Das Wort

Ein Versuch (ein Essay),

mit Geschichten verknüpft,
also auch eine Erzählung

Teil I

Louis Lau, Oktober 2013

Der Anstoß zu diesem Versuch kam von Amos Oz und Fania Oz-Salz­ber­ger und ihrem Buch
„Juden und Worte“. Der Titel leuch­tete mir vollkommen ein, die beiden Teile erschienen mir
sofort wie mit einem festen Band verknüpft. Ich erwar­tete so viel von diesem Buch. Die ersten
siebzig Sei­ten waren dann leider eine Qual, dann jedoch fand ich es plötzlich erhei­ternd und
wie eine uner­war­­te­te, schöne Hilfe auf dem Weg. Am Schluss verlor es sich wieder in geläufigen
Be­merkun­gen, so als wolle es den Ernst dieser Verbindung zwi­schen Juden und Worten lieber
doch auf die leichte Schulter nehmen. Überhaupt setzt es mehr auf Chuzpe als auf Ehrfurcht,
was ich gut verstehe, aber nicht meine Art ist. Wenn zuviel Ehr­furcht und Schüchtern­heit herr-
­schen (!), macht es dennoch keinen Sinn, ins Gegenteil zu ver­fallen. – Aber dieses eine Buch
zu nennen, das nun im Herbst 2013 erschienen ist, einem Zeit­punkt zu dem wir heute
(5. Okto­ber 2013) jetzt sagen, morgen schon gestern, in einem Jahr „letz­tes Jahr“ und in hundert
Jahren „vor grauer Vorzeit“, verdeckt nur all die anderen Anstöße. So wie es mir dann beim
Schrei­ben kommt, werden alle, die mich ange­stoßen haben, im wörtlichen und im übertragenen
Sinn, sozusa­gen aufgedeckt werden, und zwischen den Zeilen ihren Namen mitzunehmen, soll
ihnen zum Segen gereichen und sie eintragen ins Buch des Lebens. (Das ist natürlich ein Pathos,
bei dem Amos und Fania nur kichern kön­nen – und was könnte man gegen ihr Kichern einwenden?)

Gestern passierte eine kleine Geschichte, und als Christiane und ich darüber sprachen, wurde
mir plötzlich klar, was es mit dem Wort auf sich hat. Mittags haben wir einen Familienausflug
in die nahe Kleinstadt gemacht, Weilheim in Oberbayern, meine Toch­ter Leni mit ihren zwei
Kindern Lina und Jakob, ihr Lebensge­fähr­te Max, der Vater von Jakob, und mein Sohn Elias.
Wir schlender­ten über den Wochenmarkt, kauften für Lina neue Haus­­schuhe mit der Größe 28
und setzten uns auf dem Marien­platz in ein Cafe und genossen die plötzlich durchbrechende
Sonne. Jakob schlief im Kinderwagen, er ist fast genau neun Monate alt, Lina bekam zwei Kugeln
Erdbeereis. Auf dem Rück­weg gingen Max und ich mit Jakob schon ein paar Schritte vor­aus,
Mutter und Tochter blieben zusammen mit Elias noch ein wenig zurück, standen am Brunnen
in der Mitte des Platzes und schauten aufs glitzernde Wasser. Lina, so erzählte es Elias nach­her,
habe ein 20 Cent Stück gefunden und sich über den Fund sehr gefreut. Aber sie habe keine
Ahnung gehabt, was sie nun damit anstellen solle. Elias hatte gleich eine Alternative bereit:
Entweder du nimmst es mit nach Hause und sparst es oder du wirfst es in den Brunnen und
dann kannst du dir etwas wün­schen. Das löste in Lina eine große Geschichte aus, denn sie ging
nun vor dem Brunnen hin und her. Mittlerweile war Elias die paar Schritte zu uns gegangen und
erzählte uns von Linas Dilem­ma. Er erzählte auch, wie Leni sich in der Lage ihrer Tochter offenbar
selbst sehr gut wiedererkennen konnte. Ich ging zu den beiden hin und sah, wie die Mutter die
schon leicht verzweifelte Tochter an die Hand nahm, sich zu ihr hinunter kniete und sagte, es sei
beides gut, man könne nicht sagen, dass das eine besser als das andere sei, wichtig sei nur, dass sie
sich jetzt entscheide. Aber Lina rutschte immer mehr in die Verzweif­lung, fing an zu weinen, lief
ein paar Meter weg, drehte sich wieder um und sagte so fest sie noch konnte: Beides! Leni sagte,
Lina komm doch mal her, aber Lina weinte schon und war wütend. Jetzt schlug die Stunde des
Opas, der eine beson­ders schlaue Idee hatte, und auch zu Lina sagte: Lina, komm doch mal zum
Opa, er hat eine Überraschung für dich. Aber Lina war schon ganz und gar verzweifelt, und schrie
und stampfte und setzte sich auf den Boden, und als wir dann schließlich ein paar Schritte weiter
gingen, zu Max und Elias, kam sie zwar nach, versuchte aber, ihre Mutter am Weiter­gehen zu
hindern und legte sich schreiend vor ihre Füße. Leni nahm sie schließlich hoch, obwohl sie noch
lange nicht aufhörte zu strampeln und sich zu wehren. – Als wir dann wieder zu Hause waren,
lief Lina gleich zu Christiane ins Zimmer, die telefonierte und es eigentlich überhaupt nicht mag,
dabei gestört zu werden. Lina bat sie mit Blicken, sich aufs Sofa setzen zu dürfen, was ihr dann
erlaubt wurde. Sie bekam eine warme Decke über die Füße und den Bauch und wartete nun,
bis Christiane mit dem Telefo­nieren fertig war. Sie wollte dann mit ihr spielen, und zwar mit
einem Plüschhund, den man wie eine Hand­puppe nehmen kann. Der fing dann an zu sprechen,
„Lina da bist du ja wieder“, darauf Lina, „ja, da bin ich wieder“, und sie fragte dann „hast du mich
sehr vermisst“, der Hund dann mit heftigem Nicken „ja, hab dich sehr vermisst.“ Und dann schenkt
Lina dem Hund das 20 Cent Stück, an dem sie vorher verzwei­felte! – Als Christiane mir das am
Abend erzählte, waren Lina und die anderen schon wieder nach München gefahren, und ich hab
Linas strahlende Augen „gesehen“, wie sie dem Hund das Geschenk gibt, das sie vorher so quälte,
und hab mich so für sie gefreut. Sie hat also doch noch eine Lösung für ihr unlösbares Dilemma
gefunden! Und ich hab plötzlich etwas gespürt, wie einen warmen Wind in mir und die Worte,
die mir einfielen, gingen ungefähr so, dass das Wort in einer anderen Dimension existiert als
die Worte – was natürlich überhaupt keine neue Einsicht ist, und doch (für mich) ein großes
Ereignis. Was Lina da gegönnt war, steht für sich. Das ist die Essenz des Worts, dachte ich, und
am Besten antwortet der Mensch mit der Freude, die sich auftut. Er antwortet, indem er die
Freude in sich hineinfließen lässt und sie nicht einengt oder mäßigt. Er muss nichts sagen, muss
keine Worte machen. Das hat nichts mit einem Verbot zu tun, sondern ist einfach das sichere
Gefühl, dass die Antwort auf das Wort die Freude ist. Es ereignet sich dann aber im Lauf der
Zeit, dass die Antwort sozusagen wei­ter­fließt, und, wie das schöne Sprichwort sagt, einem der
Mund überfließt, wenn das Herz voll ist. So macht der Mensch dann Worte anstatt die Freu­de
in seinem Garten zu hegen. Oder er versucht, die Freude zu hegen, indem er Worte macht
(wie hier). Es macht aber keinen Sinn, lang und breit zu hadern, dass in unserer Welt zu viele
Worte gemacht werden, oder wenn doch, dann richtig und ganz, so wie das Kind sich auf den
Boden gewor­fen und die äußerste Verzweiflung erlitten hat. Dann wird auch uns vielleicht das
Wort gegönnt.

Nach dieser Geschichte fange ich jetzt mit vier Fragen an, die hoffentlich nun weniger fremd erscheinen.

Die Welt ist durch das Wort entstanden – wer von uns Menschen kann aus ganzem Herzen ja sagen
zu diesem Satz?

Die Welt, wie sie ist, entsteht in jeder Sekunde neu – durch die vielen Worte, die gemacht werden
und die auf die Welt herab­reg­nen und überall [also auch hier] verbreitet werden. Wer stimmt dem zu?

Die Welt ist zum Untergang verurteilt – wenn sie nicht umkehrt! Ein apokalyptisches Wort,
ausgesprochen von solchen, die es in unseren säku­laren Zeiten noch wagen, Propheten zu sein.
Untergangs­pro­pheten! Viele neigen heute dazu, dem zuzustimmen. Die Medien verdienen an
solchen Geschichten.

Die Welt wird durch das Wort gerettet… Was für ein Wort aber sollte das sein?

***

Für den Autor gibt es nur eine Hoffnung, solche Fragen zur Kraft des Worts sinnvoll zu bewegen.
„Antworten“ wird man es nicht nennen, was entste­hen wird, aber vielleicht Hinweise oder sogar
Einblicke. Die Hoff­nung bezieht sich auf die hebräische Thora und die ganze „mündliche Überlieferung“,
mit der Vater Amos und Toch­ter Fania Oz so schön spielen. Aber in diesem Versuch geschieht es halt
auf meine Weise, nichts Beson­deres, nichts Welt­bewegendes – und doch bin ich dem Wort und der
Poesie min­destens so leiden­­­­­schaftlich ver­fallen wie jene zwei mit dem Namen Kraft, die mit ihrem
Versuch den Anstoß zu diesem Essay gaben.

Warum Hebräisch?

Warum die Bibel und die ganze dazugehörige Überlieferung?

Erste Antwort: Weil ich ein Jude bin. Ein Jude nicht im Sinne der He­r­kunft, nicht im Sinne der
Religion, nicht im Sinne politi­scher Zugehörig­keit, sondern im Sinne des Worts: ich bin nämlich
dank­bar“, voller unaussprechlichem und unermess­lichem Dank, mit dieser Sprache und mit
den durch sie (und durch den ganzen unendlichen Dialog der jüdischen Überlieferung) eröffneten
Ein­sichten über das Dasein, über Sein und Zeit sozusagen, bekannt geworden zu sein: als Nicht­jude,
als Deutscher, als wissen­schaft­lich erzogener, an die Kraft der Kritik glaubender Mensch, der
irgendwann dennoch keinen Sinn im Getriebe von Forschung und Wissenschaft (und dem ganzen
endlosen wirtschaftlichen Wachs­tum) mehr sah. Vor fast dreißig Jahren, im Sommer 1984 las ich,
parallel mit dem Roman „Der Name der Rose“, zum ersten Mal das Buch „Der göttliche Bauplan
der Welt“, in dem die neue Sicht für mich wie ein Wunder eröffnet wurde. Ich bin dankbar, wie
die Erzmutter Lea dankbar ist, als sie, die weniger Geliebte, dem Jakob Kinder schenkt, insbesondere
diesen vierten namens Jehuda (oder Juda oder Judas oder wie immer er in der Weltgeschichte und
in den 70 Sprachen der Welt dann genannt wird). Müde und erschöpft wie Lea, war und bin ich erfüllt,
weil ich für Wert erach­tet wurde, von diesem ganzen Komplex zu erfahren. „Ich lobe (Gott)“ sagt Lea
– und das sage auch ich, odeh (et adonai), 1-6-4-5, und der Name Jehuda wird mit den Zeichen
10-5-6-4-5 geschrieben. Aus dem Inneren des Worts heraus tönt es, dass ein Jude dankbar ist.
Sind Juden dankbar? Wenn sie an die Erzmutter Lea und ihre Worte denken, danken sie.[i]

Zweite Antwort: Weil ich „ein Mathematiker“ bin, einer, der vom Va­ter her gerne genau weiß,
wie alles läuft und ob es auch stimmt, „hinten und vorne“. Und weil dieser Zusammenhang
von Zeichen und Zahl, der in den anderen Sprachen verloren gegan­gen ist, vielleicht auch so
gar nicht existierte, im Hebräischen noch geläufig ist. Obwohl von man­chen ungläubig und
distanziert betrachtet, obwohl von man­chen zu einem Wahnsystem ausge­baut, mit dem sie die
Fragen des Mensch­seins exakt angehen und Antworten „beweisen“ wollen und Anhänger um
sich scharen, lasse ich mich immer wieder – auf meine Weise – auf den Zusam­menhang von
Wort und Zahl ein. Beweisen lässt sich nichts, mei­ne ich, aber mein für Poesie offener Kopf
[und das Herz] kommt so richtig in Schwung, wenn er von solchen über­raschenden Zu­sammen­-
hän­gen hört. Zum Beispiel die Zahl 358. Zu dieser Zahl gehört das Wort mo­schiach, in Zahlen
40-300-10-8, aber auch das Wort nach­asch, Schlange, in Zahlen 50-8-300. Der „Ge­salbte“,
der Messias also, unser christlicher Herr und Heiland, und die „Schlange“ (der Urgrund der
Verführung, des Bösen gar) sind in jener Schicht der Geschichte, wo die Zahlen „zu Wort kommen“,
dieselben. Und wen eine solche Mitteilung ärgert oder aber, wer anfängt, darauf eine neue Theo-
logie zu errichten, der weicht vielleicht nur der Über­ra­schung aus. Derselbe Zahlenwert für so
unterschied­liche, ja extrem gegensätzliche Wesen – das ist doch eine Frage!! Was bedeutet das?
Jeder, der diese Frage hört und bei sich einlässt wie einen Gast, wie Abra­ham die drei Män­ner
einlässt, wird zum Men­schen, der plötzlich nicht mehr auf­geht in Status, Konsum und Kon-
­kurrenz. Und nicht untergeht.

Dritte Antwort: Hebräisch zieht mich hinter sich her. Ich erlebe Freude am „umsonst tun“.
Was für ein Segen in einer Welt, die alles und jeden käuflich macht!

***

So ein Wort wie „essen“ zum Beispiel. Jeder tut es. Man sagt, der Mensch muss essen, manchmal
kann er aber nicht, da fühlt er sich unwohl in der unerhörten Fülle, die ihm angeboten wird. Das
Wort „essen“ leitet uns (d.h. alle die Deutsch sprechen) sofort weg vom Wort und hin zu der soge-
nannten Sache. Man sitzt am Tisch, hat Geschirr und Besteck, isst vielleicht sogar in Gemein­schaft,
jemand hat gekocht und nun kommt das noch dampfende Gericht auf den Tisch. – Heute ist das so.
Und auch nicht überall. Etwas zu essen zu bekommen, kann sehr besonders sein, in Hun­gersnöten,
Kriegs­zeiten, oder auch wenn man gefastet hat und wieder anfängt. Man hat eigentlich „das Gefühl“
verloren, was mit diesem Wort gesagt wird. Das Gefühl, dass das Wort etwas sagt, was über das
hinausgeht, was man sieht und tut. Etwas anderes mit sich bringt. Dieses Gefühl haben wir modernen
Men­schen eigentlich fast bei allen Worten verloren; Worte sind nur noch Behälter, auf die man drauf
steigt und von denen aus man sofort zu dem springt, was man schon kennt. Man weiß ja schließ­lich,
was essen ist! Und verliert kein Wort darüber. Stattdessen redet man stundenlang über alle möglichen
Finessen. Beten vor dem Essen? Warum denn, was soll das? Was ist überhaupt beten – schon wieder
so ein Wort, zu dem der Kontakt verloren ging.

 

Manchmal überrascht uns aber die Herkunft eines Worts. Dichter und Denker beziehen sich gern
auf die manchmal dunkle Her­kunft und bringen so etwas Neues ans Licht. Dass die Sache und die
Sage ver­wandt sind, ist so eine Überraschung. Das Hebräische aber wartet [wortet] noch mit ganz
anderen Überraschungen auf.

 

achol heißt essen im Hebräischen[ii], es wird geschrieben mit ei­nem stummen aleph am Anfang
und dann die beiden Zeichen kaf und lamed, die für sich genommen bereits ein anderes Wort bilden:
kol, ganz, alle, jeder. So bedeutet essen auf einmal etwas „ganz“ anderes, als das, als was es erscheint,
nämlich: ganz wer­den. Die Zähne zermalmen ja alles, was ihnen zwischen die Zäh­ne kommt, wie auch
die Zeit früher oder später alles zermalmt, was sie er­grei­fen kann. Da braucht es dann „den anderen Blick“,
die Sicht von jenseits der Zeit, um zu sehen, dass das Zermalmen ein Ganz­werden ist. Es ist das Wort
selbst, das so spricht, und natürlich kann jeder Lümmel dies als „nichtssagend“ abtun und es „unlogisch“
finden, oder was immer für ein wegwerfendes Wort auftaucht. Denn dass mit dem Einverleiben der
Nahrung, mit dem Zugrundegehen also, ein Ein­gehen ins Ganze und so gesehen auch ein Aufgehen
und Ganzwerden verbun­den ist – weiß nur das Wort.

