Es geht aber nicht: er fällt von innen. Wie die Dornenhecke im Märchen.
Aber ein Streit entbrennt im Zeichen des cheth, und um die Vollkom­men­heit, die
es verkündet, wenn es nicht friedlich am Ende des Worts angekommen ist, sondern
in der Mitte steht und noch etwas nach ihm in seinen Bann ziehen will.

Im Wort lechem, Brot, und im Wort locham, er bekriegte, ist es das Zeichen mem,
das durch das cheth in seinen Vollkommen­heits­sog,  ­–wahn und –bann gezogen wird.
Was soll nach der voll­kommenen Acht noch kommen? Es sind ja schon die Tage des
Messias! Und wem sie ungelegen kommen, weil sie ja nicht halt machen vor dem
Scheinfrieden und den Pseudofreundlichkeiten, den führen sie dazu, seine Sache
bis aufs Blut zu verteidigen. Das cheth erscheint in der Geschichte als totalitäres
Regime, ob in der Familie und kleinen Gruppe oder bei den Völkern.

brot

Gelobt sei der Ewige, der Herr unser Gott, der das Brot aus der Erde hervorbringt.
– Das Gebet zum Essen – zum Ganzwerden.

Wenn wir nicht sehen, dass es der Herr selbst ist, der uns das Brot schenkt (trotz
der Arbeit, die wir dafür geben), entsteht um das Brot zwangsläufig Krieg. Im
„Brot“ enthalten ist die Frage: Was nährt uns als Mensch? Gewiss, Brot – doch
der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Der Mensch isst das Brot, aber isst er es
im Ge­den­ken an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, dann kann der
Mensch von Gott „gegessen“ werden. Essen, achol, 1 – 20 – 30, ist die Verbindung
der Eins mit der Fünfzig, der Welt nach dem siebten Tag unserer Gegenwart, ist
also das so sehn­süchtig erwartete Ganzwerden. Wenn der Mensch sich in Liebe
verzehrt, dann wird er „gegessen“. Dass wir das Brot essen, könnten wir so wahr-
nehmen: wir sehnen uns (als Lernende, als Angestoßene, als vom Himmel kom-
mende) nach dem Sein des Achten Tags (cheth) in dieser fließenden Zeit (mem).

 

Vielleicht ist es lehrreich, wenn wir auf dieses jüdische Laubhüt­ten­fest
schauen und uns fragen, warum es in der christlichen Tradition verloren
ging oder aber nur als ein weniger wichtig, klein und schon ganz profan
erscheinendes Fest (Erntedankfest) überlebte. Während Ostern und
Pfingsten sowohl im jüdischen als auch im christlichen Brauch große
Feste sind, die das Ganze der menschlichen Existenz in den Blick neh-
men, und bei denen Christen wissen, was Juden feiern und umgekehrt,
ist dies bei sukkoth nicht der Fall. Ist das, weil mit Jesus Christus die
andere Zeit angebrochen ist, die ewige Zeit nämlich, und die fließende
Zeit, die unser wirkliches Dasein verhüllt, ausgegossen ist – mit großer
Freude? So dass wir mit Jesus, dem Moschiach, immer schon den Levi-
athan essen, immer schon in der Sukka sitzen, immer schon zum Him-
mel hindurchschauen durch die Bedeckungen unserer Hütten? Eigent-
lich sollte es wohl so sein, und doch ist die erlöste Christenheit mit den
Augen der Welt betrachtet ebenso wenig erlöst wie alle Juden dieser
Erde, Amos und Fania, und ich zähle mich (als zur Kirche gehörender
Christ) ja auch dazu. Die Ge­schichte vom chassidischen Rebbe gehört
hierher, dem man die Botschaft gebracht hat, dass der Moschiach
gekommen sie, man habe untrügliche Anzeichen. Der Rebbe öffnet das
Fenster, schnup­pert die Luft ein und sagt dann: Nein, es ist noch der-
selbe Geruch, es duftet noch nicht nach dem Öl des achten Tages.

milchama, Krieg, dreht sich um das Innere dieses Worts, um lechem,
das Brot. Wenn die Menschen das Brot als ihr eigenes Verdienst ein-
schätzen und die Beziehung verlieren, die sie im Essen zum Ganzen
erleben können, dann sind sie entwurzelt und obdachlos, verwahrlost
und verzweifelt. In der Tiefe des Inneren. So sehr, dass einer den
anderen auch umbringen kann, wie Kain, der Ackerbauer, seinen
Bruder Abel, den Hirten. Das Rüstzeug der Gewalt liegt in der Hal-
tung verborgen, dass einer mit seiner Hände Arbeit sich das Brot
verdient habe, eine Auffassung, die uns (in Mitteleuropa in den letzten
sechsundsechzig Jahren, d.i. die Lebenszeit des Autors) derart in
Fleisch und Blut eingegangen ist, dass wir eigentlich nur ungläubig
mit den Schul­tern zucken können, wenn einer das Gegenteil sagt.
Die viele Arbeit, der Schweiß, die Mühe, der Fleiß, die deutsche
Gründlichkeit (die anderen Völker haben ihre Pen­dants zur Gründ-
lichkeit), mit denen sich alle gegen das Ansinnen verteidigen, das
Leben hier, aus Disteln und Dornen gewonnen, sei ein Geschenk.
Ja, es braucht die Arbeit, aber ob sie Mühe sein muss, steht dahin.
Ja, es braucht den Ein­satz aller Kraft, aber ob der Mensch deshalb
in Schweiß ausbre­chen muss? Das Grobe versteht das Feine nicht,
sondern hasst es. sina, Hass, mit dem Geschehen von Schawuoth
(Pfingsten) am Berg Sinai verbunden. Wenn der Mensch das an-
dere Leben mit den am Sinai gegebenen klaren Strukturen annimmt
und auf sich nimmt, wird er von seinem Bruder gehasst: Zwei Seelen
wohnen (ach) in meiner Brust, die sich gegenseitig bis aufs Blut
bekämp­fen.

* * *

So sind wir nicht nur ins Wort hinein gegangen, sondern auch mit­ten in die
Sache namens Krieg geraten, so dass wir jetzt mehr denn je den Frieden
erseh­nen. Den Frieden, von dem wir bis jetzt nur den Namen kennen.
schalom, ein Wort der ganzen Welt be­kannt, und doch so fremd. Wenn
wir es anschauen, nehmen wir gleich das Zeichen lamed und das Zeichen
mem wahr, zwei der drei Zeichen des Worts für den Frieden haben wir
schon im Stamm des Worts für Krieg gesehen. Sollte Krieg und Frieden
nicht gar so völlig verschieden sein? In unserer Welt als Wille und Vor-
­stellung sind sie doch Gegensätze! Wie dann diese Verwandt­schaft? Wir
behalten die Frage im Sinn und schauen auf das Zeichen schin, das Zahn
bedeutet und zusammen mit den Zeichen aleph und mem zu den drei Väter-
bzw. Mütterzeichen zählt. Was bedeutet das? Die zweiundzwanzig Zeichen
werden nicht nur in die drei „Zeitebenen“ unterteilt, sondern auch in drei
Väter- oder Mütterzeichen (1, 40, 300), zwölf „einfache“ Zei­chen, die uns
das Drei (die männlich-väterliche Zahl) mal Vier (die weiblich-mütterliche
Zahl), also das Ganze des Sichtbaren  vorführen, sowie sieben „doppelte“
Zeichen, dem Rhythmus und der Dauer der Schöpfung entsprechend. Die
drei Mütter- oder Väterzeichen werden in einer Entsprechung zum mensch-
lichen Leib gesehen: die mem entspricht dem Unterleib, die schin dem Haupt,
und die aleph entspricht der Brust und dem Herzen, indem sie zwischen
„unten“ und „oben“ vermittelt und verbindet.

 

Die schin, das erste Zeichen des Worts schalom, Frieden. zeigt das Feuer
des Himmels, schamajim, das hier direkt gar nicht zu ertragen ist, sondern
eine Abkühlung braucht. schin bedeutet Zahn, schana (das schin mit der
weiblichen Endung he) bedeutet (unter anderem) Jahr. Der Zahn der Zeit.
Der den Menschen anfällt wie Feuer, und alle Spreu vom Weizen trennt –
damit dann das Brot ent­stehen kann. So friedlich wie wir das gerne hätten,
ist dieser voll­kommene Friede nicht. Kein Scheinfriede! Aber echter Friede
muss viele Scheinheiligkeiten und Scheinbar­keiten „verbrennen“ – ja,
himmlischer oder heiliger Zorn ist dafür nötig.

zahn-der-zeit

Das Wort schin, Zahn, das als Zeichen geschrieben den Anfang des Friedens
bildet, schreibt sich mit den beiden Zeichen schin und nun. Man kann deshalb
das Wort schalom auch so lesen, dass das Zeichen nun in ihm „enthalten“ ist,
jedoch verborgen. Ebenso beim Zeichen lamed, hier ist die mem und die daleth
enthalten und verborgen. Und beim Zeichen mem ist es noch eine weitere mem,
die verborgen ist. Friede, schalom, besteht also aus einer Reihe von Zeichen, die
erscheinen, 300 – 30 – 40, und einer ande­ren Reihe von Zeichen die dazugehören,
aber nicht sichtbar sind: die nun vom schin, 50, die 40 und die 4 vom lamed, und
die 40 von der mem. Der „verborgene Wert“ von schalom beträgt also nach Adam
Riese 50 + 40 + 4 + 40 = 134. Das ist eine Zahl, die uns zunächst nichts sagt, yeah,
auch so etwas müssen wir aushalten. Der Friede „insgesamt“, der erscheinende und
der verborgene, zählt 504, identisch mit dem Wert des Worts drusch, das Auslegung
bedeu­tet. Was Friede ist, muss in jeder Stunde neu gefragt und gesucht und gedeutet
werden – ein Ausruhen und Fest­setzen auf einem einmal vereinbarten Frieden gibt
es nicht. Wenn das Vereinbarte nicht immer wieder neu und natürlich auch gegen-
sätzlich „ausgelegt“ wird, ist es nur ein Schein­friede. Amos und Fania nicken jetzt
kräftig, den Wert gegensätzlicher Deu­tun­gen haben sie in ihrem Buch wirklich klar
gemacht. Und ist es nicht ein feier­liches i-Tüpfelchen, dass das ganze Auslegen und
Deuten, nämlich die in der Überlieferung überall verbreiteten Midraschim (die vom
Wort drusch kommen) uns auf den Frieden verweisen, auf seine erscheinenden und
seine versteckten Anteile?

 

Der verborgene Wert des Friedens hat uns keine Ruhe gelassen, Amos runzelt die
Stirn, wenn er so was hört, tut mir leid, hör dir doch erst einmal an, was damit wird.
Schaut man sich diese Zahl an, die 4 auf der Ebene der Einer, die 30 auf der Ebene
der Zeh­ner, die 100 auf der Ebene der Hunderter, so entsteht wie von selbst das
Wort mit den Zeichen daleth, lamed, kof, das als dalak ausgesprochen brennen
bedeutet. Es kommt zum ersten Mal in der Tora vor (wenn die Angaben der Kon-
kordanz stimmen), nachdem Jakob von seinem Schwiegervater Laban weggegan-
gen war, und dieser ihn verfolgte, weil Rahel einige seiner Hausgötter entwendet
hatte. Jakob aber wusste nichts davon, stellte sich groß hin und po­saunte, bei wem
du deine Holzfiguren findest, der soll sterben. Als Laban nach langer und ausführ-
licher Suche nichts gefunden hatte, Rahel hatte die Kleinen unter dem Sattel ihres
Kamels versteckt und sich draufgesetzt und auf ihren Zustand verwiesen, „mir geht
es nach der Frauen Art“, und Laban also von seiner An­klage, bestohlen worden zu
sein, lassen musste, wurde Jakob sehr zornig. „Was habe ich dir also getan, dass du
mich so verbrennst mit deiner Verfolgung?“ Was mit „verbrennen“ über­setzt wird,
lautet im Hebräischen dalak, in Zahlen 4 – 30 – 100, und das ist der versteckte oder
verborgene Wert von schalom, dem Frieden. Kann uns dieses „Wissen“ beistehen,
wenn wir selber Frieden bewahren wollen und nicht recht sehen, wie es gehen soll.
Nun, fürs Erste sehen wir an der ganzen Geschichte zwischen Laban und Jakob
(eingebettet in die Geschichte von Jakob und Esau), dass es sehr, sehr heftige
Gefühle gibt, dass sie nicht unterdrückt werden, dass man miteinander Tacheles
redet und nicht um den heißen Brei herum. Jakob ist reich geworden in den zwei-
undzwanzig Jahren (so viele wie es hebräische Zeichen gibt) bei Laban, und der
weiß nicht, wie das zugegangen ist und neidet ihm seinen Reichtum. Aber Jakob
hat nichts Unrechtes getan, die Hilfe des Herrn war bei ihm. So bleibt Laban nur
die Wut, weil ihm seine Hausgötter abhanden gekommen sind, an die er angesichts
von Jakobs überlegenem Gott aber auch schon nicht mehr so richtig glaubt. Und
nachdem ihn, ohne dass er es merkte,  seine eigene Tochter ausgetrickst hat, bleibt
ihm nichts anderes als klein beizugeben. „Klein beigeben“ bedeu­tet aber nicht,
dass er nun der Verlierer sei; stattdessen schließen sie einen Vertrag und beschließen,
ihre jeweiligen Gebiete zu achten. Der Steinhaufen, den sie errichten, ist ihr Zeuge…

 

Das ist eine recht vernünftige Art des Friedens und man hört nie­mals mehr von
einem Krieg zwischen den Nachkommen Jakobs und den Nachkommen Labans.
LabansHitzigkeit und sein brenn­en­des Verlangen nach allem, was eigentlich Jakob
gehört, zeigen ihn als Bösewicht, ho, ho, wie aber Frieden schließen mit einem
solchen Hitzkopf. Es ist Jakob, der das Wort dalak aus­spricht, er sagt zu Laban,
dalakta, du brennst vor Verlangen, mich nieder zu machen. Nicht die Augen
verschließen vor dem hitzigen Bren­nen in der Brust des Nächsten, sondern es
ansprechen, so dass der Andere, der Nächste, sich in diesem Angesprochenwerden
er­kannt (und nicht verkannt) fühlen kann – das wäre dann „mein“ Beitrag. Wenn
ich den Kopf in den Sand stecke vor der brennen­den Bosheit meines Nächsten
(oft bin ich mir doch selbst der Nächste), dann schüre ich das Brennen anstatt
den Raum zu eröffnen, in dem es verlodern kann.

 

Das war also jetzt mein drusch zum Wort schalom. Zum „verbor­ge­nen Wert“
des Friedens. Schalom we milchama, Frieden und Krieg zusammen zählen
370 plus 6 (für die waw, und) plus 123 ergeben den Wert 499. Das sollte
uns etwas sagen…
Amos hör doch, wie schön, dass du noch da bist. Und deine Tochter mit dir.
Bedenke, dass es ein (kleiner) Krieg ist, den Jakob mit Laban führt, als er
ihn zur Rede stellt. Denkt bitte bei Krieg nicht gleich an Taliban und Partisa-
­nen, Drohnen und Atom U-Boote, damit ihr wie aus einem Mund  „Nie wieder
Krieg“ rufen könnt, um dann nach Hause zu gehen und eure Kinder zu drang-
salieren (eventuell auch dadurch, dass ihr sie gar nicht wirklich anschaut).
Wenn beide zusammen, Krieg und Frieden, uns so nahe an die 500, die Zahl
für das Heimkom­men der Seele, heranführen, dann stößt es uns an (wie der
Och­senstachel namens lamed): Si vis pacem para bellum, aber wieder­um nicht
real, nicht mit Kanonen und Tretleitern, nicht mit einem aggressiven Pamphlet
oder Ulti­matum, sondern Krieg in jedem Augenblick. Ein Krieger sein, im Sinne
von wach sein, im Sinne einer verteidigungslosen Verteidi­gung, die hohe Kunst
der Kriegführung also – die dann für uns, die wir zum Volk gehören, und von der
Mystik keine Ahnung haben, aussieht wie der voll­kommene Friede.

master-shi-xi

* * *

Folgen wir dem Vorsatz und wagen wir uns an unser nächstes Wortpaar,
Liebe und Hass. ahawa, Liebe. sina, Hass. ahawa, 1 – 5 – 2 – 5, zusammen
also dreizehn, wie das Wort echad, einer. sina, 300 – 50 – 1, mit dem Zeichen
schin geschrieben, aber mit der „linken“ Variante, die sin gesprochen wird.
Die Überlieferung, die mit jedem von uns spricht, wie es uns gefällt (wie in
dem Lied „Großer Gott wir loben dich die Liedzeile „der dich erhält, wie es
dir selber gefällt), bringt den Hass mit dem Ort der Offenbarung am Sinai
zusammen. Die beiden Worte werden verschieden geschrieben, aber gleich
ausgesprochen, und das Aussprechen der Zeichen und Worte, das Verlauten
lassen, wird der Leibseele, der nephesch zugeordnet. Die uns in die schö­nen,
aber auch in die unschönen Gefühle hineintreibt. Eine Anek­dote erzählt
etwas vom Geschehen am Berg Sinai, von dem sich ein „normaler“ Bibelleser
keine Vorstellung macht. Gott hat die Tora mit all ihren Weisungen und Hin-
weisen und Durchblicken auch den anderen „Völkern“ angeboten, vielleicht
nicht gerade den Amalekitern oder Ammonitern, aber jedenfalls dem Volk
Esau und dem Volk Ischmael, und anderen Völkern auch. Volk ist dasselbe
Wort wie Körper: ich schaue an meinem Körper entlang herunter und denke,
das ist also mein Volk. pru urbu… seid fruchtbar und mehret euch… Jedes
Volk auf seine Weise. Esau sagt, ich lebe vom Raub, ich kann deine Tora
nicht annehmen. Ischmael sagt, ich lebe vom Diebstahl, ich kann deine Tora
nicht annehmen. Israel sagt, es ist zu schwer, ich kann deine Tora nicht
annehmen. Und da sagt Gott der Herr, sein Name sei gelobt, wenn du,
Israel, diese meine Tora nicht annimmst, dann löse ich den ganze Berg
Sinai aus seinen Wurzeln und werfe ihn auf die Völker der Erde und alles
hat sein Ende, sein vollständiges Ende. Wow! Ist es nicht ein großes Privileg,
mit einer solchen „um­wer­fenden“ Geschichte in Berührung zu kommen?
Einen – wie es aussieht – fuchsteufelswilden oder auch gekränkten oder
einfach nur zu allem bereiten Gott zu sehen und zu hören? Kein Gott, der
gut zu uns ist, der uns hilft, der uns stützt… , sondern ein bedürf­tiger Gott,
einer, der in all seiner Grenzenlosigkeit an seine Gren­zen kommt. Und die
Grenze ist der Mensch, hier als „Israel“ benannt, aber auch als Esau
(Israels Bruder) und Ischmael (Israels Onkel).

Es ist eine berühmte Geschichte, die auch Em­ma­nuel Levinas sehr beschäf-
tigte, und es wundert einen, dass Amos und Fania in ihrem Buch über die
Beziehung von Juden zu Worten (und um­gekehrt) nicht darauf eingehen.
Geht nicht ihr Verlangen dahin, dem Gott seine Grenzen zu zeigen? Da
hätten sie mit dieser Geschich­te Futter gefunden! „Nein, ihr werdet nicht
sterben“, sagt die Stimme, „ihr werdet sein wie Gott.“ – Ja, aber wie nun?
Dem sterblichen Gott der sterbliche Mensch ein Gegenüber? Dem liebenden
(verzweifelt liebenden) Gott ein zweifelndes und abwei­sendes Gegenüber?
Ich, ausge­rech­net ich, soll das überwältigende Geschenk deiner Liebe und
Sorge, deines überfließenden und sprachlos machenden Begehrens anneh-
men? Deine Hingabe mit meinem Ja erwidern? Da entste­hen gleich Bedenken
und Vorbe­halte – so ist es einfach. Es ist keine Bosheit, sondern eine notwen-
dige Folge einer zweigeteilten Welt. Dass sich all das „im Menschen“ zuträgt,
ist eine Lektion, die immer wieder neue Seiten aufschlägt. Bin ich bereit,
den Geboten der Mitmenschlich­keit gemäß zu leben, ob es nun zehn oder
243 oder 613 Gebote sind? Zuletzt sind alle Gebote vielleicht doch nur ein
einziges Ange­bot? Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst – die eine Ausle-
gung der Tora? Ich Gott bin verliebt in dich Mensch – also tu nicht so cool,
so gleichgültig, so überlegen! Tu nicht so, als würde ich dich zwingen, auch
wenn ich drohe, den Berg über dich zu schütten! Es gibt etwas in dir, Israel,
und in diesen Men­schen habe ich mich total verliebt – da kannst du nicht
so tun, als ginge es nur um ein paar Überlegungen und Berechnungen. Das
ist jetzt nun einmal eine Sache auf Leben und Tod. Also sag ja – aber sag es
aus deinem Herzen, sag es voller Eifer und voll brennendem Verlangen. Nur
dann wird die Welt bestehen!

Der Gleichklang von zwei Worten, die doch für die Augen sehr verschiedenes
bedeuten, hat uns an diesen Ort geführt, an dem sich anscheinend etwas
Entscheidendes ereignet: ob die Welt besteht oder ob sie unter dem Berg
Sinai (sina, Hass) – also unter dem offenen und verkappten Hass der Men-
schen aufeinander untergeht. Leben wir denn überhaupt noch? Oder sind
wir schon zugeschüttet, vom eigenen und vom fremden Hass? Schwer aus-
­zu­halten ist eine solche Frage, denn man braucht einen Raum, in dem die
durchdringenden Bazillen des Hasses nicht eindringen können. Und den
coolen und nüchternen und agnostisch-durch­gestylten Journalisten unse-
rer Tage (in allen Berufen) glaube ich ihre Coolness nicht! Und woher ich
das weiß? Von mir selbst weiß ich es und von meinem täglichen Ringkampf
mit dem Herrn von Esau. sar esow, der Herr vom Esau, heißt der „Engel“,
den Rembrandt und viele andere gemalt haben. In der Bibel heißt es: ein
Mann. Es sind Jakobs und Esaus während 22 Jahren ange­stau­te und
„gemischte Gefühle“, die sich hier begegnen. – Ja, man möchte so gerne
sagen, der eine von beiden sei gut, Jakob zum Beispiel, der ja dem Esau
bei der Geburt den Vortritt lässt („feiner Kerl“), während Esau ein tumber
Jäger nach dem Wild zu sein scheint, der seine „Erst­geburt“ für ein Linsen-
gericht hergibt – aber dann, als es soweit ist, die Folgen davon zu ertragen,
nichts davon wissen will. Aber so ist es nicht! Es ist eine „Er­wählung“, kein
berechneter oder berechnender Akt. Das aber ist für einen „listigen Geist“
(arum) die große Herausforderung, die Erwäh­lung eines Anderen stachelt
ihn zu mordsmäßigem Hass an – denn er, der „Listige“ und Schlaue, und
stupend Gebildete und Gute und Schöne und so weiter…  er wird nicht
erwählt
. Dass er Kreide auf seine Stimme legt und so tut, als mache es ihm
nichts aus, täuscht uns nicht. Also muss ich mit ihm ringen die ganze Nacht
(selbst wenn sie Jahre dauert).

rembrandt-jakob-kaempft

 

sina, Hass, schreibt sich mit den Zeichen schin (hier sin ausgesprochen),
nun und aleph. Das linke schin, sagt die Über­lieferung, die Geschichte vom
schiboleth, wo die Nach­kommen des Ephraim kein „sch“ aussprechen kön-
nen. Es ist eine der Ge­schichten aus der Bibel, über die man wahnsinnig
werden könnte, wenn man sie wörtlich nimmt. Aber wie sollte man sie sonst
neh­men? Hier der Ausschnitt aus dem Buch Richter.