Das Wort? Jedes vielleicht nicht? Oder doch? Wenn der Leser und Hörer wirklich hinein geht.
Wie geht das aber: ins Wort hinein gehen? Was ist das?

Das Wort Begegnung zum Beispiel. Es tut nichts zur Sache, wel­che Zufälle am Werk waren, dass
wir das „ins Wort hineingehen“ nun mit diesem Wort versuchen. Auch im Deutschen haben wir ja
Vor- und Nachsilben, die den Stamm umgeben. Stamm ist das Wort gegen, oder personalisiert,
Gegner. Der mir gegenüber steht oder auch entgegen. An dem ich nicht einfach vorbei gehen kann,
außer ich gehe um ihn herum oder er geht aus dem Weg. Mit dem ich mich beschäftigen muss. An
dem ich meine Kräfte messen kann; wenn es mir in den Sinn käme, Amos Oz und seine Tochter
Fania als Geg­ner zu betrachten, dann hätte ich ganz schön zu tun: vieles was ihnen als Hebräisch­-
sprechende selbstver­ständlich geläufig ist, bildet für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Bei anderem
bin ich im Vorteil, gerade weil ich „unbefangen“ schauen kann: die Verwandtschaft von loben und
Jude und die naive Frage ob Juden dankbar sind, kommt ihnen gar nicht mehr in den Sinn. Bestimmt
gibt es Gründe dafür, aber für mich gelten sie nicht: ich beschränke mich darauf, die Zei­chen zu sehen.
Wie der Idiot in der chassidischen Legende[iii]. Inso­fern sind Amos und Fania Gegner, an denen ich
mich messe, meine Schwächen, aber auch die Stärken erkennend. Auf einer Olympiade begegnen wir
uns nicht… Gegner ohne Begegnung also. Was aber, wenn ich meiner Neigung nachgäbe, und Amos
einen Brief schriebe oder ihm diesen Versuch schickte – (ach, er hat sicher keine Zeit, das zu lesen…).
Und doch hatte ich ja schon die Begegnung mit den zweien, die jetzt Kraft heißen und nicht mehr
Klausner, und hab wie eine Biene von den Blumen gesaugt, die sie ausgestreut haben, und ich bin ja
schon dankbar und deshalb fließt es bestimmt bis zu ihnen hin – auf den verborgenen Wegen des Herrn.

ezer kenegdo sagt die Thora in Gen. 2.20., aber für den Men­schen fand sich keine „Hilfe als Gegenüber“.
Es fand sich nie­mand, mit dem er eine Begegnung haben konnte. Das wird ge­sagt, nachdem er den
Tieren Namen gegeben hatte, was offen­bar zugleich zufrieden stellend als auch unbefriedigend ist.
Die Tiere „wissen“ nun, wer sie sind, sie sind sozusagen „erkannt“ und so haben sie dieses Erkanntsein
als Hilfe gegenüber. Aber der Mensch kann für sich selbst keinen Namen finden, in dem er sich selbst
als lebendiges Wesen wieder erkennt. Aus der Erde (ada­mah) geboren, verrät ihm der Name Adam
doch nicht das Ge­heim­­nis seiner Existenz. Warum und wozu hast du mich gemacht, du oh Herr und
du Gott? Was ist dein Begehren an mich? Du willst sehen, ob ich deine Liebe und dein Umsonsttun
spüre, und ob ich diese Geschenke auf meine Weise erwidern kann? Wenn es nicht schon fast übermütig
klänge, würde ich gerne sagen, dass du, großer Gott und großer Herr, auf deine Weise ebenfalls eine
Hilfe dir gegenüber suchst. Denn wie können Geist und Seele, wie können Inneres und Äußeres leibhaftig
spüren, wer sie sind – ohne Begegnung? Du hast mich erschaffen in deinem Bild und Gleichnis, dir bin
ich also ähnlich? Und wäre das dann mein Name: „dir ähnlich“? Ähnlich, aber nicht gleich? Und was ist
es, das uns unterscheidet? Man sagt von dir, du seist nicht stofflich, das kann ich nicht gelten lassen,
viel lieber möchte ich mit Franz von Assisi glauben, dass du dich überall verstofflichst. Du sagst auch
zum Menschen, er möge sich kein Bild von dir machen. Du bist also nicht der Baum selbst, nicht der
Berg, nicht die Sonne, und auch nicht das Wolkenmeer, sondern im Baum, im Berg, in der Sonne und
im Wolkenmeer. Das schönste Wort, das es für dieses „in etwas sein“ gibt, ist das Wort Kraft, du bist
also die Kraft in all diesen Dingen (auf hebräisch oz), du bist das, was aus ihnen erstaunliche und
wunderbare Dinge macht. So hat wohl auch Meister Eckhardt von dir in mir, von Gott im Menschen
gesprochen. – Und ich in dir? Da wo ich wahrhaftig bin und es auch weiß, da wo ich klar bin und es
mit großem Erstaunen spüre, da wo ich fest bin, mir selbst und meinen Lieben ein Halt. Da wo ich
Leben und Tod nicht trenne, sondern zusammenbinde, da, wo ich dich schätze als Freund mir gegen-
über, um die Brücke über den Spalt zu sein, der in allem anwesend ist. Und dann? Freude…

Wird das nicht auch irgendwann langweilig?

Wer spricht?

Die Schlange. (Und der moschiach, der Messias, der Heiland.)

Das Gespräch mit der Schlange, hier wird es Wirklichkeit. Gut, dass wir gehört haben, dass die
Schlange und der Messias in einer verbor­genen Schicht des Worts ebenbürtig sind. Wir sehen
auf einmal den Sinn der Zeit in der Ewigkeit, den Sinn der fließenden Ströme im Ganzen der
Erdkugel, den Sinn – sogar – des ganzen, über- und überfließenden Leids in der Geschichte der
Menschen aller Zeiten, Rassen und Nationen. Es ist die Begegnung mit der Schlange, mit der
dieser Weg anfängt, mit dem Messias, der den Weg schließt. Eine doppelte Selbstbegegnung.

Als der Mensch in zwei Hälften geteilt wird, und aus dem Adam, der ja schon männlich-weiblich
erschaffen ward, eine Hälfte wegge­nom­men und mit „Fleisch“ (hebräisch bassar, was auch
Botschaft bedeutet) gefüllt wird, und aus der weggenommenen Hälfte die Frau geformt wird,
und Adam dieses Wesen dann sieht, sagt er: endlich… ein Hilfe mir gegenüber. Mann und Frau
haben dieselbe Begegnung wie Schlange und Messias, eine Erde und Welt und Zeiten umgreifende
Begegnung. Statt Mann und Frau sagen wir besser das Männliche und das Weib­liche, sonst fallen
wir zu schnell in die Fallen, die mit Worten wie Patriarchat und Matriarchat gestellt werden. Das
Männliche, hebräisch sachar, 7–20–200, das Weibliche, hebräisch nekewa, 50–100–2–5. Im Vers
1.27 heißt es „männlich und weiblich erschuf er ihn und sie“. (Kein Wunder, dass bei so einem
Vorhaben die Grammatik durch­ein­ander gerät. Genau zur rechten Zeit, könnte man auch sagen.)
„Männlich und weiblich“, sachar wenekewa, zählen zusammen 390, dieselbe Zahl wie das Wort
schamajim, Himmel. Das zeigt, was es sein könnte mit Mann und Frau, oder auch, wie es im Grunde
gemeint ist. (Wieder dieses Pathos, über das Fania und Amos nur chuzpehaft lachen können. Nur zu!)
Es ist auch die Zahl des Worts schemen, Öl. Zusammen mit der innigen Verbindung des Öls
(schemen) und der Zahl acht (schemona), und zusammen mit der biblischen (Amos und Fania
zuliebe sagen wir: geistigen) Tatsache, dass wir und das heißt alle Menschen aller Zeiten im siebten
Tag leben [schewa, sieben, zählt 372, der Unterschied zum Himmel mit der Qualität 390 ist 18 – und
das ist das Wort chaj, lebendig]. „Lebendig sein“ bedeutet also – so gesehen, d.h. mit Hilfe dieser
hebräischen Zahlensprache gesehen, von der ich so fasziniert bin und die Amos und Fania überhaupt
nicht lustig finden – den Weg von unserer Welt und ihren vielen Spannungen hin zum Himmel und
seinen ganz neuen Melodien zu finden. Sich wie im Himmel fühlen ist ja auf dieser Erde nicht ganz und
gar ausgeschlossen – auch für einen Juden nicht, auch für Amos und Fania nicht, und auch für einen
bayrischen Juden wie mich nicht. Mit dem Him­mel und mit dem Achten Tag, mit der ersehnten
Vollkommenheit also, sind aber die allergrößten Gefahren verbunden, Fanatismus jeder Art, Per­fek-
tionismus, Fundamentalismus – auch Faszination, die ja schließ­lich auch im Faschismus drin steckt.
Mit meinen Zahlen, mit dieser mir so anvertrauten Zahlensprache, die mir so geläufig ist, dass ich
selbst nicht weiß wie und woher, ist eine Gefahr verbunden, dass ich doch noch durchdrehe und
irgend­einen Zahlencode entdecke, der die Welt rettet. Mein Gott, sei meiner Seele gnädig. So ähnlich
spricht doch auch Adrian Leverkühn, der in Thomas Manns Roman Dr. Faustus hier in Polling lebte.

Immer noch sind wir bei der Begegnung, beim Kontakt mit einem lebendigen Gegenüber. ezer kenegdo,
die Hilfe für den Men­schen, die er nicht findet, indem er das Leben (die Tiere) benennt, sondern die ihm
erst mit Eva erscheint, schreibt sich in Zahlen 70 – 7 – 200    20 – 50 – 3 – 4 – 6 , zusammen also 360.
Mein heb­räisches Zahlen­lexikon, ein Wörterbuch, das Wortstämme und Redewendungen nach den
Zahlenwerten auflistet, erzählt mir, dass es elf hebräische Stämme (jeweils aus drei Zeichen) gibt, die
den Wert 360 bilden. Hemmen, erschrecken, klein sein, aussätzig sein, umfallen, durchstechen, schwach
werden, Beute machen, ziehen, sich früh auf den Weg machen, einschlafen – es kommt mir so vor, als
seien wir im Durcheinander einer Poeten­werkstatt gelandet, wo nach undurch­sichtigen Maßstäben
Dinge in einen Topf geworfen werden, die wir lieber in kleinen ordent­lichen Schubladen hätten.
(Der Dichter im Team der beiden Auto­ren von Juden und Worte wird sicher hellhörig werden.) Ich
wage eine Rund­um­deu­tung: Die Hilfe, die mir durch die Begegnung kommt, ist hier nicht die helfende
Hand, die mir aufhilft, wenn ich gestürzt bin, son­dern der Widerstand, der sich meiner Selbst­gerechtig-
keit und „mia san mia – Überheblich­keit“ entgegenstellt. Die Hilfe ist, dass ich erschrecke vor meinem
Übermut, dass ich gehemmt werde in meinem „ich bin mir selbst genug“, dass ich aussätzig werde,
weil keiner mit mir Kontakt will, …

Die Hilfe ihm gegenüber widersteht der Trance, in die der Mensch gerät, wenn er anfängt, die Dinge
des Lebens zu benen­nen, ob in Wissenschaft und Technik oder Päda­gogik und Reli­gion. Diese vielen
„Ratgeber“, so gut und kenntnis­reich sie sein mögen, führen weg von der einzigen Sache, die den
Menschen angeht und trifft und (endlich) umwirft: Wer bist du in Ewigkeit? Mir kam es beim Lesen
von Juden und Worte manchmal so vor, als sei eben diese Frage auch der Antrieb von Fania und Amos,
doch dann schrecken sie wieder davor zurück. Das Wort „Ewigkeit“ ist bestimmt keine Benennung
einer Sache, und wenn doch, dann ist sie mit dem Erleben des Men­schen verbunden, der aufwacht
und jemanden (nämlich Eva) vor sich sieht und sagt, „endlich“! Endlich bist du da, ich habe doch
schon seit Ewigkeiten auf dich gewartet, schon seit Ewigkeiten wollte ich das Benennen der Dinge
sein lassen, wollte nur staunen und staunen und bewundern und danken, und jetzt endlich bist du da.

ezer kenegdo, eine Hilfe ihm gegenüber, kann auch anders gele­sen werden. Für den Dichter (in uns)
eine tiefe Befriedigung: eine Hilfe wie das Erzählen (nagad). Inwiefern ist das Erzählen eine Hilfe?
Weil sich das Erzählen nicht in eine Wahrheit, in eine für alle gültige und beweisbare Wahrheit
verrennen kann, wie es das Rechnen und Planen und Philosophieren dauernd tut. Erzähl mir dein
Leben, denn dann hörst du auf, mich mit deinen politischen und moralischen Programmen zu
langweilen, zu denen ich nur ja oder nein sagen kann, fängst an, die Nuancen vorzubringen, wo
du in Versu­chung warst und wo du der Versuchung nachgabst und wo du fest bliebst. Und ich kann
mitfühlen – mit allem, und so bin ich als mitfühlender Zuhörer eine Hilfe dir gegenüber, der Spiegel,
in dem du dich ganz und vollständig siehst, in allen Farben des Spektrums, nicht gerade nur schwarz
und weiß.

Drei Worte haben wir „angebrochen“, wenn ich so sagen darf in der Entsprechung von Wort und
Brot: Das Wort Jude, das wir als dankbar sein entziffern, das Wort essen, in dem wir das ganz wer­den
sehen, und das Wort Begegnung, in dem wir die Sehn­sucht des Menschen nach einer Hilfe ihm gegen-
über erleben. Wir sind noch nicht ganz auf dieser Erde (adama), in dieser Welt (olam haseh), in der
Geschichte der Völ­ker und Nationen ange­kommen, wir haben uns noch nicht voll auf diese Welt
und ihren Schweiß eingelassen, solange wir das Wort und die Worte märchen­haft verklärt hören.
Denn (zum Beispiel) mit dem Wort Jude ist Schreck­­­liches angestellt worden, nicht nur während
der Lebens­zeit meines Vaters und Großvaters (und – wenn man Imre Kertesz liest und ihm folgt –
auch in meiner eigenen Lebenszeit, obwohl ich erst „nach“ Auschwitz geboren bin: aber im
Angesicht des Mordes gibt es kein vorher und kein nachher, und das ist auch der umwerfende
hermeneutische Leitsatz der Überlieferung: es gibt kein vorher und nachher in der Thora), sondern
in vielen Zeiten. Das Schreck­liche erschreckt uns zu Tode, und wir wei­chen instinktiv zurück. Doch
irgendwann erwacht die Gewissheit, dass wir nicht ausweichen können. Wir der Angst und dem
Schrecken besser begegnen als ständig davon zu laufen.

be ezew, sagt Gott der Herr zur Frau,„mit Schmerzen“, teldi vanin, „wirst du Kinder gebären.“ Der
Stamm (ozaw, ezew, azow aus­gesprochen), in Zahlen 70-90-2, hat mehrere Bedeutungen: ge­kränkt,
be­lei­digt, traurig, geformt, genervt. Die ersten beiden Zeichen bilden das Wort ez, Baum. Im Wort
die unüberschau­bare, schön-schreckliche Vielheit (ajin) und dann die Einsicht, dass alles, aber auch
alles „herausgezogen“ wird aus der Zeit, also hier nicht bestehen kann (zade), sondern verwande­­lt
wird. Wer stark ist wie ein Baum, wer möchte da nicht be­stehen? Ohne Beschränkung!  Am Ende
aber steht das Zeichen beth, das die Zweiheit von Leben und Tod ausdrückt – also gerade die
ver­hasste Beschränkung. Da braucht es dann noch einen anderen Baum, den Baum des Lebens in
einer neuen Form, nachdem er im Garten Eden blieb, wir aber vertrieben wurden.

beseath apecha, im Schweiße deines Ange­sichts, wörtlich im Schweiß deiner Nase, tochal lechem,
wirst du (dein) Brot essen. sea, Schweiß, 7 – 70 – 5, trägt noch deutlicher als das Wort ezew,
das Zeichen des siebten Tages, unserer Gegenwart. (vgl. Der große Weg) Das Paradoxon des
Sabbats und des Sonntags: Ist die „Ruhe“, die wir uns sonntags verordnen wirklich von innen
heraus gefestigt? Und von innen heraus bedeutet: entspricht sie dem Sinn und Zweck des Lebens,
diesem großen Weg. Ebenso können wir nach der Qualität des menschlichen Tuns fragen, danach,
was wir an den „Werktagen“ zu Wege bringen: Wohnt im Kern des Tuns und Schaffens die sonn-
tägliche Ruhe, das Vertrauen aufs große Ganze. Der Schweiß, sea in der Einzahl, seath im Plural,
zeigt die starke Verbindung zum Geschehen des siebten Tags: die sieben in den Einern und Zehnern.
Ebenso wir das Wort os, Kraft: hier zuerst die 70 und dann die 7. Dieselbe Struktur, aber zwei ver-
schiedene Resultate. Der Schweiß endet in der 70; die Kraft in der 7.

 

Überraschend mutet den Leser die Tätigkeit selbst an: Mit dem Schweiß deiner Nase wirst du
Brot essen – nicht herstellen, verdienen oder erwerben, sondern essen. Das Ganzwerden also
wird uns Schweiß und Kraft kosten – und es wird köstlich sein!