(…) Und wenn ephraimitische Flüchtlinge (kamen und) sagten:
Ich möchte hinüber! fragten ihn die Männer aus Gilead: Bist du
ein Ephraimiter? Wenn er nein sagte, forderten sie ihn auf: Sag
doch einmal „Schiboleth“. Sagte er dann „Siboleth“, weil er es nicht
richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort
an den Fluten des Jordan nieder. So fielen damals zweiund­vierzig-
tausend Mann aus Ephraim.

Aber schau doch mal, wie unsere Augen funktionieren, diese nun, nach dem
Fall, aufs Wissen und aufs Rechthaben ausgerichteten Lichter! Auf das Gemetzel
sind sie ausgerichtet, auf das Nieder­machen, auf die Gemeinheiten, die sich
Menschen antun, bloß weil die einen Männer aus Gilead, die anderen aber aus
Ephraim sind. Was haben sie sich angetan, in den Zeiten zuvor und seit Anbeginn
der Zeiten, dass sie nun nur noch das Niedermetzeln und das Auskundschaf­ten
und die Angst und die Paranoia ken­nen? Was ist gemeint mit diesem Rätsel,
dass einer nicht schibo­leth sagen kann? Und dann dafür mit dem Leben bezahlen
muss? Oder sollen wir die Sache abhaken unter der Rubrik „unsägliche Dummheit
und Bosheit“? – Das werden wir gewiss nicht tun, solange noch lebendiger Atem
in uns geht.

Es geht – und ich wage mich jetzt weit vor – um den Aufbau des Baums des
Lebens. Man kann auch sagen: es geht um den Aufbau des Lebens (das Astro-
physik und Mathematik, Philosophie und Dichtung, Kunst und Religion und alle
anderen Disziplinen um­fasst). Es geht um den Aufbau des Himmels und der Erde,
den Aufbau der Grenze zwischen den Wassern (Zeiten) unterhalb und den Wassern
(Zeiten) oberhalb, also der Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit. Es geht um den Auf-
bau all der Dinge, die für unse­re Augen als eine Zweiheit erscheinen: Meer und
trockenes Land, Tag und Nacht, Sonne und Mond (und Sterne), Fische des Meeres
und Vögel des Himmels, auf der Erde die Tiere des Lan­des und auch den Menschen,
den Menschen männlich und weib­lich. Um dieses Leben geht es bei der Frage, ob
einer schiboleth sagt oder siboleth. Denn das eine Leben ist unsichtbar in unserer
Realität und erscheint sofort in der Gestalt von zwei.

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Dieses unscheinbare Dreieck setzt uns auf den Grund aller Spal­tun­gen und Kriege,
in den Ursprung des Hasses und der Angst, aber wir sehen, agitiert durch eine
Geschichte wie von den nie­der­gemetzelten Ephraimitern, nur noch den Gegensatz.
Wir verlieren die Einheit, indem wir uns ans Sichtbare heften, an den (für die
Drachen- und Schlangenaugen) sofort sichtbaren Kampf. Da sehen wir, nein:
da sehe ich gleich überall Feinde: Rechthaber, arrogante Schnösel, überempfind-
liche Seelen, die ihr Leiden der ganzen Welt ins Ohr tönen, Menschen, die mit
ihrem Alltag total überfordert sind, sich aber auch nicht helfen lassen. Wenn ich
im Krieg bin mit diesen düsteren Gestalten, sehe ich ihre Um­risse scharf, sehe
den Feuerschein und den Hass und die Lüge in ihren Gesichtern – und sehe
mich selber nicht
. Erst wenn die ärgsten Stürme und Schlachten vorbei sind,
„sehe“ ich, dass ich mich nicht gesehen habe und weiß, dass es mein Antlitz war,
in dem ich den Hass erkannte. Es genügen geringere Anlässe für einen Men­schen,
als dass er das Wort schiboleth nicht ausspre­chen kann, um ihn „in Gedanken“
umzubringen. „Wie viele haben Sie schon um­gebracht?“, fragt im Beichtgespräch
ein Pater aus St. Ottilien sein Gegenüber. Wir „ahnen“ dann eine tiefere Bedeutung:
Wer das rechte schin nicht „aussprechen“ kann, der – so kann man es deuten –
hat es auch nicht in sich und ist so ganz dem linken schin ausgeliefert – und das ist
eben das siboleth, das mit dem samech vom Wort sina, Hass geschrieben wird.

Der im Gegensatz gefangene Mensch sucht den Ausweg durch das ständige Hin-
und Herrennen zwischen dem rechten und dem lin­ken Pol (des einen Gegensatzes).
Es gibt keinen anderen Aus­weg; der Weg zur unsichtbaren Einheit von Hass und
Liebe ist ver­sperrt – vom Engel mit dem kreisenden, flammenden Schwert. Cherub
heißt der „Engel“, geschrieben mit denselben Zeichen mit das Wort für den Segen,
baruch – Zweiheit auf allen Ebenen. Denn Segen ist „natürlicherweise“ (d.h. in
unserer Wirklich­keit wie sie erscheint), nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch.

sina, Hass, und ahawa, Liebe. Die Liebe, insofern sie die Einheit und Ganzheit
des Lebens ist, trennt sich in Liebe und Hass. Das Leben, insofern es die Einheit
und Ganzheit seiner selbst ist, trennt sich in Leben und Tod, leben und sterben.
Gott selbst teilt sich, gibt sich hin, gibt seine Alleinheit und sein Alleinsein auf,
um erscheinen zu können. In der Mühle der Gegensätze werden dann sogar die
Gegensätze selbst zerhackt, zerrieben, zermahlen, so dass am Ende alles aussieht
wie Staub. Ein neues Erscheinungsbild des Einen – alles gleich, alles gleicht sich
wie eine Leiche der an­de­ren. Was macht mich aus? Gleich muss ich wieder an
Lea den­ken… dankbar bin ich für diesen Sprössling namens Juda aus dem David
kommt, aus dem der Erlöser kommt. Der Lebens­baum. Jetzt von der anderen
Seite her betrachtet. Betr8et. Neue Worte suchend, neue Orte, an denen der
alte Vater sein Werk an schaut und sich ergeht wie im Garten Eden. Die Gegen-
sätze aufhebend, neu vereinend, obwohl sie unvereinbar erscheinen.

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–  Glaubst du an Auferstehung?

–  Nein, ich weiß.

Da ist der Hass gleich wieder zur Stelle. Woher kommt die Schlan­ge,
nachasch, diese Struktur 5 – 8 – 3, die auch in der nephesch, unserem
Verlangen mit Leib und Seele, anzutreffen ist? Und im Wort niphal, das
fallen bedeutet. – Lass es stehen als Geheimnis.

 

Ja, wir leben noch.

* * *

Bei Allem, was ein Mensch sichtbar werden lässt, kann man fragen:
was soll es verbergen? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches
Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die
Feinheit dieser Verstel­lung? Und worin vergreift er sich dabei?

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Ausholen, um zum alles Entscheidenden zu kommen. Das Sicht­bare
verbirgt etwas. Mit Nietzsche haben wir den rechten Zeugen für diese
Behauptung. Einer, der sich aufs Verbergen verstand. Ähn­lich Heraklit:
Die Natur liebt es sich zu verbergen. Unsere Rea­li­tät. Die wir mit den
Sinnen wahr­nehmen. Die naturwis­sen­schaft­liche Denkweise, die sagt:
wir wissen das Alter des Univer­sums. Sie alle verbergen etwas. Und
das Gesetz der Thermodyna­mik. Populär gesprochen: der Wärmetod.
Was verbirgst du? Eine strenge Grenze ziehen: auf der einen Seite –
das, was ich weiß und dazu gehört auch alles, was wir prinzipiell wissen
können | auf der anderen Seite – das, was ich nicht weiß und nicht wissen
kann und auch niemand anderer wissen kann. Also: Die Realität wie sie
wiedergegeben wird durch die Medien (Sprache, Kunst, Wissenschaft…)
ist alles was der Fall ist. Der Realitätssinn. Er möchte sich den Blick auf
die irdische Wirklichkeit durch keine „schönen“ Wörter und Begriffe ver-
stellen. Keine Tröstun­gen, mit denen man sich nur „vertröstet“ fühlt.
Besser, ohne Trost auszu­kommen! Was genau ist gemeint? Vermutlich
der Tod, den man sich nicht nehmen lassen will, „das eine glaube ich“,
sagte mein Herr Vater, „dass mit dem Tod alles aus ist.“ Das ist doch
die Natur, die es liebt sich zu verbergen. Alles aus? Versteht man das?
Wie die Lichter auf der Bühne nach der Vorstellung? Was sagst du mit
den zwei Worten „alles aus“? Du lässt etwas sichtbar werden, kein Atem
mehr, kein Herz, kein Blut, kein Brot und kein Wein, keine maßlosen
Erregungen mehr über die ver­rückte Welt und keine Arbeit mehr, dies
als einziges bedauerst du. Hast du gern gelebt? Was heißt gern, fragst du.
Mit Leib und Seele, sag ich, aber nicht nur, sondern auch mit Sehn­sucht
nach dem himmli­schen Vater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde…
Nein, nach ihm hatte ich kein Verlangen. Dann bist du der Welt ver­fallen,
hingst an ihr mehr als dass du auf ihr gewandelt bist – nur die Schweiz
war dein Paradies. Wärst schon mit zwanzig gerne dorthin ausgewandert.
Aber dann, seither, hast du es kaum mehr durchblicken lassen, dass du
einmal ans Paradies geglaubt hast. Und hast dich einfach auf die Welt wie
sie ist (oder zu sein scheint) ver­las­sen und sie fürs Ganze genommen. Nicht
mehr Erde und Himmel. Sondern Erde, Erde, Erde. Da fällt dem Sohn
gleich eine Erzählung ein, sie heißt „Wie viel Erde braucht der Mensch?“
Die Geschich­te von einem, der nicht genug von der Erde bekommen konnte.
Wie auch immer – ihr alle, der Erde so oder so verfallen und untertan,
verbergt etwas.

 

Die jenseitige Sprache kennt ein Wort für die Erde (arez), die zusammen
mit dem Himmel erschaffen wurde, ein Wort für die Erde, aus der der
Mensch gemacht wurde (adama), und ein Wort für den Staub (aphar),
aus dem er gemacht ist und zu dem er wie­der wird. Sie kennt ein Wort
für die Welt, für diese Welt (olam hase) und für die kommende Welt
(olam haba). Kennt sie ein Wort für „Realität“? Dawar, heißt das Wort,
aber es bedeutet Wort und Sache, Wort und Sache in einem. Als wolle
das Wort sagen: es kann hier nichts getrennt sein, außer wir trennen es
(Wein­reb). Ich schreibe, ich spreche, ich habe Verlangen, ich esse, ich
fliehe, ich gehe nach Ninive die große Stadt… ich träume. Ich glaube,
liebe, lebe und zweifle, hasse und bin tot – immer ist das Wort und die
Sache zusammen. Das eben ist das Jenseitige am Hebräischen; in den
Sprachen der Welt ist das Wort vom Ding getrennt und muss erst wieder
zusammen gefügt werden. Man sagt zwar verbum dei oder Wort Gottes
und so weiter in den siebzig Sprachen, aber das Einssein ist verloren.
Es ist auch bei Amos und Fania verloren, auch wenn Hebräisch ihre
Mutter­sprache ist. Und es ist auch bei Imre Kertesz verloren, dem
Krie­ger um wahre Selbsterkenntnis, der sie verzweifelt und bewun­­-
dernswert sucht. Aber wer sucht sie nicht? Auch wenn ein Kerl wie ich
sagt, er lerne Hebräisch als heilige Sprache und dort sei  die Einheit
von Wort und Sache bewahrt, muss er sich doch mit all den Trennun-
gen herumschlagen, die in dieser Welt herum­geistern. Die naturwissen-
schaftliche Denkweise zum Beispiel, die das Leben auf die Erde (ver-
standen als Staub) herunter zwingt und auch das Leben des Universums
als „von Staub kommst du und zu Staub wirst du“ ansieht. Hauptsache
kalt und weit weg, dann tut die Trennung von Wort und Sache, von
Wort und Gott, vom einen Wort und den vielen Worten nicht so
schrecklich weh.

 

Sei realistisch, sagt man den Kindern und den Frauen und den Lyrikern.
Lass dir kein X für ein U vormachen. „Ich will eine strenge Grenze zwischen
dem was ich wissen kann und dem was weder ich noch die anderen wissen
können“, sagt der Atheist, ach, was heißt Atheist, das sagt ja jeder, der zur
Wissenschaft gehören will. (Muss es sagen. Sonst wird er geächtet. Nicht
ge8tet, sondern ge▒tet. System Auschwitz, hat es Imre K. ge­nannt. Sehr
zum Missfallen aller, die sich mit Auschwitz und dem NS und seinen Folgen
„wissenschaftlich“ beschäftigen.) Diese strenge Grenze – wieder wage ich
mich weit vor – heißt in der jenseitigen Sprache rakia. Es ist das zweite
Wort der Schöp­fung: wajomer elohim jehi rakia betoch hamajim wajehi
mavdil bein majim lamajim. (Und Gott spricht da ein Gewölbe inmitten
der Wasser und da eine Unterscheidung zwischen den Wassern und den
Wassern). Von da an – und das darf nicht aufs Zeitliche be­schränkt werden,
sondern es bedeutet: von diesem zweiten Wort der Schöpfung an – sehen
wir einen Unterschied zwischen den Was­sern (den Zeiten, dem Geschehen,
der Geschichte) oben und unten. Tausend Jahre in deinen Augen sind wie
der gestrige Tag und wie eine Nachtwache (bei den Men­schen), sagt der
neun­zigste Psalm. Wer das Leben eines Menschen auch nur für einen Tag
rettet, der hat die ganze Welt gerettet, heißt es im Talmud. Es gibt kein
vorher und nachher in der Tora (ebenfalls im Tal­mud). rakia, die Unter-
scheidung, ge­schrieben mit den Zei­chen resch (200), kof (100), jod (10)
und ajin (70) erzählt densel­ben Zahlenwert wie das Wort mizraim, das wir
mit Ägypten über­setzen. Es meint Exil, ein zu allen Zeiten und auch im
20. Jahr­hun­dert sehr viel Leid ausstrahlendes Wort. Mit der Unter­­schei­-
dung namens rakia, die zur Schöpfung gehört (da ist nichts zu machen),
ebenso wie mit dem Zeichen beth vom Wort bere­schith, beginnt also
bereits der Weg „zum Vater“, zur Ein­heit, zur Liebe (echad). Ohne rakia
(und ohne mizraim) kein Weg. Aber der Mensch kann auch stecken bleiben
in der Unter­scheidung, sich einrichten mit den Fleischtöpfen Ägyptens,
das kalifornische Exil genießen… Der zweite Tag, der einzige der sieben
Tage, von denen nicht gesagt wird „und Gott sah, dass es gut war“. Was
bedeutet das? Hat es mit der Unterscheidung, rakia, zu tun?

 

Lass uns jetzt bei dieser Frage mal konkret werden, an Hand des nächst-
besten Bei­spiels. Da gibt es in London eine School of Life, die das ganze
Jahr über „philosophische“ Veranstaltungen organisieren. Kurzweilig und
very british, wenn ich als Fan des englischen Humors das so loslassen darf.
Heute kam also, vielleicht zum dritten oder vierten Mal ein Werbemail, in
dem auf eine Serie von kleinen Büchlein hingewiesen wird.

 

We are proud to launch the second in the best-selling series of How to
books … In the first series we examined some of the great issues of life
– work, sex, money, emotional maturity, digital life and changing the
world. This new collection tackles some of the hardest issues of our lives
– ageing, being alone, emotional health, confronting adversity, connecting
with nature and how to approach exercise – in a way that is genuinely
informative, helpful and consoling.

 

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Mir gefallen die Fragen und die ganze Reihe ziemlich gut. Einfach vom Aussehen
her. Von der Stimmung her, die sie verbreiten. Man versucht gut zeitgenössisch
ohne metaphysischen Lebenskitt aus­zukommen und doch wird so gut sichtbar,
wie das ganze Fra­gen und Suchen auf einem (eingeschlossenen – nämlich in das
„Wir kommen ohne Metaphysik aus – Gefängnis“ eingeschlos­senen) Vorwissen
beruht. How to age zum Beispiel – fragt im Grunde danach, wie es ist nicht zu
altern, sprich: wie das gehen soll, all die schreck­lichen Ereignisse, die das Altern
– für unsere nach­meta­­physischen Augen – ausmachen, nicht erleben zu müs­sen,
sondern, nur zum Beispiel, wie Abraham zu sein, zu sterben alt und lebens­satt,
oder sogar wie Adam, im biblischen Alter von neun­hun­­dertfünfund­fünfzig Jah­ren
(Wie peinlich! Was soll das?). Oder zu sein wie Onan und Esau, zwei nicht so gut
beleu­mundete Männer der Heiligen Schrift; vom einen wird gesagt, dass es Gott
missfiel, was er tat, und so starb er, vom anderen, dem Zwil­lings­bruder Jakobs,
wissen wir aus der Überlieferung, dass er „ohne Testament“ starb, „wie ein
Gladia­tor nach allge­meiner Sitte“.  schreibt Rabbi Chanina (Genesis Rabba 96).

„How to age“ – und auch die anderen Fragen – how to live, how to die,
how to praise and how to love … wenn wir die Fragen so aufgereiht vor
uns sehen, spüren wir: wir wussten es doch ein­mal, und das Wissen,
dass wir es einmal wussten und dass wir dieses Wissen einmal lebendig
gehalten haben, ist immer noch nicht völlig entschwunden. Wir sind
jetzt (im Westen) Teil der Welt unter­­halb der Grenze namens rakia,
leicht ver­wirrt, leicht ver­stimmt, leicht ver­führbar, weil uns die Früchte
des Para­dieses nicht mehr in den Mund fliegen, jedenfalls in aller Regel
nicht. Und wenn wir jeman­dem begegnen, der strahlt und von dem wir
nicht recht wissen, ob er verrückt oder erleuchtet ist, bekommen wir
Angst und gehen gern auf Nummer sicher: weg­sperren bei den Ver­rückten.
Doch es lässt uns keine Ruhe. Die etwas Wache­ren unter uns fragen nach-
haltig, wer denn eigentlich verrückt sei, ob es nicht doch die soge­nann­ten
Normalen sind mit all ihren Zukunfts­ängsten und ihrem Sicher­heits­wahn
und ihrer Geltungs­sucht und Ichmanie. Dass die Grenze namens rakia
be­steht, dass sie Teil dessen ist, was durch das Wort erschaf­fen wur­de,
ist ja kein Schicksal, dem wir ausgeliefert wären: ich bin jetzt in der irdi-
schen Wirk­lichkeit und der Himmel ist mir ver­schlos­sen. Nein! Als Mensch,
der im Zeichen waw steht, d.h. im Zei­chen „und“, verbindest du unten und
oben, das Geschehen und die Geschichte, wie sie dir von der na­turwissen-
schaftlichen Denk­­­­­weise vorgespiegelt werden, verbindest du mit dem
Geschehen, wie es das Wort offenbart. Du sollst nicht an Geister glauben,
sondern dem Geist und dem Licht vertrauen. Was ist ein Wun­der? Dazu
kann ein Mensch, der in den Bereich unterhalb der rakia gefallen ist, nichts
sagen; oder er kann höchstens sagen: Wunder gibt es nicht. Und Gott gibt es
nicht, ein Leben nach dem Tode gibt es nicht,  Heilung gibt es nicht, Einsicht
gibt es nicht, selbstlose Liebe gibt es nicht – so sprechen eben die sogenannten
Normalen, ein Wort das im Hebräischen als chol, Sand, ver­stan­den wird.
Normal ist der Sand, der die Füße trägt, wenn sie durch die Wüste ziehen.
Nicht böse sein, Vater, ich weiß schon, dass das nicht alles ist, was von dir bleibt.

 

Ein Wunder ist zum Beispiel die Erinnerung. Ich nehme doch an, dass jeder
Mensch mit diesem Wunder gesegnet ist, natürlich kann die Erinnerung
verloren gehen, großes Thema heute. Aber alle Menschen können sich zum
Beispiel an ein Ereignis aus ihrer Kindheit erinnern, in dem sie etwas Beson-
deres, eine Freude, eine Überraschung erlebten. Das kann Jahrzehnte zurück
liegen. Und doch ist die Erinnerung manchmal sehr lebendig, Farben, Gerü­che,
Stimmen, manchmal wie in einem Film, manchmal eher als Stimmung. Seit
einigen Jahren erlebe ich, dass Menschen, die nach unserem „normalen“ Welt-
bild schon lange gestorben sind, für mich spürbar anwesend da sind. Ich will
bestimmt niemanden erschrecken (oder verblüffen), am Besten drücke ich es
wohl so aus, dass es sich um eine Stimmung handelt, in der ich spüre, dass
meine Mutter (manchmal mein Vater, selten mein Onkel) mir „über die Schulter
schaut“ und wenn ich sie innerlich frage, was sie zu der Sache meint, meist eine
lustige Stellungnahme erhalte. Vorsprachlich zuerst, aber ich kann es dann
„übersetzen“. Ich selbst habe das Gefühl, dass es sich um etwas völlig Geläufiges
handelt, also gerade nicht um ein Wunder im landläufigen Sinn, der durch eine
populäre pseudonaturwissenschaftliche Haltung angesteckt ist, die meint, dass
so etwas „unmöglich“ ist.

 

Nun, wir sind jetzt bereit für den Klartext. Ich sollte jetzt in meinen eigenen
Worten sagen, was es mit dem Verhältnis der Tora (und mit ihr zusammen
der ganzen Bibel in allen Sprachen der Welt) zu unserer sogenannten
Wirklichkeit auf sich hat.

Zunächst eine kleine Tabelle, die sich auf einige der Dinge bezieht, die in den
ersten „Kapiteln“ der Tora vorkommen.