 

Nun sind wir angekommen in der entwickelten Welt der Zwei­heit, die nie perfekt ist, in der immer
zum einen das andere kommt, deshalb auch kein Frieden herrscht, jedenfalls nicht für lange Zeit.
Denn Frieden wäre die Besänftigung und das Aufhe­ben der Gegensätze und der Gegner – aber es
gehört zum Grund­stein der Welt des siebten Tages, olam hase, dass kein Friede ist. Es wäre aber
nicht mehr die Welt des siebten Tages, in der alles zusammen mit seinem Gegenteil erscheint[iv],
wenn sich nicht doch Versöhnung ereignen kann, dann nämlich „wenn die Zeit gekom­men ist“.
„Kein Grund zur Verzweiflung“ möchte ich also den Zweiflern (und dem Zweif­­­ler in mir) zurufen.
Grund, nicht im Sinne eines nur logischen Grunds (causa), sondern Grund im Sinne eines Funda-
ments. Die Verzweiflung hat kein Fundament, auf dem sie aufbauen könnte – vielleicht ist das die
tiefere Ursache, warum sie so verzweifelt ist.

Die Ursache – das ist doch ein Wort, auf das sich das Interesse aller Menschen richtet. Was ist
die Ursache der Schuldenkrise in den westlichen Staaten? Was ist die Ursache der Fettleibigkeit
in den USA? Was ist die Ursache der Unruhe und Zappeligkeit unserer Kinder? Drei verschiedene
Fragen, sagen die meisten Menschen. Aber in allen drei Fragen wird nach der Ursache gefragt,
sagt ein Philosoph. Was also ist die Ursache?

ursache-wirkung

Das Hebräische kennt den Anfang als kedem, 100 – 4 – 40. Adam kadmon, der Adam vom Anfang,
der Adam des Ostens, der ur­sprüngliche Adam. Adam und kedem – ein und dieselbe Struktur:
1 und 4 und 4, oder 10 und 40 und 40, oder 100 und 400 und 400. Die Eins begegnet der Vier
und die Vier kommt noch ein­mal. Die Struktur zeigt sich in verschiedenen Begriffen, aber es ist
immer dieselbe Struktur: Die Eins und die Vier, die zusammen das Verhältnis der Quintessenz
bilden, sind der erste Teil dieser Struktur. Der zweite Teil entsteht, wenn die Quintessenz selbst
der Welt (symbolisiert durch die Weltzahl vier) begegnet. Hier öffnet sich die große Frage, ob das
Leben gelingt, also zurück­kehrt „nach Hause“ in die Ewigkeit, oder ob es verloren geht und sich
im Fort­gang in die Unendlichkeit zerstreut.

emeth, Wahrheit, mit der Struktur 1 – 40 – 400; im Verhältnis zu meth, 40 – 400, Tod. Die Mutter
(das ist das Wort am, 1 – 40)  und der Tod, beide zusammen sind die Wahrheit. Ähnlich wie Adam
im Verhältnis zu dam, Blut. Der Dunst von Genesis 2, die 1 – 4 der „zweiten“ Schöpfungs­geschichte,
und das Blut – erst zusammen bilden sie den Adam, den Menschen. Auch im Wort kedem ist dam,
das Blut als zweiter Teil enthalten. Wenn man das Wort hört, könnte es auch als „wie Blut“ verstan­den
werden. Es ist aber nicht das Zeichen kaf, 20, mit der Bedeu­tung „rechte Hand“, handelnde Hand,
sondern das Zeichen  kof, 100, mit der Bedeutung Nadelöhr. Das Blut, das die Menschen schon in
den Wahnsinn getrieben hat, indem sie seine Be­deu­tung so sehr nach außen trieben, dass es Dinge
wie Blutsbrüderschaft und Blut­schande und arisches Blut gegeben hat, und Menschen dafür sterben
mussten. Wer mag es hören, dass es nicht um „den besonderen Saft“ geht, sondern um das Zeichen,
dass es „im Kreislauf“ pulst, wie so vieles im Leben aussieht wie ein Kreislauf. kedem, 100 – 4 – 40,
der Anfang oder die Ursache, beginnt jedoch mit dem Zeichen des Durchbruchs. Der Kreislauf wird
geöffnet – und es sieht aus wie Tod, es sieht aus wie Verbluten. Es kommt jedoch etwas Neues,
letztlich heißt das: etwas Unerhörtes, noch nie da Gewesenes. Und wie kommt es? Indem es sich als
Kreislauf, als Wiederholung sichtbar und spürbar zeigt. Als Blut eben. (Aber das Blut ist Zeichen –
und als solches soll es nicht vergossen werden. Wer Blut vergießt, hat die Orientierung verloren,
kreist im immer Gleichen wie eine lebendige Leiche.)

Beginnen mit einem Durchbruch. Dieses Leben, wie es jetzt und hier erscheint, dir, mir, euch, uns,
ist nicht aus sich selbst heraus. Ist nicht selbstverständlich. Versteht sich nicht von selbst. Der
Geist ist kein Produkt der Evolution. Sondern bricht durch. Wie die Liebe durchbricht, die Wahr-
heit und das Licht. Das ganze Leben kommt, nicht nur das geteilte. Es kommt zu mir, natürlich
erschreckt mich das. Wäre es also auch ohne den aufmerksamen Betrachter? Aber ja, aber nein.
Beides mit vollem Recht! Dieses Leben, ebenso wie die von uns (oder von sich selbst) so ge­nann­te
Sprache, in deren Worten wir etwas vom Leben sagen, in deren Worten wir das Erscheinen des
Lebens feiern, also auch seine Ver­borgenheit spüren. Wie Jakob, der dritte der Erzväter, in Ehr-
­furcht und Schauer sagt: Dies ist bestimmt der Ort der Götter, das Tor zu den Himmeln. (Gen. 28.17)
se ki im_beth elohim schaar haschamajim., 7–5     20–10     1–40    2–10–400   1–30–5–10–40
300–70–200     5–300–40–10–40. Der Ort der Verheißung, der Ort der Verbindung, der Ort der
Ver­klärung. Selig lächelnd, wie ein Säugling. Durchbrechen durch das gescheite Reden und das
bloße fürwahr Halten, erfasst sein von der anderen Wirklichkeit, die sich im Traum so lebensnah
offen­bart. Durchbrechen durch die Gesetzmäßigkeiten des All­tags, Ver­sicherungen, Rente, Arbeit
(robota, robota!!), Gravita­tion ja, Le­vi­tation nein. Alles geregelt, Gott sei Dank, aber Gott ist größer
als die von ihm geschaffene Ordnung, er hat sich selbst hingege­ben als Liebe, und die bringt Gott
sei Dank alles wieder durch­einander, so dass du und ich und wir zusammen mit ihnen der Liebe
zum Sieg verhelfen. Es ist auch ein Durchbruch durch die engen Grenzen des Verstands, deshalb
bekommt der ein wenig Angst, aber eigentlich braucht es keine Angst, es sind immer noch Worte,
aber was für welche!

Der Anfang namens kedem beginnt mit dem Zeichen kof, das den Durchbruch ins Freie anzeigt.
Wie im sogenannten Höhlengleich­nis, das Sokrates dem Glaukon erzählt, die Frage entsteht,
was in jenen Menschen hineinfährt, als er sich auf einmal von seinen  Fesseln befreit, er merkt,
dass er sowieso nicht gefesselt war, sondern die Stricke nur dalagen. Er steht auf und geht, um
sich alles genau anzuschauen, was er vorher nur aus der immer gleichen Lage als vorbeiziehende
Schatten gesehen, aber natürlich nicht als solche „erkannt“ hatte. Ein Durchbruch, und man
kann vielleicht sagen, dass es „an der Zeit“ war, aber man muss auch eingestehen, dass man
einfach nicht weiß, was ihn hier „hinter sich herzog“. So wie auch ich nicht weiß, warum ich
auf Weinreb und seine Entdeckungen hörte, ausgerechnet ich, ein ungläubiger Soziologe und
mäßiger 68er.

Es wird überliefert, dass kof auch Affe bedeutet. Für uns Abend­länder, Christen, Humanisten
und Freunde der Vernunft der Auf­klärung ist so etwas nur schwer zu ertragen. Für uns geht
„das Denken“ so, dass wir sagen, „entweder es bedeutet Nadelöhr, oder es bedeutet Affe“.
Vielleicht könnten manche „Wissenschaf­ten“ nicht funktionieren, vielleicht könnte man keine
Lippenstift­maschinen konstruieren und kein Ibuprofen herstellen, wenn sol­che grundlegenden
Mehrdeutigkeiten existieren. Vielleicht be­steht deshalb unser abendländisches Denken seit,
sagen wir acht­hun­dert Jahren, darin, die Mehrdeutigkeiten aus den Sprachen auszumerzen.
So dass also der Anfang, kedem, mit dem Affen einsetzt, mit dem Nachäffen, mit den immer
gleichen und im Kreis herum führenden Fragen, putzig und zum Schreien für das Kind, das
sich selbst im äffischen Gehabe wiedererkennt. Ein Anfang von der anderen Seite her, von der
anderen Seite des Worts. Von der Zeit her, von der Evolution her, so dass der Mensch plötzlich
zum nahen Verwandten des Affen wird. Die Überlieferung weiß, dass „der Affe“ genau bis zu
dieser Grenze des Nadelöhrs gelangt: das meint, dass auch ein Affe den ganzen Weg des
Menschen wie er durch die Zeichen der Gegenwart[v] vorgezeichnet ist, geht. Erst wenn er
an der Grenze zur Zukunft, beim Zeichen kof anlangt, zeigt sich überhaupt, ob er ein Mensch
oder ein Affe ist (so die Überlieferung, die sich nicht einschüch­tern lässt von Evolutionstheorien).
„Der Affe“ ist demnach derjenige im Menschen, der alles durch sein eigenes Handeln bewerk-
stelligt, seines Glückes Schmied. Gute Planung der beruflichen Karriere, gegen alles versichert,
einen Partner gewählt, der auch an Haus und Kinder denkt, eben in dieser Reihenfolge. Der
Mensch, der seine Zukunft plant, tja, und dann trifft sie auch mehr oder weniger so ein. Schon
das Wort „Durchbruch“ ist für einen solchen Menschen ein Unding. – Wieder und wieder muss
ich hervorheben, dass ich nicht auf jemanden zeige, niemanden im Visier habe, und wenn doch,
dann schnell in den Spiegel schaue, um zu sehen, wie es bei dieser Person aussieht. Die Über-
lieferung meint mit solchen Mitteilungen den Menschen, und wie wir jetzt schon sehen, denkt
die Überlieferung groß von ihm: Jeder Mensch ist eine ganze Welt – die Friedensformel
schlechthin.

Was wollen wir uns merken vom Anfang namens kedem? Wie kommen wir in den Anfang hinein?
Wie geht das: anfangen? Schon diese Frage macht uns fast verrückt – Was denn anfangen, ant-
worten wir fast schreiend! Wir bleiben aber trotzdem ruhig, bleiben im Wort. Wenn wir den Anfang
selbst erlebt haben, wenn wir das Anfangen in Fleisch und Blut haben, dann können wir alles
anfangen, was wir wollen, auch das was uns schwer fällt. Gut, der Anfang ist die Alternative
zwischen dem Affen, weiter machen wie immer, und dem Nadelöhr, einfädeln in das unmög­lich
Erscheinende. Was erscheint dem Affen unmöglich? Dass es dort, jenseits der Zeit überhaupt ein
Leben gibt. Wenn die Zeit endet, und sie endet definitiv mit dem letzten Zeichen der Zehn­er­reihe,
dem zade mit dem Zahlenwert 90 und der Bedeutung Angelhaken [was so schön auf die Fischer des
Zweiten Testa­ments verweist, und auf Jesus, der die Fischer zu Menschen­fischern macht und so
selbst einer ist], dann ist die Zeit zu Ende. Der Fisch am Haken, herausgezogen aus dem Wasser,
stirbt. Und dann?

Da ist der Ort des Anfangs: Der Ort, an dem Anfang sein kann: Oder auch nicht. Denn auf die Frage
„und dann?“ gibt es zwei Antworten, die erste sagt „wie und dann? Was soll denn die Frage?! Aus,
Äpfel, amen, das sieht man doch, er wird gebraten und gegessen, dein Fisch, und das war’s dann.“
Die zweite Ant­wort sagt: „Es sind doch zwei Fische, siehst du denn nicht den zweiten Fisch, der in
die andere Richtung schwimmt, der im Strom der Zeit steht und nicht mitfließt? Und der andere
Fisch, den wir Menschen essen, der geht ein in unseren eigenen Anfang, da, wo wir durchs Nadelöhr
gehen, nehmen wir ihn mit, so dass er und alles was wir „essen“ ganz wird.

Der Ort des Anfangs ist der Ort einer Mutprobe. Falsch kann man nichts machen, es ist was es ist.
Entweder oder. Es zählt was ist, wie ich bin. und das macht Angst, jedem Menschen.

Aber die Zeit! Wozu dann die Zeit? Wenn wir nur warten, bis wir erlöst werden zu einem anderen
und ganzen Leben? Wozu ist dann die Zeit gut? Oder ist sie dann gar nicht gut? – Gute Frage, sehr
gute Frage. Das scharfe entweder oder gilt – für den Affen. Für den, der durchs Nadelöhr ging,
sieht es anders aus: er sieht ja die zwei Fische. Er sieht, dass „irgendwann“, besonders aber dann,
wenn jener Zeitpunkt eintritt, den der Affe „Tod“ nennt, der Durchbruch auch für ihn geschieht.
Entweder und oder. Aber die Zeit ist da, damit du den Durchbruch schon vorher erlebst, die Klarheit
und die Freude und das Hochgefühl. Damit du schon vor „dem Tod“ dem Affen leb wohl sagst.

Gehen wir nun einen Fuß weiter. Wir sind durchs Nadelöhr geflutscht, der Angelhaken hat uns
erfasst und schwups sind wir draußen aus dem Wasser der Zeit. Wir schauen auf die Welt,
schauen aufs Universum, so wie ich es seit ein paar Tagen tue, indem ich Bilder von Galaxien
und Sternenhaufen, von Sternen­staub und dunkler Materie anschaue. Mit solchen Bildern,
so ist unsere Redeweise, schauen wir ja „vergangene Ereignisse“ an, weil das Licht, um bis zu
uns zu kommen, Zeit braucht, eine Zeit, zu der wir „Lichtjahre“ sagen, ein wunderbares Wort.
Und wir fragen nun und gehen damit wirklich einen Fuß weiter, nehmen den Anfang gewisser-
maßen mit, wir fragen, wie das geht, dass mit einem Wort die Welt, das Universum, das Weltall,
Himmel und Erde, erschaffen werden. Und Gott spricht: Es sei ein Lichtjahr und da! ein Lichtjahr.
Und Gott spricht: Es sei die Galaxie M81 und da! die Galaxie M81. Und Gott spricht: Es sei die
dunkle Materie und da! die dunkle Materie. Ein kleiner Scherz – weil sich doch unsere Wissen-
schaftler so verhalten, als ob sie Gott seien. Aber wer einmal durchs Nadelöhr gegangen ist,
fällt nicht mehr zurück „hinter den Anfang“, der ihm den Durchbruch bescherte. Gibt es denn
eine Vergangenheit, die nicht in der Zeit liegt? So fragt unser Freund, mein Affe, den ich locke,
dass er zum „Angelhaken“ kommt. Wie eine jüdische Mamme, die den Dreijährigen die Zeichen
des hebräischen Alphabets als Plätzchen backt, damit sie spüren, wie „süß“ das Lesen ist. Mit
anderen Worten: Gibt es eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist?

 

Mein Affe ist unsicher; er schaut sich um, hin und her, ob ihm von anderen Affen ein Zeichen
käme. Es schaut mich an, ob er mir ansieht, was ich hören will. Aber in meinem Angesicht kann
er nichts sehen, denn ich will ja gar nichts hören; ich warte darauf, ob er sich rührt, ob er hört,
ob er den Strom der Gnade als Wind auf seinem Fell spürt und innehält. Es ist nichts zu tun,
mein Lieber, aber genau das fällt dir ja so unendlich schwer.

 

Und dann fängt er an „zu denken“. Stellt sich hinein in den Schwall der Worte, die täglich auf
ihn hernieder regnen, er liest ja Zeitung, er hört Nachrichten, schreibt E-Mails, bekommt auch
welche, von denen er die meisten löschen muss, weil sie ihm Pillen andrehen wollen. Heute
bekam er eine Mail von der Wirtschaftszeitschrift Capital, die ihn vor der E-Mail Falle warnen
wollte. Er musste lächeln und löschte sie. Morgen wird es wieder so sein. Morgen wird sich die
Vergangenheit aufs Neue zeigen, wird sich wiederholen. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“
lo chadasch ha schemesch, das ist Futter für meinen Affen. Das Vergangene ist in einem
äußersten Sinn vergangen, aber wenn es morgen wiederkehrt, ist es eben nicht vergangen,
sondern ich stecke darin wie – der Haken im Maul des Fischs.