 

 

 

unsere physische Wirklichkeit

die Tora

Himmel: Atmosphäre, Wolken, blau schamajim: der doppelte Name
Erde: Planet, Milchstraße, Zufall arez: Power, Ungeduld, ez ose pri
Chaos: ohne Struktur Tohuwabohu Abgrund und Staunen
Licht: Doppelnatur, Welle und Teilchen, Grenzgeschwindigkeit or, 1-6-200, Feuer des Anfangs erhalten in
der Hauptsache
sagen, sprechen: unterscheidet Mensch vom Tier; Information omer, 1-40-200, Licht in der Zeit, Licht, das
die Zeit umfließt
sehen: wozu etwas da ist, ob es nütz­lich ist, was man daraus machen kann jar, 10-200-1, Licht kommt in den Leib herein
gut (das Licht): nützlich tow, 9-6-2, wie es ist, wird erst geboren
trennen (Licht und Finsternis): sie haben nichts miteinander zu tun badal, 2-4-30, wozu es ist – du bist dazu da,
um es zu erfahren
Finsternis: wir vertreiben sie mit künstlichem Licht choschech, 8-300-20, wir beißen auf die Zähne,
um die Enttäuschung zu erleben – und zu überwinden

 

Das genügt, um uns vor Augen zu führen, dass es keinen Sinn macht,
die Worte der Bibel in derselben Weise zu verstehen, wie die Worte
unse­rer alltäglichen Sprache. Der Himmel der Tora ist nicht der Him­mel,
den wir sehen, auch kein Himmel voller Gei­gen. Wie wir sehen, um etwas
wahrzunehmen, ist nicht dasselbe, was in der Bibel unter sehen verstanden
wird. Goethe trifft es schon eher: wär’ nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne
könnt es nie erblic­ken. Wo wir festlegen wollen, was gut ist, erblickt die Tora
das bestän­dige Kommen und Werden. Die Sprache und Wirk­lichkeit der Tora
sind nicht die Sprache und Wirklichkeit unserer Welt. Die Tora erzählt nicht
die Geschichte der Entste­hung der Welt, son­dern die Geschichte ihrer Erschaf-
fung – jetzt und jetzt und auch jetzt. Es ist ein bedauerlicher Irrtum, die Worte
der Tora als Beschreibung unserer (physischen, seelischen, geistigen, morali­schen,
sozialen) Realität zu nehmen. Man könnte dies sogar als den eigentlichen Fall
des Menschen bezeichnen. Na ja, das ist mir jetzt so herausgerutscht, vielleicht
stimmt es auch, aber es klingt schon ein wenig zu wichtig. Nach Schlange…

 

Die Tora ist dem Menschen offenbart – am Sinai, sagt man. Aber das ist für die
Tora kein Ereignis, um das man streitet, wann es war, sondern zuerst und vor
allem ein Geschehen im Menschen. In mir. In dir. In ihm. In uns. Wenn Gott
nicht in meiner Seele wie­der­geboren wird, kann Jesus noch so oft „auferstanden“
sein. Was also ist die ganze Tora? Ein mächtiger Spiegel, in dem unsere Realität
(die Wirklichkeit unter­halb der Wasser) und die Wirk­lich­keit der Tora (oberhalb
der Wasser) in eine Einheit, in den einen Gott, zusammenfließen. Es fließt, aber
saget nicht Wasser. Paradox, wie sonst!

 

rakia, die Grenze, das Firmament, die Wolke, im Englischen sky – in der Ta­bel­le
wird die Grenze durch den senkrechten Trenn­strich in der Mitte angezeigt. Es
sind wirklich völlig unterschied­liche Welten. Und doch, was wenn sie getrennt
blieben für alle Zeit? Was wenn unser Leben dazu da wäre, die in der rechten
Spalte der Offen­barung angedeutete Sinngebung mit den herköm­mlichen Be-
deutungen der linken Spalte zu vermählen? Jeder Mensch, männlich und
weiblich, bei sich und in seinem Leben und auf seine Weise?

Die Erde etwa, die um ihre (und unsere) Res­sour­cen beraubte Erde, dieser
Planet, der in furchtbarer Geschwin­digkeit um die Sonne rast, jahraus jahrein,
bis er der­einst den Weg alles Irdi­schen gehen wird. Die Sterne und Milch-
­straßen am Firmament dieser Erde, das sich mit der modernen Wissenschaft
immer wei­ter ausdehnt, all unsere Vorstellungen sprengend, so wie auch das
Umgraben und Umpflügen der Erde durch das listigste der Tiere, den Menschen,
kein Ende zu neh­men scheint, und alles, was er wer­kelt, wartet auf den unbarm-
­herzigen Vollzug des Naturge­set­zes, den Kältetod, der durch die Mörder und
Henker und Schlä­ger eines jeden Jahrhunderts schon vorweggenommen wird
– Auschwitz, unerhört und zum Ver­rückt­­werden – und doch hat die Erde solche
Verbrechen schon tausendfach ertra­gen und nicht verschmerzt. Die Erde: verletzt,
verwundet, zu Tode erschreckt. Wartet sie – also die Erde in unseren Worten,
in unseren dank­baren Gedanken, in unserem Herzen, nicht schon immer darauf,
„erkannt“ zu werden? So wie Eva (chawa) von ihrem Mann, dem geteilten und
mit einer Bot­schaft (bassar, ge­meinhin mit Fleisch übersetzt) wieder zu einem
Ganzen geformten Adam, Erd­ling, erkannt wurde? Eva wurde als eine ezer
kenegdo (eine Hil­fe mir gegenüber) erkannt, so wie auch ich meine Frau erken-
nen könnte, in allem Zwist, in allen Gegensätzlichkeiten, sogar gerade im Zwist
und im Gegensatz. Und sie mich: das Verborgene er­kennt das Erscheinende,
nämlich die Erde, den Staub, den Sand, den Fels und den Stein und die Acker-
krume. Und dann wür­de das erscheinende Ich sich gebor­gen wissen – es wäre
erkannt und gebun­den, und könnte in Ruhe (noach) Frieden halten, sogar in
einer zu Tode erschrockenen Welt.

 

Die hebräische Erde, arez, kommt der geschundenen und verge­waltigten Erde
hier entgegen (ezer kenegdo), die im Laufe der Geschichte immer wieder als
aufgewühl­tes Schlacht­feld, als blut­getränkter Graben, als verbrannte Erde
sichtbar geworden ist; sie zeigt ihr wie im Spiegel die Ungeduld, den Baum
des Lebens aus sich, Mutter Erde und Muttererde, hervorzubringen. Überall,
auch beim Geduldigsten der Mitmenschen, die brennende Unge­duld, endlich
ans Ziel zu gelangen… ja, jetzt, endlich! Und siehe da – anstelle jenes Baums,
den das Wort des Schöpfers ez pri ose pri ruft, bringt die Erde eine Art Abkür-
zung hervor, eine Schnell­frucht sozusagen: ez ose pri. – ez, das Wort für Baum,
aus­gespro­chen ets, dem Laut nach nah verwandt mit dem Wort et, Zeit. So
gelesen heißt das vom Wort gewollte: Aus den im Laufe der Zeit entstandenen
Früchten sollen weitere Früchte entstehen – wäh­rend die Ungeduld der Erde
(arez) daraus eine Zeit macht, die ihre Früchte selbst hervorbringt. Das ist
unsere Zeit! Wir sehen uns in diesem Spiegelbild!

 

Ich, Erde (Staub, Sand, Fels, Stein – und tausend andere Formen, in denen
ich erscheine), fühle mich erkannt. Gesehen. Gesehen wie ich bin. Fruchtbar
und ungeduldig, man könnte also sogar sagen: furchtbar ungeduldig. (Kleiner
Witz am Rande.) Ich nehme all diese Opfer in Kauf, all das vergossene Blut,
all die durchbohr­ten Körper – denn ich will Gerechtigkeit, ich will Ausgleich,
ich gebe mei­ne Söhne für den Kampf um ausgleichende Gerech­tig­keit, und
nur wer meinen Zorn, mein Lodern, mein Brennen für diesen Ausgleich sieht,
sieht auch mich. Es ist mir egal, wenn ihr mich aufreißt, wenn meine Söhne
verbluten, ich gebäre mir neue Söh­ne, die mich rächen. Wer mein Gegenüber
sein will, kann da­vor nicht die Augen verschließen. Ich bin die Erde, die zusam-
­men mit den Himmeln am Anfang erschaffen wird, bereschit bara elohim et
haschamajim we et haarez, und ich werde immer in Frage stellen, warum die
Himmel zuerst erschaffen wurden. Was soll an den Himmeln wertvoller sein,
dass sie bevorzugt werden? Ist das schon ein Vorgeschmack auf jene
Erwählung am Sinai?

 

Die Erde ist wild und stürmisch und unangepasst von jenseits her. Und so
ist sie dann auch hier: Sie bebt, sie brüllt, sie spuckt Feuer, sie schüttelt sich
und türmt die Wasser hoch, sie birst in Stücke und wirft Felsen durch die Luft.
Auch ein Meteor ist Erde. Sie wird geliebt vom Krieger, den sie anerkennt, und
da bricht sie dann auf, denn sie sieht gut, dass auch der Hirte ein Krieger ist,
einer von einer anderen Sorte. Abel und Kain, zwei Krieger. (Im Menschen.
Im Verborge­nen.) Im Krieg um die Erde.

 

Für sogenannte moderne Menschen (die es doch „zu jeder Zeit“ gibt) ist es
nicht möglich, diesen Bruderkrieg anders als in blöder (zynischer oder
gleichgültiger) Verzweiflung wahrzunehmen. Man starrt auf das Geschehen,
gebannt, schockiert, von einer Art von erschütternder Wahrheit angefasst,
die man dann aber abzu­schüt­teln versucht. Nur um den Preis, sich im
Modus des Protests wiederzufinden. Um dann, folgerichtig, die Überliefe-
rung (tora) als Ganze in eine „andere Zeit“ zu verlegen, in eine „frü­he­re Zeit“,
in der die Menschen noch dem Aberglauben von Opfer und Buße ausgeliefert
gewesen seien, während sie selbst, die Moder­­nen, gar keinem Aberglauben
mehr anhingen. Werch ein Illtum! Der Illusion von Frieden hängt diese
Moderne (zu wel­cher Zeit auch immer) an! Sie verleugnet ihre eigene
bestialische  Aggressivität, die Bereitschaft, den Nächsten zu ermorden,
wenn es dem eigenen unabweisbaren Bedürfnis nützt. Dass ein Bedürf­nis
(nephesch, gemeinhin mit Seele übersetzt, ein Wort mit der­selben Struktur
wie nachasch, Schlange, und niphal, fallen) unabweisbar wird, dass ein
Bedürfnis regiert – das ist die Moder­ne (zu jeder Zeit). Wer also will
Genosse und Parteimitglied dieser Moderne sein? Nur wenn ein Bedürfnis
(zu morden, sich zu beschweren, den anderen verantwortlich zu ma­chen…)
ab­weisbar wird, wenn ein anderer Ursprung auftaucht, um dem Bedürfnis
entgegen zu treten und zu sagen „beherrsche dich“, kann der Wunsch
entste­hen zu danken. Danke, dass dieses Mal nicht mein Bedürfnis (zu
zerstören, zu vernichten, zu zer­mal­men) herrschte, sondern der Kerl ruhig
bleiben konnte. Indem ich dank­bar bin, werde ich zum Juden (jehuda).
Etwas anderes herrscht. Und die Welt hasst den Juden, ich selber hasse
ihn so­gar, wenn ich bin wie die Welt, olé! [Da lese ich heute etwas von
der „Neuen Medizin“, hab’ den Ausdruck von einem sympa­thisch wir­ken-
den Arzt während einer Familienaufstellung kennen ge­lernt – und siehe
da, plötzlich heißt es da nicht Neue Medizin, son­dern „Germanische Neue
Medi­zin“ … mein Kopf raucht, ich speie Feuer. – Ich sollte es als Prüfung
(nisa) verstehen, wie im Vers Genesis 22.1. „Und Gott prüfte den Abraham.“]