 

Ole!

Dieter Hildebrandt ist gestorben, die Zeitung widmet ihm eine Seite mit Nachrufen, der Affe muss
weinen. Nicht böse sein, bitte, wenn ich meinen Affen so nenne, denn vergesst nicht, ich nenne ihn
Affe, weil das (hebräische) Wort für Affe kof lautet, geschrie­ben 100 – 6 – 80, vollkommen gleich-
geschrieben wie das Wort kuf, das Nadelöhr bedeutet und das sogar wir Nichtbibelleser noch kennen,
weil wir herumrätseln, was Jesus mit seinem Gleichnis sagt. Geht denn ein Kamel durch das Nadelöhr?
Dieter Hildebrandt, für alle, die zu Wort kommen, das große Vorbild, der große Freund, der Meister…
wie gesagt, der Affe muss weinen. Und ist froh, denn oft weint er nicht mehr, obwohl die Welt ja nicht
freundlicher geworden ist. Dieter Hildebrandt ist deshalb wichtig, weil der Vater ihn mochte, die
Familie Ende der 50er Jahre immer Lach- und Schießgesellschaft schaute, und da etwas Frisches und
Ungewohntes spross. Einer der Nachrufe sagt am Ende: Es schmerzt, ihn zu verlieren. Es war ein
großes Glück, ihn gekannt zu haben. – Da horcht mein Affe auf. Beides also? Beides zugleich? Und
warum dann für den Schmerz die Gegen­wart, schmerzt es denn immer noch? Und warum für das
Glück die Vergangenheit, ist das Glück nun vorbei? Ach, du mein lieber Affe! Er versucht es nun
andersherum: Es schmerzte, ihn zu verlieren, wie es auch schmerzte, an den Vater zu denken, immer.
Und es ist ein großes Glück, ihn zu kennen, und sogar immer weiter kennen zu lernen, in den
Erinnerungen, die bleiben.

 

Mein Affe und mein Nadelöhr; mein Affe steht da und kratzt sich am Kopf – mein Nadelöhr macht
die Ohren weit auf und hört auf den Wind von weit her. Der Wind spielt auf dem Nadelöhr wie auf
einer Leier, da ist ein Ton, und noch einer, auch von weit her. Er schwingt durch die Zeit, ist aber
selber keine Zeit. Geht nicht unter, verliert sich nicht – ich bin es selbst, der ihn manchmal nur
schwach hört und dann wieder gar nicht, eingetaucht in die vielen ungelösten Fragen der Zeit.

 

 

***

 

Wir haben nun angefangen, wirklich und wahrhaftig. Sind an die Grenze der Zeit gelangt: nicht
als ob die Zeit selbst eine Grenze hätte, sondern vielmehr so, dass die Zeit als Ganze eine Grenze
ist. Unser ganzes Leben in der Zeit ist eine solche Grenze. Wir können mit Kohelet sagen „nichts
Neues unter der Sonne“ und wir können mit dem Instrument des Nadelöhrs mitsummen und
sagen „da, hör doch, der neue Ton, das frische Grün.“ Dieter Hildebrandt ist nicht tot, was meinst
du denn, dass du wirklich weißt, was „tot sein“ ist? Und wenn ich sage, er ist nicht tot, dann summe
ich doch nur den Ton mit, den ich meine zu hören, und jeder kann mitsummen oder auch nicht,
ganz wie es ihm beliebt.

Das Ende also. Im Ende und vom Ende sind wir ebenso gefangen wie im und vom Anfang. Stürzen,
fallen, trudeln in die Zeit. [Anstatt hinunter zu gehen – im Bewusstsein, wieder hinaus zu gehen,
wenn es soweit ist.] Können wir uns noch festhalten am Wort? Wer in die Zeit hineinstürzt, über
den schlagen die Wellen des Lebens hinweg. Das sprichwörtliche Auf und Ab ist dann alles, was
er noch mitkriegt. Wie ein (kleiner) Krieg. Wir halten uns in diesem Essay am Hebräischen fest,
wörtlich: am Jensei­tigen. Das Festhalten ist aber keine Sache der Muskeln. Es geht, weil wir
Gewicht verlieren, leichter werden. Das sogenannte Wissen, dass das Leben mit der Geburt anfängt
und mit dem Tod endet, ist derartig unerträglich belastend, dass eigentlich jeder Mensch unter
dieser Last gebeugt und bedrückt geht. „Eigentlich“ – weil es ja die coolen Typen gibt, die sagen,
das mache ihnen nichts aus. Nun ja, ich erkenne doch meinen eigenen Affen wieder.

 

Drei hebräische Worte sind da, die mit dem deutschen Wort  „Ende“ übersetzt werden. sof, kez
und gemor. Mein Affe staunt. Aber dann sieht er, dass es im Deutschen Wörter gibt, die anders
klingen, aber Ähnliches bedeuten. Aber das ist schon wieder zu rasch gesagt: Wir wissen ja erst
einmal nicht, was „Ende“ ist. Und warum nicht? Weil wir nicht ins Wort hineingehen können.
Wir bleiben auf die Gestalt festgelegt, und können uns gar nicht vorstellen (außer ein paar
Dichtern und Denkern), was das sein soll: ins Wort hineingehen.

z-w-e-i-s-a-m-k-e-i-t

sof, 60 – 6 – 80, erscheint im Ausdruck jam suf, der als Rotes Meer übersetzt wird. ain sof,
kein Ende, ist der Ausdruck der Überlieferung für das, woher alles kommt. Man könnte es
sinn­bildlich darstellen, indem wir die Zeichen auf dem Papier als die Welt nehmen und alles,
was auf dem Papier / Bildschirm weiß erscheint, wäre dann ain sof. Ein „Ende“ wäre dann,
wenn keine Zeichen mehr erscheinen, das leere Blatt. Oder aber, wenn die Zeichen so dicht
über- und nebeneinander stehen, dass die Augen nur noch schwarz sehen – Ende allen
Sehens und Lesens. Beim Auszug aus „Ägypten“, das ist unser Leben und Leiden, mit allen
Schmerzen der Abgetrenntheit, müssen wir durch das „Meer des Endes“ gehen. Es erscheint
unmöglich, ungeheuer gefährlich, nicht zu bewerkstelligen. Was geht zu Ende, fragt mein Affe.
Das Ende selbst geht zu Ende. Unsere Vorstellung vom Ende; wir können es eigentlich gar
nicht aushalten, dass etwas, woran wir unser Herz hängten, zu Ende geht. Der Tod der Mutter,
des Vaters, das Ende einer Liebesbeziehung, der Tod des geliebten Partners, das Ende eines
großen Reiches – alles ist nur wie eine große Plage, die man eben nicht aushalten kann,
sondern nur so tut als ob. Erst wenn das Meer des Endes durchquert ist, wenn die Wasser
der Zeit still stehen und dir ein Blick auf das Wesen deines Daseins gestattet ist, hört die
Angst vor dem Ende auf. Aber, ehrlich gesagt, ganz hört sie eben doch nicht auf, immer
wieder versagen wir doch auf dem Weg durch die Wüste – im Gespräch mit den vertrauten
und mit fremden Gesprächspartnern.

 

samech und peh, heißen die beiden Zeichen, die das Wort sof bilden. samach, 60 – 40 – 20,
bedeutet unterstützen, sich auf jemand stützen, sich auf jemand verlassen. samchut bedeutet
Autorität, also der oder die oder das, worauf sich ein Mensch verlassen kann. Wie kann dies
mit dem „Ende“ verbunden sein? peh, 80 – 5, bedeutet Mund. Das Zeichen hat die Form des
kaf, 20, eines nach links geöffneten Halbkreises, כ, in dessen Mitte das Zeichen jod י einge-
schrieben ist. Beide Zeichen für sich haben mit der Hand, also mit dem Handeln zu tun, das
kaf steht für die rechte, zugreifende Hand, das jod für die linke Hand, die von Herzen kommt.
Ein Bild zum Aufwachen: das spontane Tun ist geschützt im bedachten Handeln – und so kann
dann das Sprechen mit dem Mund gesehen werden. Sprich, und behalte beide „Hände“ im
Auge. Pass auf, dass du sowohl das Herz als auch den Verstand beachtest.

Und auch hier müssen wir fragen, wie das peh auf das Ende weist. Beide Zeichen schei­nen
eher auf ein gelingendes Leben zu zeigen. Unterstützung geben und bekommen, Autorität
sein und Autorität anerkennen (samech) und sowohl aus ganzem Herzen als auch dem
klaren Verstand handeln und auch so sprechen (peh) – welches Ende ist hier gekommen?
Ist das nicht eher ein Leben, das nicht endet? „Ihr werdet sicherlich nicht sterben, lo mot
temutun, mit meiner Unterstützung, könnte ich noch sagen, mit meiner Autorität und
Klugheit sage ich euch, ihr werdet nicht sterben.“ Habt ihr erkannt, wer hier spricht?
Samael, der einem wie mir nur aus der Oper Freischütz bekannt ist, weil ja aus meinem
Bildungsweg zunächst alles Magische, alles Unbegreifliche, alles „jenseits der Philosophie“
(Hamlet) ausgeschlossen wurde und nur in der Kunst überlebt hat. Samael, ein Wort,
das nicht in der hebräi­schen Bibel vorkommt, aber in der Überlieferung sehr wohl. Und
das eben diese Wurzel von samech und mem hat, aber dann mit dem Gottesnamen elohim
endet. Der unterstützende Gott, könnte man sagen, aber auch der blinde Gott (suma,
60 – 40 – 1, blind). „Mach dir kein Bild“, heißt es immer wieder, und was immer es genau
heißt, sich kein Bild zu machen, es bezieht sich auf den guten Gott ebenso wie auf den
schrecklichen, furchterregenden. Haben wir wirklich gelernt, das Böse von ihm zu
unterscheiden? Oder haben wir nur den guten Gott vom bösen Gott abgespalten, so
dass der böse fröhliche Urstände feiert?

***

Nun, jedenfalls sind wir jetzt schon ein Stück näher am Ende. „Ihr werdet gewiss nicht
sterben“, sagt dieses Wesen, das in unserer Sprache Schlange heißt (nachasch im Hebrä-
ischen), sondern „ihr werdet sein wie Gott wissend gut und böse.“ Wow! Ein Hammer!
Unwiderstehlich… Wer wollte das nicht, sein wie Gott, sowohl das Gute als auch das
Böse „wissen“? Hand aufs Herz? Wissen ist Macht tönt es zu mir her, aber nicht leise
wie der Wind im Nadelöhr, sondern laut wie ein oberbayrisches Blasorchester. Unwider-
stehlich… Was aber ist das Unwiderstehliche an den Worten der Schlange? Dass es genüge,
das Gute und Böse zu wissen? So dass ich mich dann nicht mehr daran halten muss, was
das Gute ist? Für das ich doch, wie jeder Mensch, eine feines Ohr habe? Aber, wenn ich
höre, du wirst gut und böse mit deinem Verstand unterscheiden können, dann höre ich
heraus, okay, wenn ich es schon weiß, dann stehe ich irgendwie drüber. Das ist aber nicht
der Fall! Und woher weiß ich das, dass es nicht der Fall ist? Weil ich immer wieder vom
„Bösen“ überrascht werde und es mich dann gehörig beutelt…

suf, so sage ich es jetzt mutig in einem Satz, ist das Ende der mir von der Schlange verspro-
chenen Gottähnlichkeit. Ich erinnere mich dann auf einmal, dass ich gar nicht werden muss
wie Gott, sondern ihm schon ähnlich bin von Anfang an – er selbst hat mich so geschaffen.
Und das Schönste: diese Erinnerung bleibt wahr,  auch wenn das Wort Gott weggelassen
wird. Vielleicht bewegt sie uns sogar noch kräftiger. Lassen wir einfach einen leeren Raum,
ein ain sof, wo das Wort Gott steht. Also kann ich still bei mir sagen: Ich brauche gar nicht
erst zu werden wie              , son­dern bin immer schon in seinem (und ihrem) Bild und Gleichnis.

Ohne Ende könnte ich – und jeder, der das Hebräische als jensei­tig erlebt, das hier erscheint –
über suf weiter sprechen. Immer neue Aspekte. Bestimmt auch solche, die uns unvereinbar
vor­kommen. Auch das, was jetzt schon zu Tage getreten ist, ist derart vielseitig und mit dem
Verstand (mein guter Affe) kaum mehr zu begreifen, dass wir uns nur wundern können. Was
schon einmal kurz erwähnt wurde, soll jetzt hier zum Schluss stehen: jam suf heißt
(z.B. Ex 13:18) nicht bloß Schilfmeer oder gar Rotes Meer; nein: jam suf will uns aufwecken,
es nicht nur im Bekannten, nicht nur im Messbaren zu suchen, sondern es als Frage zu erle­ben.
Was ist das, ein Meer des Endes? Und wieder werden wir auf den Weg geschickt, das Wasser,
das Meer, das Fließende mit der Zeit in Verbindung zu bringen: jam, Meer, wird mit den Zeichen
jod – mem, 10 – 40, geschrieben; jom, Tag, wird mit den Zeichen jod – waw – mem geschrieben,
wobei die waw einfach als und gelesen werden kann. Was passiert an einem Tag? Wenn es gut
geht, und das heißt, wenn dann wirklich und wahrhaftig ein neuer Tag anfängt, wird die Eins
durch die Vier (auf der Ebene der Zehner) hindurchgetragen: die Quint­essenz wird bewahrt.
Und sei es auch nur dadurch, dass hier, auf diesen Seiten, ein hebräischer Idiot seine Zeichen
vor sich hin stammelt.

Das Ende mit dem hebräischen Namen kez bedeutet eigentlich Dorn. Die berühmten Disteln
und Dornen, die nun den Erdboden überziehen – und mit denen wir uns selbst überziehen,
nach­dem wir aus dem Garten Eden vertrieben sind (Gen 3:18). Das Ende einer Illusion sozu-
sagen. Die Illusion, dass wir „ungeschoren“ da­von kommen. An allem hängt noch zusätzlich
ein Gewicht, alles dauert noch eine Windung länger, als wir sowieso schon einpla­nen. Das Ende
des „way of life“, der alles naiv positiv sehen will. Es ist einfach so: die Dornen und Disteln sind
da. Die Dornen­krone, die man Jesus aufsetzt, ist zwar eine ganz besondere Gemeinheit, aber
auch das Zeichen, wie die Wirklichkeit ist.

gemar ist das dritte Wort mit der Bedeutung „zu Ende sein“. Im Psalm 12 heißt es: hoschia
haschem ki gamar chassid, hilf Herr denn mit dem Chassid geht es zu Ende. Der Chasside ist der,
der mit dem Nächsten (und mit dem Fremden) solidarisch ist. Was also tun in einer Welt, in der
es drunter und drüber geht und die  Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit schwindet?

Man könnte sagen, die Worte für das Ende widersprechen sich. suf macht Mut für den Über-
gang, kez und gemar machen Mut, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie (auch) ist: dornig und
ohne Mit­gefühl. Wenn wir das so stehen lassen, werden Amos und Fania sich wundern,
weil es doch zu den von ihnen so klar erkann­ten Fähig­keiten eines Juden gehört, Wider-
sprüche stehen lassen zu können. Jude, natürlich nicht in einem nationalen oder religiösen
oder sonst wie veräußerten Sinn, sondern im Sinne des Worts. Wer dankbar ist, warum
auch immer, muss nicht Recht haben.

***

Es hat Kraft gekostet, sich mit dem Anfang und dem Ende zu beschäftigen. Aber es hat auch
Kraft gegeben. Es wurde schon erwähnt, dass Amos und Fania, wenn man es übersetzt, mit
dem Nachnamen Kraft heißen. Wer aufs Wort schaut und hört, der ist verblüfft, wenn er
plötzlich mitbekommt, wie viele hebräische Worte die Bedeutung Kraft haben: chasak,
emaz, chosen, koach, os, on, taazuma und meod.

chasak, 8 – 7 – 100 (ergreifen, packen, festhalten)

emaz, 1 – 40 – 90 (stärken, stark machen)

chosen, 8 – 60 – 50 (stärken, feien)

koach, 20 – (6) – 8 (Kraft, Macht, Gewalt)

os, 70 – (6) – 7 (Kraft, Macht, Burg, Zuflucht)

on, 1 – (6) – 50 (Kraft, Stärke)

taazuma, 400 – 70 – 90 – (6) – 40 – 5 (Kraft, Stärke)

meod, 40 – 1 – (6) – 4 (Kraft, Macht)

Wir suchen die Kraft des Worts. Die Kraft des Anfangs und die Kraft, Angelegenheiten
zu beenden, die am Ende sind. Die Kraft, zu ver­geben und die Kraft zu sehen, dass vergeben
und vergessen und verzeihen bei sich selbst beginnt. Die Kraft zu lieben und zu leben und
zu loben und zu danken und zu preisen, die Kraft, eine Welt, die bloß funktioniert, mit
Leben zu erfüllen, mit Wahrheit und Licht und Menschlichkeit. Die Kraft, große Worte
zu finden und die Kraft, sie nicht hinauszuposaunen im Brustton der Über­zeu­gung, son­dern
sie bei sich zu behalten, bei sich zu hegen, bis sich die Folgen der großen Worte von selbst
ergeben: klares Handeln, liebevolles Verhalten. Die Kraft in der Zeit auszuhar­ren, das
Schöne und Be­sondere dieser Tage anzuerkennen und sogar mit­zugestalten, aber ohne
ihm zu verfallen. Die Kraft treu zu bleiben, dem ein­geschla­genen Weg, sich selbst also,
aber auch den Bindun­gen, die man ein­gegangen ist. Die Kraft, den wahrlich ungeheuren
Verän­derun­gen standzuhalten, denen wir in diesen Jahrzehnten ausgesetzt sind, und die
Kraft, nicht in der Zeit und ihren Stürmen unter­zu­gehen. In einem Wort: die Kraft zu leben
und zu sterben, in all den Weisen, in denen leben und sterben tönt. Die Kraft zum Einssein
von Leben und Sterben. Überall den Übergang sehen. Denn Bleiben ist nirgends, klagt der
Dichter, um im nächsten Moment zu mahnen: Du musst dein Leben ändern. Wie? Mit Kraft!

Ich glaube nicht, dass wir die Kraft haben, alle acht hebräischen Begriffe genau anzuschauen.
Aber chasak und emaz schauen wir an, und natürlich os, Amos und Fania zu Ehren.

amos-und-fania-oz

chasak, das können wir jetzt schon ein wenig flüssiger lesen. Da sehen wir einen Weg von der
cheth, diesem so verführerischen Zeichen, das uns in den achten Tag und in den Traum eines
vollständigen Glücks hier auf Erden katapultiert. Oder aber in die Albträume? Mit dem Zurück-
fallen in den Zweifel, ob dies oder jenes, sind wir wieder im siebten Tag angekommen, unserer
Welt mit ihren enormen Ausbrüchen nach oben und unten. Auf und ab eben. Doch „zurück-
gekehrt“ aus der Welt der Vollkommenheit ist es nicht dieselbe Welt, sondern wir sind mit
einer Startenergie von dort her aufgeladen. Sie entlädt sich im Zeichen kof, der hundert, dem
Durchbruch durch die gedeutete Welt. (Das wir schon als erstes Zeichen des Anfangs, kedem,
kennen lernten.) chasak ist so gesehen eine von der Himmelszeit auf die Erden­zeit zurück-
gelei­tete Energie, die den Sprung ins Unbekannte wagt. Ich muss an das Bild des Simone
Martini denken, eines dieser vielen wunderbaren Verkündigungbilder, mein Lieblingsbild
seit dreißig Jahren, auf denen der Engel Gabriel verkündet, dass das Wort nun als Mensch
erscheinen wird. War es denn vorher nicht da – als Mensch? Gott bewahre. Da sind doch die
Väter bin hin zu Noah, dem isch tam, dem vollkomme­nen Menschen – und das obwohl er sich
dann an den Früchten der Erde berauschte, da sind die Propheten, immerzu auf das Volk
einredend, da ist David, der von Gott so sehr geliebte, da ist Hiob, da ist Ruth und Esther
und Tamar und Debora, und natür­lich Moses, der mosche ausgesprochen wird, für meine
Ohren schon ziemlich ähnlich wie moschiach. Und Jehoschua, der das Volk ins „Gelobte
Land“ führt, in den achten Tag hinein. Der dann, für uns normale Menschen ganz unver-
ständlich, doch wie­der dieselben Kämpfe und Kriege enthält, wie das Leben zu­vor. Was
also ist daran gelobt? Und nun, unter dem Joch des Imperi­ums, noch ein Joschua, kein
Joschua ben Nun, sondern einer, der dann von seinem Vater im Himmel sprechen wird –
zum großen Ärger der etablierten Theologen und Wissenschaftler. Und, auch sehr selt­sam,
der von vielen Juden heute gar nicht gesehen wird, Juden, wie Amos und Fania, die das
Judesein als Geisteshaltung verste­hen, eigentlich ebenso wie ich, denn dankbar sein ist
natürlich eine Geisteshaltung, die dann aufs Leben sich sehr günstig aus­wirkt. Warum
sehen sie diesen zweiten Joschua nicht als ihren eigenen an? Von Anfang an nicht? Amos
ist gekränkt, von der Geschichte gekränkt, vom Geschehen des Holocaust, also von uns
Deutschen gekränkt, die ja immer wieder, schon als Kreuzritter, unter Juden gerne ein
Blutbad anrichteten. Mehr als verständlich, ist es doch eine buchstäblich tödliche Kränkung.
Als sehr, sehr  schwer empfinde ich diesen Mühlstein, der da plötzlich in den Weg rollt, ein
tausendjähriger Mühlstein – und vielleicht sind all diese Worte hier, von dawar bis chasak,
von Lina bis zur Süßen, vom chassidischen bis zum hebräischen Idioten nur dazu da, diesen
Stein auf die Seite zu rollen, der zwischen uns liegt. „Wer wird uns den Stein vom Grab nehmen?“,
fragen die Frauen am Morgen des dritten Tages. Im Grunde möchte ich Amos so gerne in den
Arm nehmen, und ihn mit dieser Geste um Vergebung bitten (über alles Besserwissen hinweg,
das meint, dass es für den Holocaust keine Vergebung geben kann), ihn und mich trösten, ihn
als Nachkommen der Ermordeten, mich als Nachkommen der Mörder. Ja… und… muss ich
wirklich bei diesem Wunsch hängen bleiben? Kann ich es mir nicht ausmalen? Kann ich nicht
das Wort dorthin schicken, nicht gleich konkret per Post, sondern als Botschaft (bassar) im
Geist? Solle ich so gering vom Geist denken, sollte ich so gering von der Kraft chasak denken,
dass ich Amos und Fania, wie sie ja in meinem Geist leben, nachdem ich ihr Buch gelesen
habe (kara, 100-200-1, … nachdem mich das Lesen ihres Buchs wieder zur Eins geführt hat)
nicht einfach hierher bringen könnte, auf dem Teppich der inständigen Bitte um Ver­söhnung,
hierher in diesen Raum, und ich könnte mit ihnen spre­chen und ihnen von mir erzählen, von
meiner Dankbarkeit für ihre hebräischen Zeichen, von meinem Vertrauen in die Thora (da
werden sie mich unruhig anschauen), von meinem Glauben, nein: besser Wissen, dass wir
alle „auferstehen“ werden, und dass wir uns doch bitte jetzt gleich als Brüder und Schwestern
im heili­gen Geist verstehen mögen, und dass ich es so wunderbar fand, wie sie beide, als
Atheisten, sich so intensiv und mit dem Herzen mit der Thora beschäftigt hätten, und dies
für mich schon wieder „ein Zeichen“ für die besondere Kraft dieses Buches sei. „Und habt
keine Angst, wenn ich hier so feurig rede, ich bin nicht fana­tisch, auch wenn es für Momente
sogar mir selber so vor­kommt. ich bin nur angefüllt … ja, mit dem innigen Wunsch, etwas
wieder gut zu machen, was meine Väter schlecht gemacht haben.“ (Meine Väter schauen zu,
gelassen und doch freudig erregt. Die Schuld – wo ist sie hin? Sie hat sich geteilt, ging zum
Teil zurück zum Anfang, zum Teil aber auch ans Ende, wo wir die Schuld nun durchqueren
wie Israel das Meer des Endes beim Auszug aus Ägypten. Als geteilte Schuld hat sie keine
Herrschaft mehr über unseren Geist.)

Ich neige den Kopf, verbeuge mich tief, bleibe lange so stehen. „Ich muss und ich will euch
danken, ich bin sogar sehr froh, dass ich euch danken kann.“

Amos und Fania schauen sich an. „Wofür willst du uns danken“, fragt dann der für Literatur
zuständige Part der beiden.

„Ihr habt mir eine Brücke gebaut, nicht bewusst natürlich, aber so war es und so ist es nun.
Vor eurem Buch konnte ich das noch nicht fühlen und nur versuchsweise leise vor mich hin
sagen: Ich bin ein Jude. Aber nun kann ich es sagen, sogar vor euch und zu euch. Denn zuvor
war ich noch befangen, in den historisch bedingten Schuldgefühlen befangen, jetzt aber hat
mich euer Buch zum Geist hin befreit, hin zu einer neuen Haltung zum Geist, dass nämlich im
Geist Raum ist für sehr verschiedene Anschauungen, und dass nicht die Anschauungen uns
verbinden oder trennen, sondern ob wir zusammen einem Geist angehören. Das habe ich
vorher so nicht sehen können.

Amos und Fania lächeln. Sie freuen sich. Sie schauen sich gegen­seitig an, lächeln noch immer
ganz froh, und dann sagt sie, „na siehst du, das haben wir also gut gemacht. Wenn so etwas
bewirkt wird.“ Und Amos Oz, als Amos Klausner auf die Welt gekommen, kommt ein paar
Schritte näher, schaut mich an, hebt die Arme und öffnet die Hände und sagt: „Ich nehme
deine Worte und dei­nen Dank an. Es ist eine Gabe, die dich mit uns verbindet. Ich spreche
auch im Namen meiner Tochter. Das ist ein großer Moment.“

Ich aber stehe da, mit großen Augen, und lasse alles geschehen.

* * *

Ha, ha, chasak, du wunderbare Kraft, du Ding der Unmöglich­keit, was für tolle Sachen
bescherst du uns! Ich muss mich los­reißen von dir, um zur anderen Kraft, emaz, zu
kommen, aber ich sage dir, ich weiß irgendwie, dass du dabei sein wirst und uns an­schie­ben
und uns hinter dir her ziehen wirst. Wohlan.

Die Kraft mit dem Namen emaz kann natürlich, wie jedes Wort, in vielen Weisen gelesen
werden. Von dieser Vielfalt, die nicht einer vorschnellen Einfalt geopfert wird, sondern
nebenein­an­der beste­hen bleiben darf, spricht ja das Buch „Juden und Worte“ so fein.
Also, ich sehe sofort die beiden Zeichen aleph und mem, zwei der drei sogenannten Mütter-
oder Väterbuchstaben, die zusammen den Begriff „Mutter“ bilden. Ein Meer von Erinne-
run­gen strömt herbei, haushohe Wogen, stürmisch, so dass alle auf dem Schiff (oniah, ani)
große Angst bekommen. Aber auch große Wut, denn das Ich will nicht sterben. Tja, sagt
der Opa, der die Kraft an allen Ecken und Enden nachlassen spürt. Die Mutter, als Mutter
Erde verehrt und gefeiert und gefürchtet, die wir nun mit unserer „Energie“ immer mehr
„erwärmen“, aufheizen, wütend machen, so dass sich jeder Erdenbewohner sorgen muss,
wie lange sie es noch macht. Was wird die Menschheit tun – ohne Mutter? Mit einer
kranken Mutter? Mit einer sich langsam aber sicher immer weiter erwärmenden Mutter? –
Schlimme Fragen, die man blöd finden kann, aber auch dann nicht weniger schlimm werden.
Panikmache? Na ja, es sind Fragen, die jeden Leser auch an sich selbst und an seine eigene
Mutter erinnern. Ja, auch meine Mutter war krank, ja, sie hatte Rheuma, fast immer heiße,
entzündete Gelenke. Manchmal, als von draußen kam, hab ich sie mit kühlen Händen berührt,
an den Fingern, am Ellen­bogen und an den Schultern, das tat ihr gut und sie seufzte erleich­tert
auf. Schöne Augenblicke, in denen sich das Meer beruhigte. Immer mehr beruhigte sich das Meer.

Ich schaue also nun in Ruhe auf die Zeichen Eins und Vierzig, die zusammen das Universum
der Mutter bilden. Ich denke an eine Geschichte aus der Überlieferung, ein Geschehen im
Him­mel, als Gott zu seinen Heerscharen (also damals schon!!) sagt, dass er  nun vorhabe,
den Menschen zu erschaffen, und ihm wie aus einem Mund ein großes „nein“ entgegenschallt.
(Das ist bestimmt auch eine Geschichte für Amos und Fania.) „Nein“ also, und da geschieht
etwas Unerhörtes, noch nie da Gewesenes: Gott zögert. Für die Überlieferung ist das deshalb
so besonders, weil ja sehr viel über die Vorwelten erzählt wird, über die Dinge, die schon vor
der Schöpfung da sind, sehr viel Kommen und Gehen ist da, hochschlagende Wellen sozusagen
– aber ein Zögern Gottes gab es bis zu diesem „nein“ der Heer­scharen nicht. Man könnte auch
sagen, es gab noch gar keine Zeit. In diesem Moment des Zögerns also, so wird erzählt, trennt
sich Gottes weibliche Seite aus dem Einen und Ganzen, und sagt: Dann gehe ich mit hinunter.
Die Mutter. Gottmutter, wie auch gesagt wird. Hier auf Erden die Mutter (auch als materia),
dort im Himmel der Vater, als Feuer und Licht. Und das Kind, der Mensch also, möchte doch
immer, dass Vater und Mutter gut miteinander sind, dass sie sich lieben und Frieden halten.
Ein Wunsch, der nicht für alle in Erfüllung geht, in diesen insgesamt eher gottlosen Zeiten.
Denn wie soll das ohne Hilfe der Himmlischen gehen – Frieden halten? Die Mutter jedenfalls
geht also zu uns mit hinunter, als Natur, als geheimnis­volle und unfassbar starke Materie,
als Körper und Leib und be­glei­tet uns das ganze Leben lang (ohne dass viele von uns das so
wahr­nehmen) – und die Kraft mit dem Namen emaz besteht dann darin, dass die Mutter
uns bis an den Punkt führt, an dem wir dann wieder aus der Zeit herausgefischt werden
können, in die sie uns hineingebracht, ja buchstäblich hineingeboren hat. zade, das Zeichen
mit dem Zahlenwert 90, bedeutet Angelhaken. Auf der Ebene der Einer ist das die teth
mit dem Zahlenwert 9, die auf die Geburt des Neuen weist. So auch zade: herausgefischt
aus dem Meer der Zeit, aus der Materie, der Mutter also, erlebst du den Durchbruch mit
dem Namen kof, Nadelöhr, und bist nun das Kamel, das sich dem Sinn von all dem nähert.
In unserer Sprache sprechen wir vom Mut, sich von der Welt und ihren Verlockun­gen
abzuwenden. (Jetzt verstehe ich auch endlich, was Heidegger mit dem Streit zwischen
Erde und Welt meint. In den Worten dieses Essays ist es der Streit zwischen der Mutter,
Materia, Erde, als Gottmutter darauf bedacht, dass der Mensch durch kommt und weiter
geht bis zum Ziel, während die Welt eben aus den vielen Verlockungen besteht, hier zu
bleiben. „Es gibt keinen Himmel“, sagt die Welt, „und die Erde ist mir untertan.“ Und
nach dem Tod ist alles aus, sagt die Welt. Das aber mag die Erde nicht mit sich machen
lassen. Und wir?

Wenn wir erfüllt von emaz sind, gehen wir hin zu den Orten, wo die Überraschung wartet,
wo etwas noch nie da Gewesenes aus dem Meer der Zeit auftaucht. Ist es schrecklich? Ist es
tödlich? Ist es ein Alien? Ein Superman? Ein Terminator? Ein neuer Avatar? Oder ist es der,
den alle erwarten und an den keiner mehr glaubt? Der Gesalbte? Wieso gesalbt, und was für
ein Öl und was ist das überhaupt, der achte Tag – ich lass mich doch nicht für dumm verkaufen.
Gut, gut, nur ruhig, es ist nur so, hast du wirklich die Kraft, an ein Leben zu glauben, das die
Zeit durchquert und dann immer noch lebt? Was ist denn „vor“ der Zeit, und „nach“ ihr? Du
möchtest mich immer in diese Höhle hineinzwängen, in der nur Zeit ist, nur ein immerwährender,
sich endlos wälzender  Strom von Generationen. Nichts Neues unter der Sonne, das sagt die
Welt. Nichts falscher als das, rufe ich dir entgegen, ein Herz aus Stein wächst von innen her
und bricht. Zerzaust, aber in Takt. Im Kontakt. Und es hört auf, sich um sich selbst zu sorgen.