Die Erde. Sie will. Ihr Hauptattribut: Ich will. Sie will vergessen, oder noch
eher: sie will die Tatsache ungeschehen machen, dass sie erschaffen ist.
Mutter Erde. Mutter. Du hast doch auch diese wahnsinnige Schöpferkraft
in dir gespürt, als du deine zwei Kin­der geboren hast. Als dir der erste dann
genommen wurde – du hast dich nicht ausgekannt und warst entsprechend
ungeschickt, leider! – hast du den Wahnsinn der Gegenseite gespürt: die
Zer­störungskraft. Damit etwas ist, damit überhaupt etwas sein kann, braucht
es beide Kräfte. Sie ringen miteinander. Wie Jakob mit dem Engel ringt, der
wie die Über­lieferung weiß als der „Herr von Esau“ gilt, seines Bruders also.
Du aber willst selber herr­schen, allein herr­schen. Du sagst: Ich habe doch
das Kind gebo­ren. Dass es gezeugt wurde, hast du als Nebensache erklärt.
Die Zeugung war dir nur der Beweis, dass er dich liebt. Dass er dich braucht?
Oh Erde, oh Mutter, ihr könnt nichts dafür. Befreit euch doch bitte von den
Schuldgefüh­len, die euch heimsuchen, die ja nichts anderes sind als der
Un­wille, euch als Geschöpf zu erkennen. „Ich hätte Bäume ausreißen können“,
sagtest du oft. Ja. Und mich gleich mit. Das ist ohne Selbst­mitleid gesagt –
ich bin ja da, bin da gerade auf die Weise, in der Gott der Herr mich sein
lässt und hoffentlich auch will. Denn so ungeduldig, willkürlich, verrückt
und chao­tisch die Mutter auch erscheinen mag – sie ist der andere Teil des
Gottes, der sich selber teilen musste, um den Menschen zu er­schaffen, und
zwar gegen den Widerstand der himmlischen Nomen­klatura. Oh ihr Engel
und Erzengel und Cherubim und Seraphim! Nein, ruft  ihr, als der Herr den
Gedan­ken ausspricht, jetzt den Menschen machen (ose) zu wollen, und mitten
in das unerhörte Zögern des Schöpfers hinein ertönt die Stimme der Mutter,
meiner Mutter auch, die sagt: Dann gehe ich mit hinunter! Das Wort der
Mutter hat euch zum Schweigen ge­bracht, ihr himmlischen Heerscharen,
ihr freund­lichen Aufpasser mit der hellen und dunklen Seite. Denn seit
Gott sich selber trennt, in eine männliche und eine weibliche Seite, seid
auch ihr nicht eins. Höre Israel, der Herr unser Gott, einer ist er.

razon, Wille, ist das Wort, das der Erde (arez) innewohnt. resch, Haupt,
zade, Angelhaken, nun, Fisch. In Zahlen 200 – 90 – 50. Zusammen 340;
derselbe Wert wie das Wort schem, Name. Haschem, der Name, den wir
anstelle des unaussprech­lichen JHWH sagen. Im Vaterunser heißt es:
„Dein Wille“ geschehe. Dein Wille! Wir ergänzen innerlich schnell: Dein
Wille … und nicht mein Wille. Die Formel meint aber doch auch: nicht
der Wille der Erde (arez), denn sie trägt – für uns alle – die schwere
Ungeduld des Herzens und schießt so gern übers Ziel hinaus. „Bäume
ausreißen“, oh Mutter? Und dann? Stündest du da mit den ausgerissenen
Bäumen und wüsstest nicht wohin! Musstest lange warten auf den
Moment, an dem bei dir der Gro­schen fiel, und du erkanntest, was
es mit dem Himmel auf sich hat. Der doppelte Name!! Dann stehst du
mit deinem Willen, dem ein­fachen Namen, sprachlos und mit gesenktem
Kopf, aber nicht aus Scham oder Schuld gesenkt, sondern aus Einsicht.
Und aus Nach­sicht. Denn dass der Himmel dir langweilig und träge
vor­kam, ist ja überdeutlich. Und so war es und ist es und wird es sein.
Denn auch der, der hier schreibt und sich Gedanken macht, und immer
wieder vergisst, dass mit den Gedanken schon der Dank verbunden ist,
kennt die Unge­duld des Herzens und möchte dann „auf seine Weise“
Bäume ausreißen, auch wenn er noch so sehr dage­gen anredet. Besser
wäre es, er würde den wirklichen Zusam­men­hang erken­nen, und der
sieht so aus: Solange er noch dage­gen anredet, solange er also noch von
innen her so stark angetrie­ben ist, sich gegen die Mutterunruhe zu stellen,
solange ist sie in ihm selbst wirksam. Und dies sehend, kann er die Unruhe
der Mutter auf einmal annehmen. Nicht nur die Unruhe seiner eigenen
Mutter, sondern auch die der Mutter Erde, ihre bestän­dige Sorge, ob es
gut gehen wird: ob sie so viele Menschen über­haupt ernäh­ren kann, ob
sie ihre Kinder zu erdumfassender Soli­darität ermun­tern kann, ob sie
die vielen Mütter, die sich alle um ihre eigenen Töchter und Söhne küm-
mern, zu einer Art von Mit­gefühl animieren kann, die über die Familie
und den Stamm hin­aus geht. Wieder werden wir an den Aufschrei der
himmli­schen Heerscha­ren erinnert, als Gott der Herr seinen Plan äußert,
den Men­schen erschaffen zu wollen. Ein tausendstimmiges Nein er­tönt.
Und da trennt sich die himmlische Mutter von ihm und sagt: Dann gehe
ich mit hinunter. Mit welchen Hoffnungen? Mit welchen Plänen? Was
hat sie vor, was gedenkt sie dem Nein der Engel entgegen zu setzen?
„Er wird die Erde verwüsten“, spre­chen die Stimmen, und siehe da,
heute schmelzen die Pole. Panik herrscht. Was tut die Mutter dagegen?
Oder ist eine solche Frage nur ein von Unge­duld beherrschtes Ansinnen,
eine Art Götzen­dienst für den grie­chischen Gott Pan? Oder aber können
wir in dem, was in unseren Tagen mit der „Materie“ geschieht, nämlich
ihre immer weiter gehende Untersuchung mit Hilfe sehr großer Maschinen,
wobei sie dann in immer kleinere und immer weniger fassbare „Teil­chen“
sich auflöst, das Dasein der himm­lischen Mutter wahr­neh­men? Das ist
eine Frage, die träumt. Wo­von? Von der Einheit und vom Einssein, von
der Liebe also  – und der Träumer ist einer, der den beständigen Streit
zwischen Himmel (Vater) und Erde (Mutter) immer schon mit diesem
Traum einer irgendwann wiederkehren­den Einheit ertragen hat.

Die Erde erinnert uns mit ihrer irdischen (letztlich aber doch himmlischen)
Ungeduld daran, dass der Mensch „von Anfang an“ umstritten ist. Zwischen
wem umstritten? Wer sind diese (jene) Kräfte, die es wagen, den Plan des
Schöpfers (Herrschers) zu durchkreuzen? Die Heerscharen namens zebaoth?
Von der Ein­zahl zeba, Heer, 90 – 2 – 1. Die ihn mit ihrem Nein überra­schen!
Denen wir also die Zeit (et) zu verdanken haben. Was wäre die Welt ohne das
Nein dieser Wesen? Das Nein hat Gott, der unteil­baren und überwältigenden
Macht, dem Herrn der Heere, ein Zögern abgerun­gen! Was die Zebaoth äußern,
muss ein Gedanke oder sogar ein Gespräch in Gott selbst gewesen sein; ein
We­sen erschaffen, das mir gleicht (dome), in meinem Bild und Gleich­nis –
nein, tu das nicht! Das hätte unabsehbare Konsequen­zen! Ja, aber genau das
will ich doch: unabsehbare Konsequenzen!! Diese 974 vor­hersehbaren Welten,
die ich gemacht habe, langweilen mich zu Tode. Und in dieser neuen Welt
soll jetzt das Ringen um die Wirklichkeit herrschen, das Ringen um Harmonie,
das Ringen um Verständnis. Das Ringen um ihre Bedeutung. Als Begeg­nung
von Gegensätzen er­scheint diese Welt, und eben das schenkt dem Menschen
in ihr die Freiheit, zu seinem Schöp­fer zu stehen oder sich abzuwenden. Erde
und Himmel … und dass die Erde sich unabhängig machen will vom Himmel,
ist ihre Art den Ring­kampf zu führen. Da kann der Himmel nicht abseits stehen
– auch wenn er nicht wollte, er muss dann mitringen und alles spüren, was
nahenden Sieg und kommende Niederlage ausmacht.

heerscharen-padua

Das Ringen um die Wirklichkeit! [Oder sogar mit der Wirklich­keit!?] Ist das,
was wir „sehen“, die gan­ze Wirklichkeit? „Sehen“ wir denn die Liebe? Den
Hass? Krieg und Frieden? Wir sehen die Auswirkungen, sehen, dass Men-
schen sich freuen und mit­ein­ander tanzen und singen. Aber wer ist ver­ant-
wortlich
für das Gute, so es denn erscheint? Und für die schlim­men Ereig-
nisse? Für die brauchen wir oft ganz schnell einen Sünden­bock. (Oft Juden.)
Wir geraten unter Druck, fangen an zu schreien oder aber werden ganz kühl
und planen strategisch, wie wir Mitbewerber und Feinde aus­schal­ten. Buch-
­stäblich um die Ecke bringen! Fried­liche Welt? Eher nicht, wir wollen uns ja
kein X für ein U vorma­chen lassen. Wir wollen die Wirklichkeit sehen wie sie
ist! Wir wollen nicht mehr den absolutistischen Mächten ver­trauen, we­­der
dem König noch dem Bischof. Sie haben auch nur ihre eige­­nen Interessen –
die Lektion der Aufklärung. Ist die Wirk­lichkeit also einfach ein Inte­r­essen-
­geflecht, in dem sich der Tüchtige und der Schlaue (arum) durch­setzen. In
dem alles mit rechten Dingen zugeht? In dem man sich auf die Ergebnisse
der Wissen­schaft (und der Wissen­schaftler) verlassen kann? In dem die
Ge­set­ze der Politik und der Marktwirtschaft alles zum Bestmög­li­chen lenken?
Und ich? Ich kann mich schön heraus­hal­ten und alles in Ruhe beob8en? Ist
die Wirk­lichkeit mehr oder weniger wie ein Film, der an mir vorbeiläuft?
So, wie Menschen, die den Tod vor Augen hatten, es erzählen?