* * *

os oder in englischsprachigen Annäherung an die Aussprache oz geschrieben, wird mit den
Zeichen ajin und sajin geschrieben. In der Mitte das Zeichen waw. Asasel, die Geschichte vom
Sünden­bock. es osel, die Kraft, die (die Sünde) wegträgt, was soviel heißt wie: ich schaffe es
selbst nicht, wir als Gruppe und als Volk schaf­fen es selbst nicht, wir brauchen einen Sünden-
bock für unser „Ver­­sagen“, für unsere „Schuld“. Sündenböcke werden dringend gesucht, sie
werden auch schwarze Schafe genannt, und viele Gemeinschaften scheinen händeringend
kompetente Sünden­böcke zu suchen. Wer war schuld am Nazidesaster? Wer ist schuld am
Zusammenbruch der großen Sowjetunion? Wer ist schuld an der Finanzkrise, Immobilien-
blase, am schlechten Abschneiden bei Pisa-Studien, am Zeitungssterben, am Untergang des
amerikanischen Imperiums und am Zusammenbruch mora­li­scher Werte? Mit solchen Fragen
wird jemand gesucht, gierige Mana­ger, Heuschreckenfonds, Ausländer, linke Socken. Es ist
ein Mechanismus, noch kein lebendiges Geschehen. Aber der, der zum  Schuldigen gemacht
wird, dem man das Schwere und Verrottete auf­bür­det, braucht Kraft, und die Kraft mit dem
Namen os, als Zahlen 70 – (6) – 7 geschrieben, hat damit zu tun. Das Zeichen ajin bedeutet
als Wort (unter anderem) Brunnen, mit anderen Worten die Quelle der Zeit. Quelle der vielen
Augenblicke. Wie viele? Das weiß jeder Mensch anders, mir jedenfalls erscheint es so, immer
auch in die besorgten Augen meiner Mutter zu schauen, ob es mir auch gut geht und ob nicht
ganz innen in mir sich etwas tut, was ihr dann großen Schmerz zufügen wird. Das hatte einen
realen Grund, ihr erstes Kind war im Alter von drei Monaten gestorben, das Baby hat zwar
getrunken, aber nicht zugenommen, und meine Mutter beteuerte später so oft, „das hat mir
ja nie­mand gesagt, dass man den Säugling wiegen muss.“ Wie oft? Immer wieder jedenfalls;
jedes Mal, wenn die Erinnerung wieder den alten Schmerz berührte, kam gleich die Schutz-
behauptung dazu „das hat mir niemand gesagt.“ Und dann schaute meine Mutter „natürlich“
auf mich so, dass bloß nichts mehr passierte. Was ist das bloß, das sich da in deinem Inneren,
fern meiner Beo­bachtung und Kontrolle, entwickelt? Ich habe mich von innen her abgewandt
von den Blicken der Mutter, wieder ein ganz großer Schmerz für sie. So waren also, meine
Erinnerung, die Augen­blicke von Anfang an verstellt. Nicht das Aufgehen im Vertrauen, nicht
das Hin- und Herfließen von Wohlwollen und Wohlgefühl – wie ich es dann erst mit den
eigenen Kindern erlebte. (Das sexu­elle Begehren ist ja weniger von Wohlwollen und Wohl­-
gefühl, sondern mehr von Verlangen und Stärke geprägt. Und es ist ohne Ende, da ist also
die Wurzel dessen, dass die vielen Augenblicke nicht gezählt werden können.)

Aus wie vielen Augenblicken besteht das Leben? Die Antwort der hebräischen Zeichen
(denn nun wird ganz deutlich, dass die Zei­chen zusammen mit den Geschichten und der
ganzen Über­liefe­rung für jede Frage eine Antwort bereithalten, gewiss keine Ant­wort nach
der Art des Wissens von gut und böse, aber eine nach der Art des Wissens, wie es das Leben
selbst kennt) sagt: es sind siebzig. Die Kraft mit dem Namen os beginnt mit diesen siebzig
Augenblicken, wie sie ausgebreitet auf der Zeitachse vor uns liegen. Wer den Kontakt zur
Quelle verliert, für den ist das Viele keine Kraft, sondern Last. Viele Jahre, viele Länder,
viele Bücher, viele Liebschaften, und sogar viele Dukaten – alles was da mit der Qualität
„viel“ daherkommt, verliert sich in sich selbst. Verliert sich im Zwiespältigen seiner selbst.
Denn viel kann immer noch zu wenig sein, aber auch schon längst zu viel. Beim Vielen
besteht die Gefahr, dass die Orientierung verloren geht – oder eben die Quelle.

Aber os wäre natürlich gar keine Kraft und keine Macht, sondern nur Ohnmacht und
Umherirren, wenn der Ursprung verloren wäre. Die wahre Kraft steht auf, wenn sie den
Bezug zur Ruhe des siebten Tages enthält. Doch trotz dieser klaren und unzwei­deutigen
hebräischen Botschaft können wir natürlich weder Odys­seus noch Parzival vergessen, und
auch all die anderen Men­schen nicht, die ohnmächtig und in die Zeitenfluten hinein­gewor­fen
umherirren. os ist einfach auch die Kraft, „es auszuhalten“, dass alles „in Ruhe“ ist, in jener
Ruhe eben, die in Wirklichkeit nur Unbeweglichkeit und Gelähmtheit ist, Schockstarre nach
der Begegnung mit der Schlange und dem feuerspeienden Drachen. Der Mensch schaltet
auf das Überlebensprogramm und es sieht dann so aus (und ist vielleicht auch so), dass der
Kontakt zum Hebräischen abgerissen ist. Wie man aber an mir sehen kann, einem kaum
herausragenden Menschen des 20. Jahrhunderts, nach dem Krieg geboren (1948, siebzehn
Tage nach der Gründung des Staats Israel), der sehr in die Auswirkungen des Weltkriegs
und der Verleug­nungen des Naziterrors verstrickt war, sehr an der unaufhörlichen
Rationalisierung der Lebenswelt litt ohne sich zu praktischen Konsequenzen durchringen
zu können, einem Menschen, für den „das Wort“ tatsächlich in den vielen Worten aufgegangen
und untergegangen war, und der dann dennoch die Ohren nicht verschloss, als ihm von einem
der unbekannten Großen des 20. Jahrhunderts vom jenseitigen, d.h. hebräischen Wort erzählt
wurde. „Kabbala als Lebensgefühl“ ist eines dieser Worte, das wie aus meinem Herzen kommt,
die Verbindung mit den Vätern und Müttern ist wieder auferstanden.

Ich muss an Amos und Fania denken, die eine solche Mitteilung vielleicht übertrieben oder
sogar unerträglich empfinden. Pathetisch heißt ihr Abwehrwort, der Abwehrzauber. Tja, nüchtern
und berechnend war ja schon meine frühere Weltanschauung; ich will mich nun nicht mehr
schämen, wenn die Gefühle über den Rand meines Lebensschiffs hinüber borden. Das ist ja
das Gefühl, das mich zum Juden macht: Freude und Dankbarkeit. Und das Schönste für mich
wäre, wenn Amos auch ein wenig von dieser gewiss unverdienten Freude aufnehmen könnte;
„ich ziehe dich hinter mir her“ könnte meine Freude dann singen.

* * *

Wozu die Kraft? chasak we emaz, und os, kommt herbei, damit wir nun das Ungeheure wagen,
den Drachenkampf, soweit einer, der schwarze Zeichen auf eine weiße Fläche presst, von einem
Drachenkampf spre­chen darf. Aber ja! Gewiss darf er davon sprechen, denn auch alle anderen
Drachenkämpfe, von denen wir wissen, kennen wir nur deshalb, weil einer davon erzählt und
der Nächste weitererzählt hat, bis dann am Ende einer kam, der die Geschichte aufschrieb und
sie schreibend erlebte. Die Begegnung mit dem Schreck­lichen, dem Übermächtigen, dem Ver-
sucher, dem Tod, der töd­lichen Gewalt, dem Blutvergießen, dem Übergriff des Starken auf den
Schwachen – Begegnung mit allem, was uns Angst macht. Und was macht uns Angst? Die großen
Dinge des Lebens, ich würde drei nennen, in denen (mir) alles enthalten scheint: Geburt, Hochzeit,
Tod. Dieses große Geheimnis, dass so gut wie alles, was uns Angst macht, zum Beispiel einen neuen
Anfang wagen und ein Ende machen und die Liebe in unser Leben einlassen, mit dem Unheimlichen
verbunden ist. Bald wird es böse genannt und mit allem, was zur Verfügung steht, bekämpft werden.

Die Kraft – soll doch wohl helfen zu unterscheiden. Wann Kampf mit dem Drachen, wann
Mitgefühl mit ihm, diesem Bösewicht, der auch mal ein Baby war. Das Böse – wagen wir den
Gang vor sein Antlitz? Wir wagen es, mit Athenes Hilfe, die uns den spie­geln­den Schild schenkt,
so dass wir nicht nur das Böse draußen („Nordkorea“ sagt Bill Gates, auf das Böse in der Welt
ange­sprochen), sondern auch drinnen, hinter dem eigenen Antlitz.

In solchen Lebenslagen, scheint mir, hilft Hebräisch. Auf etwas schauen können, was wirklich
objektiv ist, aber auch so tiefge­hend subjektiv, dass ich mich als Mensch nicht mehr verstecken
kann. Mich nicht mehr verstecken muss, weil ich mich nicht mehr zu schämen brauche. Und
warum geht die Scham zugrunde: weil ich mich ja nun anschaue, wie ich bin – mit den Augen
Gottes eben. „Gott schaute in die Thora und erschuf die Welt.“ Und so wie auch er das Böse
und den Bösen anschaute, so auch ich.

Also jetzt. ra wird das hebräische Wort für das Böse ausgesprochen. Oder rea. Geschrie­ben
wird es mit den Zeichen resch (das Kopf bedeutet) und ajin (Auge, Brunnen), das erste Zeichen
von os, der Kraft, das Aufge­staute der Geschichte auszuhalten. ra wird mit „schlecht, böse, übel“
übersetzt; rea mit „Nachbar, Nächster, Freund, Genosse“. Was sagt das Hebräische damit?
Der Freund kann schlecht sein, der Nächste kann dir Böses wollen, der Genosse tut auch nicht
gut. Und ebenso umgekehrt: Auch wer etwas Schlechtes tut, mag dein Freund sein und werden,
wer böse ist mag dir nah und teuer sein. Der volle Widerspruch also! Wie wir es eben gewohnt
sind, nun schon eine ganze Weile, vom Hebräischen.

rosch, der Kopf. Das Haupt. Die Hauptsache. Was ist diese Hauptsache im Leben? Oh je, da
stürzen wir vielleicht gleich in die unabsehbare Vielheit der Welt, ohne Ende, ohne Zuflucht,
wenn sie den Himmel verloren hat. Hauptsache gesund, sagen welche. Hauptsache die Renten
sind sicher, sagen auch welche. Und was sage ich? Oder ist das vermessen? Weiß ich denn, was
für mich die Hauptsache ist? Hebräisch, ja gut, das ist mir lieb und teuer, aber die Hauptsache
muss doch etwas sein, was auch hier erscheint. Schon seit mehr als zwanzig Jahren weiß ich nun,
wozu ich auf der Welt bin: „um meinen Herrn zu loben und zu preisen“, lautet die Formel. Aber
wie erscheint es in der Welt? Oder ist mir die Welt gleichgültig? Ja und nein. Ganz einfach: ja
und nein. Aber sagt er nicht: deine Rede sei ja, ja oder nein, nein und alles andere sei von Übel?
Ja, das sagt er – und er sagt auch: widerstehe nicht dem Bösen. Und er sagt auch: Wenn du
nicht deine ganze Kraft einsetzt im Kampf gegen das Böse, deine ganze Seele und dein ganzes
Vermögen, dann kannst du nicht ins Reich meines Vaters kommen. Ja, und nun? Hauptsache?
So und so, aber beides entschlossen und fest im Widerspruch zu sich selbst.

Das Haupt ist die Potenz der Zweiheit. Immer wieder dieselbe Lektion: Alles, was hier auf der
Erde erscheint, alles was auf die Welt kommt, alles was der Fall ist – erscheint in doppelter Weise.
Als männlich und weiblich (innerlich und äußerlich) wird es in der tewa (Arche. Wort) gerettet,
als für und wider, tun und unterlassen erscheint es dem, der handelt, als Leben und Tod erscheint
es dem Auge im Haupt des Menschen. Freund und Feind, gut und böse, Licht und Schatten,
Wahrheit und Täu­schung, Liebe und Hass – les extrêmes se touchent. Die Extreme, also die
Gegensätze, berühren sich. Das ist aber keine gute Nach­richt für „die Logik“, für den Verstand,
für die berechnende Ver­nunft. Die Hauptsache (für mich), um die ich ringen muss, wie Jakob
am Jabbok: gut und böse sind sich nah, mein Ärger und mein Verdruss ist nur um Haaresbreite
von meiner Freude und meinem Mitgefühl entfernt. Wenn „ich“ mich hin gebe, wird die Lücke
überbrückt und der Gegensatz aufgehoben – mit Engels­flügeln.

Das Böse wäre also (unter Umständen) gar nicht böse? Willst du Hitler und Stalin rechtfertigen?
Ui, ui, da stürmt er nun, der ruach, der auch mit dem Zeichen rosch beginnt. ra, ra, macht der
Rabe, den Noah ausschickt, und der nicht mehr zurückkommt. Und noch etwas anderes muss
hier jetzt gesagt werden, eine Sache, die mich innerlich „umgeworfen“ hat, als ich sie zum ersten
Mal hörte.

„Meins ist meins und deins ist meins, spricht der Böse.
Meins ist meins und deins ist deins, spricht der Jedermann.
Meins ist deins und deins ist deins, sagt der Zaddik.“
(Zaddik wird oft als „der Gerechte, der Aufrechte“ übersetzt.)

Ein Kennzeichen unserer „dürftigen Zeit“ ist es, das Böse gar nicht mehr als solches zu spüren.
Man duckt sich weg. Oder aber, wenn man es dann doch spürt, reißt man sofort die Waffen
hoch oder aber verfällt in Panik und Schrecken. Fight or flight. Kein Zweifel, das Böse ist
ansteckend. Die Gleichgültigkeit ist ansteckend. Die Angst und die Hoffnungslosigkeit.
Nun ja, da muss man aufpassen, sich nicht hineinziehen zu lassen, auch wenn man nur
schreibt und gar nicht dem Bösen gegenüber sitzt, sondern dem leeren Blatt. Es hat viele
Gesichter, kann wohl auch unschul­dig wirken. Wie erkennt man es?

Mir nichts dir nichts sind wir in einem Gespräch gelandet, bei dem wir sehr wach sein sollten.
Sehr wach, sehr entschieden, sehr präsent. Denn der plötzlich aufgetauchte Gesprächspartner
gilt seit Beginn mensch­licher Geschichtsschreibung als „das klügste Wesen“ unter allen Lebe-
wesen, im Hebräischen lautet das Wort arum, ajin, resch (waw) mem, in Zahlen 70 – 200 – 6 – 40.
Mir erscheint das mem am Schluss als Bild der fließenden Zeit, so dass wir das Wort er, 70 – 200
„in der Zeit“ haben. er bedeutet wach, aufgeweckt. Die (ganze) Zeit über wach und aufgeweckt zu
sein – das Wesen des klügsten Lebewesens. Das Wort für wach ist mit denselben Zeichen geschrieben
wie das Wort ra, das wir zu Hilfe nehmen, um das Böse zu betrachten. Denn dass wir es erkennen
könnten, und im Zuge dessen auch das Gute, und dass wir also wissen könnten, was gut und was
böse ist… das ist eben die Frage. Oder sagen wir es anders: Wenn wir uns dem Verlan­gen hingeben,
zu erkennen wer und was böse ist, dann gehen wir unter in der Zeit und ihren stürmischen Wogen. –
Nein, ihr werdet bestimmt nicht untergehen in der Zeit, mischt sich der Gesprächs­partner ein,
sondern die Augen werden euch aufgehen und ihr werdet sein wie einer der durchblickt. Ein Checker
wirst du sein, im Slang der jungen Leute von heute.

Tja, dass mir die Augen geöffnet werden und ich sie nicht länger verschließe vor dem Unrecht und
vor dem freudlosen Getriebe in den großen Hamsterrädern von da und dort – das möchte ich schon.
Aber sprich mir doch auch davon, wie sich mein Augen­öffnen mit dem Augenöffnen meines Nachbarn
vertragen soll, denn ist es nicht so, mein vielversprechender Gesprächspartner, dass wir uns dann
gegenseitig die Augen ausstechen werden, weil wir es einander nicht gönnen können, wenn einer
dann vielleicht einen noch besseren Durchblick hat. Da hab ich selbst erlebt an den Hochschulen der
siebziger und achtziger Jahre: boshaften Neid auf den Kollegen, der besser schrieb, klarer formulierte.
Schlangengrube ist das Bild dafür. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich das Böse gewusst hätte,
denn ich war ja selbst ein Opfer des Neids. Ich habe seine Hitze gespürt, den Hass, den es erzeugt,
Selbsthass zuletzt.

Ich spüre keinen Hass bei meinem Gesprächspartner; er kann es offenbar annehmen, dass ich
sein Versprechen und sein Angebot nicht annehme. Mir kommt noch das Wort für Hunger in den
Sinn, raaw wird es ausgesprochen, in Zahlen 200 – 70 – 2, und es sieht aus, als wenn das Böse
(ra; aber mit ihm auch der Freund und Feind, der missgün­stige Nachbar) ins Haus (beth) kommt.
Da wohnt nun das Böse im Haus und das bedeutet Hunger.