Ich glaube nicht. Dass es so aussehen kann, will ich nicht bestrei­ten, aber das
wirklich zu Herzen gehende und auch das wirklich  Erschüt­­ternde muss ich
dann ausblenden. Eine Erschütterung fällt mir gerade ein, da war ich vielleicht
zwanzig. Eine einfache Post­karte mit einer Pfeife darauf, René Magritte heißt
der Maler. Ceci n’est pas une pipe steht mit gemalten Buchstaben unter der
Pfeife. Mein „Denken“ blieb für einen Moment ein­fach stehen, es ruckelte vor
und zurück. Was immer es war, Den­ken oder nicht, Verstand oder nicht, und
wo immer es war, in meinem Kopf, in meiner Seele, in Mark und Knochen, es
stotter­te. „A..a..aber, das ist doch ein Pfeife! Oder nicht? Oder wie?“ Eine
Begegnung mit dem Wort, könnte ich heute sagen, die frag­losen und gedanken-
­losen, in Wirklichkeit beziehungslosen Gewissheiten (über die Wirklichkeit)
brachen zusammen. Natür­lich rappelt sich der „Verstand“, dieses Überlebens-
tier, bald wie­der auf und es fällt ihm dann auch „die Lösung“ ein, mit großem
Aufatmen wird sie zur Kenntnis genommen und verkündet: „Ach so, na ja,
na gut – keine Pfeife, sondern das Bild einer Pfeife.“ Aber die Erschütte­rung
ist gesche­hen und auch geblieben, und die Lösung ist keine wirkliche Lösung.
– Die wirkliche Lösung liegt verborgen in der Besinnung auf dieses Ding
(das im Französischen pipe heißt, und mehr als nur eine Bedeutung hat).
Ich erinnere mich, oder auch: ich male mir aus, nein: ich tue es, ich setze
mich hin und begegne der Aufgeregtheit unserer Tage damit, dass ich eine
Pfeife rauche, eine Friedens­pfei­fe mit meinem aufgeregten Nach­barn.
Und wenn ich das tue, stottert nichts mehr in mir. Wenn ich das tue, wozu
das Ding auf der Welt ist und aufhöre, ihm Namen zu geben und aufhöre,
ihm Namen abzusprechen, kommt etwas in Ordnung, dessen vorangehende
Unordnung durch Magritte (und viele andere Propheten) zu Recht erschüttert
wurde.

Wir sind bei der Erde, bei der Wirklichkeit, bei der Frage, ob wir die Wirk-
lichkeit „sehen“ können, ob wir die Wirklichkeit in eine bestimmte Richtung
bewegen können – bei den „Geburtswehen“ der Mutter Erde, die den Weg
des Menschen durch die Welt be­gleitet. „Wenn ihr himmlischen Heerscharen
nein zum Men­schen sagt, weil ihr vorherseht, was ich ja auch sehe, die
Schlacht­felder der Geschichte und Hass und Mord und Gewalt – dann gehe
ich mit hinunter.“ Und wie geht sie mit? Als mater und materia geht sie mit.
Die Pfeife ist deshalb keine Pfeife, weil sie in Wirklichkeit materia ist, und
als materia mit uns in Beziehung kommen und uns ihre Gaben geben möchte.
Oder, vom Jenseitigen her gespro­chen: die Pfeife ist deshalb keine Pfeife,
weil sie in Wirklichkeit dawar ist, aus dem Wort entstanden, das zugleich
Sache ist. Menschen und Dinge sind sowohl materia von der Mutter her
als auch dawar (Wort und Sache) vom Vater her.

Das ist ersichtlich wieder die Formel 1 – 2 – 1. Die 2 steht für die materielle
Welt der Erscheinung in ihren Ge­gen­sätzen und Para­do­xien (zum Beispiel
Magrittes Pfeife) und die Eins auf der rech­ten Seite für den „am Ende“ zu
erreichenden Sinn des Lebens. Die Eins auf der linken Seite enthält jene
Span­nun­gen, die bei jedem krea­tiven Geschehens „von Anfang an“ dabei
sind: den Wunsch, das Uner­hörte zu erschaffen, und das scharfe Nein der
Wider­sacher. Das wäre also nun die Formel für die Wirklich­keit, die wir
Amos und Fania widmen. In Dankbar­keit widmen. Gera­de in ihrer Welt
in Jeruschalajim, in der die Gegen­sätze schärfer und lauter und fordernder
sind als hier in Ober­bayern in einem ehemaligen Klosterdorf, werden sie
froh sein, die Spannungen und tödlichen Gefahren eingebunden zu sehen.
Aber weder die Eins und die Einheit links noch die Eins und die Einheit
rechts zwingen zu irgendetwas, was gegen den Strich geht. Die Formel
möchte vor allem die Mut­­­ter ehren (kavod), indem ihr ein schüt­zender
Rahmen für die fruchtbar-furchtbaren Kräfte der Materie, geboten wird.
„Bäume ausreißen willst du, nur zu, Mutter, tu es, tu es endlich, denn
dann kannst du dich auch fragen, was du mit diesen Bäumen tun willst.
Stell sie am besten wieder auf die Erde, kümmere dich um sie, so dass
sie wieder einwachsen können, an neuer Stelle. Damit, wer immer sich
in diesen Bäu­men ver­birgt, Mutterboden unter die Füße bekommt.“

baum

* * *

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Sagt man im Deut­schen.

Trees don’t grow to the sky.

Les arbres ne poussent pas jusqu’au ciel. ta dentra den anebainoun apo sto ourano.

ezim lo gedul lerakia.

Aber der Baum des Lebens.
Wir haben gesehen: er ist die Eins. Die Einheit. In der Beziehung
zum Baum des Wissens von gut und böse.

ez ha chajim „zählt” zweihundertdreiunddreißig;
ez ha daath tow we ra “zählt“ neunhundertzweiunddreißig;
die beiden Bäume stehen im Verhältnis eins zu vier.

Die Quintessenz – ist dieses Verhältnis.

Wie zeigt sich das Verhältnis im Verhalten?
In der Lebensweise?

Die beiden Bäume stehen für zwei Lebensweisen.

Der Baum des Lebens steht für das, was größer ist.
Größer als das Machbare.

Er steht für das, was kleiner ist.

Kleiner als das kleinste Machbare.

Vielfältiger und einfältiger.

Reicher und ärmer.

Er steht für etwas, was es auf der Welt nicht gibt und was den­noch
hereinweht. Glaube, Liebe, Hoffnung, um nur diese drei Ereignisse
zu nennen – gibt es nicht. Gibt es nicht für die Augen, die Weisheit
aus Buchstaben heraussaugen wollen, gibt es nicht für die Ohren,
die seine Stimme hören wollen, gibt es nicht für die Nase, die den
Würzduft des Paradiesgartens riechen will, gibt es nicht für den
Gaumen und die Zunge, die das Wasser des Lebens schmecken wollen,
gibt es nicht für die tastenden Hände, denen das Öl des Olivenbaums
nicht fein genug ist. Mit welchem „Sinn“ nehmen wir es wahr, wenn
uns Hoffnung geschenkt wird? Wir trauen uns kaum, davon zu sprechen.
Die Welt will nichts wissen davon, das will sagen, die Menschen, die
(zu sehr) mit weltlichen Dingen befasst sind, wollen davon nichts wissen.
Außer als „Hoffnung“ auf noch mehr von dem, was weltlich zählt. Das ist
dann eher Berechnung als Hoffnung. Ich bin mei­nem Vater und meiner
Mutter dankbar, dass ich mich nicht zu sehr mit den weltlichen Dingen
verausgaben muss, so dass mir keine Kraft (os) und keine Zeit (et) mehr
fürs Hebräische bliebe. Hebräisch, ewer, jenseits. Der Baum des Lebens
ist jenseits, jen­seits der fünf Sinne, mit denen uns die Mutter in dieser
Welt be­gleitet. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, lautet der berühmte
Spruch, Glaube, Liebe und Hoffnung sind für die Augen unsicht­bar. Und
wenn das Herz aus Stein ist? Dann gilt die Hoffnung der Zeit, gutta cavat
lapidem heißt es, steter Tropfen höhlt den Stein, die Zeit also gesehen als
fließendes Wasser, bis das Herz endlich doch weich wird und das Harte
abfließt und verschwindet – noch vor dem Tod.

 

Es gibt kein Leben nach dem Tod, sagt das harte Herz. Oh Vater,  ich
weiß doch heute, woher dir dein hartes Herz kam. Aber auch du, liebe
Mutter, hast dich lieber in Zweifeln gewo­gen als in der Zuversicht. Die
mit den Augen sichtbaren Bäume wach­sen nicht in den Himmel. Das
uns allen von der Erde, der Mutter, Geschenkte reicht gerade bis an
einen bestimmten Punkt, von dem an nur der Sprung weiter führt.
Der Sprung, der Glaube, Liebe und Hoff­nung heißt. Der Sprung im
Vertrauen auf den Baum des Lebens. Der kein Baum zum Ausreißen
mehr ist.

 

Ein Mensch verschließt sich dem anderen. Er erlebt den anderen als
fremd. Was ist nur los? Ein Buch, das von mir als Offen­barung erlebt
wird, sagt dir nichts. Das Herzenhören hört auf. Die Liebe wird ent-
täuscht und das Begehren lässt nach – da wendet sich etwas im Lieben-
den ab, so dass er den einmal geliebten Menschen nicht mehr offen
anschauen kann. Täuschung. Ich habe mich ge­täuscht. Und jetzt?
Enttäuscht? Oder: nicht mehr getäuscht, also: ent-täuscht! Beides
wohl. Sich Gott zu verschließen ist eine Art Öff­nung gegen die Welt
und ihre Werte. Unsere durch wirtschaft­liches Denken, d.h. durch
Nützlichkeit, geprägte Welt. „Wem nützt es?“, die Frage des Edomiters,
des Amalekiters, des Kana­ani­ters, Aspekte im Menschen, mitten im
Traum eines sinn­vollen Lebens. Was sinnvoll ist… ist umstritten. Das
ist die beste Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Auch auf die Frage
nach dem Sinn des Lebens. Was ist der Sinn des Lebens? Der Sinn ist
umstritten. Der Sinn ist es, diesen Streit auszufechten. – Das hebräische
Zei­chen sajin, das siebte Zeichen und deshalb mit dem siebten Tag ver-
­bun­den, bedeutet Schwert. Fechten mit dem Schwert des Worts, wie es
sich für Juden gehört.

 

„Wir tauschen uns aus“, hört man heute oft, und das ist natürlich gut
gemeint, be­rück­sichtigt aber nicht, dass im Wort (und der Sache) tauschen
auch täu­schen enthalten ist. Tausche hebrä­ische Wahr­heit gegen Fest-
an­stellung (wahlweise zu ersetzen durch Lotto­ge­winn – Berater­vertrag
– Rentenanspruch)! Aber wer wird schon seine materiellen Güter gegen
jenseitige Worte eintauschen wollen? Gibt es tatsächlich Dinge, die sich
dem Tauschen ent­ziehen? Man hört heute oft den ebenfalls gutgemein-
ten Ausdruck „win-win-Situ­ation“: Für einen Juden ist es schon ein
Gewinn, wenn er nicht umge­bracht wird. Im Leben schließt sich etwas,
Augen, Lippen, Herz – andere Augen, andere Lippen, ein anderes Herz
öffnen sich. Licht kommt herein. Es war schon da, aber meine Augen
waren gehalten.

 

* * *

Einige Worte und Sätze der vorangehenden Seiten klingen noch nach.

Das Wort wartet aufs Wort. / Wir nehmen die Worte Krieg und Frieden,
warum sollten wir uns weniger vornehmen? / Wir gehen „ins Wort hinein“. /
Wer hat die Geduld? Wer hat die Kraft (chasak we emaz)? / Warum fängt
das Wurzelwort für den Krieg mit dem Zeichen lamed an?

So sind wir nicht nur ins Wort hinein gegangen, sondern auch mit­ten in
die Sache namens Krieg geraten…

Der Gleichklang von zwei Worten, die doch für die Augen etwas sehr
verschiedenes bedeuten.

Aber schau doch mal, wie unsere Augen funktionieren, diese nun,
nach dem Fall, aufs Wissen und aufs Rechthaben ausgerichteten Lichter!

Oder sollen wir die Sache abhaken unter der Rubrik „unsägliche
Dumm­heit und Bosheit“?

Ausholen, um zum alles Entscheidenden zu kommen. / Wir sind jetzt
bereit für den Klartext. / Die Tora ist dem Menschen offenbart – am
Sinai, sagt man. / Die hebräische Erde, arez, kommt der geschundenen
und verge­waltigten Erde hier entgegen.