Hunger wonach? Denn wenn der Hunger kommt, verzehrt sich das Böse. Wenn alles das, was
mit den „geöffneten Augen“ gese­hen werden kann, also das, was in der Zeitung steht, was in
der Zeit ist und bleibt, sex and crime, panem et circenses, was sich im Kreis dreht und nicht
den Punkt findet, wo sich der Kreis zur Spirale öffnet – wenn also all das den Hunger nicht
mehr stillt, ist der Moment gekommen. „Er ging in sich“, heißt es in der Geschichte des Sohnes,
der den Vater verließ, oder sogar „er schlug in sich“. Und er „sieht“, dass der Hunger mit
denselben Zeichen geschrieben wird wie das jenseitige Ufer, und er „sieht“, dass es der Hunger
nach einer währenden und wahren Speise ist, der ihn quält. Aber mit dieser Erkenntnis will er
nun niemanden mehr die Augen öffnen – es ist genug Zeit vergangen, in der er versuchte,
„anderen“ die Augen zu öffnen, nun gehen sie ihm von selber auf. Hunger, 200 – 70 – 2 und
jenseits, 70 – 2 – 200 … die Zahlen erzählen von ihrer Begegnung. Wie in einem Spiegel, der
sich nicht darauf beschränkt, das Offensichtliche wiederzugeben, sondern der auch das
„Jenseits“ des Objekts noch ausleuchtet. Den Abgrund, den Himmel.

Eure Augen werden euch aufgehen, dieses Versprechen des mys­te­­riösen Gesprächspartners
geht mir noch nach. Denn von jen­seits, vom Hebräischen her, kann es noch anders gelesen
werden. Nicht die Augen, die sehen, sondern die ajin, die als Zahl 70 das Vielfältige bezeichnet.
„Die 70 wird dir aufgehen“ sagt er, „du wirst die ganze Vielheit aller Länder und Sprachen,
aller Weis­heitslehren und Kunstformen kennen lernen.“ Ja, das hat mich stark verlockt, und
ich bin dem Versprechen verfallen. Aber ich hab noch ein wenig über das Gesagte hinaus gehofft,
ins Hebrä­isch-Jenseitige hinein, und hab dem Wort getraut, nicht der Angst, nicht der Gier.
ajin schreibt sich 70 – 10 – 50, und weist mit dem Wert 130 auf das Wort echad, eins. Die Augen
werden dir aufgehen – und ganz innen, ganz im Schatten, wirst du die Erinnerung an die Einheit
(in der Vielheit) mit dir nehmen. Und sie wird dich halten wie eine Mutter, wie eine hinreichend
gute Mutter.

* * *

Die Zeit, wenn’s beliebt, die Zeit drängt. Was ich noch tun will, bevor ich tot bin. Mein Leben ohne
mich. Fast alle meine Freunde (rea) sind untergegangen in der Zeit. Sie wissen es nicht einmal,
denn für sie ist die Zeit alles was existiert. Zeit ist Geld, wieder und wieder. Und mit Geld kannst
du alles kaufen. Gut, und genug davon. Mein hebräischer Traum von einem Gespräch (medaber),
zwei oder drei in seinem Namen versammelt, hat sich nicht gezeigt, ist nicht Realität geworden.
Die Zeit hat uns in ihren Klauen, das ist aber trotz allen Wohlstands das Gefühl des hungrigen und
obdachlosen Menschen. Wir leben lange, haben eine „lange Lebenserwartung“, wie es genannt wird,
aber ob wir wirklich lebendig sind, wird auch oft bezweifelt. „Wir“, Men­schen in Mitteleuropa, denn
schon in Griechenland und Rumä­nien ist alles anders, von Russland zu schweigen.

Die ganze Zeit schon zielt es hier in diesen Worten drauf hin, nun mit Hilfe des Hebräischen
endlich zu verstehen, was die Zeit ist, warum sie uns so am Wickel hat, warum wir jeden
Morgen aufwachen und rein rechnerisch wieder sechzehn oder siebzehn Stunden vor uns
haben, „viel“ Zeit also, uns aber dennoch so fühlen, als wäre Zeit etwas was uns fehlt. „Ich
habe keine Zeit“, eine oft gehörte und auch oft selber gesagte Redewendung, mit der sich
der Sprecher ja tatsächlich von der ganzen, um ihn her ausgebreiteten Zeit abwendet. Die
Zeit besteht ja nicht aus Materie, sie ist kein Stoff wie Erde oder Sand oder Wasser und
sogar Luft, und so gesehen stimmt es ja, dass man Zeit nicht „haben“ im Sinne von halten,
bei sich bergen, aufbewahren kann. (Eine ähnliche Situation wie mit dem, was wir heute
„Energie“ nennen, was aus verschiedenen Quellen stammt, aber nur bedingt „aufbewahrt“
werden kann.) Ein Paradox.

Alle Flüsse fließen ins Meer, heißt es bei jenem biblische Autor, der in der Lutherbibel Prediger
und im Hebräischen Kohelet (Buber übersetzt „Versammler“) heißt – alle großen und kleinen
Zeitströmungen sammeln sich im Meer der Zeit. Wir dürfen an das jam suf denken, an das
Meer des Endes, durch das Israel (im Menschen) hindurchzieht, sich frei macht von den zehn
„ägyp­ti­schen“ Plagen, vom endlosen Leiden an den Widersprüchen und Paradoxien des normalen
Lebens – wobei wir nicht vergessen, dass wir unserer Hungersnot wegen nach Ägypten zogen und
wir dort zu essen bekamen.

(Der Junge, im Alter von 15 Jahren, böse und zynisch und miss­mutig mit der Welt der Erwachsenen,
sitzt im Haus des ungelieb­ten Onkels im Großvatersessel an der Bücher­wand, nur möglichst weit
weg vom spannungsgeladenen Gestreite der Erwachsenen – er greift ins Regal und zieht ein Buch
heraus, dessen Autor er nicht kennt, „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ heißt das Buch. Er
sitzt da, hat das Buch aufge­schlagen auf dem Schoß, liest aber kein Wort. Dass der Mensch nicht
vom Brot allein lebt… das hat ihm noch nie jemand gesagt. Es geht ihm nach. Das Gerede der
Erwachsenen wird leiser und leiser…)

Wo ist dieses Meer der Zeit? Zwischen Ägypten und der Wüste Sinai, sagt die Welt, mizraim
und sinai klingt es im Hebräischen. Wenn Israel durch dieses Meer der Zeit zieht und Moses
(heb­räisch Mosche, d.h. der aus dem Wasser der Zeit gezogene) sei­nen Stab (mate, 40 – 9 – 5,
die Zeit (40) wird fruchtbar (9, das Zeichen teth, das auf die neun Monate hinweist, die der
Mensch in der Gebärmutter lebt) hochhält und die Stimmen von oben rufen „saget nicht
Wasser, saget nicht Wasser – sondern Marmor“ (den Linien der fest gewordenen Wellen
im Stein entsprechend), da haben die einfache Magd und der lallende Idiot Einsichten
ins Geschehen von Himmel und Erde, wie sonst nicht der größte Mystiker und Philosoph.
Was sagt uns das? Dass wir nichts „machen“ müssen, ja sogar: dass wir gar nichts machen
können, um solcher Einsichten teilhaftig zu werden? So oder so, auch die lebendige Zeit,
also die Zeit, die aussieht wie Wasser, zu der wir aber nicht Wasser sagen sollen, weil es
sonst über uns herein­stürzt, können wir nicht „haben“. Wenn wir „vergänglich“ sagen,
dann hat die Zeit uns und wir sind ihr Spielball. Das deutsche Wort Zeit geht auf eine
Wurzelbedeutung „teilen, zerschneiden, zerreißen“ zurück. Wer würde da nicht an eine
„ursprüngliche Einheit“, an eine vorzeitliche Ungeschiedenheit denken?

Das hebräische Wort für Zeit – ich habe es im Moment vergessen, und ich nütze diese
„Lücke“, um es zu suchen. Mit Hilfe der 22 Zeichen und ihrer Bedeutung. Welche Zeichen
könnten von jen­seits dafür vorgesehen sein, um den Fluss und das Meer der Zeit anzuzeigen.
Wir dürfen also jetzt raten wie die Kinder, und inmit­ten der Ungewissheit zeigt sich vielleicht
klarer als sonst, was uns die Zeit ist. – Nun gut, anfangen würde „mein“ hebräisches Wort für
die Zeit mit dem Zeichen mem, das – ausgespro­chen majim – Wasser bedeutet. jom, Tag,
jam, Meer enthalten ebenfalls das Mutterzeichen mem: Gottes weibliche Seite, die mit dem
Men­schen auf die Erde „hinunter“ geht, als die Seraphim ihr mäch­tiges nein zur Erschaffung
des Menschen erschallen lassen. Und dann würde ich auch das letzte der 22 Zeichen, die taw,
in meinem hebräischen Wort für Zeit sehen, einfach, weil es das letzte der erscheinenden Zeichen
ist und uns also an die Grenze zu etwas bringt, das nicht mehr mit Zeichen zu erfassen ist. Nun
bedeutet aber die Zeichenfolge mem – taw (40 – 400) das, was in unserer Sprache mit Tod
bezeichnet wird, ahnungslos und etwas grob, wie mir scheint. Im Hebräischen gibt es eine
starke Verbin­dung des Wortes meth (40 – 400) zum Wort emeth (1 – 40 – 400), das im
Wörterbuch mit Wahrheit übersetzt wird. Der Tod, eingefangen im Fluss der Zeit (40) für
alle Zeit (400). Die Ver­bindung zum „Unaussprechlichen“ (dafür steht das Zeichen aleph,
weil es keinen eigenen Laut hat, sondern nur als Anhalts­punkt für einen der vielen Vokale
dienen kann) schafft dann „Wahrheit“. Da bekommt dann auch der Tod gleich eine andere
Farbe, nicht mehr bleich und düster, sondern als Maske der Wahrheit. Die 22 Zeichen
bilden eine Reihe (oder einen Chor), die Reihe fängt an einer Stelle an und hört an einer
anderen Stelle auf. et ist das Wort, das diesen Zusammenhang von Anfang und Ende bildet,
bereschit bara elohim et haschamajin we et haarez, die ersten Worte und Zeichen der Tora,
in denen zweimal das Wort et, aleph – taw erscheint. Die Überlieferung weiß erstaun­liche
Dinge von diesem et, es wird in den Rang eines der zehn Schöpfungsworte gehoben, mit denen
Gott die Welt aus der Taufe hebt. Und Gott sprach, es werde Licht… Und Gott sprach, es werde
eine Feste… Und Gott sprach, es werde ein Gewimmel… Gott sprach, lasst uns den Menschen
machen… Wenn aber nun einer zählt, dann kommt er nur auf neun solcher Schöpfungs­worte,
mit denen jeweils allein im Sprechen das Bezeichnete „in die Welt“ kommt. Wo ist das zehnte?
Die Überlieferung erkennt eben in jenem „kleinen“ Wort et, (et ha schamajim we et haraez)
das zehnte, ja, sie geht soweit, dass sie sagt, mit dem zweimaligen Aussprechen von et in
et ha schamajim we et haraez sei sozusagen in einem einzigen Wurf die ganze Welt erschaffen
worden. Wow! Ich stelle mir wieder einmal meine Gesprächspartner Amos und Fania vor,
die in ihrem Buch von dieser Geschichte nichts erzählt haben (wenn ich mich nicht täusche),
die aber bestimmt „verste­hen“, als Men­schen, die dankbar sind, weil ihnen das Wort
geschenkt wurde – und immer weiter geschenkt wird.

meth (40 – 400) und et (1 – 400) waren zwei Versuche, die Zeit ins Herz zu treffen, um das
Bild des Bogenschützen zu nehmen. Zu erraten, mit welchen Zeichen das hebräische Wort
für Zeit geschrieben wird. Beide daneben. Ich versuche es zum dritten und letzten Mal.
Beim taw als auslautendem Laut bleibe ich, setze aber nun an den Anfang das Zeichen ajin.
Ja, das könnte wirklich ein hebräisches Bild der Zeit sein, wie die Welt in ihrer unaufhör­li­chen
Vielfalt, in ihrer wunderbaren und verwirrenden Mannig­faltigkeit (was mit dem englischen
many verwandt ist, also auch nichts anderes als Vielheit bedeutet) an das Ende, das letzte
Zeichen, kommt und dann wie von selbst die große Frage auftaucht: Was nun mit dieser
zauberischen Vielheit? Geht sie unter? Geht sie mit? Wird sie verwandelt?

Jetzt also der „große Augenblick“: wir fragen das online Lexikon Deutsch-Hebräisch nach „Zeit“.

Glückwunsch, du Checker, et (70 – 400) stimmt – aber neben dem ajin taw (ausgesprochen et)
gibt es noch ein anderes Wort für Zeit, das seman lautet und 7 – 40 – 50 geschrieben wird.
Es kommt nicht in der Tora vor, aber zum Beispiel in dem schon erwähnten Kohelet 3;1:

לַכֹּל זְמָן  וְעֵת לְכָל-חֵפֶץ  תַּחַת  הַשָּׁמָיִם
Wir lesen von rechts nach links:
lekol seman we et lekol chefez tachat haschamajim

Die „wörtliche“ Übersetzung: Für alles (ist) ein Zeitpunkt und eine Zeit für jedes Begehren
unter den Himmeln.

Zwei Worte für Zeit also, wie auch im Griechischen chronos und kairos, im Lateinischen tempus
und aetas. Und im Deutschen? Wer wagt es noch, das Wort „Ewigkeit“ zu gebrauchen? Es ist
untergegangen in der Zeit, aber es könnte aufs Neue erscheinen, wenn der rechte Zeitpunkt
gekommen ist. Die Dornenhecke des Märchens öffnet sich nach hundert Jahren. Wer glaubt
noch an Märchen? Der Hebräer natürlich, dort wo er gar nichts weiß von seinem Hebräersein.

Ist es nicht tröstlich, dass die „Vielheit“ an ihr Ende kommt? Das ist nicht dasselbe wie „alles“.
„Alles Begehren“ kommt ans Ende, sagt der Kohelet, aber eben gerade nicht alles. Seman,
dieses neue Wort für die „andere Zeit“, endet nicht mit der taw, nicht mit der 400, nicht mit
der „langen Zeit“, die wir im ägyptischen Exil ver­bringen, sondern mit dem Zeichen nun, mit
der 50, die stellver­tre­­tend für die 500 steht, die nicht mehr als Zeichen vorhanden ist. „Dieses
Volk will immerzu Zeichen“, aber schon das eine und von Anfang an sichtbare Zeichen wurde
übersehen. Er heißt Jehoschua, und mit diesem Namen gab es ja schon einmal einen Großen
aus Israel, der das Volk über den Jordan führt, diesmal nicht durch das Meer des Endes, son-
dern „über den Jordan“, und der ein Sohn des Nun war. Ein Sohn der 50, der also über die
sieben mal sieben dieses siebten Tags hinaus springt, träumt und mit aller Kraft, chasak we emaz,
uns ängstliche, uns abwehrende Wegge­nos­sen mitzieht in das Gelobte Land. Ach, so sieht das
aus, sagen wir, nach vierzig Jahren Wüste, in denen wir vom Manna lebten und nicht säten
und nicht ernteten, immer noch recht fest an die Fleischtöpfe Ägyptens denkend. Der Tod ist
gut, so liest die Über­lieferung Gottes Wort am Ende des sechsten Tages: Und Gott sah, dass
es gut war, sehr gut; sehr gut lautet auf Hebräisch tow meod, und dieses meod (40 – 6 – 4)
hat im Laut eine Ver­wandt­schaft zu meth, (40 – 400), dem Tod. seman, der Zeit­punkt, zu dem
wir dann dem Joschua folgen, ihm nachfolgen ins Land der Väter, könnte mit den Augen der
Überlieferung auch als „dies (ist) Manna“ gelesen werden, das Gefühl also, bei unserem Weg
durch die Wüste dieser sich überstürzenden Tage von dort­her, von anders­­woher ernährt und
bewahrt zu werden.

* * *

Abschied vom Wort. Nur wenig, sogar sehr, sehr wenig konnte vom Wort gesagt werden.
Aber, wie hoffentlich und vielleicht doch klar wurde, es geht nicht um die Pflege der Vielheit,
es geht nicht um „Noch’n Gedicht“ wie der großartige Komiker Heinz Ehr­hardt vor langer
Zeit (und doch gegenwärtig) mit Leichen­bittermiene immer sagte. Das Wort hat die Kraft,
uns aus den für wahr gehaltenen, in Wirklichkeit aber verwirrenden und blind machenden
Sensationen heraus zu ziehen. Ziehe mich hinter dir her, dieser erste Vers des Hohen Lieds,
gilt nicht nur dem Gelieb­ten, nicht nur der Liebe, sondern auch dem Wort. Die Spreu vom
Weizen zu trennen – das gelingt nur, wenn wir nicht ver­schüt­tet werden in der gigantischen
„Überproduktion“ von Worten. Es steht da das eine Wort und dort die vielen Worte.
Niemand muss sich angegriffen fühlen durch eine solche Gegenüberstellung, und doch ist
es so. Das eine Wort – was für ein Wort ist das? Nun, das wird so sein wie bei den anderen
von Liebe getragenen Steigerun­gen, Lied der Lieder, Buch der Bücher, Berg der Berge,
Vater aller Flüsse, Nacht der Nächte. „Es erging das Wort des Ewigen an Jona, den Sohn
der Wahrheit… steh auf geh nach Ninive…“ Noch bevor das sogenannte was dieses Worts
gesagt wird, hat Jona schon verstanden, dass er etwas tun soll, was ihn sein Ich und dessen
Bedürfnisse (liegen bleiben, sitzen bleiben) „kosten“ wird. Und da flieht er, hält sich die
Ohren zu, will nichts wissen. Das ist das Zeichen des Jona, von dem Jesus spricht: Wenn
das Wort zu euch kommt, dann werdet ihr davor weglaufen, bis ans Ende der Welt.