Die Erde erinnert uns mit ihrer irdischen (letztlich aber doch himm-
lischen) Ungeduld daran, dass der Mensch „von Anfang an“ umstritten
ist. / Was sinnvoll ist… ist umstritten.

Die Frage zum Ende: Von welchem Ort aus wurde und wird hier erzählt?
Eine umfassende Frage. Denn was ein Ort ist, steht nicht so fest, wie es
der am Sicht- und Messbaren orientierte alltägliche Verstand vermutet.
Zum Beispiel habe ich in den Begegnungen mit Fried­rich Weinreb immer
den Eindruck gehabt, dass er gewiss  in derselben Realität lebt wie ich,
aber nicht nur. Ich habe nicht  gewusst, wie ich das beschreiben soll;
hab es auch nicht versucht, es war sozusagen unbeschreiblich. Jetzt
würde ich sagen: Er hat die Men­schen und Dinge aus einer anderen
Warte gesehen. Man kann versuchen, das mit seinem überlegenen Wissen
zu verstehen, und selbstverständ­lich spielt dieser Aspekt eine Rolle. Aber
es ist noch anderes im Spiel. Schauen wir auf die Bedeutung des Wortes
„Warte“, das hier beim Schreiben zufällig, d.h. jedenfalls von mir nicht
beabsichtigt, auftauchte. Damit wir das Wort und die Wirk­lichkeit aus
einer neuen Warte sehen.

Warte f. ‘Ausguck, Wachturm, Wachort’, ahd. warta ‘das
Aus­schau­en, Posten, Wache, Obacht’ (8. Jh.), mhd. warte
‘spähendes Ausschauen, Wache, Wachort’, asächs. warda,
mnd. warde, mnl. waerde, warde, aengl. weard ‘Wache,
Schutz’, engl. ward ‘Gewahr­sam, Obhut’, anord. varða ‘aus
Steinen gebildetes Wegzeichen’ ist mit dem Suffix ie. -tā,
germ. -þō zu der unter wahren (s. d.) angegebenen Wurzel
ie. *u̯er- ‘gewahren, achtgeben’ gebildet.

Wache halten also. Wach sein. Sich nicht mit den normalerweise für
wahr gehaltenen Auskünften zufrieden geben. Die Grenze halten.
Begehrlichkeiten, die nicht dazu gehören, abweisen. Auf dem Posten
sein. Fühlen, dass man höhererseits an einen Ort ver­setzt wird, an
dem man Dienst tut. Der Rabbi, der das Fenster aufmacht, um fest-
zustellen, ob das Neue schon einge­tre­ten ist. Obacht geben. Ob8geben.
8geben. Der Ort hat etwas mit dem Ende dieser Welt (des siebten
Tages) und dem Kommen der Neuen Welt des 8en Tages zu tun.
Alle möglichen Propheten und Betrüger tummeln sich an dieser
Grenze; auch alle möglichen Angsthasen, die nicht wollen, dass ihre
Angst bekannt wird. An dieser Grenze aber wird alles offenbar.
Der Wache hält und wach bleibt, nimmt beides wahr.

Alice Munro. Von ihr ist hier die Rede, weil ihre Geschichten gestern
in meinem Lesekreis Thema waren. Und die Frage auf­tauchte, wie sie
es macht, dass der Leser derart mit Haut und Haaren in die Geschichte
hineingezogen wird, ohne mit Sensatio­nen bom­bardiert zu werden. Eine
alltägliche Situa­tion, eine Frau kommt zum Bahnhofsvorsteher einer
kanadischen Kleinstadt und möchte eine Ladung Möbel transportieren
lassen. Man liest und versteht nicht, warum man gebannt ist. Ich tue
mich hervor und behaupte: Es ist aus einer höheren Warte aus beobachtet.
Ja, sage ich aufgeregt, es ist wie wenn man sich mit jemand in einem Zug
tref­fen will und dann verpasst man sich. Was tun, wenn man sich unbe-
dingt im Zug treffen will? Man geht ans Ende des Zuges, setzt sich in die
letzte Reihe, so dass man den Überblick hat, wer kommt und wer geht.
Man wartet dann. Wenn es dem Anderen ebenfalls wichtig ist, wird er
durch den ganzen Zug gehen, und dann wird man ihn erspähen. Wer
im Zug auf und ab geht, kann nicht sorgfältig beob8en, er ist zu sehr
damit beschäftigt, nicht anzustoßen und zu stolpern.

Die höhere Warte ist der Wohnort der Geduld, auf das von selbst kom-
mende Wort
zu warten. Dort kann der Leser es aushalten, wenn „nichts“
kommt. Stattdessen fragt er, was für ein Nichts das ist. Ob8geben! Wer
Wache hält, kann nicht wissen, was passiert. Es kann alles geschehen…
oder was willst du von vorneherein ausschließen? Nacht­wache! Jesaja
Kapitel 21 Vers 11: Wächter wie weit ist es in der Nacht. Zwei­mal ein und
dieselbe Frage: Wächter wie weit ist es in der Nacht. Der Wächter nimmt
die Welt aus der höheren Warte wahr; der Fragende zeigt die übli­chen
Zeichen der Ungeduld. Der brennenden Ungeduld. Der Wächter antwortet:
„Es kommt der Morgen, es kommt auch die Nacht. Wenn ihr fragen wollt,
kommt wieder und fragt.“ Oh Wächter, was ist los mit dir? Von wo bist du?
Kannst du uns nicht beruhi­gen in unserer Ungeduld? Kannst du nicht
verstehen, dass wir es wissen wollen? Wissen müssen!! (Du musst! du musst!
und kostet es mein Leben, schreit Faust bei der Beschwörung des Erdgeistes.)
Das Müssen, d.h. der Zwang und das Gezwungensein ist unser aller Ver­bin-
dung zu Faust. Der Wächter, der die höhere Warte einnimmt, Alice Munro
in der Erzählung „Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit“ stellt
quasi den Geist der Erde dar. Ein zweifellos weiblicher Geist. Es ist die himm-
lische  Mutter, die mit dem Menschen auf die Erde mitkommt. Sie kann die
Dinge „anders“ sehen. Sie kann sagen, es kommt der Morgen, es kommt die
Nacht, und es ist nicht bloße Gelassenheit, sondern wirkliche Weitsicht –
eine Sicht über den näch­sten Morgen hin­aus. – Geht die Nacht also nie
vorbei? – Du kommst also wieder und fragst, und ich gebe dir jetzt eine
andere Antwort: Ich habe nie gesagt, „es kommt“ der Morgen und „es
kommt“ die Nacht, sondern ich sage: Du Morgen und auch du Nacht,
versteht ihr: Ich spreche den Morgen als mein Gegenüber an, ezer kenegdo,
und ich spreche auch die Nacht als Ge­­gen­über an, ezer kenegdo, und so
geht die Nacht vorbei. Es wird einer kommen, der wird sagen, wer Augen
hat zu sehen und wer Ohren hat zu hören, der wird sehen und hören –
und er wird auch sagen, dass den ande­ren sehen und hören vergehen wird.

Der Ort: Abstand zu den Begierden der Seele ohne hochmütig auf Ab­stand
bed8 zu sein. Ein absichtsloser Abstand. Abstand, der ein umfassendes und
ganz grundsätzliches Mitgefühl mit allem ent­hält, was erschaffen ist. Das
Verlangen der Seele nach allem und jedem, auch die berühmten zwei Seelen
in der Brust, sprich: die beiden für den Faust (von Goethe) so gegensätzlichen
Begier­den nach Fleischeslust einerseits und nach Himmels­sphären ande­rerseits
– an diesem Ort ist alles ein Teil der Schöp­­fung, ist alles aufgehoben. Es kann
hier nichts ge­trennt sein, es sei denn, du trennst es. „Wächter, wie weit ist es
in der Nacht“, fragst du, sobald du diesen Ort verloren hast, und hast damit
die Nacht schon getrennt vom Licht des Morgens und den Wächter getrennt
vom Schaf. Aber ich bin da! Wo mein Ab­stand wohnt, ist kein kaltes und
herzloses Herunterschauen auf das Gewu­sel und Gewimmel, kein Besser-
wissen und kein Ver­8en einer angeblich dummen Frage, sondern ein 8geben,
wo in die­sem Gewimmel sich jenes zeigt, was auf den Weg hinweist und so
der Rede wert ist. Jenes ist das Jenseitige (ewer), das immer nur in Quanten
erscheint.

„Ich schaue auf ein kleines Foto, es hängt links vom Computer­bildschirm
an der Wand, ein Gemälde von Rembrandt auf die Größe von fünfzehn mal
dreizehn Zentimeter verkleinert, Jesus, der den Petrus anschaut, nachdem
der ihn dreimal verleugnet hat. Petrus ist ganz im Dunkel, zwischen den
beiden die Magd, die den Petrus gefragt hatte, im Halbschatten: Und du,
bist du nicht  auch einer von seinen Anhängern? Was ist das für ein Ort,
an dem Jesus da steht? Der Ort, von dem aus Vergebung möglich ist? Wo
die Krän­kung, die Enttäuschung und die Bitterkeit sich nicht einnisten
können? Von Jesus geht ein Licht aus; er ist der Wäch­ter, der im Vers
des Jesaja nach dem Ende der Nacht gefragt wird. Der Betr8er muss die
Augen gut öffnen, um Petrus und die anderen Figuren im Dunkel wahr-
nehmen zu können. Selbst wenn Petrus immer wieder im Dunkel verschwin-
­det, jedenfalls hier auf dem kleinen Bildchen an meiner Wand, kann ich
sehen, dass Jesus den Petrus sehr wohl sieht. Er schaut ihn voll an. Aber
in seinen Zügen ist kein Vor­wurf. Ein wenig Trauer, ein wenig Erschöp­fung.
Voller Ernst ist das Gesicht, nicht das geringste Lächeln lenkt ab von der
Begegnung. Gewöhne ich mich an die Dun­kel­heit, sehe ich Petrus, der am
Boden kauert oder sitzt, und in ent­setzter Er­war­tung von Jesus gerechtem
Urteil auf­schaut. Er weiß, was er getan hat. Er ist entsetzt von sich. Die
Magd gesti­ku­liert aufgeregt mit ihren Händen; sie schirmt das von Jesus
ausgehen­de Licht ab, so dass es nicht auf Petrus fällt. Klagt sie Petrus an?
Sagt sie: Schau mal, was das für einer ist! Das ist einer von deinen Anhän-
­gern, aber jetzt, wo es ernst wird, leugnet er es. Sie spricht aus, was Petrus
durch seinen Blick von unten herauf zeigt. Ich hab’s vermasselt. Das Antlitz
von Jesus zeigt Licht und Schatten, scharf nebeneinander. Er lebt im siebten
Tag. Er schaut auf den Grund. Seine Linke aber weist „nach vorn“, die offene
Hand nimmt uns alle mit hinein in den nächsten Schritt. Denn Jesus steht
nicht da, er geht vorüber.“

jesus-vergibt-petrus-rembrandt

Sein Blick ist voller Mitgefühl. Mitgefühl mit allen, die in diese Verstrickung geraten
sind. Aber er selbst wirkt nicht verstrickt. Eher unterwegs. Ein Jude, der vorübergeht
und uns mit seiner Kraft (os) beschenkt.

Dank (hoda) an Amos und Fania Oz, denn ohne sie wäre dieses Lied nie erschienen.
Schir hadewarim, Lied der Worte, könnte  es heißen. Oder dawar bedewarim. Wort
in den Worten. Nun, ganz am Ende, hat es sich gezeigt.

15. Januar 2014