Was hat uns wohl diese Aufklärung, von der Freund Amos Oz so angetan ist, in Wirklichkeit
gebracht? Wir sollten dazu das Wort arum, 70 – 200 – (6) – 40 noch einmal betr8en, aber
auch das Wort naar, 50 – 70 – 200, das als Jünger übersetzt wird. Denn ein Feind der
Aufklärung (whatever it may be) möchte ich nicht sein, auch wenn ich ihre Segnungen
nicht in den Himmel lobe. Sie hat uns doch zum Beispiel, mit dieser neuen Art der Medizin,
mit Hygiene, Impfungen und Operationen am offenen Herzen, eine lange Lebenserwartung
gebracht – ich lebe schon sechs Jahre länger als meinem Vater vergönnt waren. Viele werden
heute siebzig oder achtzig, sogar neunzig ist nicht mehr außerhalb der Reichweite. (Und doch
wird keiner so alt wie Abraham, von Schem und Noah und Melchisedek zu schweigen. Oder
dürfen wir darüber nicht reden? Ist es peinlich? Aber was genau daran tut uns aufgeklärten
Menschen so weh?) Wer gar kein Ziel hat im Leben, sagt wenigstens, ich möchte hundert
werden, und hat so eine Chance, den Moment seiner Verwandlung vom Affen zum Menschen
(from a monkey mind to a human being) noch bewusst zu erleben.

arum, das Wort, das von der Schlange nachasch gesagt wird, das aber auch den Zustand
der ersten Menschen beschreibt. „Und sie waren beide nackt…“ , arumim. Und jetzt eine
Überraschung: wir kennen „die Schlange“ in den Übersetzungen meist als listig oder schlau,
wir können aber auch sagen – wach. So wie das Wort Buddha ebenfalls wach bedeutet. Die
Schlange war Buddha – das ist unsere Überraschung zum Ende des Versuchs über das Wort.
Sie ist wach, während der Mensch von Anfang an wie ein kleiner Tollpatsch daherkommt.
Etwa wenn er den Tieren Namen gibt. Das hätte Loriot nicht besser erfinden können.
Wenn unser Herr Jesus zu Petrus und den beiden Söhnen des Zebedäus sagt, wacht mit mir
(Matthäus 26,38), dann hat er so etwas wie weheju erim oti gesagt, und erim ist wieder das
Wort arum, wach. Im Griechi­schen lautet es grego­rite met emu. Seid wachsam wie der Buddha,
sagt er zu uns, wenn wir nun mit ihm gehen, wo seine Seele bitter ist. Aus der sogenannten
Verführung der Schlange ist Wachheit und Mitgefühl mit dem geworden, der wach ist und
mit uns mit fühlt. Mitgefühl mit uns aufgeklärten, aber schläfrigen Menschen. Und wenn
die „ersten Menschen“ nackt sind (arum), dann bedeutet es nichts anderes, als dass sie
ursprünglich und wach sind. Sie sind präsent, pure Präsenz ist möglich, wenn wir nichts
anderes im Schilde führen. Wenn wir uns nicht von diesem und jenem aus der hell­wachen
Ruhe bringen und zerstreuen lassen. Das aber ist die Wachheit Buddhas, die Wachheit,
die auch Jesus sich von uns wünscht. Was die Schlange also in Wirklichkeit tut, sie verführt
uns schläf­rige, aufs Ich fixierte, aufgeklärte Leute dazu, wach zu sein. Das „Viele“ der Welt
(das Zeichen ajin) wird 8sam wahrgenommen, die liegende 8 wird aufgerichtet, d.h. in den
Kopf gebracht (das Zeichen resch), um alles schön zu ordnen und zu klären, und dann aber
klopft man sich nicht selbstgefällig auf die Schulter, wie herr­lich weit man es schon mit
seiner Aufklärung gebracht hat, sondern gibt alle Klar­heit in den Fluss der Zeit (das Zeichen
mem), großzügig und mit der Hingabe des Herzens.

Was dann daraus wird? Nur wer schläfrig ist, fragt so.

* * *

Dass das Wort von A bis Z und von aleph bis taw uns alles zeigt, was ist, und dass wir es
wach anschauen und vorüberziehen lassen können, ist gut, sehr gut sogar. Es ist unsere
Wirklichkeit. Was wir Realität nen­nen und leidvoll festhalten oder fortstoßen wollen,
sind die vielen Masken der Wirklichkeit. Ein Schein mit Schatten. Das Wort aber leuchtet
am Mittag des höchsten Tages. Die Mitmenschen, auch meine eigenen inneren Mitmenschen,
wie sie hier wimmeln und wuseln, sich sorgen und ärgern, kämpfen und neiden und gönnen
und glücklich sind, erleben diese hebrä­ische, d.h. jenseitige und vorüberziehende Wirklichkeit
als ge­fallene Realität. Für sie ist die Welt alles, was der Fall ist. Das Licht, das vom Hebräischen
ausgeht, kann sie (die Realität) nicht fassen.

Jetzt unser Gebet zum Ende, danke, danke, und es freut uns so sehr, dass wir es in Wirklichkeit
zusammen mit Amos und Fania laut lesen.

וַיּוֹצִאֵנוּ יְהוָה  מִמִּצְרַיִם בְּיָד חֲזָקָה וּבִזְרֹעַ

נְטוּיָה  וּבְמֹרָא גָּדֹל  וּבְאֹתוֹת  וּבְמֹפְתִים

Es könnte so lauten: wajozienu (es führte uns) Haschem (der Herr) mimizraim (aus Ägypten,
aus unserem Leiden an der Zweiheit) bejad chasaka (mit starker Hand) uwiseroa netua (und
erhobenem Arm) uwemora gadol (und großem Schrecken) uweotot (und Zeichen) uwemoftim
(und Plötzlichkeiten)

Es steht in Deuteronomium 26,8, dem Fünften Buch Mose, das auf Hebräisch einfach dewarim,
Worte, heißt.

* * *

Eins noch!

Dieses kleine Büchlein ist also als ganz ernsthafte Anregung für jeden Leser gemeint, nun
selbst Heb­räisch zu lernen. Hebräisch lernen heißt, wach zu sein für das Wort Gottes, wach
zu sein für eine Sprache, in der „alles“ (kol, 20 – 30) in einer sozusagen mathe­matischen
Klarheit gesagt ist. Jemand der nicht weiß, was „Liebe“ ist, oder „Gnade“, oder „Erlösung“
und „Rettung“[vi], der kann es mit Hilfe des Hebräischen in Klarheit sehen. Mein ver­ehrter
„Lehrer“ und geliebter Rebbe Friedrich Weinreb hat zu Beginn seines umwerfend grund-
legenden Werks „Schöpfung im Wort“ den Vergleich mit dem Notationssystem der Chemie
ge­braucht: Was wir Wasser nennen, oder in den anderen Spra­chen eben water, l’eau, acqua,
nero usw., würde durch das jeweilige Wort nicht zweifelsfrei klar. So könnte jemand sagen,
dass das Eis der Eisberge nichts mit Wasser zu tun habe. Die Beschreibung von Wasser als
H2O, ausgesprochen als „ha zwei oh“ bringe in das Gespräch ein völlig anderes Niveau von
Klar­heit. Und so sei auch das Hebräische zu verstehen; es komme in unser von den
„Vor­stellungen“ beherrsch­tes Sprechen eine völlig neue, eben jensei­tige Klarheit.

Diesen Hinweis auf die Sprache der modernen Chemie habe ich immer als nicht recht
geglückt empfunden. Ich glaube schon zu verstehen, was der Punkt ist, dass nämlich
mit diesem neuen periodischen Sys­tem, das es erst seit 144 Jahren in dieser Form gibt,
eine von Grund auf neue Art entstanden ist, vom „Stoff“ und von der Materie zu spre­chen.
Sie war von jetzt an nicht mehr durch ihre „fühlbaren Qualitäten“, sondern durch „innere
Merk­male“ bestimmt; beson­ders Protonen und Elektronen spielen dabei eine Rolle, die
zum Beispiel im Falle des Wassers die Ur­sache sind, dass sich zwei Teile Wasserstoff und
ein Teil Sauer­stoff zu etwas Neuem verbin­den. Indem so jeder „Stoff“ seinen Platz in einer
übergreifenden Ordnung bekommt, hat die Formel­sprache der Chemie eine völlig andere
Art der Übereinstimmung mit dem „Material“ selbst, als die „alten Namen“, die aus der
Erfahrung der Chemiker mit den Stoffen stammten. Und hierin lag für Friedrich Weinreb
wahr­scheinlich auch die Analogie: von Liebe und Weisheit, von Glück und Freude, von
Leben und Tod kann jeder Mensch nur gemäß seiner Erfahrung sprechen, und es fehlt
„in unserer Welt“ ein solches „elementares System“, mit dem wir uns klar und unmiss-
verständlich mitteilen können. Dieses System ist eben die hebräische Sprache und ihre
Verwirk­lichung in der Tora und in den Kommentaren der Überlieferung.

Ich frage mich aber, was denn ein Chemiker / Physiker, der die Sprache des Perioden-
systems gut kennt, erlebt, wenn er sich mit seinen Kolle­gen über die Eigenschaften von
H2O unterhält. Wird ihm dadurch wie selbstverständlich bewusst, dass er von sich selbst
spricht, der wie jeder Mensch zu zwei Dritteln aus H2O besteht, und zwar buchstäblich?
Wird ihm jetzt klarer als ohne diese elementare Sprache der Chemie, wie gut es ist, dieses
H2O zu trinken, dass es gewissermaßen lebendiges H2O ist, das uns nie mehr durstig sein
lässt? Ist er jetzt bereit, aus seiner innersten Quelle heraus den Dank zu fühlen, dass ihm
dieses H2O täglich zur Verfügung steht? (Wenn er hier in Europa lebt…) Die Sprache
sollte das ausgetrocknete Herz von uns reichen und selbst­gefälli­gen Menschen, die alles
wissen, aber von nichts eine Ahnung haben, wieder lebendig machen, sie sollte uns selbst
zu einer lebendigen Quelle werden lassen. Ich glaube nicht, dass die Sprache des Perioden-
systems dies bewirkt, habe jedenfalls noch keinen Chemiker kennen gelernt, bei dem das
Wasser des Lebens aus seiner Kenntnis der Formel H2O fließt – während die For­meln
der hebräischen Sprache (für mich) mit dieser Wirkung geseg­net sind.

baruchhu, gesegnet sei er, hat die Formel 2 – 200 – 20, die Zweiheit in allen drei „Zeitebenen“,
und gesegnet bist du also, wenn du Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Baum des Lebens
und Baum des Wissens von gut und böse erlebst. Kein entweder oder! Sondern entweder
und oder. Und „ähnlich“ wie im Beispiel mit dem H2O ist diese Formel nicht „ausgedacht“,
beruht nicht auf einer Welt als Wille und Vorstellung, sondern ist verbunden mit einer
anderen, nicht sichtbaren „Welt“. Ich weiß nicht, ob einem Chemiker oder Physiker
wirklich „die Welt aufgeht“, wenn er seine Formeln verwendet – ich wünsche es ihm sehr,
kann aber selbst (noch) nicht sehen, wie das ginge. Aber einem, der mit meinem Rebbe
Hebräisch lernt, dem geht die Welt auf, dafür möchte ich gerne Zeuge sein. (Auch wenn
„die Welt“ noch so skeptisch schaut.)

Und hier jetzt die Liste von Worten und Begriffen, die schon längst auf ihre Aufhellung
und Klärung vom Hebräisch-Jenseitig-Vorüberziehen­den her warten. Ein schöner Vers:
Die Worte warten aufs Wort; es könnte der erste Vers eines Gedichts sein.  Zum Beispiel
das Wort Frieden, und wenn dieses Wort, dann natürlich auch sein Widerpart, das Wort
Krieg. Liebe und Hass ist auch so ein Wortpaar, bei dem unsere Wünsche und Ängste mit
uns durchgehen. Und Umkehr und Reue, und die „Veränderung“ von der so oft gesprochen
wird, wenn man zitiert: „Sei du selbst die Veränderung, die du von der Welt erwartest.“
Was für eine Veränderung ist das – von dort her gesehen?

Das wäre also schon ein kleines Programm für einen zweiten Teil dieses Essays.

Hallo ihr zwei, Amos und Fania – seid ihr schon gespannt?

Anmerkungen
[i] Dass hier hebräische Worte mit Ziffern wiedergegeben werden, soll niemanden ängstigen.
Es bedeutet nicht, das der Autor „Kabbalist“ oder „Esoteriker“ oder „Numerologe“ oder sonst
etwas „Schlimmes“ ist. Da auch in der heutigen Praxis im Hebräischen Zahlen und Nummern
durch die hebräischen Zeichen (aleph, beth …) wiedergegeben werden, ist diese Art der Notierung
sehr einfach. Auch ein Leser, der die hebräischen Zeichen nicht kennt, also alle meine Deutsch
sprechenden Kinder und Freunde, können so auf einen Blick die Ähnlichkeit zwischen verschie-
denen Worten sehen. Hier zwischen dem Wort für Jude (hebräisch jehuda) und dem Wort danken
(mit dem hebräischen Stamm hod).
[ii] Auf die Grammatik der hebräischen Verben gehe ich nicht ein. Der sogenannte Stamm des
Worts, oft aus drei Zeichen bestehend ist meist eine Verbform, die kal genannt wird und meist
als „Vergangenheit“ (Erzählzeit) übersetzt wird. Um „ins Wort hinein zu gehen“ und uns dort
umzusehen, werden wir oft diesen Stamm, bestehend aus drei Zeichen betrachten. Präfix und
Suffix schauen wir extra an, wenn nötig.
[iii] Schlimme Zeiten, wieder einmal. Kosaken, brandschatzend, mordend, raubend, von einem
Dorf zum anderen ziehend. Das ganze Dorf ist versammelt, alle beten, jeder sein Gebet, zu Gott,
zu Haschem, zum Herrn der Welt, bitte, bitte, lass die Schlimmen einen Bogen um unser Dorf
machen, ach, der Rebbe traut sich kaum, denn wenn sie einen Bogen um unser Dorf machen,
dann überfallen sie vielleicht das Nachbardorf, ach herrje, groß ist die Not. Und da sitzt auch
unser Idiot, der nur Ada Ada sagen kann, der immer so freundlich ist, immer lacht, wie eine
Begrüßung und ein Freudenruf ist sein Ada Ada. Auch er betet, er sitzt da und weil er weder
lesen noch schreiben kann, kann er auch kein Gebet sagen, er sagt stattdessen die heiligen
Zeichen, die Namen der Zeichen von aleph bis taw, immer wieder, aleph beth gimel… jod kaf
lamed… resch schin taw, und wieder von vorn. In einer Begeisterung und Inbrunst wie nur
ein Kind oder ein Heiliger oder eben ein Idiot es sagen kann. So sitzen sie alle, die ganze Nacht
und manche hören ängstlich hinaus auf die Straße, ob sie nicht die Hufe der schnellen Pferde
hören, nichts Gutes verheißend. – Und siehe da, das Dorf wird verschont. Die Kosaken haben
sich anderswohin gewandt. Und in der nächsten Nacht, nach der stillen Freude, die alle mitein-
ander teilen, träumt der Rebbe des Dorfes, dass er in der himmlischen Versammlung sitzt und
die Weisen sprechen mit dem Herrn der Welt, dem Schöpfer alles Lebendigen, über den Vorgang,
warum denn nun die Kosaken ausgerechnet an diesem Dorf vorüberzogen, und der Herr selbst
erhebt seine Stimme, leise aber und träumerisch, „es war wegen eures Idioten, sein Gebet hat mich
gerührt.“ Der Rebbe erwacht, und von diesem Tag an sieht er den Idioten mit anderen Augen.
[iv] Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr – die schönste und handlichste Form dieser Wahrheit
des siebten Tages stammt von Robert Walser, ebenfalls kein Jude von Geburt, sondern aus seiner
Beziehung zum Wort.
[v] Zeichen der Gegenwart sind die Zeichen jod, kaf, lamed, mem, nun, samech, ajin, peh und
zade, in Zahlen 10 bis 90. Die Zehner. Die Zeichen 1 bis 9 sind die Zeichen der Vergangenheit;
die Zeichen 100 bis 400 die Zeichen der Zukunft. Alle Begriffe sind als biblische Begriffe zu
verstehen, die nicht identisch sind mit unseren Vorstellungen von Zeit.
[vi] Ich sollte mal eine Liste mit solchen Worten machen, die ich selber im Laufe der letzten
dreißig Jahre „gelernt“ habe und die mir eine Art neuen Überblick über unser Leben in dieser
Zeit „aus den Fugen“ geschenkt haben, ja das sollte ich noch machen, „bevor ich sterbe“…